Hanns Kneifel - Jerusalem

Hanns Kneifel - JerusalemJerusalem
von Hanns Kneifel

Gott will es! Befreit Jerusalem, und die Sünden sind euch vergeben!
 
Anno Domini 1095. Papst Urban II. ruft das Volk zum Kreuzzug auf. Unter den Zuhörern ist auch Jean-Rutgar von Les-Baux, ein junger Ritter aus der Provençe.

Von Frankreich durch ganz Europa, über Konstantinopel nach Kleinasien und weiter durch unbekanntes Land ziehen die Kreuzfahrerheere gen Jerusalem.

Ein Weg, der für Rutgar viele Abenteuer, manche Entbehrungen und schließlich die große Liebe seines Lebens bereithalten wird – auch wenn er mehr und mehr daran zweifelt, das verheißene Königreich des Himmels je zu erreichen.

Detailreiches Schlachtengemälde

Im Juli 2011 wird Hanns Kneifel, Science-Fiction- und Fantasy-Autor (Rhodan, Atlan, Mythor) sowie Verfasser von historischen Romanen, 75 Jahre alt. Damit hat er eine Zeitzone erreicht, in der man getrost von einem „Alterswerk“ sprechen kann, wenn er einen neuen Roman vorlegt. Ein solches „Alterswerk“ ist wohl der historische Roman „Jerusalem“, der im Februar als solides Bastei-Taschenbuch bei Lübbe veröffentlicht wurde und dem vieles anhaftet, was ein Alterswerk auch in der Unterhaltungsliteratur ausmacht: souveräner Umgang mit dem Stoff in all seinen Einzelheiten, abgeklärte Umsetzung des Geschehens in kräftige, aktionsreiche Handlung. Kneifel führt seine Leser in die Zeit des Ersten Kreuzzugs.

1095 ruft Papst Urban II. zu dieser „bewaffneten Pilgerfahrt“ auf und begeistert mit seiner Vision eines von den „Ungläubigen“ befreiten Grab Christi in Jerusalem nicht nur den mitteleuropäischen Adel, sondern auch das arme Volk. Während die oft mittellosen Ritter sich von einem Marsch ins Heilige Land vor allem neue Besitztümer und Titel versprechen, ist die große Masse armer, frommer Pilger, die sich zu einem unübersehbaren Heerzug formiert, auf die versprochene Vergebung aller Sünden aus.

Unter den Berittenen und Gewappneten ist auch der junge Jean-Rutgar von Les-Baux, unehelicher Sohn eines verarmten Adeligen aus Südfrankreich, der seine erste Liebe mit dem Versprechen auf ein reiches gemeinsames Leben nach seiner Rückkehr verlässt. Fortan ist der Weg der Kreuzritter und der ihnen voraus- und nacheilenden Pilger auch Jean-Rutgars Weg. Kneifel erzählt den Verlauf des historischen Kreuzzugs exakt nach, lässt alle Stationen auf dem Weg nach Jerusalem und alle ausgefochtenen Schlachten lebendig werden und stellt seinem jungen Helden, der mit der Zeit zu einem Mann heranreift, die neue, vielversprechendere Liebe einer Frau an die Seite.

In allen Einzelheiten entwirft Kneifel das breite Panorama eines mehrere Kilometer langen und mitunter ebenso breiten Heerhaufens, der durch Südosteuropa, Kleinasien und den Vorderen Orient trampelt und dabei Tod und Zerstörung mit sich bringt. „Aus unerforschlichen Gründen sah Gott dem Sterben und dem Elend ungerührt zu, der Rohheit der Schwertkämpfer, dem Wüten der Seldschuken und der besessenen Entschlossenheit zu Angriff und Tod“, lässt Kneifel seinen Helden mehr als einmal am tieferen Sinn des Kreuzzugs zweifeln, der sich mehr und mehr zu einem allgegenwärtigen Abschlachten entwickelt und wenig von Gottes Glorie mit sich bringt. Die Kreuzfahrer waten durch die Haufen eigener Exkremente, durch Seen aus Blut und über Berge erschlagener Freunde und Feinde.

Kneifels Fähigkeit, seine Leser die Ausdünstungen eines nach Zehntausenden zählenden Menschenhaufens förmlich riechen zu lassen, ist einzigartig. Dazu kommt die immense Detailfreude bei der Schilderung mittelalterlicher Kriegstechnik oder Schlachtformationen. Der Lärm einer angreifenden gepanzerten Reitergruppe wird dabei nur noch vom vielstimmigen Geschrei des ebenfalls attackierenden Fußvolks übertönt. Doch dem jungen Rutgar kommen immer mehr Zweifel an der Ehrbarkeit der Ritter, die oft auf eigene Rechnung und manchmal auch gegeneinander kämpfen. Als Jerusalem erobert und die Beute verteilt ist, kehrt Jean-Rutgar mit seiner Freundin unversehrt nach Südfrankreich zurück, um sich dort mit einigen Reichtümern niederzulassen.

Kneifels Reise nach „Jerusalem“ wäre noch interessanter und vor allem auch spannender zu lesen, wenn der Autor nicht so linear dem historischen Geschehen gefolgt und es quasi in bunten Gemälden nachgezeichnet hätte. Weil der Ausgang der Schlachten und des Kreuzzugs aber bekannt ist, hätte eine Nebenhandlung, etwa mit Eifersucht und/oder etwas Verrat, dem Buch sicher gut getan. Chersala, des Helden neue Liebe, hängt viel zu selbstverständlich das ganze Buch über an seinen Lippen.

Kneifels „Jerusalem“ bleibt gleichwohl ein äußerst geschmeidig erzähltes und lesbares Buch, das auf seinen über 700 Seiten jederzeit gute und auch lehrreiche Unterhaltung bietet.


Daten zum Buch
 
Historischer Roman
Originalausgabe
Bastei Lübbe Taschenbuch 16533
Verlag Bastei Lübbe GmbH & Co KG Köln 2011

ISBN 978-3-404-16533-9
Euro 9,99

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