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So long, Cowboy

FotoSo long, Cowboy
W.K.Giesa in memoriam

Du hast es also geschafft, alter Freund. Du bist drüben und mit der Frau, die du aus tiefster Seele geliebt hast, wieder vereint.

Seit dich Heike verlassen hat, war der Lebensmut in dir erloschen. Du hast Heike ja immer gebeten, dich auf die andere Seite zu holen. Nun hat sie das getan. Oder eben jene Allmacht, die du zwar nicht anerkannt hast, die uns aber trotzdem den Anfang und das Ende unseres irdischen Daseins bestimmt.

In den letzten Telefongesprächen war klar zu erkennen, dass du dich bereits aufgegeben hattest. Du wolltest einfach nicht mehr. Hast mich sogar indirekt gebeten, dir zu helfen, nach drüben zu kommen. Klar, das konnte ich nicht machen. Schon deshalb nicht, weil du mich in einer anderen Nacht von so einer Sache abgehalten hast, als ich erkannte, dass ich in einer bestimmten Liebe niemals Erfüllung finden würde. Also habe ich mich nur revanchiert und viele Katzen, die seit diesem Tag mein Leben geteilt haben und noch teilen, werden es dir danken.

FotoSei glücklich, denn du hast die wahre Liebe, der ich mein Leben lang hinterher gejagt habe, gefunden. Und während meine Liebe für mich zwar örtlich nahe, aber dennoch weiter als die Grenzen des Universums entfernt liegt, hast du sie über viele Jahre im Leben genießen dürfen. Ich sollte dich darum „glücklich“ nennen. Und jetzt bist du vielleicht jenseits des dunklen Vorhangs glücklicher, als du es in den letzen Zeiten auf dieser Welt gewesen bist.

Wenn ich nachgekommen bin, werden wir mal drüber reden. Unser Freund Kurt Brand hat dich ja sicher schon empfangen und auch Jürgen Grasmück wird dir dort, wo du jetzt bist, ohne Rollstuhl entgegen gekommen sein. Fast wäre ich schon vor dir dort gewesen – aber offensichtlich habe ich noch eine Aufgabe in dieser Welt – vermutlich vier Katzen ein Zuhause zu geben.

Ja, nach Heikes Tod hast du im Leben keinen Sinn mehr gesehen. Und den Sinn, den ich dir genannt habe, nämlich die Katze, die im Tierheim auf dich wartet, dass du ihr ein Zuhause gibst, den wolltest du nicht akzeptieren. Und so bist du einsam geblieben – jedenfalls so wie ich es sehe. Denn seit das Schicksal unsere Wege, die viele Jahre fast so eng geknüpft waren, wie es bei Brüdern üblich ist, im Jahr 1986 langsam auseinander driften ließ, haben wir uns kaum noch von Angesicht gesehen. Irgendwann vor einigen Jahren noch mal auf einem Marburg-Con, das war’s. Meine Einladungen, seit ich nach meiner Trennung von Rosi wieder alleine war, habt ihr bzw. dann du, immer ausgeschlagen. Und ich selbst, dass weißt du, ich bin wie der Teufel – mich muss man rufen, sonst erscheine ich nicht. Auch, wenn ich dir immer gesagt habe, dass du mich rufen sollst, wenn du mich brauchst – es ist kein Ruf an mich ergangen. Also bin ich zu Hause geblieben – du hattest ja, meiner Meinung nach, viele Freunde in deiner Umgebung.

Gestern Abend, nachdem ich die Nachricht von deinem Hinübergang vernommen hatte, saß ich die halbe Nacht rum und immer wieder kamen Erinnerungen aus früheren Zeiten. Ich könnte ganze Bücher darüber schreiben, was so alles abgelaufen ist. Einiges ist bekannt, aber nicht alles kann erzählt werden – und wird auch niemals berichtet. Aber nichts ist vergessen – und nichts wird je vergessen werden. Denkst du noch daran, wie wir uns mal bei einer Pony-Ranch Pferde besorgt haben und einfach nur durch Feld und Wald geritten sind? Oder an die Tränen, die du auf dem Kloster von Monte Cassino vergossen hast, als du die Bilder der sinnlosen Zerstörung im Krieg gesehen hast.

