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Britische Western zum Ersten: Edge - Die Western des George G. Gilman

Britische WesternBritische Western zum Ersten
Edge
Die Western des George G. Gilman

Anfang der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts war die New English Library in London, auch bekannt als NEL, ein kleiner Verlag, der um ein Haar von seinem Besitzer Times Mirror aus Los Angeles dichtgemacht worden wäre, weil er Verluste machte. Aber Peter Haining, der vor allem durch seine hervorragenden Anthologien im Horrorbereich international berühmt wurde, und der Managing Director Bob Tanner sollten das Ruder noch einmal herumreißen.

 

The LonerIn der Folgezeit gründete sich NELs Erfolg hauptsächlich auf einer Flut von Exploitationsromanen mit viel Sex und Gewalt, die nicht nur Englands Jugend wohlig erschauern ließen. Ob es nun Skinheads oder die Hell's Angel waren, NEL lieferte den passenden Roman dazu, größtenteils für 150 Pfund Vorschuss und 4,5% Tantiemen1. Bald publizierten sie in allen Genres und wurden vor allem unter der Leitung des jungen Lektors Laurence James zu einer echten Autorenschmiede, in der unter anderem Leute wie Horror-Ikone James Herbert oder der SF-Autor Christopher Priest entdeckt wurden.

Als Sergio Leones Spaghetti-Western auch in England populär wurden, steuerte NEL das Taschenbuch zum Film dazu bei. Bei einer Lektoratskonferenz stand plötzlich die Frage im Raum, warum man eigentlich keine eigene Westernserie hatte2. Gesagt, getan. Man wandte sich an Terry Harknett, der ein paar dieser Filmnovelisations geschrieben hatte. Und eine weitere Erfolgsgeschichte, wie sie heute eigentlich nicht mehr vorstellbar ist, nahm ihren Lauf. Die Serie Edge verkaufte in England und später in Amerika eine Millionenauflage und startete eine ganze Flut ähnlicher Serien, die sämtlich von einer Handvoll Autoren geschrieben wurden, die man heute als die Piccadilly Cowboys bezeichnet.

Killer's BreedTerry Harknett, Jahrgang 1936, arbeitete hauptberuflich als Trade Journalist für das National Newsagent Magazine, wo er Peter Haining kennengelernt hatte. Seine Liebe zum Krimi und speziell Raymond Chandler hatte zu dem Wunsch geführt, Krimiautor zu werden. Sein erster Krimi The Benevolent Blackmailer erschien 1962 im renommierten Verlag Hale, aber trotz ein paar weiterer Veröffentlichungen wollte sich der Erfolg einfach nicht einstellen. Also nahm er andere Aufträge an und schrieb nach Feierabend. Da er unter anderem die Romane zu den Filmen Hannie Caulder (In einem Sattel mit dem Tod) und Red Sun (Rivalen unter roter Sonne) geschrieben hatte, war ihm das Thema nicht fremd. Allerdings hatte er nach eigenen Angaben nie zuvor einen Western gelesen und kannte das Genre bloß aus Kino und Fernsehen. Er erarbeitete also ein Konzept. Der Held sollte den Vorgaben der Spaghettiwestern folgen und das genaue Gegenteil der sattsam bekannten amerikanischen Vorbilder sein, also ein zynischer Antiheld mit einer nihilistischen Weltanschauung, bei dem exzessive Gewalt die Regel und nicht die Ausnahme ist.

Harknett entwickelte die Figur des Josiah Hedges, dem Sohn eines mexikanischen Vaters und einer skandinavischen Mutter. Während er im Bürgerkrieg auf der Seite der Union kämpft, betreibt sein kleiner Bruder Jamie zu Hause die Farm. Der erste Roman beginnt damit, dass die kleine Gruppe Soldaten, deren Befehlshaber Captain Hedges war, ein Haufen Mörder und Vergewaltiger, direkt nach Kriegsende die Farm überfallen und Jamie brutal umbringen. Der im Krieg verrohte Hedges eröffnet die Jagd auf sie und tötet sie. Bei einer zufälligen Begegnung versteht jemand seinen Namen falsch, und aus Hedges wird Edge.

Montana MelodramaKein unbedingt origineller Plot. Lektor Laurence James steuerte den Namen Edge und die Idee dazu, dass Edge neben den üblichen Westernwaffen ein Rasiermesser einsetzt, und Harknett erfüllte seinen Vertrag, der zwei Bände umfasste. The Loner und Ten Thousend Dollars American erschienen beide 1972 unter dem Pseudonym George G. Gilman. Der Umfang betrug 125 Taschenbuchseiten, und die so wichtige Nr. 1 hatte ein wahrhaft ikonisches Cover des Künstlers Richard Clifton-Dey. Beide Bücher waren klassische Italowestern mit einer Prise Sex und einer so noch nie dagewesenen Dosis Gewalt. Edge kennt keine Rücksicht und kein Mitleid, Leichen pflastern seinen Weg, und Prügeleien erstickt er im Keim, indem er das Rasiermesser zückt und Ohren abschneidet.

