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Vogelschisse und Stauferherrlichkeit: Heinrich VI. - 5. Der Kaiser ist tot. Es sterbe der Kaiser!

Vogelschisse und Stauferherrlichkeit: Heinrich VI.Vogelschisse und Stauferherrlichkeit: Heinrich VI.
Der Kaiser ist tot. Es sterbe der Kaiser!

Wir befinden uns im Hochmittelalter, oder präziser, in den letzten beiden Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts. Die Landkarte Europas hatte in dieser Epoche noch wenig Ähnlichkeit mit den heutigen Verhältnissen.

Das Königreich Deutschland war fester Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches, eines heterogenen Staatsgebildes.

Während Heinrich VI. gegen Sizilien zog, hatte der große Rest des christlichen Europas ein anderes Ziel, nämlich Jerusalem. Im Gegensatz zu den früheren Unternehmungen dieser Art befanden sich diesmal nicht ungeordnete Haufen auf der Reise, sondern wohl organisierte Heere. Das des Kaisers hatte den Landweg gewählt, während die Könige von England und Frankreich den Seeweg genommen hatten. Und der 67- oder 68- jährige Barbarossa machte seiner Rolle als weltliches Oberhaupt des Abendlandes durchaus Ehre. In der Schlacht bei Iconium beispielsweise war er von den Rum- Seldschuken eingeschlossen worden, daß die Lage hoffnungslos erschien. Da sei der Kaiser höchstpersönlich seinen Rittern vortangeritten und sein Mut habe alle befeuert, daß der islamische Feind schließlich geschlagen wurde. Schon erzählte man sich erste Heldengeschichten über in zwei Teile gehauene Gegner, und alles sah so aus, als ob die Kreuzfahrt zu Rotbarts Triumphzug werden würde.. Und dann starb der Kaiser am 10. Juni 1190 einfach während eines Bades im Fluß Saleph.

Sein Sohn Heinrich VI. war zu dieser Zeit gerade damit beschäftigt, erste Vorstöße in die Erb-lande seiner Frau zu unternehmen. Ohne Nachschub fehlte es den Operationen freilich an Nachhaltigkeit. Erst im Winter war die Reichsrüstung soweit gediehen, daß Rotbarts Sohn mit einer respektablen Armee die Alpen überqueren konnte.

Zu der Zeit lagerten die englischen und französischen Kreuzfahrer in Sizilien. Der frischgeba-ckene angevinische König, Richard I. Löwenherz, war stets auf der Suche nach lukrativen Einnahmequellen, und verkaufte auch schon mal sein eigenes Schwert für teures Geld als die Wunderwaffe Exkalibur aus der Arthus- Sage. Der Konflikt um das Vermächtnis Wilhelms II. von Sizilien kam ihm da gerade recht, um König Tankred zwecks Finanzierung seines Zugs nach Jerusalem zu erpressen. Es mehrten sich bereits die Klagen, die Engländer würden sich wie Eroberer aufführen, da gelang es Tankred gegen weitere Aufstockung der Kriegskasse, ein Verteidigungsbündnis mit Richard zu schließen für die Zeit, in der die Kreuzfahrer noch im Lande weilten. Damit freilich stand Richard auf Tankreds Seite, und hatte sich Heinrich VI. zum Feind gemacht.

Der Papst bekam sehr wohl mit, daß Barbarossas Filius zum Krieg gegen Sizilien rüstete. Er konnte es sich aber auch ausrechnen, daß dieser nach dem Tod seines Vaters in Rom vorbei-schauen würde, um sich zum neuen Kaiser krönen zu lassen. Da wäre es vollkommen unklug, den Monarchen an der Spitze seines Heeres zu brüskieren, indem man dessen Rivalen mit einem Reich belehnt, das er für sein eigenes hält. Also zögerte der Apostolische Stuhl die formaljuristische Anerkennung Tankreds hinaus, obwohl er dessen Wahl und Krönung offen unterstützt hatte.

