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Buchmessen und Fantasy: Eine Schein-Ehe? - April 2013

Auf eine Mail mit Uschi ZietschBuchmessen und Fantasy:
Eine Schein-Ehe?
April 2013

Ist die Leipziger Buchmesse noch die etwas andere Messe? Hat sie noch ein Herz für Fantasy-Bücher jenseits des Jugendbereichs?

Und wie sieht es mit der Zukunft der Fantasy generell in diesem unserem Lande aus?

Vorsicht: Die Antwort könnte schockieren!


Andreas: In unserer letzten Kolumne hast du dich auf die Leipziger Buchmesse gefreut, aber leider gab es doch auch ein paar Wermutstropfen. Braucht ein arrivierter Autor die Messe, brauch ein kleinerer Verlag sie?
Uschi: Als wir das erste Mal in Leipzig waren, es war 2007, hatten wir einen überwältigenden Erfolg. In den nächsten Jahren ging es ein bisschen zurück, doch so wie 2013 war es noch nie. Bisher haben wir immer locker 2500 Prospekte weggebracht; ich weiß nicht, wie viele es dieses Jahr waren, aber schätzungsweise die Hälfte. Rechnet man daraus den erhofften Rücklauf von 2% (wir hatten schon auch 10%) ist das bitter. Natürlich ist eine Messe eine Werbeveranstaltung, aber die Frage ist: investiere ich das Budget nächstes Mal nicht besser in gezielte Anzeigen oder sonstige Aktionen, für die ich mehr Rücklauf erhoffen darf?
Zug um Zug, je mehr Leipzig sich als Buchmesse etabliert hatte, ging auch das Angebot an die Aussteller zurück. Auf einmal (ab 2010, glaube ich) musste für Lesungen in den Messehallen bezahlt werden. Kein Witz! In Halle 2 im Comic- und Spielbereich, in den auch die Fantasy/Phantastik/SF eingegliedert wurde, durfte man ab 2012 nicht mehr am Stand verkaufen. Das war zwar ohnehin nicht in allen Hallen Usus, aber für viele Aussteller war genau das wichtig, und es hat sich sehr schnell gezeigt, dass auch die meisten Comicverlage als Einzelaussteller nicht mehr kamen. Woraufhin auch 2013 die Halle um gut ein Drittel nicht besetzt war. 2012 haben wir ja aus Protest gegen das neue Konzept nicht teilgenommen, dieses Jahr wollten wir „eine zweite Chance“ geben, wie es so schön heißt. Und was mussten wir feststellen?
Auf der Fantasy-Leseinsel waren plötzlich Kinder- und Jugendbücher mit integriert, sodass einige arrivierte Autoren der Phantastik gar keine Lesezeit mehr bekamen! Außerdem wurde reine Erwachsenenliteratur vor 6- bis 8-jährigen Kids gelesen, was völlig unpassend ist.
Jahrzehntelang haben wir Verlage und Autoren uns bemüht, der Öffentlichkeit nahezubringen, dass Jugendbücher zwar auch Fantasy sein können, Fantasy aber nicht automatisch Jugendbuch ist. Wir haben darum gekämpft, als „ernsthaftes“ Literaturgenre beachtet und anerkannt zu werden; was zwar immer dann zertrümmert wurde, wenn Bücher mit phantastischem Einschlag (wie etwa beim „magischen Realismus“, was man heute zumeist als „Urban Fantasy“ bezeichnet) von internationalen Bestsellerautoren bei den Verlagen in der „Allgemeinen Reihe“ veröffentlicht wurden, damit nur ja nicht das anrüchige Etikett „Fantasy“ anhaftete.
Dennoch haben wir den Kampf nicht aufgegeben und hegten eine immerhin geringe Hoffnung, nachdem die Fantasy durch die „Herr der Ringe“-Filme sozusagen salonfähig wurde und Bestseller auch aus deutschen Landen hervorbrachte, dass sich die Denkweise doch so langsam ändern würde.
Und jetzt?
Zeigt sich, dass sich nichts geändert hat. Im Gegenteil. Die Leipziger Messe will offenbar „seriös“ werden, obwohl sie ohne uns und der Halle 2 überhaupt nicht mehr existieren würde.
Die Messe macht vor allem dem Comicbereich deutlich, dass er nicht mehr erwünscht ist, indem dieses Jahr den Künstlern bei den Signierstunden Geld für den Tisch abgeknöpft wurde. Außerdem wurde ihnen vorgeschrieben, was sie während der Signierung zu zeichnen haben (also nicht etwa „Anrüchiges oder Anstößiges“), während nebenan im Anime-Kino die 8-Jährigen gebannt auf die Leinwand starrten, auf der gerade eine Sexszene stattfand.
Dabei wird immer wieder betont, wie bedeutend die Halle 2 für die Messe wäre – klar, die anderen Hallen sind ja nur noch zu 50% besetzt, und kein Mensch geht dort hin. Wir haben mit einigen Kolleginnen und Kollegen dort gesprochen, die zum Teil nicht mal 500 Prospekte losgeworden sind.
Nahezu alle Besucher quetschten sich in Halle 2, die Staus ohne Vorankommen gab es aber trotzdem nur bei den Eingängen, bei uns in den Gängen, weil sie auch wegen der geringen Besetzung so breit waren, war und blieb es relativ zu den anderen Jahren betrachtet nämlich ruhig.
Es wurde ja auch schon mal von der Messeleitung angedacht, Fachtage einzuführen, wie in Frankfurt eben, was völliger Humbug ist. Leipzig ist mit „Leipzig liest“ eine Publikumsmesse, wo Künstler und Kunstliebhaber „Auge in Auge“ und auf Tuchfühlung miteinander sind. Insofern ist es für arrivierte Autoren natürlich wichtig zu kommen, weil sie hier in Leipzig „Autoren zum Anfassen“ sind und direkt mit ihren Zielgruppen interagieren können. Das ist ein schöner und erfreulicher Austausch für beide Seiten.
Für die meisten, auch die Großverlage, dürfte sich der Stand aber nicht lohnen. Und das meine ich jetzt nicht monetär, denn die Ausgaben kann man kaum wieder hereinbekommen. Doch zumeist werden von den Großverlagen doch sowieso nur die Bücher ausgestellt, die jeder kennt, schon hat oder noch erwerben wird.
Ich denke gern an „die frühen Jahre“ zurück, als eine heitere Atmosphäre herrschte, das Publikum überaus interessiert war an den Erzeugnissen (was sich inzwischen auch ziemlich abgenutzt hat, mittlerweile kommen viele wohl aus Gewohnheit, wie sie ins Museum oder in den Zoo gehen, um mit den Augen zu konsumieren, berühmten Autoren bei den Lesungen zu lauschen und sich die Bücher signieren zu lassen – und ansonsten einfach nur vorbeiflanieren), wo die Messe „einfach anders“ war. Nun gibt man sich redliche Mühe, Frankfurt nachzueifern. Aber Frankfurt gibt es schon, das brauche ich nicht zweimal. Das habe ich hinter mir.
Ich weiß nicht, wohin sich das noch entwickeln wird, aber ich habe nicht das Gefühl, wieder zum Besseren.

