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Advent der Bücher: Ein einzigartig außergewöhnliches Buch mit U-Bahnen

Der Advent der aussergewöhnlichen BücherEin einzigartig außergewöhnliches Buch mit U-Bahnen

Dmitry Glukhovsky - MetroBesondere Bücher. Werke, die außergewöhnlich sind und die man unbedingt gelesen haben sollte.
 
Als Horst mich darum bat, einen Artikel zum diesjährigen Zauberspiegel-Adventskalender zu verfassen, nannte er mir dieses Thema als Leitmotiv für den gewünschten Beitrag.

Normalerweise, wenn ich um einen Artikel gebeten werde, der zwar in ein bestimmtes Themengebiet gehören soll, dessen Inhalt ich aber frei wählen kann, benötige ich ein wenig Zeit, um mir darüber klar zu werden, worüber ich genau schreiben will.
 
Diesmal allerdings wusste ich sofort, welches Buch Gegenstand meines Beitrags werden sollte: Dmitry Glukhovskys »Metro 2033«, einer der besten, mitreißendsten und wahrhaft außergewöhnlichsten Romane, die ich kenne.

»Metro 2033« - Worum geht es?
»Metro 2033« ist der Debütroman des 1979 in Moskau geborenen Journalisten und Schriftstellers Dmitry Glukhovsky. In seinem Werk entwirft der russische Autor ein erschreckendes Bild unserer Welt, wie sie in einigen Jahren aussehen könnte. Furchtbare Kriege haben die Erdoberfläche verwüstet und so gut wie unbewohnbar gemacht – zumindest für Menschen. Atomare Verseuchung und biologische Kampfstoffe haben nämlich nicht nur den Tod gebracht; so mancher Teil der Flora und Fauna hat sich den neuen Umweltbedingungen angepasst und ist, meist auf entsetzliche Art und Weise, mutiert. Für Menschen ist an der Oberfläche kein Platz mehr.

Und doch existiert die Menschheit weiter, tief unter der Erde, wo die Überlebenden des Krieges sich seit Jahrzehnten erbittert gegen Umweltgifte, Mutanten und die Schrecken einer Zivilisation zur Wehr setzen, in der nur eines zählt: das Recht des Stärkeren.

Zentrum des menschlichen Lebens in Moskau sind die alten U-Bahn-Schächte tief unter der einstigen Metropole. Hier hausen die letzten (menschlichen) Bewohner der Stadt und fristen ein Dasein, das mehr schlecht als recht ist. Tag für Tag kämpfen sie um ihr Leben in einer Welt, wie sie lebensfeindlicher eigentlich nicht sein könnte.

Einer der hier lebenden Bewohner ist der junge Artjom. Als seine Heimatstation von unheimlichen Bestien attackiert wird, erkennt er, das diese Angriffe der Anfang vom Ende für die gesamte Metrozivilisation sein könnten. So macht er sich auf, ins Herz des U-Bahn-Netzes, um Hilfe für seine Station zu suchen und damit die Metro an sich zu retten. Dies ist der Auftakt zu einer Reise durch eine verheerte, oftmals albtraumhafte Welt, in der ein Menschenleben nicht das Geringste zählt...

Was den Roman so außergewöhnlich macht

Wäre dies eine einfache Rezension, so würde ich an dieser Stelle und in Freudentaumel verfallen und mich lang und breit darüber auslassen, wie einzigartig genial »Metro 2033« doch ist. Da ich das aber schon an anderer Stelle getan habe (die entsprechende Besprechung findet ihr hier), belasse ich es bei der simplen Feststellung: Glukhovskys Endzeitthriller ist eines der fünf besten Bücher, die ich je in meinem Leben gelesen habe, wenn nicht sogar das beste. Ein Roman, den man um nichts, um keinen Preis der Welt, verpassen sollte.

Doch was ist es, das »Metro 2033« so außergewöhnlich macht? Wie so oft ist die Antwort auf diese Frage schwierig, gibt es doch unzählige kleinere und größere Elemente, die den Thriller dermaßen stark aus der Masse sonstigen Endzeit-Actioner im Speziellen und anderer Romane im Allgemeinen herausheben. Einige der wichtigsten, auffälligsten Merkmale möchte ich hier einmal ein klein wenig erläutern.