Konstanzes Gemahl zog in der Tat nach Rom, doch noch bevor es zu einer persönlichen Be-gegnung mit dem Heiligen Vater kam, starb dieser. Ein Nachfolger war zwar schon auserko-ren worden, doch mußte der erst einmal zum Priester geweiht werden, bevor er das Amt antre-ten konnte.

Hinzu kam, daß die Kurie die Unterstützung des Staufers und seiner Ritter durchaus gebrau-chen konnte. Sie weilte nämlich erst seit drei Jahren wieder in Rom; von 1144 bis 1187 war sie mit der Bürgerschaft zerstritten gewesen. Ermöglicht worden war die Rückkehr durch fi-nanzielle Zuwendungen an den Senat und die Zusage, die Metropole im Konflikt mit der riva-lisierenden Nachbarstadt Tuskulum zu unterstützen. Als der Heilige Vater zögerte, dies im Mai 1188 auch vertraglich vereinbarte Versprechen einzulösen, zog er sich den Zorn der Rö-mer zu.

Die Tuskuler wandten sich nun an seine heranziehende Majestät um Hilfe, und der ließ Trup-pen in die Stadt verlegen, um weitere Auseinandersetzungen vorläufig zu unterbinden. Frei-lich hatte sein Vater schon die Besitzrechte des Papstes an Tuskulum bestätigt, und die Römer setzten ihn unter Druck, die Kaiserkrönung nicht zu stören, sollte er seine Einheiten wieder abziehen, und die gegnerische Ortschaft dem Papst (und den Römern) preiszugeben. Er gab nach, und nur wenige Tage drauf wurde Tuskulum geplündert. Heinrich und Konstanze je-doch erhielten am Ostermontag 1191 die schon 1187 zugesagte Kaiserkrone.

Später einmal sollte ihm die Schuld an der Zerstörung der Stadt gegeben werden, obwohl im Grunde genommen der Papst die Tat zugelassen, und der Monarch lediglich nicht eingegriffen hatte.

Freilich hatte auch der neue Papst kein Interesse an einem staufischen Reich und einem stau-fischen Sizilien, so daß er den Kaiser vor einer Eroberung warnte. Der allerdings sah sich im Recht und überschritt noch im April die Grenze des Königreichs. Unterstützt wurde er von den Flotten der zum Reich gehörenden Städte Genua und Pisa. Er zeigte sich für die Schüt-zenhilfe durchaus dankbar. So wanderte beispielsweise der Küstenstrich um Monaco 1191 in genuesischen Besitz, was die bis heute andauernde Sonderentwicklung dieser Region vorbe-reitet hat.

Tankreds Verbündete, die Kreuzfahrer Richard Löwenherz‘, hatten angesichts der überwälti-genden Streitmacht natürlich nichts Besseres zu tun, als sich ins Heilige Land einzuschiffen, und ihren Alliierten seinem Schicksal zu überlassen. Doch vor Neapel geriet der rasche kai-serliche Vormarsch ins Stocken: Den Siziliern gelang es, die Flotte Pisas aus dem Golf der Stadt zu verjagen, während die von Genua viel zu spät erst auf der Bildfläche erschien. Damit kam ein Aushungern der Metropole nicht mehr in Frage.

Hier schon wirkte die gegnerische Propaganda, daß Gott selbst eingegriffen habe, um den Staufer für seine Taten zu strafen. Da war es Wasser auf die Mühlen der Kontrahenten, daß der berühmte Zisterzienserabt Joachim von Fiore, der eine friedliche Erlangung Siziliens bei Abzug der Truppen prophezeite, im kaiserlichen Heerlager auf Granit biß. Und wie bei derlei Omen unausweichlich, kam auch schon das angebliche Gottesgericht über die Einheiten sei-ner Exzellenz: Wie schon anno 1167 bei Barbarossa vor Rom, suchte im warmen Sommer 1191 eine Seuche die Belagerer heim. Und wo bei dem Vater der Erzbischof von Köln und Erzkanzler des Reiches verschied (Rainald von Dassel), da war es bei dem Sohn genauso (Philipp I. von Heinsberg). Von den beiden Söhnen Heinrichs, des Löwen, die als Geiseln mit von der Partie waren, erlag einer ebenfalls der Plage. Dem anderen gelang es, sich in dem Chaos aus dem Staub zu machen. Er schlug sich bis in die Heimat durch, wo er die Nachricht vom Fiebertod des Staufers verbreitete. Damit hatte sein Vater wieder einen Grund, gegen den Stammhalter Barbarossas vorzugehen.

