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Mein Nachbar, der Vampyr - Die Reihe »Vampire unter uns!« von Mark Benecke et al.: 4. Blut

Vampire unter unsMein Nachbar, der Vampyr
Die Reihe »Vampire unter uns!« von Mark Benecke et al.

4. Blut
Nach dem DSM - IV (Diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen der American Psychiatric Association) ist der Vampirismus den „Paraphilien“ zuzurechnen, also den „von der Norm abweichende(n) sexuelle(n) Neigungen“ (fide Lydia Benecke). Es wird freilich unterstellt, daß dieser Trieb „mit einer nicht einwilligungsfähigen oder willigen Person“ ausgelebt werden muß. 


Der Trieb wirkt sich so nicht negativ auf das Seelenleben des „Vampirs“ aus. Ist dies letztgenannte Kriterium nicht erfüllt, so ist der Vampirismus auch nicht als psychische Störung zu klassifizieren.

Den sogenannten sanguinischen Vampiren, also der Blut trinkenden Untergruppe in der Vampyr- Subkultur, gilt die besondere Aufmerksamkeit der meisten Beiträge in den drei Vampire unter uns- Bänden. Das hat sicherlich damit zu tun, daß hier die Affinität zum Unlebenswandel der Vorbilder am größten ist, aber gewiß auch mit der sensationsheißerischen Öffentlichkeitswirksamkeit des Themas. Otto Normalverbraucher dürfte sich wohl eher für eine verschworene Geheimgesellschaft interessieren, die ihm an die Adern möchte, als für Teenager, die sich Poster von Kristen Stewart an die Wand hängen, oder für Nerds, die bei Salzgebäck und Bier erwürfeln, ob ihr Toreador genügend Punkte in Präsenz und Charisma plus Beredsamkeit/ Manipulation hat, um den Brujah zum Besuch einer Vernissage zu überreden.

Tatsächlich legen das Ehepaar Benecke und die Mehrzahl ihrer Mitstreiter sehr viel Wert auf die Feststellung, daß die sanguinischen Vampire eben nicht paraphil (also psychisch gestört) sind, weil es denen nicht darauf ankommt, ihr Quantum Lebenssaft zu „rauben“, sondern von freiwilligen Spendern, den sogenannten Donors, zu beziehen. Frau Benecke bekräftigt, daß all diejenigen, die sie kennengelernt habe, den verantwortungsvollen Umgang mit Menschen und Tieren betonen würden.

Diejenige, die Blut konsumieren, hätten ihr zufolge verschiedenste „Gründe und Motive“. Der von Mark Benecke befragten Angelus zufolge kann der Neigung eine Lust auf Blut, aber auch eine Faszination für Hälse zugrundeliegen (so wie andere vielleicht mehr auf Brüste, Po, Beine oder Kindchenschema ansprechen). Hier wäre es vor allem die Vorstellung, daß man durch die Haut das Pochen des Blutes spüren würde.

Herr Benecke sieht die Durchdringung der Haut, der Intimsten aller Körpergrenzen, „so schlicht wie sinnlich“ als „völlig grenzenlose Vereinigung der Partner“. Oder wie es die von ihm interviewte Angelus ausgedrückt hat: „Wenn man Blut trinkt, wird man ein Teil von einem anderen Menschen.“

Nach Herrn Benecke wäre es die Erkenntnis „Blut trägt Kraft“, die den Vampir vom „getriebenen Fetischisten“ unterscheiden würde.

Seine Frau sieht neben dem „schnell errungenen Effekt bei Blutfetischisten“ vor allem die verbreitete Vorstellung, daß Blut der Träger der „Energie“ eines Menschen sei. Nach Jeannette und Markus von der Vereinigung Nexus Noctis wird Lebensenergie auch als Teil der Seele gesehen, der mit dem Blut weitergegeben wird: „Während ein normaler Mensch seine Lebensenergie wieder von allein auffüllen könnte, müßte ein Vampyr sich mit Blut behelfen.“ Sie behaupten, daß viele Vampire das Verlangen nach Blut mit einer Sucht vergleichen würden, da es „für sie ähnlich schwer zu kontrollieren ist und sie nach einem Ausweg aus der Abhängigkeit suchen“. Bei längerer Abstinenz gäbe es sogar Entzugserscheinungen, die sich in einer zunehmenden psychischen Anspannung äußern würde (Aggressivität, Reizbarkeit, Nervosität, Zittern, Unruhe, Schlafstörungen etc.). Auch Anzeichen einer Depression (Konzentrationsschwäche, Kraftlosigkeit, Antriebslosigkeit, innere Leere, Müdigkeit etc.) und sogar körperliche Symptome (Migräne, Bauchschmerzen Auskühlen, Frieren etc.) könnten auftreten.

