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Mordermittlung – Fiktion und Realität - Zur Einführung

MordermittlungMordermittlung – Fiktion und Realität
Ein kleiner Einblick in die reale Polizeiarbeit
Zur Einführung

Es gibt Berufsbranchen, die leben vom Mord. Allen voran natürlich der Justizapparat, vertreten durch Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht. Daneben bietet Mord noch geregelte Verdienstmöglichkeiten für Schriftsteller (Buch und Drehbuch) und die gesamte Filmbranche, angefangen beim Regisseur über die Schauspieler bis hin zum Heer von Komparsen, Requisiteuren, Kameraleuten, Kulissenbauern, Visagisten und dem ganzen restlichen Rattenschwanz der Filmcrew.

 

Mara Laue Sie alle geben sich Mühe (leider nicht immer genug), uns LeserInnen und ZuschauerInnen den Mord und vor allem die Ermittlung des Täters spannend (klappt nicht immer) und kurzweilig (schaffen die auch immer seltener) zu präsentieren.

Das Ganze liest sich im Buch meist sehr gut und sieht im Film noch besser aus – aber zu 90 % ist das alles nur trügerischer Schein. Denn mit der realen Ermittlungsarbeit hat die Fiktion selten etwas gemein. Bei einigen wenigen gut geschriebenen Romanen und gut gemachten Filmen sind es nur lässliche Kleinigkeiten, bei denen die Realität noch sichtbar aus der Ferne winkt. Bei weniger guten gibt sie nicht mal mehr ein minimales Gastspiel. Das Fatale daran ist, dass viele LeserInnen und ZuschauerInnen mangels Kenntnis der echten Polizeiarbeit das für bare Münze nehmen und glauben, die Polizei würde wirklich so (teilweise schlampig und/oder dämlich bis komplett idiotisch) ermitteln.

Da übersieht der Rechtsmediziner (z. B. bei „CSI“) regelmäßig (!) ein Detail an der Leiche, das sogar dem unbedarften Zuschauer ins Auge springt. Aber der Ermittler, der zuuufällig im richtigen Moment auftaucht, muss ihn darauf aufmerksam machen. Worauf der Depp von Obduzent dann ganz erstaunt feststellt: „Das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen!“ – In der Realität wäre er spätestens beim zweiten derartigen Patzer seinen Job los.

Bleiben wir noch ein Weilchen in der Rechtsmedizin. Wer glaubt, dass es irgendwo auf der Welt einen Rechtsmediziner gibt, der beim Sezieren nebenbei Brötchen isst, der irrt. Die Gefahr der Kontamination von entweder Leiche mit Krümeln oder Brötchen mit Leichengift wäre viel zu groß! Oder einen, der im schummerigen, kaum beleuchteten Obduktionskabuff einsam und allein an der Leiche herumschnippelt, findet man allenfalls im Gruselkabinett. Wie sollte man bei solchen Lichtverhältnissen was erkennen können? Und allein Obduzieren verbietet die Strafprozessordnung. Wer glaubt, es würde Tage dauern, bis eine Leiche vollständig obduziert ist, wie uns das in den Filmen und Büchern als Regel serviert wird, irrt ebenfalls. (Die Wahrheit ist in Teil 2 zu lesen.)

Die Schnitzer, die sich die Ermittler leisten, reizen ebenso zum Lachen. Oder zum Ärgern, wenn sie wirklich derart an den Haaren herbeigezogen sind, dass auch noch der letzte Rest Logik auf der Strecke bleibt.
Nicht wahr: Jedes größere Kaff hat eine permanent aktionsbereite Mordkommission, weil ja sooo viel überall gemordet wird.

Hinweis: Die sogenannten „Straftaten gegen das Leben“ – wozu auch Totschlag (= die nicht vorsätzliche/geplante Tötung) ebenso gehört wie der fehlgeschlagene Mordversuch – machen nur 0,1 % aller erfassten Straftaten aus. Das sind durchschnittlich ca. 6000 Fälle pro Jahr – bundesweit. Davon entfallen aber nur ca. 700 auf vorsätzlichen (und vollendeten) Mord plus ca. 1900 auf versuchten Mord. Bei einer Gesamtzahl von ca. 6 Millionen erfasster Straftaten (jährlich!) eine verschwindend geringe Zahl.