Ja, mein Freund, viele, die glaubten, dich zu kennen, haben nicht in den Kernpunkt deiner Seele gesehen. Und die Handlung, die in den letzten Jahren unsere Freundschaft ins Kühlfach legte, das hast du nicht von dir aus getan. Ich weiß es wohl, woher es kam – und auch warum. Und das weißt du nicht – oder vielleicht erst jetzt.

Asche drüber gestreut. Das Konto ist abgeschlossen und die Minus-Beträge sind gelöscht. Bleiben nur die Erinnerungen an die tollen Sachen, die wir über Jahre erlebt haben. Aber das gehört nicht hierher. Du weißt es und ich weiß es. Und einige andere Leute, die dabei waren, wissen es auch. Das genügt doch wohl.

Als Ideenfabrik in Sachen Grusel, Horror und Fantasy waren wir absolute Spitze. Wenn ich noch dran denke, wie wir einige Jahre während der sog. Bierkonferenzen in meiner damaligen Wohnung in Ahnatal gemeinsam den Hintergrund für Zamorra konzipiert haben. Dazu sei natürlich noch Wotan, mein Rabe als dritte Person erwähnt. Ja, es war, wie man heute im Neudeutsch sagt, „ne geile Zeit“. Wir liefen beide in Western-Montur rum, Willibald, dein Skelett, das immer im Auto saß, brachte das halbe Dorf in Aufruhr und deine Waffensammlung, Herr Kriegsdienstverweigerer, hätte für einen mittleren Bürgerkrieg ausgereicht.

Ach, die Erinnerungen… ich hämmere das hier jetzt alles einfach so in den Computer, wie es aus mir heraus fließt – und eigentlich wollte ich doch ganz was Anderes schreiben. Vielleicht mache ich das auch noch mal. Aber nicht hier und nicht jetzt.

Immerhin werden sich auch noch andere Leute, mit denen du in den letzten 25 Jahren engere Kontakte hattest, zu Wort melden und die Elegien singen. Und das ist für deine heutigen Leser viel interessanter. Denn viele von ihnen waren, als wir unsere Zeit hatten, noch gar nicht geboren. Und vieles, was wir gemacht haben, ist einfach nur aus der damaligen Zeit zu erklären.

Eins waren wir beide ganz gewiss nicht: normale Menschen, die in eine Schablone passen. Die alte Südstaatenflagge, die wir trugen, hat auf uns gepasst. Innerlich sind wir immer Rebellen gewesen – auch, wenn wir mit unserer Umwelt Kompromisse schließen mussten.

Wie waren wie die Ritter oder die Cowboys, die wir schon als Kinder bewundert haben und denen wir nacheiferten. Die „Helden“ der so genannten „Schund- und Schmutzliteratur“ waren unsere Vorbilder. Und wir haben sie in uns getragen – nun, ich trage sie heute noch in mir.

Du warst eine Mischung zwischen Ted Ewigk, Robert Tendyke und Professor Zamorra. Meine Seele teilen sich Michael Ullich und Carsten Möbius – ich habe von beiden ein wenig. Und wie Pater Aurelian folge ich „meinem Stern“. Manchmal frage ich mich, wer deine Vorbilder für Nicole, Ansu Thanaar oder die Peters-Twins sind – denn dass es die gibt, ist mir so klar, wie du ja meine „Heldinnen“ noch in unseren Filmen sehen kannst – dort für immer süße 17 – heute jenseits der Vierzig.

Okay, ich halte dich mit meinem Gerde von Dingen ab, die du gerade machen willst. Also dann, reite, Cowboy, reite in die Ewigkeit. Irgendwie und irgendwann, zum Harfe spielen im Himmel (nein, du bekommst da kein Schlagzeug) oder zum Kohlen schaufeln beim Asmodis, in Allvater Odins Helden-Walhall, den Gefilden der Seligen oder Eressea, dem Land der Elben im Westen sehen wir uns wieder. Und bis dahin…..

…so long, Cowboy

Kommentare  

#1 Stefan Bayerl 2008-03-25 21:40
Hallo Rolf,
noch so eine Stimmer aus der dunklen, weit entfernten Vergangenheit...
Vielen Dank für Deine Worte. Dem kann und möchte ich nichts mehr hinzufügen.
Behalten wir den alten Kempen so in Erinnerung, wie es jeder von uns für sich individuell tun wird.
Liebe Grüße,
Stefan
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