Der war zwar tatsächlich erkrankt, doch die Nachricht von seinem Tod war zweifelsohne ü-bertrieben. Nichtsdestotrotz hatte man ihn zur medizinischen Versorgung ins Kloster Monte-cassino bringen müssen, und dadurch war er genötigt gewesen, die Einkesselung Neapels ab-zubrechen. Der Erzbischof von Salerno nutzte die Gelegenheit, und ließ die Kaiserin Kon-stanze entführen, die während der Kämpfe unter seiner Obhut geweilt hatte. Er lieferte sie an Tankred aus.

Heinrich VI. blieb nichts anderes übrig, als sich zurückzuziehen. In Mailand traf er auf den König von Frankreich, Philipp II. August, der sich gerade auf der Heimreise vom Kreuzzug befand. Der Kaiser erfuhr nun aus erster Hand von Richard Löwenherz‘ Bündnis mit Tankred.

Im Sommer 1192 dann traf ein päpstlicher Legat bei Hofe ein – kein Kardinal, sondern nur ein kleiner Abt – und überreichte ein Vermittlungsangebot des Nachfolgers Petri, das eine Anerkennung von Tankreds Königtum und den Verzicht auf das sizilische Erbe implizierte. Heinrich muß es als Verhöhnung empfunden haben. In seinem Antwortschreiben machte er klar, daß er derlei Pläne von nun an ignorieren würde, daß er einen zweiten Italienzug organi-sieren werde und die Unterstützung beim Durchsetzen seiner Rechte erwarte. In Rom reagier-te man darauf nicht mehr; für volle drei Jahre herrschte ab jetzt Funkstille zwischen Hof und Kurie.

Dafür stellte der Heilige Vater Tankred nun auch die formaljuristische Anerkennung in Aus-sicht, freilich verbunden mit der Forderung, auf wichtige Privilegien zu verzichten. Der Usur-pator sagte zu. Doch wenn er gehofft hatte, mit dem Papst auf seiner Seite neue Verbündete zu gewinnen, so wurde er enttäuscht. Selbst von Richard Löwenherz war weit und breit nichts zu sehen.

Die gesamte Kampagne war in einem Desaster geendet: Heinrich hatte rein Anrecht auf Sizi-lien nicht durchsetzen können, ein ganzes Heer und viele gute Leute verloren, und darüber hinaus war auch noch seine Frau in der Hand des Feindes.

Er hätte jetzt nach Deutschland zurückkehren, seine Wunden lecken und neue Kraft schöpfen können. Doch auch dort war die Lage alles andere als einfach. Zum einen gab es das Problem, ein neues Heer auszuheben, nachdem man bereits für Barbarossas Kreuzzug und Heinrichs erstem Gang nach Italien gerüstet hatte. Daß dem Staufer darüber auch noch das Geld aus-ging, war der Angelegenheit nicht förderlich. Er sah sich gar gezwungen, erste Reichsgüter zu Geld zu machen, um nicht ganz mit leeren Händen dazustehen, wenn er mit dem Rücken zur Wand stand.