Andreas: Wie du schon gesagt hast, wird nicht nur in Leipzig die Fantasy in den Jugendbereich abgeschoben. Leider ist das generell so. "Raumschiff Enterprise" wurde früher als Kinderserie synchronisiert, erfolgreiche Fantasybücher aus Deutschland wie "Tintenblut" oder "Rubinrot" sind Jugendbücher, und als das ZDF seine 50 Jahre feierte, wurde anhand der gezeigten Ausschnitte einmal mehr klar, dass man keine Fantasy oder SF abseits von "Timm Thaler" zu  bieten hat. Im englischsprachigen Bereich ist man da viel weiter. Siehst du für uns noch Hoffnung?
Uschi: Nein.

Kommentare  

#1 c.r.hays 2013-04-07 00:35
Das ist wirklich keine schöne Entwicklung...
#2 Lefti 2013-04-07 00:46
Naja, das Ganze sieht mir jetzt nicht unbedingt wie ein Feldzug gegen die Phantastik aus, sondern eher danach Kosten zu minimieren und trotzdem mehr Einnahmen zu verzeichnen.
Vielleicht sollten die Leute aus dem Phantastik- und Comic-Bereich auf die Essener Spiel- und Comic-Messe ausweichen. Das wäre bestimmt eine Alternative, da dies auch eine Messe zum "Anfassen" ist und dort das entsprechende Zielpublikum zu finden ist.

