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Alan Rickman (21.02.1946 - 14.01.2016)

Alan RickmanAlan Rickman
(21.02.1946 - 14.01.2016)

Alan Rickman gehört zweifellos zu den ganz großen Schauspielern, die England hervorgebracht hat, und bei denen man immer wieder die Qualität jener britischen Schauspieler sieht, die ein echtes Potenzial haben und die durch die Schule des Shakespeare Theaters gegangen sind.

Es gelang ihm, nicht in einer Rollenschublade zu landen, sondern er spielte sich quer durch die Charaktere und Genres.


Alan RickmanAnfangen von dem jugendlichen Romeo, einem intriganten französischen Adeligen und einem tragischen Jane-Austen-Helden, über den Bösewicht, der in "Die Hard" gegen Bruce Willis abstürzt (leider klappt das englische Wortspiel "who dies hard against ..." in Deutsch nicht) und einen undurchsichtigen Zauberer bis hin zu der blauen Raupe aus den Alice-Verfilmungen.

Für mich sind es eher andere Rollen, die ich mit Rickman und seinem Können verbinde: Colonel Brandon in "Sinn und Sinnlichkeit", Rasputin im gleichnamigen Film, Sheriff von Nottingham in "Robin Hood", als australischer Revolverheld in "Quigley Down Under" oder Alexander Dane, wo er sein komödiantisches Talent unter Beweis stellte.

Es ist interessant, nach dem Bekanntwerden des Todes eines Schauspielers zu lesen, wie die Schlagzeilen lauten, welche charakteristischen Schlagworte sie benutzen. The Guardian nennt ihn in seinem Nachruf einen "giant of British screen and stage" . Andere Titel nennen seinen Namen in direkter Verbindung mit den markanten Rollen, die der Leserschaft am ehesten geläufig sein dürften, und sind für den Leser ein Anker für die (Wieder-)Erkennung des Schauspielers.

In aller Regel kommt da die Erwähnung seiner großen Rolle seit 2001, nämlich der des Professors Severus Snape in Harry Potter. Kein Wunder ... schließlich wurden die Filme von einem immens großen Publikum gesehen - kann man die letzten knapp 20 Jahre gelebt haben ohne mindestens einen der Harry-Potter-Filme gesehen zu haben?

Alan RickmanWenn nicht Harry Potter erwähnt wird, taucht der Bösewicht aus "Die Hard" auf, jene andere Rolle, in der er weltweit auf den Leinwänden war, und die für ihn den Durchbruch als Filmschauspieler bildete.

I do take my work seriously and the way to do that is not to take yourself too seriously

Alan Rickman fiel besonders durch sein wenig spektakuläres Privatleben auf, das frei von Skandalen und Drogenberichten ist. Über sein Leben jenseits von Kamera und Scheinwerfer ist in der Presse wenig zu lesen, was ihn mir nur noch sympatischer macht.

Als Kind einer Londoner Arbeiterfamilie hat Alan Rickman nach dem frühen Tod seines Vaters erlebt, wie sehr seine Mutter darum kämpfte, ihn und seine drei Geschwister zu ernähren und zu erziehen. Er war erst acht Jahre alt, als sein Vater starb.

Aus dem Interview in der SZ:

Alan Rickman: Nur materielle Dinge. Sonst habe ich alles bekommen, was ich brauchte: Liebe und die Ermutigung, ich selbst zu sein. Mein Vater fehlte mir natürlich. Er starb, als ich acht Jahre alt war.
SZ: Sie waren vier Kinder. Wie hat Ihre Mutter das hinbekommen?
Alan Rickman: Sie hat eine ganze Reihe von Jobs gemacht. Büros geputzt, als Telefonistin gearbeitet, sie saß an einer Nähmaschine und nähte Bezüge für Autositze. Sie tat, was sie tun musste, um uns Kinder zu ernähren.

Alan RickmanAufgrund seiner besonderen Begabung im Grafik- und Kunstbereich erhielt er mit 13 Jahren ein Stipendium für eine Privatschule, die West London Latymer Upper School. Es handelte sich um eine besonders renommierte Schule, bei der Rickman die Möglichkeit erhielt, neben seinem künstlerischen Können auch eine ausgezeichnete grundsätzliche Schulbildung zu erhalten. Dort kam er auch mit dem Theater in Berührung. Die Schule führte regelmäßig Theaterstücke auf, in denen die Schüler auch ungewöhnliche Rollen einnehmen mussten, was zweifellos Rickmans darstellerisches Können förderte.

