KI-elgeholt
Sei es die Nutzung von Google, sei es der Anruf bei irgendwelchen Firmen, bei denen Chatbots im Kundenservice auftauchen, sei es Lernen online, das fast völlig von KI-Tutoren übernommen werden kann.
Auch in den Bereich Kunst und Kultur greift KI ein, und da sind wir wieder bei der Frage, warum der VDS gegen Netflix aktiv geworden ist. Es geht darum, was passiert, wenn menschliche Kreativität zur trainierbaren Ressource wird.
Bilder, Musik, Videos können ohne eine einzige reale Person generiert werden, wenn ein Unternehmen (in dem Fall Netflix) die Stimme oder die Gestalt der entsprechenden Person aufgezeichnet und analysiert hat.
Der VDS erläutert, wie das Problem inzwischen deutlich tiefer geht als bisher ... so weit, dass wir an einen Punkt gelangen, dass tatsächlich nicht mehr zu unterscheiden sein wird, ob eine reale Person oder eine KI einen Text gesprochen hat. Die menschliche Stimme ist kein austauschbares Werkzeug. Sie ist Persönlichkeit, Wiedererkennungsmerkmal, Identität.
Technisch ist das Szenario längst realistisch: Aus vorhandenen Aufnahmen lassen sich Sprechrhythmus, Klangfarbe und Ausdruck analysieren und synthetisch reproduzieren. Ist diese Schwelle überschritten, kann eine Stimme unbegrenzt vervielfältigt werden – kostengünstig, jederzeit verfügbar, ohne erneute Mitwirkung der ursprünglichen Sprecherin oder des Sprechers.
Der VDS schreibt: "Netflix kann aus den Tonaufnahmen charakteristische Merkmale wie Stimmfärbung, Spielweise und Sprechrhythmus ableiten. Auf dieser Grundlage ließe sich eine synthetische Stimme so kalibrieren, dass sie diese Merkmale reproduziert und die Sprecher:innen ersetzt. Ein solches Szenario ist technisch möglich und wirtschaftlich naheliegend."
Da genau liegt der Punkt: Gewinnmaximierung für Unternehmen, indem der menschliche Speicher obsolet wird.
Einen anderen Weg beschreitet der Bundesverband Schauspiel (BFFS). Dieser beschreibt, er verstehe "angesichts der rasanten Entwicklung von KI die nachvollziehbare Sorge, langfristig ersetzt zu werden. Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) kämpft seit Jahren durch intensive politische Lobbyarbeit auf nationaler und europäischer Ebene für einen bestmöglichen Schutz von (Synchron-)Schauspieler*innen. "
Zu diesem Zweck wurde zwischen dem BFFS und Netflix eine Vereinbarung getroffen. Diese bilde einen "Rechtsrahmen" und solle so ein "Fundament für künftige Kollektiv-Vereinbarungen" darstellen.
In dieser Vereinbarung geht es vor allem um jene Sprecher*innen, deren Stimmen genutzt wurden und werden, um die KI zu trainieren. Für diese sollen Vergütungen ausgehandelt werden. "Die Vereinbarung regelt aber erstmals, in welchem Rahmen künstlerische Beiträge von Synchronschauspieler*innen in Netflix-Produktionen zum Training einer KI-Technologie von Netflix genutzt werden können."
Wohlgemerkt "Training", nicht "Nutzung".
Das ist ein wichtiger Schritt – aber auch ein bezeichnender. Denn er zeigt, wie stark der Druck bereits ist. Wer sich einer solchen Vereinbarung verweigert, riskiert schlicht ersetzt zu werden. Die Verhandlungsmacht verschiebt sich spürbar zugunsten der Plattformen.
Dem VDS geht dies nicht weit genug, sie sehen an einigen Stellen sogar die Rechtswirksamkeit bedroht bis hin zur rechtlichen Unwirksamkeit. "Unsere Adressatin ist Netflix, und deren Vorgehen lassen wir jetzt von offizieller Stelle auf seine Rechtmäßigkeit überprüfen.“ (Anna-Sophia Lumpe, Vorstand des VDS)
David Wagner, Rechtsanwalt bei Spirit Legal auf der VDS-Seite bei Instagram dazu: „Netflix lässt Stimmaufnahmen in KI-Modelle einfließen. Diese Aufnahmen erlauben die eindeutige Wiedererkennung und synthetische Reproduktion der Sprecher:in; sie sind damit biometrische Daten und besondere Kategorien personenbezogener Daten..."
Dies ist in der Vereinbarung des BFFS mit Netflix nicht einbezogen. Netflix müsse nicht vorab offenlegen, mit welchem konkreten Ziel das KI-Training durchgeführt würde. Die Auseinandersetzung der beiden Interessensvertretungen wird hart geführt.
Außerdem gibt es über Netflix hinaus auf der Produzentenseite natürlich national und international Interessensverbände (für Deutschland zum Beispiel die Produktinsallianz) und große Global Player (zB Disney), mit denen ähnliche Themen diskutiert werden müssen.
Während dies diskutiert wird, sind die Auswirkungen auf Kunstschaffende bereits enorm (zB der Bericht eines Synchronsprechers im Zeit Video)
Hier offenbart sich das Grundproblem: Selbstregulierung funktioniert nur, solange wirtschaftliche Interessen und Schutzinteressen parallel laufen. Im Fall von KI tun sie das nicht. Die ökonomische Logik ist eindeutig: Ein synthetischer Sprecher verursacht nach dem Training nahezu keine Kosten mehr.
