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Comics aus der Grabbelkiste - Die Kaltblütigen

Comics aus der Grabbelkiste

Die Kaltblütigen

Von David Chauvel und Erwan Le Saec

 

Die Verlage überschlagen sich mit der Veröffentlichung von Gesamtausgaben und hochwertigen Hardcovern. Comicleser müssen mituntertief die Taschen greifen, um ihre Lieblingsserien lesen zu können. Es gibt sie aber, die zum Teil in Vergessenheit geratenen Comicperlen, die für wenig Geld im Antiquariat zu erwerben sind. Die Kaltblütigen von David Chauvel erscheint ab dem Jahr 1996 und erzählt eine rasante Geschichte im Noir-Stil.

 

Das Kino der 1990er Jahre ist geprägt von Filmemachern wie Quentin Tarantino oder Oliver Stone. In einem wilden Mix aus Noir und Action jagen zwielichtige Gestalten über die Leinwand, die allesamt ihre eigenen Ziele verfolgen und dabei über Leichen gehen.

Der französische Comicszenarist David Chauel überträgt die Machart dieses Genres in Comics und veröffentlicht in den Jahren 1994 – 1998 seine fünfbändige Serie „Die Kaltblütigen“, die von dem Zeichner Erwan Le Saec in rasanten Bildern zu Papier gebracht wird.

Die Serie beginnt mit einem routinierten Auftrag, als der Profikiller Hamlet einen Mordauftrag über 70.000 Dollar annimmt. Zunächst verläuft der Auftrag nach Plan, bis es bei der Geldübergabe zu einem Zwischenfall kommt. Als er sein Honorar aus einem Schließfach holen will, gerät er plötzlich in einen Hinterhalt. Unbekannte eröffnen das Feuer auf ihn. Hamlet überlebt nur knapp und erkennt, dass er selbst zur Zielscheibe geworden ist.

Auf der Flucht vor seinen Verfolgern begegnet er dem schießwütigen Kleinganoven Huevo, der nach einem gescheiterten Drogendeal ebenfalls untertauchen muss. Gemeinsam mit der toughen Wendy verschlägt es das ungleiche Trio schließlich nach San Francisco, wo die Ereignisse in einem explosiven Showdown gipfeln. Spätestens dort wird deutlich, dass die Drahtzieher des Anschlags auf Hamlet noch eine alte Rechnung zu begleichen haben.

Der Weg nach San Francisco ist mit Leichen gepflastert. Es wird geschossen, geprügelt, geflucht und getrunken. Chauvel und Le Saec lassen dem Leser kaum Zeit zum Atmen. Das Tempo ist enorm. Die Geschichte wird in rasanten Bildern erzählt und überträgt die Ästhetik des Action-Kinos der 90er Jahre auf die Seiten. Die Handlung ist periodisch erzählt, in dem das Figurenensemble schrittweise erweitert wird und die Zusammenhänge komplexer werden. Am Ende lösen sich die Zusammenhänge zwar auf, aber bis dahin entsteht eine wilde Jagd. Das Ende ist bitter und im typischen Noir-Stil gehalten, denn es gibt keine wirklichen Gewinner.

Die Stärke des Comics liegt vor allem in der Charakterzeichnung der Hauptcharaktere. Hamlet ist ein Profikiller, mit einer Vergangenheit, die sich dem Leser erst zum Schluss erschließt. Er ist intelligent und extrem misstrauisch. Emotional wirkt er ziemlich abgestumpft, was den Härtegrad der Figur unterstreicht. Huevo hingegen ist ein emotional aufgeladener junger Heißsporn, der seinem Vorbild Hamlet nacheifert. Er hat sich allerdings weniger im Griff und den Finger immer am Abzug. Mehrere Male bringt er die Gruppe in Schwierigkeiten, als er unbedacht Leute niederschießt. Wendy ist die rotzfreche Göre, die keinen Versuch unterlässt, Hamlet und Huevo zu entkommen, denn sie wird zunächst als Geisel gefangen gehalten. Ihr scheint das Leben mit den beiden zu gefallen, als sie sich dem Feldzug anschließt.