Zum anderen hatte die Seuche so manchen Würdenträger mit sich genommen, und nun galt es, eine Reihe vakanter Posten zu vergeben. Bei der Besetzung des Kölner Bischofstuhls war der schon gewählte staufische Anwärter übergangen worden. Also nahm der Kaiser sein Schiedsrecht beim Bistum Lüttich in Anspruch, lehnte beide dortigen Kandidaten ab und setz-te da stattdessen seinen ursprünglich für Köln vorgesehenen Mann ein. Doch eine der ver-schmähten Parteien (die, die sich schon in Köln durchgesetzt hatte) war mit diesem Beschluß unzufrieden und holte sich Rückendeckung vom Papst. Da schritt der Kaiser persönlich ein, und verbot dem abgewiesenen Prätendenten sowohl den Zutritt nach Lüttich, als auch die Rückkehr zu seinem Bruder, dem Strippenzieher Herzog Heinrich von Brabant. Als der somit Unterlegene trotzdem auf Veranlassung des Papstes geweiht wurde, erschlugen ihn am 24. November 1192 zwei als staufertreu geltende Ritter. Die Tat wurde prompt Heinrich VI. und dessen siegreichem Aspiranten angelastet.

Dabei war der Kaiser längst anderweitig beschäftigt. Dadurch, daß der Sohn des Löwen zu seinem Vater zurück geflüchtet war, und damit wieder ein Welfe die Treue gebrochen hatte, war Sachsen erneut unsicheres Terrain geworden. Noch von Italien aus hatte der Staufer die Mächtigen des Landes um Unterstützung gebeten, und auf dem Reichstag von Worms im Mai 1192 verhängte er die Reichsacht über den Ausreißer und sagte sämtlichen Kontrahenten des Löwen Unterstützung zu. Beispielsweise ließ er Erzbischof Hartwig von Bremen vertreiben, den engsten Parteigänger des Löwen. Der dortige Klerus wählte Waldemar von Schleswig zu seinem Nachfolger, was auch die Billigung der Bürgerschaft, der sächsischen Großen und des Kaisers fand. Der freilich war verfeindet mit seinen beiden Cousins, König Knud VI. von Dä-nemark und dem Herzog von Schleswig. Nach einem mißlungenen Feldzug 1193 sollte er in deren Hände fallen, und für dreizehn Jahre nicht mehr frei kommen.

Der Löwe indes bemühte sich, die Wogen zu glätten, und bot Rotbarts Sohn an, ihn zur Sühne beim zweiten Italienzug und der Befreiung der immer noch entführten Konstanze zu unter-stützen. So kam es, daß Heinrich VI. den Widersachern des Welfen nicht half, als sie dessen Gebiet verwüsteten, sondern sich im Gegenteil als neutraler Schlichter anbot.

Indes wurde der Nordosten des Imperiums von einem Bruderzwist in der Markgrafschaft Meißen heimgesucht, in dessen Verlauf eine der beiden Seiten dem Landgraf von Thüringen Mordabsichten am Kaiser unterstellte. Letzterer wurde auch in Bayern gebraucht, wo der jun-ge Herzog Ludwig von Wittelsbach fast schon außer Landes getrieben worden war. Die va-kanten Herzogsposten in Schwaben und der Steiermark mußten gleichfalls besetzt werden.

Das alles hatte zur Folge, daß der Staufer an vielen Orten im Reich war… aber nicht am Nie-derrhein. So konnte er nicht eingreifen, als sich um Herzog Heinrich von Brabant, dessen Pro-tegé Erzbischof Bruno von Köln und dem Herzog von Limburg immer mehr Unzufriedene sammelten. Sie knüpften Kontakte nach Meißen, Thüringen und Böhmen, ja, sogar zu Erzbi-schof Konrad von Mainz. Und nicht nur die Welfen, auch die Zähringer am Oberrhein schlos-sen sich der Opposition an. Das Imperium schlitterte immer mehr in eine Krise hinein, daß sogar schon von der Wahl des Brabanters zum Gegenkönig die Rede war. Es zeichnete sich ab, daß Rotbarts Sohn und Erbe weite Teile des Reiches nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Eigentlich konnte ihn jetzt nur noch ein Glücksfall retten…

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