Nach dem Abschluss der Schule studierte er Grafik-Design und ging zunächst diesen beruflichen Weg. Mit einigen Freunden eröffnete er das Grafikddesignstudio Graphiti in Soho, allerdings blieb er dort nur knapp drei Jahre.

Es zog ihn zur Bühne. Er begann als stellvertretender Bühnenmanager bei der kleinen Basement Theatre Company. Das reichte ihm jedoch bald nicht mehr. Im Alter von 26 Jahren bewarb er sich um ein Vorsprechen an der Royal Academy of Dramatic Art. Er sagt, er sei selbst überrascht gewesen, als man ihm einen Platz dort anbot und er als Schauspielschüler beginnen konnte.

Im Interview mit der SZ sagte er auf die Frage, ob ihm denn bewusst sei, wie die weiblichen Zuschauer auf ihn und seine tiefe, sonore Stimme stehen würden

Rickman: Nun weiß ich wieder, warum ich YouTube nicht nutze. Als ich auf der Schauspielschule war, sagte ein Lehrer, meine Stimme komme aus einem Abflussrohr. Dem unteren Ende.

Nach dem Abschluss der Schauspielschule 1974 arbeitete Rickman in verschiedenen Theatergruppen, vor allem im experimentellen Bereich, er war drei Mal beim Fringe, dem Edinburgh Theater Festival, dabei. In diversen Serien übernahm er Einzelauftritte, zum Beispiel in der Serie "Smiley’s People" mit Alec Guinness. 1982 erschien er das erste Mal mit einer größeren Rolle im englischen Fernsehen. Als Obadiah Slope spielte er in der BBC-Verfilmung der Barchester Chronicles von Anthony Trollope.

Es gelang ihm nach kurzer Zeit, Mitglied der Royal Shakespeare Company zu werden. Die RSC hat einen legendären Ruf als "das" originale britische Shakespeare Theater. Die Liste der erfolgreichen Schauspielern, die in den verschiedenen Ensembles gespielt haben, liest sich wie ein endloses Who-is-Who, mit Sir Laurence Olivier, Daniel Day-Lewis, Dames Maggie Smith und Judi Dench, Art Malik, Helen Mirren oder Kenneth Branagh (die Liste ist bei weitem nicht vollständig und die Auswahl einigermaßen beliebig).

Rickman blieb nicht lange bei der Shakespeare Company. Nach nur einer Saison verließ er die Truppe, er soll gesagt haben, er wolle "lernen, wie man mit anderen Schauspielern auf der Bühne redet, nicht wie man sie anbrüllt."(Quelle: www.bbc.co.uk/news/entertainment-arts-35313578)

Alan RickmanEin besonderer Erfolg war für Rickman die Rolle des französischen Adeligen Vicomte de Valmontin "Les Liaisons Dangereuses" (Gefährliche Liebschaften). Der Guardian schrieb damals über Rickmans Darstellung des Adeligen:

"slips sly and inscrutable through the action like a cat who knows the way to the cream,"
(deutsch: "er schlüpft verschlagen und undurchschaubar durch die Handlung, wie eine Katze, die ihren Weg zur Sahne kennt")

1985 wurde das Theaterstück in England mit Rickman in der Rolle uraufgeführt. 1987 am Broadway. Dort erregte er die Aufmerksamkeit Joel Silver, einem amerikanischen Produzenten. Mit dem Angebot, den Bösewicht Hans Gruber im Film "Die Hard" zu übernehmen, gelang Rickman der internationale Durchbruch.

So professionell und zurückhaltend Rickman war, wenn es um (seine) Schauspielerei ging, war er einigermaßen kompromisslos. Auf dem Set von "Die Hard" sorgte er für ziemliches Aufsehen, als er sich weigerte, der Regieanweisung zu folgen, derzufolge Hans Gruber zu Boden werfen sollte. Man ließ es ihm durchgehen - und die Rolle wurde die erste einer Reihe von Bösewichten, denen Rickman eine besondere Note gab.

Spannenderweise verkörperte Rickman in den US-Amerikanischen Filmen den Bösewicht, während die britischen Filme eher den nachdenklichen, zurückhaltenden Typen in ihm fanden.

So war er 1991 in Robin Hood als Sheriff of Nottingham ein grandioser Bösewicht und spielte Costner problemlos an die Wand.