Das ZDF kann feiern wie und was es will. Das ZDF ist längst kein Maßstab mehr. Wenn man Cindy aus Marzahn als Quotenbringer in Wetten dass...? einsetzt, statt zu realisieren, dass die Zuschauer wegschalten, weil sie die Cindy nicht sehen wollen/können und dadurch die Einschaltquoten in den Keller sacken, dann können sie ruhig wieder das feuerrote Spielmobil, Rappelkiste oder Timm Thaler ausgraben, der schon damals vor (gefühlten) 120 Jahren als Schlaf- :zzz und Brechmittel :-x erhalten musste.
#3 Larandil 2013-04-07 00:49
Ja - der Charme bleibt auf der Strecke, wenn alles möglichst professionell laufen soll. Ich habe auf der Messe ein Buch am Stand erwerben können - allerdings nicht einfach so beim Verlag; die Leute vom Verlag mussten erst mal einen Mitarbeiter der Messegesellschaft anlocken, der das Geld entgegennehmen und einen Beleg darüber ausstellen konnte. Geht ja mal gar nicht, dass Verleger Geld verdienen, ohne dass die Messeleitung einen Anteil davon kassiert!
#4 Larandil 2013-04-07 09:05
Ich glaube es ist schon eine ganze Weile her, dass ich den Festa-Verlag auf der Buchmesse in Leipzig wahrgenommen habe. Ob es wohl möglich wäre, gerade die kleinen Phantastikverleger, -autoren und -zeichner an einem Ort für ein Wochenende zu versammeln?
#5 Guido 2013-04-07 09:33
Es gibt u.a. den ColoniaCon, den DORTCon, den BuCon, die Cons in Leipzig und in Garching. Ich finde das schon heftig. Mehr Veranstaltungen bedeutet - bei Locations wie Buchmessen oder der SPIEL - _sehr hohe_ Ausgaben, die man nicht rein bekommt. Nicht durch diese Veranstaltungen. Und in der Zeit, in der man mehrere Tage in der Gegend rum turnt, bleibt die Arbeit zu Hause liegen, d.h. die Produktion.

Ein Buch von Uschi Zietsch gehört neben das von z.B. Markus Heitz gestellt. Das passiert bei Amazon 24 Stunden am Tag an 7 Tagen in der Woche an 365 Tagen im Jahr. Was ich damit sagen will: (für mich) hat ein Tag nur 24 Stunden, und als Verlag muss man irgendwie schauen, dass man Umsatz macht. Veranstaltungen wie eine Buchmesse oder die SPIEL kosten Geld, das ich nicht wüsste, wie ich es wieder reinbekommen sollte (wenn ein Messebesucher NUR _meinen_ Flyer mit nach Hause nehmen würde und dann was bestellen würde, okay - aber das halte ich für utopisch). Und warum NOCH eine Veranstaltung aufziehen, wenn es 4-5 schon im Jahr gibt - die reichen zumindest mir (bei dem der Abverkauf überwiegend über den Online-Buchhandel läuft - DA muss ich meine Bücher bekannt machen, nicht 1 oder 2 mal im Jahr auf einer Veranstaltung, die Geld kostet aber bei der keine Bücher verkauft werden. Anders ist das natürlich auch bei denen, die nichts verkaufen weil sie keine lukrativen Titel haben oder die Autoren ihre Bücher bezahlen lassen, die sind auf Messen angewiesen).

Darüberhinaus ist es so, dass sich die Anzahl der Fantasy-Titel bei mir im überschaubaren Rahmen bewegen (auch was die VK-Zahlen betrifft); eine Messe, die auf jugendliche Fantasy-Leser schielt, ist für mich nicht sexy - ich verkaufe vorwiegend SF offenbar an Männer im "Mittelalter", und die "sehe" ich da eher nicht - sondern bei Amazon...
#6 Heinz Mohlberg 2013-04-07 12:58
So lange es noch Kleinverleger gibt, die verzweifelt von einer Veranstaltung zur nächsten hetzen und dann als großen Erfolg bei 20 Besuchern den Verkauf von drei Büchern feiern, so lange wird es auch immer wieder die Idee von zusätzlichen Veranstaltungen mit natürlich immer den gleichen Besuchern geben.
#7 Mchenry 2013-04-07 19:28
Die SPIEL Essen ist keine Alternative Dort ist genau der gleiche Effekt zu beobachten. Zeichner werden in Nebenhallen abgeschoben, LARP und RPG halbiert sich von Jahr zu Jahr.