Dies als „autosuggestiv hervorgerufenes Empfinden“ abzutun, würde die Ursache des Phänomens nicht ergründen. Es liefere auch keine Erklärung dafür, warum dieses Phänomen bevorzugt in der Pubertät auftrete, ohne daß sich die Betroffenen zuvor mit dem Thema befaßt hätten.

Die beiden spekulieren mit der Vermutung, es könne sich – insbesondere durch die Beziehung zum Spender – um ein Ersatzverhalten handeln „für die Suche nach Geborgenheit, Wärme und Vertrauen“. Dies könne jedoch nicht auf alle Fälle zutreffen, da das Verhältnis zwischen Geber und Nehmer „in vielen Fällen  nur auf einer Basis“ bestünde, „die für den Vampyr eine gewisse Sicherheit vor ansteckenden Krankheiten verspricht“.

Frau Fischer schreibt, daß der Blutdurst durchweg recht ähnlich beschrieben wird, meist als unerträgliches Gefühl. Die Ursache hierfür sei noch nicht hinreichend ergründet. Entzugserscheinungen seien häufig, doch gäbe es eine große Bandbreite möglicher Symptome.

Frau Benecke beruft sich wiederum auf die Untersuchung der Atlantic Vampire Alliance (AVA) , wenn sie schreibt, daß sich sanguinische Vampire ohne den Konsum von Blut „körperlich unwohl, schwach, sogar krank“ fühlen, was sich „überdurchschnittlich oft“ in „Depressionen, Angststörungen“ und anderen „psychische Auffälligkeiten“ äußern würde. Durch eigene Befragungen innerhalb der deutschen Szene ist sie in Übereinstimmung mit den Resultaten der AVA zu dem Ergebnis gekommen, daß viele von ihnen (wie bei Vampyren im Allgemeinen) in der Kindheit negative körperliche, sexuelle oder seelische Erfahrungen gemacht haben. Ihren Studien zufolge fiel der Beginn ihres Bluttrinkens oft in eine Lebensphase, die von einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung geprägt war (Siehe „4. Psycho“). Es gäbe Probleme damit, die Gefühlszustände zu steuern (incl. der damit verknüpften „Denk- und Verhaltensweisen“), aber auch Wahrnehmung, Bewußtsein, körperliches Wohlbefinden und soziale Interaktion können zeitweilig beeinträchtigt sein.

Diese Besonderheiten sind Frau Benecke zufolge aber nicht repräsentativ für die Vampyr- Subkultur als solche, oder gar für die Goths im Allgemeinen.

Sie schreibt, daß als Ersatz für menschliches Hämoglobin oft auch tierisches Blut zum Einsatz käme, oder aber Schokolade (sic!). Ines Fischer führt an, daß eigenes oder tierisches Blut zwar als Surrogat herangezogen werden könne, aber nicht die gleiche Wirkung habe wie das anderer Menschen. Fleischerzeugnisse und Sex könne manchen, aber längst nicht allen Linderung verschaffen. Auch der körperwarme Genuß direkt von der Haut soll „wichtig“ sein im Vergleich zum Gebrauch eines künstlichen Behältnisses.

Frau Benecke hält es für möglich, „daß die Vorstellung des Energieziehens eine unbewußte Kompensationsstrategie ist“, um beispielsweise der „Antriebslosigkeit – in der Tat ein typisches Depressionssyndrom – entgegenzuwirken“. Hinzu würde auch das Schwächegefühl passen, das manch Angehöriger der Szene nach zu langem „Blutentzug“ empfinden würde. Viele der deutschen Vampyre, die Hämoglobin konsumierten, hätten damit in einer Lebensphase begonnen, „die dem psychischen Störungsbild einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung entsprechen. „Menschen, die unter einer solchen Störung leiden, können sehr von einer Psychotherapie profitieren.“

Der Blutkonsum als solcher soll Ines Fischer zufolge zu positiv empfundenen „Bewußtseinsveränderungen, Überempfindlichkeit der Sinne und Stimmungsveränderungen“ führen.

Frau Benecke beruft sich auf die ihr bekannten Vampyre, wenn sie anführt, daß bei denen die Neigung zu Blut oftmals losgelöst sei von der Sexualität. Es bestünde also ein deutlicher Unterschied zu dem Blut- Fetischismus, der eventuell besser in der BDSM- Szene aufgehoben wäre. Jeannette von der Vereinigung Nexus Noctis bemerkt dagegen, daß es auch Fälle in der Community gäbe, bei denen der Blutfetischismus die Sexualität gänzlich abgelöst habe. Es wären jedoch nur wenige.