Um die Gewalt, die in ihrer detaillierten Darstellung manchmal beinahe schon den Splatterroman vorwegnimmt und gelegentlich parodistische Ausmaße erreicht, ein bisschen zu relativieren – und weil er glaubte, dass es bei diesen beiden Romanen bleiben und er sich nie wieder darüber den Kopf würde zerbrechen müssen – nahm sich Harknett den Galgenhumor der Filme zu Herzen und beendete die Kapitel mit oft fürchterlichen Kalauern, die später zu einem Markenzeichen der Serie wurden.

Edge Meets Adam SteeleDenn es blieb nicht bei den beiden Bänden. Die Romane verkauften sich so gut, dass die Serie 17 Jahre lang Bestand hatte. Harknett wurde zum freien Schriftsteller, der in der Folgezeit an die 200 Romane veröffentlichte.

Nach dem überraschenden Erfolg, und um das recht eindimensionale Konzept interessant zu halten (in den ersten beiden Bänden ist die Figur teilweise noch sehr ungeschliffen), schmückte der Autor das Leben seines Helden aus. Schon mit Band 5 begann er, in Rückblenden Edges Geschichte als Unionssoldat im Bürgerkrieg zu erzählen, der in den Kriegsgräueln von einem naiven Farmjungen aus Iowa zu einem eiskalten Killer wird. Diese sieben Romane – eine Rahmengeschichte läutet jeweils die Bürgerkriegsrückblende ein, die unmittelbar an der vorherigen Episode anschließt; der letzte Teil schließt den wortwörtlichen Bogen zum Beginn von Band 1 - gehören vielleicht zu den besten, die Harknett je schrieb.

Und so reist Edge als der klassische heimatlose Drifter völlig ziellos durch den Westen und vermietet oft seinen Colt – einmal heiratet er auch und wird wieder Farmer, was kein gutes Ende nimmt; Harknetts Helden ist nie irgendwelches Glück vergönnt -, dabei minimierte der Autor im Laufe der Jahre die Gewalt und ließ seinen Helden so ziemlich in Realzeit altern und introvertierter werden, was für das Genre durchaus ungewöhnlich ist.

Adam Steele Nr. 2Die Romane greifen natürlich die klassischen Themen auf wie die Jagd nach dem großen Geld, ein Klassiker des Italowesterns, sowie Kopfgeldjagd, Viehtrieb und Indianerangriffe, aber die Mehrzahl zeigen einen deutlichen Gegensatz zu vergleichbaren amerikanischen Pferdeopern, was die Ideen angeht. Auch wenn sich Harknett selbst noch heute als Hackwriter ohne Ambitionen bezeichnet, entwickelte er teilweise bizarre Geschichten, die sich – je nach Lesart – oft an der Grenze zur Parodie bewegen und ganz in der britischen Tradition des Skurrilen stehen. Ob Edge nun einem Verrückten in der Wüste begegnet, der eine Arche für den kommenden Weltuntergang baut, es in San Francisco mit den Detektiven Spade, Archer und Marlowe zu tun bekommt, die alle ein blutiges Ende nehmen, oder in den Bergen von Colorado das Musikfestival des Geigers Rollo Stone besucht und mit seiner Ordnertruppe Devil's Disciple aneinandergerät - Harknett ließ sich etwas einfallen. Heute würde man diesen Stil wohl als Metafiktion bezeichnen, mit dem Unterschied, dass es sich damals völlig natürlich las und nicht krampfhaft innovativ.

Sicherlich mit verantwortlich für den Erfolg sind die hervorragenden Titelbilder von Clifton-Dey und später Tony Masero, oftmals clevere Titel (A Town called Hate, The Day Democracy died) und die makaberen Kalauer und Wortspiele, die Edge meistens am Kapitelende von sich zu geben pflegt und teilweise unübersetzbar sind. Wie der energische Kavallerieoffizier Captain Kirk, den Edge mit dem Satz kommentiert "That Captain Kirk sounds like an enterprising feller", oder als er an einem Ort namens Wounded Knee einem Jungen Geld für die Beerdigung seiner deutlich älteren erschossenen Geliebten in die Hand drückt und meint: "To bury your tart at Wounded Knee."3

Wanted for MurderDie Serie, bei der in den meisten Jahren vierteljährlich ein neuer Roman erschien, schaffte schließlich sogar den Sprung nach Amerika und erschien als Lizenzausgabe beim Verlag Pinnacle, dem damaligen Spezialisten für gewalttätige Actionromane. Und erlebte dort ebenfalls Millionenauflagen.

