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Sieben gegen die Hölle - Friedrich (Teil 7)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Friedrich (Teil 7)
Verbrannt
Niemand wusste, wann der Hang einzustürzen drohte. Viele glaubten bereits daran, dass es gar nicht passierte und die Schlagzeilen in den Zeitungen darüber wurden immer kleiner. Doch Schalmüter wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte. Er packte ein paar sehr notwendige Dinge zusammen und unterrichtete seinen Freund Robert Norden darüber, was er vorhatte. Es schien ihm wichtig, dass außer ihm noch jemand wusste, was er vorhatte.


Somit sollte klargestellt werden, was passiert war, wenn der Priester nicht zurückkam. Heidi wollte er auf keinen Fall mitnehmen. Doch er machte die Rechnung ohne sie. Sie saß bereits in seinem Auto als er die Reise antreten wollte. Er war nur kurz weg um noch ein Gepäckstückstück zu holen, da saß sie bereits auf dem Beifahrersitz. Kühl und verführerisch lächelnd.

„Ich komme natürlich mit. Du lässt mich die ganze Arbeit machen, und jetzt kann der Mohr gehen? Nein, nein mein Freund."

„Ich denke, es wird gefährlich für ein Mädchen. Der Schlangenreiter. Wir könnten ihm in die Quere kommen.“

„Man merkt, dass du nie mit Frauen zusammengelebt hast, sonst wüsstest du, wie eigensinnig wir sind, Du kannst mich nicht abschütteln, also versuch es gar nicht erst.“ Offenbar konnte Schalmüter der reizenden, jungen Frau keinen Wunsch ausschlagen, denn er spürte schnell, wie machtlos er war. Gegenüber einer selbstbewussten und dazu noch hinreißend aussehenden Frau hatte ein Mann von leicht labiler Natur nicht den Hauch einer Chance. Im Kofferraum befand sich auch längst eine Tasche von Heidi.

***

Die Reise ging zu den Extern-Steinen in der Nähe von Detmold an den Ausläufern des Teutoburger Waldes. 70 Millionen Jahre Geschichte ranken sich um die eigenartigen Felsen, die einen erhabenen Teil des Gebirges Teutoburger Wald darstellen. Sollte an diesem sagenumwobenen Ort tatsächlich jener Ableger des Weltenbaums zu finden sein, der die Menschheit vor einer nie da gewesenen Katastrophe bewahren konnte?

Heidi und dem Mann Gottes standen Stunden bevor, die man ohne Zweifel als atemlos bezeichnen konnte.

***

Heidi und ihr Mentor, der Geistliche Friedrich Schalmüter, hatten ein Ziel erreicht. Ein wichtiges Ziel nach einer erlebnisreichen Geschichte. Ohne Heidi hätte es Schalmüter nie geschafft. Das wusste er genauso gut wie er wusste, dass Robert Norden in der Geschichte eine wichtige Rolle spielte. Auch wenn seine Kontaktaufnahme mit ihm am Ende indirekt den Tod von Konstantin Kowalkowski bedeutet hatte. Doch wie wäre die Geschichte weiter gegangen, wenn er anders gehandelt hätte? Darüber nachzudenken war müßig.

Jetzt war erst mal wichtig, dass er bei den Extern-Steinen war. Und dass er hier etwas zu finden vermochte, das ihm half, die Welt zu retten. Er kam sich dabei manches Mal vor wie Batman. Wie ein Held. Aber er war ein Held wider Willen.

„Hast du eine Ahnung, wo wir suchen müssten?“, fragte Heidi.

„Nein. Aber vielleicht stoßen wir auf etwas und haben eine Eingebung. Etwas Glück könnte zur Abwechslung nicht schaden.“ Die beiden schritten die Felsformation am Fuße ab und warfen erstaunte Blicke auf die Felsen. Überhaupt schienen Felsen in dieser Geschichte eine wichtige Rolle zu spielen, dachte Schalmüter. Dann sah er etwas.