Aus diesem Grund gibt es in KEINER deutschen Stadt eine ständig mit immer denselben Leuten besetzte Mordkommission. Die hätten die meiste Zeit des Jahres nämlich nichts zu tun. Für jeden Mordfall wird eine eigene Mordkommission gebildet und nach Abschluss des Falls wieder aufgelöst. Diese „Moko“s auch noch als „Soko“ zu bezeichnen, gehört zum gehobenen Schwachsinn der Branche. Eine Sonderkommission (Soko) wird, wie ihr Name schon sagt, ausschließlich in besonders gelagerten Fällen gebildet (z. B. Entführung), ermittelt aber NIE in den einfachen Mordfällen, mit denen es die Film-Sokos zu tun haben.

Was sich sonst an Unsinn in Literatur und Film tummelt, darüber ließe sich ein ganzes Lexikon schreiben. Da rennen Privatdetektive mit Schusswaffen am Gürtel durch die Gegend (verbietet das deutsche Waffengesetz). Da geht ein Ermittler allein (!) in ein unübersichtliches Gebäude (verbietet die Dienstvorschrift), in dem der Täter verschwunden ist, der zwei Minuten zuvor den Kollegen erschossen hat. Da trampeln Ermittler an Tatorten ohne Schutzkleidung herum und fassen potenzielle Beweismittel ohne Handschuhe an (die Kollegen vom Erkennungsdienst würden die erschlagen!). Da werden fröhlich Dienstvorschriften missachtet und Gesetze gebeugt oder gebrochen. Nach dem, was die sich so alles leisten, müsste über die Hälfte der Buch- und Film-Ermittler unehrenhaft aus dem Dienst entlassen = suspendiert werden oder selbst im Gefängnis sitzen wegen: fahrlässiger Gefährdung Unbeteiligter und Kollegen, exzessivem Schusswaffengebrauch, widerrechtlichen Beschaffens von Beweismitteln, Hausfriedensbruch, Missachtung der Rechte Tatverdächtiger/Beschuldigter, fahrlässige Vernichtung von Beweisen, Erpressung von Geständnissen ... Die Liste ist nahezu endlos.

Ganz hanebüchen wird es, wenn ein Kommissar/eine Kommissarin den Fall völlig im Alleingang und ohne Team klärt (und nebenbei auch noch eigenhändig die Arbeit des Erkennungsdienstes übernimmt) oder sämtliche Vorschriften und sogar ausdrückliche Anweisungen missachtet und völlig eigenmächtig agiert – und hinterher auch noch gelobt wird, statt ein internes Ermittlungs- oder verdientes Strafverfahren an den Hals zu bekommen. Und nicht zu vergessen die urlaubenden Ermittler, bei denen ausgerechnet an ihrem Urlaubsort ein Mord geschieht (okay, shit happens!) und sie selbstverständlich die Ermittlungsleitung übernehmen, weil die Kollegen vor Ort ja zu dämlich sind, das selbst auf die Reihe zu bekommen.

Bei solchem Blödsinn hört die Toleranz und Nachsicht mit der „künstlerischen Freiheit“, dem „kreativen Umgang mit der Wahrheit“ wirklich auf.

Die Realität sieht anders aus. Im wahren Leben beginnt jede Mordermittlung mit „POLIZEIRUF 110“ ...
 