Terry Harknett erwies sich als fleißiger Schreiber. Neben Edge (61 Bände) entwickelte er für NEL die Westernserie Steele, die mit 49 Romanen von 1974 bis 1989 lief. Adam Steele ist zwar auch der glücklose, ursprünglich von Rache motivierte Herumtreiber, aber er unterscheidet sich von Edge. Der Sohn eines reichen Südstaatlers, ein Dandy und Spieler, der teure Klamotten und teure Pferde liebt, kämpft bei den Rebellen, obwohl sein Vater ein glühender Anhänger Lincolns ist. Als er nach Kriegsende zurückkehrt, um sich zu versöhnen, liegt die Ranch in Schutt und Asche und seinen Vater hat man aufgeknüpft. Von seinem Erbe bleibt Steele nur das Colt Hartford-Gewehr mit der Widmung Lincolns auf dem Schaft. Steele tötet die Mörder, was ihn mit dem Gesetz in Konflikt bringt und zu einem Leben als ewiger Drifter verdammt.

Steele erreichte nie die Verkaufszahlen von Edge, war aber kein Flop. Ursprünglich war das Konzept ein Filmdrehbuch, das Harknett zum Roman umarbeitete, als aus dem Film nichts wurde. In drei aus der Nummerierung ausgekoppelten Romanen mit erweitertem Umfang kämpfen Edge und Steele zusammen und teilen sich ihr Universum.

Außerdem entstanden später für andere Verlage weitere Serien. Unter dem Pseudonym Charles R. Pike die Westernserie Jubal Cade (1974 bis 1983), für die Harknett die ersten drei Bände schrieb und die von Angus Wells fortgeführt wurde. Als William M. James entwickelte er zusammen mit Laurence James die Serie Apache (1975-1984), wo er 7 Romane beisteuerte. Als George G. Gilman erschuf er dann noch die Serie The Undertaker (1981-1982), die es aber nur auf 6 Bände brachte. Daneben verfasste er in dieser Zeit noch diverse Kriminalromane. Als der Verlag Sphere die Rechte an Don Pendletons Executioner verlor, bat man Harknett, eine ähnliche Serie zu entwickeln. Und so schrieb er als Joseph Hedges (!) 10 Bände um den Rächer The Revenger, der es mit einem internationalen Verbrechersyndikat aufnimmt. Die kurze – und ziemlich erfolglose - Serie um den Privatdetektiv Chester Fortune, die er unter dem Pseudonym Thomas H. Stone veröffentlichte, wurde hierzulande bei Ullstein veröffentlicht.

Edge startete den Boom der britischen Westernserien – auf den im Artikel Die Piccadilly Cowboys noch näher eingegangen wird – und ironischerweise überlebte er ihn auch. Als die Verkaufszahlen immer schlechter wurden und sämtliche anderen Serien vom Markt verschwanden, erkannte Harknett die Zeichen der Zeit und ging in den Ruhestand, bevor ihm der Verlag die Serie einstellen konnte. Mit den letzten beiden Bänden von Edge und Steele 1989 verschwand der Western kurz darauf völlig aus der britischen Verlagslandschaft.

IUnd begrub sein Herz in den Flammenn Deutschland erschien Edge ebenfalls, wurde aber fast bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. 1978 startete der Bastei-Verlag die Taschenbuchreihe Neue Western aus Amerika mit dem Roman Und begrub sein Herz in den Flammen (The Loner). Sieht man einmal davon ab, dass die neuen Western nicht aus Amerika, sondern aus England kamen, versuchte man es hier anfangs mit den Serien Edge und Herne the Hunter, ebenfalls ein Laurence James-Produkt. Aus Edge wurde hierzulande allerdings John Flint, und der Roman The Loner wurde nicht nur radikal in der Übersetzung entschärft, er wurde sogar seitenweise umgeschrieben. Was auch für die Folgeromane galt und die im Anschluss publizierten ersten fünf Romane der Serie Herne. (Aus Jedediah Herne wurde hier Travis Hunter. Kann man den Namenswechsel bei Edge noch irgendwie nachvollziehen, ist er bei Herne allerdings völlig sinnfrei. Zwar ist der Name Herne eine Anspielung an den Jäger Herne aus der britischen Mythologie, was aber in den Romanen selbst keine Bedeutung hat.) Wieso Bastei, ein Verlag, der nun immer ganz besonderen Wert auf die reibungslose Zusammenarbeit mit dem Jugendschutz legte, diese Serien überhaupt ankaufte, ist unverständlich. Es hätte jedem klar sein müssen, dass sie für die hiesigen Verhältnisse ungeeignet waren. Diese bearbeiteten Ausgaben geben das Original nicht einmal annähernd wieder. Sieben weitere "John Flint"-Romane wurden später noch für den Western-Hit eingedampft.