Dem gegenüber steht der Film "Sinnn und Sinnlichkeit", 1995, mit der Rolle von Colonel Brandon. In dem Film war Rickman so großartig, dass er problemlos den ehemaligen Soldaten und langsam alternden Einzelgänger mit Leben erfüllte. Mit dem Drehbuch von Emma Thompson und der Regie von Ang Lee, war der Film der Beginn einer Freundschaft mit Emma Thompson, die sich in wiederkehrenden gemeinsamen künstlerischen Arbeiten zeigte.

Emma Thompson schrieb heute über Alan Rickman:

"Alan was my friend and so this is hard to write because I have just kissed him goodbye. What I remember most in this moment of painful leave-taking is his humour, intelligence, wisdom and kindness. His capacity to fell you with a look or lift you with a word. The intransigence which made him the great artist he was - his ineffable and cynical wit, the clarity with which he saw most things, including me, and the fact that he never spared me the view. I learned a lot from him."
(deutsch: "Alan war mein Freund, und es ist so schwer etwas zu schreiben, denn ich habe mich gerade erst mit einem Kuss von ihm verabschiedet. Woran ich mich im Moment des schmerzhaften Abschieds am meisten erinnere, ist sein Humor, seine Intelligenz, Weisheit und Freundlichkeit. Seine Fähigkeit einen mit einem Blick zu fällen, oder mit einem Wort aufzubauen. Seine Kompromisslosigkeit, die ihn zu dem großen Künstler gemacht hat, der er war - sein unbeschreiblicher und zynischer Verstand, die Klarheit, mit der er die meisten Dinge sah - mich inbegriffen - und die Tatsache, dass er mir nie die Sicht versperrte. Ich habe viel von ihm gelernt.")

Alan RickmanIn Rickmans Regiedebut 1997 spielte Emma Thompson gemeinsam mit ihrer Mutter Phyllida Law in dem Film "The Winter Guest".

Rickmans Filmografie umfasst seit dem Fernsehfilm "Romeo und Juliet" 1978 eine schier endlose Zahl an Auftritten. Zu den eher wenig(er) bekannten Filmen/Auftritten Rickmans dürften gehören (eine Auswahl): Mesmer (1994), Sweeney Todd - Richter Turpin (2007), Das Parfüm - Richis (2006), Michael Collins - Eamon de Valera (1996) oder Rasputin, ebenfalls 1996.

Diese Auswahl deutet die Vielfältigkeit an, mit der Rickman seine Karriere gestaltete. Im Laufe der Zeit, er hatte seinen "Durchbruch" immerhin erst mit 42 Jahren, wurden die (jugendlichen) Heldenrollen weniger - und machte Platz für Charakterrollen.

Es gab jedoch auch immer wieder Filme, in denen Rickmans komödiantische Seiten zum Vorschein kamen, so zum Beispiel in Dogma (1999), einer Fantasy-Satire von Kevin Smith oder - merket auf, Fans von Alexander Dane - Galaxy Quest.

Rickman sagte über den Film:

"People didn’t get it when it first came out. It is genuinely funny, however. Extremely funny. A truly great piece of writing."
(deutsch: "Die Leute haben ihn (den Film) nicht verstanden, als er damals herauskam. Wie auch immer, ers ist einfach nur wirklich witzig. Extrem witzig. Ein wirklich großes Stück.")

Alan RickmanEbenfalls aus dem Jahr 1999 ist Galaxy Quest eine Parodie auf Star Trek und andere Science Fiction-Filme/Serien. Dean Parisot (Regie, R.E.D. 2, 2013) gelang es wirklich unvergleichlich, die Welt der "Mainstream Nerds" einzufangen, mit Serienhelden, der Angst des Red-Shirts vor dem Serientod, der vollbusigen Assisstentin und - in der Rolle von Alan Rickman - dem Außerirdischen Hyperintellektuellen. In dem Film ist Rickman der frühere, gefrustete Shakespeare-Darsteller Alexander Dane, dem seine Rolle als Dr. Lazarus ihm immer noch übel aufstößt ... auch wenn sie das einzige darstellt, womit er noch gebucht wird. Der Standardsatz des Dr. Lazarus wird im Film zum Running Gag. “By Grabthar’s Hammer, you shall be avenged!

Den meisten wird Alan Rickman als Severus Snape in Erinnerung bleiben, dieser dunkle Zauberer mit strähnigen Haaren und fahler Haut, der im Verlauf der Harry-Potter-Reihe ein besonders schillernder Charakter wird. In den Verfilmungen bringt ihn Alan Rickman hervorragend in all seiner Vielschichtigkeit auf die Leinwand. Es gibt umfangreiche Zitate und Trauerworte von Schauspielern und anderen Mitgliedern des HP-Universums, nicht zuletzt J.K. Rowling selbst.