Kommentare  

#16 McEL 2011-06-16 22:01
Zitat:
wieweit darf ich "die Wahrheit" noch beugen, dass ich damit nicht völlig hanebüchenen Schwachsinn erzähle? Und wenn ich tatsächlich großartig erzähle, aber die Fakten dabei mehr oder wenig außen vor lasse, bin ich dann wirklich ein schlechter Autor? Das kann man so auch nicht sagen, finde ich.
Völlig richtig. Und es gibt eine Lösung des Dilemmas. Sie heißt "Nachwort" (in seltenen Fällen auch "Vorwort"). Wenn ich wirklich aus dramaturgischen Gründen die Wahrheit beugen muss (z. B. indem ich eine Technologie ins Spiel bringe, die es heute noch gar nicht gibt, die es aber eines Tages geben könnte, der Roman aber kein SF ist, sondern z. B. ein Technik-Thriller), dann mache ich das in einem Nachwort deutlich. (So in einem Thriller, an dem ich noch arbeite und in dem eine Hochsicherheitsklinik vorkommt, die es in der Form noch nicht gibt, die von den realen technischen Möglichkeiten aber durchaus machbar wäre - mit entsprechen viel Geld.) Auf diese Weise erhalte ich dem Leser die Spannung, mache ihn aber gleichzeitig auf die realen Fakten aufmerksam. Solche Dinge sind erlaubt. Lediglich "hanebüchen" ist (zumindest für mich) absolut tabu.

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man nahezu jeden (fiktionalen) Sachverhalt bzw. jeden Plot so ausarbeiten kann, dass "hanebüchen" gar nicht erst vorkommt - WENN man denn ordentlich recherchiert UND ordentlich plottet. Dann dauert zwar manchmal schon die Ausarbeitung des Plots so lange wie den halben Roman zu schreiben, aber man bekommt es hin. Und das (gute) Ergebnis spricht für sich und die Leserschaft an.

Zitat:
Nur wenn ich zusätzlich zu meinen Erfindungen auch noch grottenschlecht schreibe, ich glaube, dann hat man als Autor wirklich verloren.
Und zwar zu 100 Prozent!
(Wobei auch "grottenschlecht" bis zu einem gewissen Grad noch Ansichtssache ist. ;-) )

Zitat:
die Nägel lackieren und mit dem Hintern wackeln!

DAS ist im realen Sekretärinnenleben ein Kündigungsgrund, wenn es während der Arbeitszeit geschieht. Und die dummen Bemerkungen über den Job, die kenne ich auch zur Genüge! Besonders hinsichtlich meiner Figur (ich bin ein "Rundling"). "Was denn - trotz deiner Figur bist du Chefsekretärin???" Antwort: "Da ich als Sekretärin mit meinem Hirn arbeite und nicht als Model - wo ist das Problem?"


Zitat:
Soviel nur mal dazu, wie fest die Klischees in den Köpfen sitzen, wenn die nur oft genug wiederholt werden - vielleicht sogar auf Anweisung des Verlages?.


Auf dem Gebiet des Liebesromans - egal ob historisch, gegenwartlich oder mystisch (mit Vampiren etc.) ist das in der Regel tatsächlich der Fall. Wenn man sich aber die Kommentare in den einschlägigen Foren mal durchliest, stellt man fest, dass die große Mehrheit der (sich dort tummelnden) Leserinnen (Männer fast nie) tatsächlich die schlimmsten Klischees haben WILL und Romane ablehnt, die dem nicht entsprechen. Selbst ein von Natur aus per se bösartiger Dämon hat noch der zärtliche Lover zu sein. Und wehe der Autorin, wenn er zu "dämonisch" ist. Logik ade! Und natürlich muss selbst die gestandenste Frau im Roman (selbst wenn sie Polizistin, Privatdetektivin oder sogar Bodyguard ist) sich vom Helden retten lassen, auch wenn sie das allein schon aufgrund ihres Berufes ganz gut allein könnte. Interessanterweise (und was sagt das jetzt über das Leseklientel aus?) findet gerade solche klischeebelastete Literatur reißenden Absatz.