Eine ungewöhnliche Storyline
Die meisten Romane, die ich kenne, folgen, so sehr sie sich auch voneinander unterscheiden mögen, einem ganz bestimmten Schema. Es gibt einen oder mehrere Protagonisten (die nicht zwangsläufig Helden sein müssen), diverse Nebenfiguren die ihnen zur Seite stehen, sowie Gegner, die sie an der Erfüllung ihrer Mission zu hindern versuchen. Die Handlung läuft in mehr oder weniger klaren Grenzen ab und bewegt sich auf ein ganz bestimmtes Ziel zu.
 
Bislang hatte ich nie auch nur den Geringsten Zweifel daran, dass ein gutes Buch genau so aufgebaut sein muss. Dann allerdings habe ich »Metro 2033« gelesen, der meine gewohnten Vorstellungen gehörig ins Wanken brachte.
 
In Glukhovskys Roman gibt es weder Sidekicks noch Nebenfiguren, die diese Bezeichnung wirklich verdienen. Es gibt nicht einmal echte Gegenspieler für Artjom, so unglaublich das auch klingen mag.
Es ist nun nicht so, dass Artjom durch eine menschenleere Einöde laufen würde. Ganz im Gegenteil trifft er auf seinem Weg durch die Moskauer U-Bahn eine ganze Reihe von Menschen, die seine Reise auf die ein oder andere Weise begleiten, manche davon im Guten, andere im Bösen. Doch ob Freund, Feind oder einfach nur flüchtiger Bekannter, schon nach kurzer Zeit trennt sich Artjom mehr oder weniger freiwillig wieder von seinen einstweiligen Gefährten. Gleiches gilt auch für solche Untergrundbewohner, die ihm an den Kragen möchten: Auch sie bilden nur einzelne Episoden auf Artjoms langer und beschwerlicher Reise.
 
Die ein oder andere Bekanntschaft des jungen Russen, mag sein Leben zeitweilig stark beeinflussen; eine wahrhaft entscheidende Rolle spielt aber eigentlich keine dieser Figuren.
Ungewöhnlich ist auch die Handlung selbst. Wie die Protagonisten anderer Geschichten hat auch Artjom eine Mission zu erfüllen, nämlich die Rettung seiner Heimatstation. Doch was den Roman in dieser Hinsicht von anderen Werken unterscheidet, ist das Fehlen eines klar ersichtlichen Zieles. Artjom will seine Station vor den angreifenden Mutanten schützen, doch im Grunde hat er keine Ahnung, wie ihm dies gelingen soll. Unter teils menschenverachtenden Bedingungen hangelt er sich von Abenteuer zu Abenteuer, von einem Etappenziel zum nächsten, nur, um dort wieder einen neuen Weg einschlagen zu müssen.
 
Es fällt nicht ganz leicht, die Entwicklung des Romans bezüglich seiner Charaktere und seiner Story treffend in Worte zu fassen. Daher sollen diese Ausführungen genügen. Fest steht aber: Wer eine wirklich ungewöhnliche Geschichte erleben will, der liegt mit »Metro 2033« genau richtig.
 
Die Sache mit der Liebe
Wo wir gerade bei „ungewöhnlichen Storyelementen“ sind: Liebesgeschichten welcher Art und Intensität auch immer sind integraler Bestandteil der allermeisten Filme und Romane. Kaum ein Werk, von einzelnen Episoden diverser Serien einmal abgesehen, in dem die Liebe und ihre Auswirkungen nicht von großer Wichtigkeit sind.
 
Nicht so in »Metro 2033«. Dmitry Glukhovskys Roman kommt vollkommen ohne Liebesgeschichte aus. Der Autor erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der seine Freunde retten will, and that's it. Keine überflüssig schmalzigen Szenen, kein dämliches Hin- und Her zwischen zwei Personen, von denen der Leser schon von Seite eins an weiß, dass sie ein wie auch immer geartetes Liebespaar darstellen. Stattdessen gibt es eine Story, die sich schlicht und einfach auf ihren Hauptcharakter und dessen Versuch, seine Freunde und Bekannten zu retten, konzentriert, ohne jemals auf Elemente einer Liebesgeschichte zurückzugreifen.
 
Man mag davon nun halten, was man will, aber fest steht: Das Fehlen einer entsprechenden Storyline stört nicht eine Sekunde lang. Stattdessen trägt gerade das, was der ein oder andere als Mangel auslegen könnte, ungeheuer viel zur einzigartig dichten Atmosphäre des Romans bei.
Und wenn wir schon beim Thema „Atmosphäre“ sind: Kommen wir schnell zu dem Aspekt, der viel mehr als alle anderen Elemente dafür sorgt, dass »Metro 2033« einer der packendsten Romane aller Zeiten ist.
 