„Heidi!“

„Was?“

„Da ist eine Grotte.“

Er zeigte auf ein Loch im Felsen oberhalb von Ihnen. Dieses zu erreichen schien beschwerlich. Aber nach drei Stunden hatten es die beiden geschafft. Die touristisch nur schwer erreichbare Stelle ist eines der letzten großen Geheimnisse der Extern-Steine in Nordrhein-Westfalen. Ein der Teil der vielen Nebengrotten diente einmal als mittelalterliches Gefängnis. Die schroffen Felsabhänge davor machten deutlic,h wie schwer es den Gefangenen damals gefallen wäre zu fliehen. Wenn sie überhaupt in die Nähe des Ausganges gekommen wären. Das Resultat der Flucht wäre entweder der Tod oder unbeschreibliches Glück gewesen.

Es war feucht und dunkel in der Grotte. Gleich seitwärts befand sich noch im Halblicht des ausgehenden Tages das Abbild einer teuflischen Fratze im Gestein. Schalmüter und Heidi tasteten sich langsam vorwärts. Es gab einige Nischen und Ritzen. Allenfalls hätte eine schmale Frauenhand oder die eines kleines Kindes in diese Ritzen des Felsens hineinfassen können. Schalmüter ahnte, dass diese Ritzen womöglich tief in das Gestein ragten und irgendwo mündeten oder herauskamen. Ebenso verhielt es sich mit den Nischen. Sie waren eng und niedrig. Allenfalls eine kleine Puppe hätte man da hineinstellen können. Nach oben hin mündeten sie in eine kaum erkennbare noch engere Kuppel. Die Enge der Nebengrotte, die Schalmüter und Heidi als einzige erreichen konnten, sorgte für Klaustrophobie.

„Hierherzukommen bedeute kein Problem für mich. Doch seit ich hier bin, habe ich Angst. Furchtbare Angst“, sagte Heidi.

„Wir geben nicht auf. Nicht jetzt, wo wir dem Ziel so nah zu sein scheinen“, entgegnete Schalmüter.

Irgendwann – sie mochten sich vielleicht bereits seit einer Stunde in der Grotte umgeschaut haben, entdeckte Friedrich ein grünes Leuchten. Es kam direkt aus einer kleinen Ritze, eine Handbreit über seinen Kopf. Beide konnten nicht sagen ob das Leuchten schon immer da war oder gerade eben erst erschienen war. Schalmüter zirkelte mit den Fingern in der Ritze herum. Seine Hand schien etwas greifen zu wollen. Doch diese war viel zu groß für jenes kleine Löchlein.

„Was hast du entdeckt?“, fragte Heidi.

„Ich weiß nicht. Da hat mich etwas angelockt. Und darin ist etwas. Etwas Kleines, Klobiges. Es fühlt sich hart und kalt an.“

„Lass mich mal“, sagte Heidi. Friedrich hatte keinen Grund, seiner Praktikantin diesen Wunsch abzuschlagen. Sie hatte schmalere Hände. Sie griff mit ihrer Rechten hinein. Tatsächlich kam sie mit der gesamten Hand durch die faustgroße Öffnung. Mit großen Augen sah sie Schalmüter an. Ja, sie hatte etwas zu greifen bekommen. Das konnte der Geistliche deutlich an ihrem Blick erkennen. Doch plötzlich veränderte sich etwas in ihren Augen und sie schrie auf. Wie von einer Tarantel gestochen zog sie die zittrige, zarte Mädchenhand aus dem schroffen Felsenloch.

„Mein Gott, was ist denn los?“ entfuhr es dem Priester. Heidi hielt sich die rechte Hand und ihr Gesicht schien schmerzverzerrt.

„Ich habe mich verbrannt oder an irgendetwas gestochen. Es tut höllisch weh und lässt nicht nach.“ Nur mit Mühe konnte der Geistliche aus dem Meißner-Land seine Freundin davon überzeugen, ihm die lädierte Hand zu zeigen. Zu seiner Verwunderung stellte er keinerlei Rötungen oder Verletzungen fest.

„Da ist nichts zu sehen.“

„Oh, es brennt wie Höllenfeuer“.