Zitat:
Das ist ja mit ein Grund, warum ich eine bessere Qualität der Literatur fordere.
AMEN!!! Ich unterstütze den Antrag!
Allerdings sagte mir ein Verleger mal, dass er selbst das nobelpreisverdächtigste Manuskript nicht verlegen würde, wenn er sich nicht sicher sein könnte, damit auch gut zu verdienen. Sehen wir uns doch mal die Nobelpreis-Werke an. Die das Gros der Leserschaft ansprechenden Bestseller sind in der Regel nicht darunter. (Ich habe die Liste jetzt nicht im Kopf, aber ich glaube, darunter befindet sich kein einziger Bestseller.)
Zitieren
#17 Kerstin 2011-06-17 16:43
Naja, die Nobelpreis-Bücher sind ja meistens auch so total problembeladene, komplizierte und hochakademische Geschichten, wo man irgendwo ständig den erhobenen Zeigefinger ahnt und Schwierigkeiten hat, die Handlung überhaupt zu erfassen. So ist zumindest mein Eindruck, wenn ich mal die Presseinfos darüber lese. Ein solches Buch habe ich auch noch nie gelesen.

Dafür habe ich gelesen, ein Buch würde als Bestseller bezeichnet, wenn 15000 Exemplare verkauft worden sind. Eine große Masse ist das dann aber auch nicht.

Was die große Nachfrage nach den Schnulzenbüchern angeht: Das höre ich immer wieder, kann es aber nicht nachvollziehen. Wenn dann Frauen von diesem oder jenem Roman schwärmen, weiß ich meistens, dass der nix für mich ist. Ich bin halt ums Verrecken nicht romantisch und will auch mit sowas keine Zeit vertun. Ich könnte wohl nicht mal für die Männer schwärmen, die da als das Ziel aller Wünsche angepriesen werden. Was sollte ich schon mit einem Millionär mit Yacht und eigenem Flugzeug? Ich will doch gar nicht verreisen, mit einem anständigen Handwerker wäre mir mehr gedient, wenn ich denn schon auf einen Mann aus wäre. Aber wer hat je einen Liebesroman gelesen, wo die Heldin am Ende einen Handwerker ehelicht?

Tja, und die ewige Rettungsbedürftigkeit der "Heldinnen" nervt mich auch und ich kann das einfach nicht nachvollziehen. Ich für meinen Teil bin halt nicht so unbeholfen, überhaupt dauernd in eine Falle zu tappen, und wenn, dann kann ich aber auch ordentlich zuschlagen, wenn es sein muss.

Natürlich, ich bin mal wieder nicht repräsentativ für die Masse, auch in der Lebensweise nicht. Ich trage Knobelbecher statt Stöckelschuhe und kann mich eher für eine starke Motorsäge begeistern als für Schmuck usw.

Es hat sicher seinen Grund, warum ich gern gute Krimis, lieber noch Thriller lese, also eine Literaturgattung, wo schon eher mal Männer zur Leserschaft gehören, und nicht die allgegenwärtigen Schnulzen. Dann möchte ich die Krimis und Thriller aber auch nicht noch schnulzig und seicht vorfinden müssen.

Vielleicht würden ja auch mehr Männer lesen, wenn es mehr Literarur gäbe, die Männer anspricht?(Damit meine ich jetzt nicht den Playboy oder die AutoBild.)
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#18 McEL 2011-06-17 23:02
Zitat:
Natürlich, ich bin mal wieder nicht repräsentativ für die Masse, auch in der Lebensweise nicht. Ich trage Knobelbecher statt Stöckelschuhe und kann mich eher für eine starke Motorsäge begeistern als für Schmuck usw.
:-) Liebe Kerstin, ich glaube, wir haben eine verdammte Menge gemeinsam!
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#19 Kerstin 2011-06-18 11:21
Möglich. Ein "Rundling" (toller Ausdruck!) bin ich auch, auch wenn ich da schon guten Erfolg erzielt habe im Kampf gegen die Massen. Nicht wegen des Ideals, sondern weil ich mich persönlich weiterentwickelt habe und die wuchtige Erscheinungsform nicht mehr brauche. Deshalb kann ich jetzt dagegen angehen. Meine Kraft kann ich jetzt auf andere Weise zeigen.
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