Die Geschichte beginnt wie ein Roadmovie. Hamlet, Huevo und Wendy jagen mit einem Wagen durch die Wüste Nevadas und versuchen ihren Verfolgern zu entkommen. Die bleihaltigen Seiten prasseln zunächst wie ein Kinofilm auf den Leser hinein. Die Verfolger gewinnen im Verlauf der Handlung immer mehr an Kontur und auch hier schält sich eine feine Charakterzeichnung immer weiter heraus. Es sind zwar die typischen Archetypen des Actionkinos, wie der zynische Polizist oder der Sprüche klopfende Möchtegerngangster, aber trotzdem kommt keine Langeweile auf. Loyalitäten wechseln und die Figuren müssen permanent neue Entscheidungen treffen, um zu überleben. Das zieht sich bis zum tragischen Ende durch. Der Leser fühlt mit den Protagonisten und die Actionszenen verkommen dadurch nicht zum reinen Selbstzweck. Die Charaktere handeln aus reinem Überlebenswillen oder aus Gier. Sie haben alle ihre Schattenseiten, hier ist keiner richtig gut oder richtig böse.

Unterstrichen wird das Setting durch eine Atmosphäre, die ebenfalls an die einschlägigen amerikanischen Filmproduktionen erinnert. Die Sonne knallt auf die staubigen Highways, auf denen Autos sich in Hochgeschwindigkeit Verfolgungsjagden liefern. Heruntergekommene Motels und Bars voller Verlierer bevölkern die Szenerie, in der eine permanente Gewaltbereitschaft besteht.

Chauvel setzt in den meisten Szenen auf raue, kurze Dialoge. Die Texte bestehen oft nur aus einem Hauptsatz. Das verleiht den Figuren einen harten und kompromisslosen Charakter. In den Actionsequenzen verzichtet er zuweilen ganz auf Text und die Panels wirken wie eine Szene aus einem Film. In den Charakterbuilding-Sequenzen nimmt der Anteil des Textes zu und er greift auf Erzähltext zurück. Dadurch wird die rasante Handlung zwischendurch etwas ausgebremst, um den Plot weiter auszubauen. Insgesamt tut das der Geschichte gut und es entsteht eine angenehme und flüssige Erzählstruktur, in der sich ruhige Momente und Action abwechseln.

Die Zeichnungen Erwan Le Saecs und die Texte Chauvels wirken wie aus einem Guss. Es ist den beiden deutlich anzumerken, dass sie bei der Konzeption der Geschichte Hand in Hand gearbeitet haben. Seine Zeichnungen sind sehr detailreich, wirken aber trotzdem ausgesprochen aufgeräumt. Die dynamische Inszenierung orientiert sich deutlich an den Kameraeinstellungen der Action- und Noir-Produktionen der 90er Jahre. Die Farbgebung von Claude Legris wirkt sehr matt, was die harte und dunkle Atmosphäre der Geschichte noch weiter untermauert.

Die Kaltblütigen erschien in den Jahren 1996 – 2001 beim Carlsen Verlag im Softcover in fünf Teilen. In einem guten Zustand sind die Alben heute noch im Antiquariat für einen Preis von insgesamt 25€ zu erhalten. Auch für ein Einzelalbum liegt der Preis bei ungefähr 5€. Lesern einer spannenden und unterhaltsamen Geschichte zu einem günstigen Preis sei dieser Mehrteiler wärmstens ans Herz gelegt.

 

 

Die Kaltblütigen

Autor/Szenarist: Davis Chauvel
Zeichnungen: Erwan Le Saec
Farben: Claude Legris

Band 1: In die Enge getrieben (1996)
Band 2: Spring Haven (1996)
Band 3: Chinook Blues (1997)
Band 4: Fluchtpunkt Reno (1998)
Band 5: Die Erbschaft (2001)

Carlsen Verlag

 

05/2026

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