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Über Werner Giesa

FotoÜber Werner Giesa

Das ist alles andere als leicht ... das wollte ich nie schreiben ...

Im Prinzip hatten Werner Giesa und ich uns ja vorgenommen – wenn wir Tattergreise sind (also in naher Zukunft), ziehen wir gemeinsam in ein Altersheim ... und machen dort das Pflegepersonal wahnsinnig.

Wie kann ich jetzt nur an diese Telefonate denken, in denen wir uns in den knalligsten Farben alle Details dieses Rentnerlebens ausgedacht haben? Wir haben viel gelacht ...

Aber zum Lachen ist mir heute nicht.

Mein Freund Werner ist tot.

In den nächsten Tagen und Wochen werden sicher viele Texte erscheinen, die sich mit seinem Leben und Wirken beschäftigen. Viele der Verfasser  werden davon sprechen, dass Werner in den letzten Jahren ein schwerkranker Mann gewesen ist, davon, dass der Tod seiner geliebten Heike ihn mit Macht aus der Bahn geworfen hat.

FotoJa, das alles stimmt. Es stimmt auch, dass Werner ein eigensinniger Bursche war ... stur wie ein Panzer. Wie er selbst immer sagte, konnte er seinen Schnabel eben nicht halten – sicher ein Grund, dass wir miteinander so gut auskamen, denn mir geht es nicht anders.

Und andere werden schreiben, wie vielseitig er als Schriftsteller war - »Alles außer Landser!« hat er immer zu mir gesagt. Natürlich war er in allen Genres gut, doch die SF war nun einmal sein Favorit. Und so haben wir uns ja 1986 auch kennengelernt. Damals habe ich ihn als Autor für die SF-Romanheftserie »Star Gate  - Tor zu den Sternen« ausgesucht. Ein guter Griff – und der Anfang einer intensiven Freundschaft. Vom Professor Zamorra werden sie auch schreiben ... den hat Werner so intensiv geprägt, wie man es sich nur vorstellen kann. Als er mich 2001 als Co-Autor zur Serie holte, wurde mir das schnell klar.

Aber über all dies wollte ich überhaupt nichts schreiben.

Sondern? Über den Menschen Werner Giesa. Der konnte nämlich unglaublich hartnäckig sein, konnte sich regelrecht festbeißen. Ein Beispiel:

Irgendwann in der Mitte der 90er-Jahre ging es meiner Frau und mir nicht so besonders gut. Meine Firma war ruiniert ... Bärbel mit ihrem Leitungsposten auch nicht sonderlich glücklich. Wir begannen, uns kontinuierlich zurückzuziehen. In unser Schneckenhaus hinein – sprich: unsere Wohnung. Die Kontakte zu unseren Freunden reduzierten wir bis auf Sparflammenniveau; selbst unsere Familien bekamen von den Krämers kaum noch etwas zu sehen. Die meisten akzeptierten das – andere waren sauer auf uns.

Nur einer nervte jeden Abend: Werner Giesa.

Immer so gegen 19 Uhr ging das Telefon ... wir ignorierten es ... und der AB lief an.

»Giesa ... meldet euch, verflixt! Das könnt Ihr mit mir nicht machen!«

Das wiederholte sich nahezu täglich – über viele Wochen hin. Manchmal schimpfte er ... manchmal bettelte er geradezu. Und irgendwann höhlte der stete Tropfen den Stein ... ich hob ab.

Mit Mühe erklärte ich Werner unsere momentane Situation. Was dann kam, war Schimpfe ... das könne ich mit anderen machen, aber nicht mit ihm! Wofür sind Freunde denn da? Was ich denn glaube, wer ich sei! Und, und ... und so weiter.

Am Ende angekommen musste er Luft holen. Und dann kam ein Satz, den ich nie vergessen werde:

»Ich bin dein Freund und werde es immer bleiben – mich wirst du nicht mehr los!«

Und so ist es ja auch gekommen. Er hat mich nie aufgegeben.

Nun hat er seinen letzten Kampf verloren ...

Ich sitze hier und weiß überhaupt nicht ... soll ich weinen oder mich für ihn freuen? Er war mit seiner Kraft am Ende.

Ich spare mir nun die hehren Sätze wie »Ich werde ihn nie vergessen!« Wie könnte ich das?

Ich zähle auch nicht auf, was ich ihm alles zu verdanken habe – er und ich wussten es. Das reicht.

Ich werde nun an meinem aktuellen Zamorra-Manuskript arbeiten ... und ganz sicher wird das ein seltsames Gefühl sein. Wir hatten einmal – ich glaube bei Star Gate  Heft 16 – einen internen Gag eingebaut. Irgendwie hat das auch niemand wirklich bemerkt ... gut so. Aber nun werde ich ihn noch einmal bemühen:

»Es war eine dunkle und stürmische Nacht ...« - das wird sie werden ... ohne dich, mein alter Freund.

 

Volker Krämer

Gelsenkirchen, Februar 2008

Kommentare  

#1 Stefan Bayerl 2008-03-25 21:55
Volker,
auch wenn ich von ganzem Herzen hoffe, dass die Zeiten für Bärbel und Dich nie wieder so stürmisch werden mögen, Anna und ich waren und sind in Gedanken immer bei Euch.
Kein beruflicher Erfolg oder monitärer Aufstieg ist den Verlust eines Freundes wert.
Leider habe ich in dieser Beziehung in meinem Leben nicht immer die richtigen Prioritäten gesetzt.
Als ich Deinen Artikel las, meinte ich den Schmerz in Deiner Stimmer zu hören. Auch auf Grund unseres kürzlichen Gesprächs weiß ich, dass es immer noch an Dir nagt. Aber es war auch schön wieder Dein Lachen zu hören (in der Regel in den Hustenpausen).
Pass auf Dich auf und ich melde mich, wenn auch nicht jeden Abend...
Liebe Grüße,
Stefan
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