Herrn Benecke zufolge werden werden Donors (Blutspender) aus hygienischen Gründen (mögliche Übertragung von Keimen) in der Regel nicht gebissen, sondern mittels Kanüle zur Ader gelassen. Frau Fischer schreibt, daß im Rahmen der Zugänglichmachung oft experimentiert wird , doch bestünde eine Präferenz für „professionelle und wirkungsvolle Materialien, wie zum Beispiel Rasierklingen, Skalpelle und Butterfly- Kanülen“ (Frater Mordor listet Messer, Skalpell und Rasierklinge auf). Um hierfür Freiwillige zu finden, bräuchte es freilich Charisma, aber Mark Benecke meint dazu: „Daran mangelt es den Gestalten der Nacht am wenigsten.“

Irritierenderweise steht dieser Kommentar ein wenig im Gegensatz zur Äußerung von Markus, Fallen und Marvin von der Gemeinschaft Nexus Noctis, daß Vampyre sich quasi bis zur scheinbaren Unsichtbarkeit unauffällig verhalten könnten, und dem Versuch Lydia Beneckes, bei einem großen Prozentsatz dieses Personenkreises eine „komplexe posttraumatische Belastungsstörung“ zu diagnostizieren, zu deren Symptomen auch „die automatische Annahme einer Opfer- oder Außenseiterposition, in die man zu Schulzeiten gedrängt worden ist“, gehöre. Ich würde schon gerne wissen, wie man sich ein charismatisches, unsichtbares Opfer vorstellen darf.

Jeannette und Markus von der Vereinigung Nexus Noctis zufolge würden Vampyre „durchschnittlich einmal im Monat und meistens nicht mehr als ein gefülltes Schnapsglas“ Blut trinken. Bei größeren Mengen würde man sich an den Richtlinien des Roten Kreuzes orientieren (maximal 500 ml, bei der ersten Spende sogar nur 300 ml; empfohlen werden „zur Sicherheit des Spenders“ gerade mal 200 ml). Nach Ines Fischer überschreitet die aufgenommene Menge nur selten 200 ml und liegt im Schnitt bei 50 ml.

Eine besondere Form ist das „Blutritual“, dem eine ähnliche Bedeutung zukommt wie bei anderen die Blutsbrüderschaft. Hier trinken beide Teilnehmer voneinander (nach Frau Fischer).

Was die oft angeführten Probleme mit der Bekömmlichkeit anbelangt, sorgt die Gerinnung Jeannette und Markus zufolge zwar für keine Komplikationen, aber bei größeren Mengen würde der pH- Wert des Magens längerfristig ansteigen, und das konsumierte Blut über einen „Schutzmechanismus der Verdauung“ wieder erbrochen.

In der Community würde Toleranz herrschen, aber auch ein sicherer energetischer Kontakt und ein gegenseitiges Einverständnis bei geistiger und körperlicher Gesundheit (Herr Benecke führt in diesem Kontext den Grundsatz „safe, sane and consensual“ an). Die Gefahr einer Übertragung von Krankheiten ist tatsächlich ein wichtiges Thema. Um der Bedrohung vorzubeugen, sollte der Vampir Mark Benecke zufolge in seinem feeding circle bleiben. Dem steht die Untersuchung der Atlanta Vampire Alliance (AVA) (fide Lydia Benecke) gegenüber, der zufolge drei Viertel der Befragten angegeben haben, „keiner festen Vampyr- Gruppe anzugehören“, und ihre Vorlieben im privaten Kreis auszuleben.

Am Schluß sei noch erwähnt, daß Markus von der Geimeinschaft Nexus Noctis auch noch andere Merkmale sieht, außer der Vorliebe für Blut und dem Verlangen, es trinken zu wollen, die für den sanguinen Vampir charakteristisch seien. Er nennt hierbei die Nachtaktivität, Probleme mit dem Sonnenlicht (Unverträglichkeit, Photophobie), ein Gefühl der Unzugehörigkeit und einen hohen IQ (was einer „amerikanischen Studie“ zufolge 75% aller Angehörigen der Szene charakterisieren soll).

Na, wenn er meint…

Frau Fischer zufolge geben „sehr viele Vampyre an, daß sie Schlafstörungen haben“, aber die bevorzugten Ruhezeiten seien dann doch sehr individuell. Auch eine Häufung hoher Empfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen, insbesondere gegen Licht und Lärm, ist keineswegs allgemein kennzeichnend. All diese Faktoren scheinen für die Identifikation als Vampyre ohne wesentlichen Belang zu sein. Ohnehin variieren die persönlichen Kriterien, warum sich jemand selbst als Spitzzahn begreift. Es gibt auch keine weithin gültigen Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Einstellung gegenüber den Mitmenschen, zu mythologisch geprägten Ansichten, Weltanschauung oder Glaubenskonzepten.

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