Siehe auch :
mchenryarts.wordpress.com/2012/10/18/essener-spieletage-spiel-2012-part-1/

mchenryarts.wordpress.com/2013/02/13/essener-spieletage-spiel-2012-part-2/
#8 Lefti 2013-04-07 21:47
zitiere Lefti:
Naja, das Ganze sieht mir jetzt nicht unbedingt wie ein Feldzug gegen die Phantastik aus, sondern eher danach Kosten zu minimieren und trotzdem mehr Einnahmen zu verzeichnen.
Vielleicht sollten die Leute aus dem Phantastik- und Comic-Bereich auf die Essener Spiel- und Comic-Messe ausweichen. Das wäre bestimmt eine Alternative, da dies auch eine Messe zum "Anfassen" ist und dort das entsprechende Zielpublikum zu finden ist.

und
zitiere Mchenry:
Die SPIEL Essen ist keine Alternative Dort ist genau der gleiche Effekt zu beobachten. Zeichner werden in Nebenhallen abgeschoben, LARP und RPG halbiert sich von Jahr zu Jahr.


Das ist natürlich eine Besorgnis erregende Entwicklung. :sigh:
Drum ersetze man "die Essener Spiel" mit "der RPC". ;-)

Es ist natürlich die Frage, ob die Organisatoren der Essener Spiel RPG-Hersteller usw. vergrault haben oder ob diese meinen, die RPC reiche aus, bzw. ist die bessere Alternative?! :-|
So, wie mit den Künstlern verfahren wird, sollten diese und die Comic-Abteilung aus Essen sich ernsthaft überlegen, ob sie nicht ebenfalls zur RPC umziehen...
Die Organisatoren aus Essen werden den Aussteller- und Besucherschwund schon merken...
Wenn dann noch die Fantasy/Phantastik/SF-Buchverlage auf der RPC zu finden sind, dann hat der geneigte Fantasy-Fan alles auf einem Fleck. - Aber das müssen eben die Aussteller und Standmieter für sich entscheiden.

@Mchenry: Ich danke Dir ersteinmal für Deine Berichterstattung und werde nun nur noch die RPC als Besuchsort in betracht ziehen.
#9 Guido 2013-04-08 19:26
@Lefti: "Siehst Du" auf der RPC Buch-Leser? Ich eher nicht. Es mag da ja Überschneidungen geben, aber sind die ausreichend, um hohe Standmieten zu rechtfertigen?

(ich ziehe halt eine Win-Win-Situation vor, eine, in der nur der andere gewinnt, finde ich etwas doof)
#10 Larandil 2013-04-09 05:22
zitiere Lefti:

@Mchenry: Ich danke Dir ersteinmal für Deine Berichterstattung und werde nun nur noch die RPC als Besuchsort in betracht ziehen.


Mag mir jemand das Kürzel RPC auflösen?
#11 Guido 2013-04-09 08:33
#12 Lefti 2013-04-09 10:01
RPC = Role Playing Convention. - Das Schwarze Auge, Pathfinder usw., plus LARP-Verrückte. LARP = Live Action Role Playing. Dat sind die Typen, die mit Gummischwert und Kostüme durch die Botanik rennen.

@Guido: Tja, mit einem Buch in der Hand würde ich keine Messe besuchen, auch nicht, wenn ich Buchleser wäre.
Ich bin mir schon ziemlich sicher, dass (Fantasy-)Rollenspieler auch (Fantasy-)Bücher lesen. Ich mach' das zumindest. - Und andere Rollenspieler auch.
Ob sich ein Stand auf der RPC für einen Buchverlag lohnt, kann ich leider nicht beurteilen. Wenn es nur einen kleinen Stand eines Buchverlags gibt, dann könnte der Stand vielleicht irgendwie einsam, verloren und/oder deplatziert wirken, aber wenn vielleicht mehrere Kleinverlage zusammen auftauchen, dann sieht das vielleicht anders aus. Die RPC könnte dann vielleicht auch mit "neuen" Buchverlagsständen werben.

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