Eine äußerst stimmige Atmosphäre
»Metro 2033« ist brutal. »Metro 2033« ist gnadenlos. »Metro 2033« ist düster, dreckig, niederträchtig, finster, bedrückend, erschreckend... Kurzum: Die Atmosphäre, die Glukhovsky in seinem Endzeitthriller aufbaut, ist einmalig.
 
Die Lektüre des Romans beschert dem Leser ein wahres Wechselbad der Gefühle. Mal sieht er sich mit Monstern und Kannibalen konfrontiert, dann wieder mit abgehärmten Menschen, die allen Widrigkeiten zum Trotz ihr freundliches und hilfsbereites Wesen nicht verloren haben. Im nächsten Moment trifft man dann auf religiöse und ideologische Fanatiker oder erlebt eiskalte Hinrichtungen, die so unerwartet und fast schon nebenbei erfolgen, dass man mitunter bereits ein, zwei Zeilen weiter gelesen hat, bevor man realisiert, was da eigentlich geschehen ist. In solchen Momenten merkt man am deutlichsten, wie mitreißend die dichte, düster-brutale Atmosphäre von »Metro 2033« tatsächlich ist. Es ist schlicht nicht möglich, sich der Faszination dieser Stimmung zu entziehen, und auch nach der Lektüre dauert es eine lange Zeit, bis der Roman einen wieder loslässt.
 
Ich übertreibe daher nicht, wenn ich behaupte: »Metro 2033« ist der Inbegriff des perfekten Endzeitthrillers.
 
Das Finale: Schockierend, konsequent, einmalig
Das Finale eines Romans ist immer so eine Sache. Oftmals kann die Auflösung einer Story nicht mit dem mithalten, was der Leser sich aufgrund der Lektüre des Buchs erhofft hat.

Das Finale von »Metro 2033« spielt in dieser Hinsicht in einer komplett anderen Liga. Nicht nur, dass die letzten fünf Seiten alle paar Zeilen neue, schockierende Überraschungen bereit halten. Das Ende des Buchs übertrifft alles Vorangegangene noch einmal bei Weitem. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, so sollte man zumindest nach knapp 750 Seiten meinen. Dass all das, was geschehen ist, noch getoppt werden könnte, war nicht zu vermuten.
 
Glukhovsky aber ist das Unmögliche gelungen. Was er da auf den letzten Seiten bietet... Mann oh Mann. Selten erlebt man ein Ende, das derart überraschend und dennoch konsequent zugleich ist. Das schockierende Finale ist die Krönung für einen genialen Roman, wie man ihn sonst kaum finden wird.

»Metro 2033« - Ein Buch, das man nie wieder vergisst

Man könnte noch viel zu Glukhovskys Debütroman sagen, warum er so außergewöhnlich ist und welche Elemente das Buch so faszinierend machen. Doch im Endeffekt ist es mir genau genommen nicht möglich, meine Begeisterung und Verehrung für dieses Meisterwerk der SF-Literatur adäquat in Worte zu fassen.

Was ich sagen kann, ist folgendes: »Metro 2033« ist ein Buch, das man nie wieder vergisst, ein Highlight, wie es kaum ein zweites gibt. Glukhovskys Roman gehört ohne Zweifel zu jenen Büchern, die man wirklich gelesen haben sollte. Wenn jemals ein Buch das Zeug zu einem echten modernen Klassiker hatte, einem, der diese Bezeichnung tatsächlich auch verdient, dann ist es »Metro 2033«.
Doch, wie gesagt, meine Worte sind kein wirklicher Ersatz für die Lektüre des Romans, nicht einmal ansatzweise. Die wahre Faszination der Geschichte des jungen Russen Artjom lernt man nur kennen, wenn man den Roman zur Hand nimmt und ihn liest.
 
Und das sollte man unbedingt, unbedingt tun.
 
Die Daten zum Buch
 
Metro 2033
(METPO 2033)
von Dmitry Glukhovsky
aus dem Russischen von David Drevs
Heyne Paperback
erschienen: Herbst 2008 (Deutschland), 2007 (Russland)
782 Seiten, 14,00 €
ISBN: 978-3-453-53298-4
Random House (Heyne Verlag)

 

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