Michael Gambon, der Dumbledore spielte, sagte:

“Everybody loved Alan. He was always happy and fun and creative and very, very funny.” (deutsch: "Jeder liebte Alan. Er war immer fröhlich, machte Späße, war kreativ und war sehr, sehr lustig.") 

Alan RickmanBis zuletzt war Rickman aktiv. Er machte 2014 den Film "Die Gärtnerin von Versailles", mit Rickman als Regisseur. Er "drehe der Historie den Hals um", sagte er. Die Tatsache, dass zur Zeit Ludwig XIV. eine eine Frau als Landschaftsgärtnerin an seinem Hof angestellt gewesen sein könnte ... ein Ding der Unmöglichkeit. Er hat sich die Freiheit genommen, dies zu ändern und eine starke Frau in einer historischen Zeit vorzustellen, wie es damals eigentlich nicht denkbar war, und gleichzeitig den Sonnenkönig als einen sensiblen Herrscher, mit "grünen Idealen". (aus Die Welt)

In Kürze erscheint der zweite Teil der Alice im Wunderland-Verfilmung, wo Rickman der blauen Raupe seine Stimme leiht, auch Eye in the Sky, in dem er mitspielt, steht noch an.

Rickman hat nie einen Oskar gewonnen (Heh, Academy of Motion Pictures Arts and Science: für 2016 sind die Nominierungen bereits raus ... aber denkt mal 2017 an ihn), aber er soll nicht viel Wert auf diese Art von Ehrung gelegt haben, also ist es ihm vielleicht auch jetzt egal.

Es ist immer wieder das Gleiche ... wenn ein Schauspieler, Sänger, Künstler stirbt, der uns über Jahre/Jahrzehnte begleitet hat, mit dem wir vielleicht aufgewachsen sind, der vielleicht unser erster Schwarm war, oder mit dessen Starschnitt von Bravo wir in unserem Zimmer hatten, dann haben wir oft das Gefühl, dass ein Freund von uns gegangen ist. Ein Familienmitglied vielleicht sogar. Wir glauben, weil wir ihre Gesichter kennen, ihre Stimme kennen, würden wir auch den Menschen kennen, der sich hinter dem Gesicht und der Rolle verbirgt. Wir sind uns wahrscheinlich sogar der Tatsache bewusst, dass wir keine "echte" Beziehung zu diesem Menschen haben können, denn wir sind ihnen nie wirklich begegnet. Dennoch fühlen wir ein Gefühl der Trauer.

Alan Rickmans wahre Familie war bei seinem Tod bei ihm.

Wer Alan Rickmans Stimme hören - und dabei auch noch für eine Spende sorgen will, der wird eingeladen, auf diesen Link zu klicken. Die Aufnahmen zu diesem Benefizvideo wurden im Winter 2015 abgeschlossen ...

Kommentare  

#1 Heinz Mohlberg 2016-01-15 00:45
Mochte ihn besonders in
Über kurz oder lang, Die hard & Robin Hood

Dieses Jahr fängt wirklich beschissen an; setzt 2015 nahtlos fort
Lemmy, HRW, Bowie, etc...
#2 Torshavn 2016-01-15 06:21
Vielen lieben Dank für den wunderbaren Nachruf.
#3 AARN MUNRO 2016-01-15 18:01
...fand seinen Snape einfach überragend...
#4 Bettina M. 2016-01-15 20:22
Noch eine kleine Ergänzung ... Links zu Lesungen von Alan Rickman.
Alan Rickman liest Shakespeare, Proust und Thomas Hardy:
www.openculture.com/2016/01/the-late-great-alan-rickman-reads-shakespeare-proust-thomas-hardy.html
#5 Petra 2016-01-15 22:09
Ein schöner Nachruf auf das Leben von Alan Rickman, mit fein ausgewählten Bildern.
#6 Laurin 2016-01-16 14:51
Dan Haggerty (aus der Serie "Der Mann aus den Bergen) hat es jetzt auch im Alter von 74 Jahren erwischt. Das Jahr 2016 fängt wirklich nicht gut an, wie Heinz Mohlberg bereits richtig feststellte. :sad:

Alan Rickman war wirklich überaus präsent in seinen Rollen und das nicht nur in denen, wo er den Bösewicht gab. Besonders mag ich da auch seine Rolle als Familienvater mit einem Anflug von Seitensprung im Film "Tatsächlich...Liebe".

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