***

Nach einigen Minuten ließ der Schmerz immer mehr nach. Friedrich wusste nicht, ob er es Heidi erneut zumuten sollte, aber er hatte keine Wahl. Nur die Hand des Mädchens war in der Lage, das unbekannte Stück aus der Felsenwand zu lösen. Ein Stück, über dessen Bedeutung sich Schalmüter noch nicht klar war, welches aber durchaus der Ableger des Weltenbaums sein konnte.

„Heidi. Du musst es nochmal probieren. Hole mir das Teil daraus.“

„Was verlangst du? Es sind grausame Schmerzen.“ Sie schrie ihn regelrecht an.

„Heidi! Wenn es nun der Ableger ist, den wir suchen?“

Heidi biss sich scharf auf die Unterlippe. „Er ist es ganz bestimmt. Und nur einer kann ihn holen. Ein Bestimmter. Du!“

Verzweifelt blickte sich Schalmüter um. Er wirkte wie ein alter, verwirrter Mann.

„Verdammt. Ich komme nicht dran. Ich kann auch das Gestein rundherum nicht aufbrechen. Es ist viel zu dick.“

Die beiden wechselten hektische Blicke und diskutierten minutenlang miteinander. Und dann … tat Heidi es. Unter unvorstellbaren Schmerzen gelang es ihr, etwas Kleines, Unscheinbares aus der Öffnung zu ziehen, welches sie sofort fallen gelassen hatte. Es sah aus wie eine Wurzel und gleichzeitig wie ein Stück Ingwer. Für Schalmüter war klar, dass es der Ableger des Weltenbaums war. Jenes Stück Pflanze mit mythologischem Ursprung, welches Midgard vor einer Katastrophe bewahren konnte und gleichzeitig die Rückkehr des Schlangenreiters in sein Reich bedeuten konnte.

Heidi war dermaßen erschöpft, dass sie zusammengesunken am Boden kauerte. Schweiß stand ihr im Gesicht. Hatte der Priester zu viel von ihr verlangt? Sie konnte nur schwach sprechen. Es vergingen Minuten und Schalmüter begriff, dass er ein großes Opfer bringen musste um die Menschheit vor einem Unheil zu bewahren. Torkelnd verließ er die Grotte und ließ das tote Mädchen nur ungern zurück.

***

Beim Abstieg hing er seinen Gedanken nach. In seinen Händen hielt er den Ableger des Weltenbaums. Er verbrannte sich nicht daran. Vielleicht war er tatsächlich ein Auserkorener. Oder das Exemplar hatte außerhalb der Felsenritze einen wesentlichen Teil seiner Kraft einbüßen müssen. Hoffentlich nicht jenen Teil, der für Schalmüter wichtig war um die Erde zu vor der Invasion von Dämonen zu bewahren.

Als er einen Teil des Weges ging, den er sich selbst auferlegt hatte spürte er einen Schatten in seinem Nacken.

Er drehte sich mehrmals um und stellte voller Entsetzen fest, dass ihm der Schlangenreiter auf den Fersen war. Melringo wäre selbst ebenso wenig wie er in der Lage gewesen, den Ableger zu holen. Aber er brauchte ihn genauso wie er.

***

Im Hause von Kommissar Breitstetter befasste man sich mit Mächten, die kein normaler Mensch kannte und deren Existenz sich nur schwerlich beweisen ließ. Der Kriminalist wusste es jedoch besser. Längst wusste er, woran der Geologe Kowalkowski gestorben war und würde sich dem Reporter Norden früher oder später anvertrauen. Er sollte darüber schreiben. Doch es gab noch jemanden im Hause von Breitstetter, der sich mit diesen Themen befasste und der immer ein wenig einsam und verschlagen dabei wirkte. Manchmal half er seinem Vater, manchmal ging er eigene Wege. In letzter Zeit hatte er sich verändert. Lars Breitstetter war der Sohn des Kommissars. Sechzehn Jahre war er erst und mit seinen rötlichen Haaren, der unmodernen Brille und den vielen Pickeln war nicht unbedingt ein Junge, den man als hip bezeichnen konnte. Und er war auch niemand, dem die Mädchenherzen zu Füßen lagen. Lars hatte andere Stärken.

Fortsetzung folgt …

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