Die Bereiche, in denen die Entwicklung von KI uns heute betrifft und beeinflusst, sind schier grenzenlos. Man begegnet KI generierten Photos, bei denen nicht mehr sofort erkennbar ist, ob sie echt sind oder nicht, inzwischen frage ich mich bei jedem Foto, jeder Meldung, die mir in den Sozialen Medien angeschwemmt wird, ob das real ist oder KI, welchen Quellen traut man? Eine schier endlose Zahl neuer Autoren mit angeblich wunderbaren Stoffen und Büchern machen für sich Werbung... sind die echt ist KI? Wieviel Text in deren Büchern ist generiert und was ist schriftstellerische Eigenleistung? Ist das Cover des Heftromans tatsächlich noch von einem Grafiker, oder nicht doch bereits künstlich geschaffen?
Unsere Welt verändert sich rasant, dies ist nichts, was noch kommen wird, es ist bereits da, mit unabsehbaren Auswirkungen. Gerne wird der Vergleich mit der Industriellen Revolution gezogen.
Wenn ich KI frage, welche Auswirkungen ihr Einsatz auf den Feldern Grafik, Sprecher, Autoren hat, fällt oft der Begriff des "Menschen als Kurator". Er schafft nicht mehr zwangsläufig selbst, sondern er überwacht und prüft die Ergebnisse. Schreibe einen entsprechenden Prompt, in dem die notwendigen Vorgaben passend formuliert sind, und du kannst fast alles erzeugen: Texte im Stil von Fontane oder Lovecraft, Musik im Stil von Bach oder Rap, Bilder im Stil von van Gogh oder ... und so weiter.
Elon Musk sprach einmal davon, durch KI könnte quasi ein goldenes Zeitalter entstehen, in dem der Mensch nicht mehr arbeiten müsse um seinen Lebensunterhalt zu verdienen ... das gilt allenfalls für jene, die es schaffen, nicht Opfer der Entwicklung zu sein, und da werden über die nächsten Jahre hinweg sicher nicht der Arbeiter sein, der jeden Tag an sein Band geht, sicher nicht der Synchronsprecher, dessen Stimme längst ersetzt werden kann.
Oft wird argumentiert, freiwillige Kennzeichnung oder freiwillige Vergütung könnten ausreichen. Doch genau hier liegt die Schwäche dieses Ansatzes: Freiwilligkeit endet dort, wo Wettbewerb beginnt. Wenn einzelne Unternehmen sich zurückhalten, andere aber nicht, entsteht ein ökonomischer Nachteil. Langfristig setzt sich deshalb fast immer der kostengünstigere Weg durch.
Die Frage lautet also nicht mehr, ob KI in kreativen Branchen eingesetzt wird. Sie lautet, unter welchen Regeln sie eingesetzt wird.
Die Frage lautet also nicht mehr, ob KI in kreativen Branchen eingesetzt wird. Sie lautet, unter welchen Regeln sie eingesetzt wird.
Ich möchte nicht in einen kollektiven Angststrudel geraten und KI verteufeln, aber es ist längst nicht alles so locker flockig. Wir müssen lernen, KI generierte Inhalte zu erkennen, zu bewerten, zu entscheiden, was der Realität entspricht und was uns KI erzählen möchte.
Der Streit zwischen VDS und BFFS zeigt deshalb vor allem eines: Die Verantwortung wird derzeit auf Verbände und Einzelverträge ausgelagert. Doch diese können eine grundlegende Regulierung nicht ersetzen.
Kunst, in allen ihren Varianten, ist ein Urausdruck der menschlichen Schöpfungskraft und Kreativität. Dies ist meiner Ansicht nach ein schützenswertes Gut, das dem Streben nach Optimierung des monetären Unternehmenserfolges nicht geopfert werden darf. Wenn Kunst und Kreativität Teil der kulturellen Identität einer Gesellschaft sind – und daran besteht kaum Zweifel –, dann ist ihr Schutz keine Nischenfrage, sondern eine politische Aufgabe.
Kunst, in allen ihren Varianten, ist ein Urausdruck der menschlichen Schöpfungskraft und Kreativität. Dies ist meiner Ansicht nach ein schützenswertes Gut, das dem Streben nach Optimierung des monetären Unternehmenserfolges nicht geopfert werden darf. Wenn Kunst und Kreativität Teil der kulturellen Identität einer Gesellschaft sind – und daran besteht kaum Zweifel –, dann ist ihr Schutz keine Nischenfrage, sondern eine politische Aufgabe.
Noch ist Zeit, Regeln zu definieren. Doch dieses Zeitfenster schließt sich schnell.
Denn wenn Stimmen erst zu Datensätzen geworden sind, wird es sehr schwer, sie wieder zu Persönlichkeiten zu machen.
Denn wenn Stimmen erst zu Datensätzen geworden sind, wird es sehr schwer, sie wieder zu Persönlichkeiten zu machen.



KI-elgeholt
Kommentare
Diese Technologie revolutioniert ja nicht nur die Arbeitswelt, sie sorgt wohlmöglich auch dafür, dass Arbeitsplätze für den Menschen verloren gehen. Das betrifft sogar Schauspieler, Drehbuchautoren und Filmkomponisten, die alle ihre Jobs in Gefahr sehen.
Oder schauen wir uns an was im schulischen Bereich passiert. Jetzt können Schüler ihre Hausaufgaben per KI machen - z.b. damit Aufsätze schreiben ect..ect. Ich will sagen, dass keine geistigen Anstrengungen mehr nötig sind, weil die KI das alles erledigt.
Nicht zu vergessen, dass KI auch als politisches Werkzeug mißbraucht werden - oder für andere, kriminellle Zwecke,
KI in den richtigen Händen kann ein Segen sein, oder ein echter Fluch, wenn so etwas zum Beispiel gegen ein demokratisches System o.a. genutzt wird.