The Breed WomanHeute gelten die Edge-Romane als begehrte Sammlerstücke, vor allem die letzten Nummern erzielten lange Zeit Fantasiepreise. Zurzeit erscheinen sie wieder als preiswertes E-Book. Neben den ersten Bänden gibt es ein paar bisher unveröffentlichte Romane, die der Autor im Ruhestand schrieb.

Und wie gut oder schlecht sind die Romane nun tatsächlich?
 
Letztlich ist es natürlich wie immer eine Geschmacksfrage.

Man kann verstehen, wenn Leser von der vor allem in den ersten Romanen oft zugegeben übertriebenen Gewalt schockiert sind und mit diesem Antihelden nichts anfangen können.

Andererseits, mag man ungewöhnliche Geschichten im Westerngewand und schräge Helden, die unbeirrt ihren Weg gehen und vor nichts zurückschrecken, sind es auch noch heute gut lesbare Romane.

  • 1 Interview mit Terry Harknett in Paperback Fanatic 8
  • 2 dto
  • 3 Captain Kirk dürfte selbsterklärend sein; eine "tart" ist eine Schlampe und "Bury my Heart at Wounded Knee" ein berühmtes Sachbuch über den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern.

Kommentare  

#1 Alfred Wallon 2012-01-14 10:06
Was der Zauberspiegel in den letzten Wochen an Beiträgen über das Westerngenre geliefert hat, verdient meine uneingeschränkte Anerkennung. Auch dieser Artikel über George G.Gilman ist sehr gut und informativ.

Allerdings enthält der Artikel doch einen gravierenden Fehler, den man so nicht stehen lassen kann. Es wird gesagt, dass nach Edge und Steele der britische Western 1989 völlig vom Markt verschwand. Ich darf das mal entschieden korrigieren. Der Verlag Hale Books in London publiziert seit etlichen Jahren Westernromane im Hardcover unter dem Label BACK HORSE WESTERNS. Pro Monat erscheinen 4-5 neue Titel. Aussterben ist - glaube ich jedenfalls - etwas völlig anderes. Weitere Infos hierzu unter: www.blackhorsewesterns.com oder www.halebooks.com

Ich bin übrigens auch dort aktiv. Zusammen mit meinem britischen Freund und Kollegen David Whitehead habe ich innerhalb der Black Horse Westerns zwei Romane geschrieben: "All guns blazing" und "Cannon for Hire" - David und ich haben dafür das gemeinsame Pseudonym Doug Thone gewählt. "All guns blazing" erschien 2008 zum ersten mal als Hardcover, erlebte 2009 eine Neuauflage in einer Large Print-Version und ist jetzt ganz aktuell letzten Monat als Kindle-Version erschienen ( alles bei amazon erhältlich ).

Die britische Westernszene ist aktiver denn je, und die Kollegen engagieren sich sehr für den Western.
Auch das sollte hier einmal der Vollständigkeit halber erwähnt werden.
#2 GoMar 2012-01-14 10:57
Schon interessant, wenn man Alfred Wallons Kommentar liest, dass in Großbritannien das Westerngenre immer noch lebt bzw. neu auflebt, aber in Deutschland und Österreich ständig nur vom Aussterben dessen geredet wird.

Vielleicht sollte auch in unseren Ländern mehr in Richtung Buchvermarktung unternommen werden, wenn sich der Heftroman angeblich nicht mehr verkaufen lässt. Aber wenn ich z. B. in den einschlägigen Verkaufsläden sehe, wie stiefmütterlich diese Heftromane wirklich behandelt werden, dann wundert es mich nicht wirklich, dass sie kaum noch Käufer finden. Das liegt aber sicher nicht nur an den Verkäufern selbst.

Aber schön zu lesen, dass das Westerngenre doch nicht ausstirbt. Man sieht somit, dass alles auch eine Frage des Wollens ist. Wenn von Verlagen wirkliches Interesse vorgezeigt wird, dann finden sich auch Käufer für deren Produkte ...
#3 Alfred Wallon 2012-01-14 12:15
Es wird sich an dieser Situation nichts ändern, solange die in den Verlagen verantwortlichen Entscheider ihre Sicht der Dinge nicht ändern. Was einzig und allein damit zusammenhängt, dass in deren Köpfen ein veraltetes Bild des Westerngenres existiert, das sie für ein immer noch gültiges Gesetz halten. Es lautet: WESTERN SIND ALTMODISCH, UND SOWAS LIEST NIEMAND MEHR!

In den USA gibt es einen Westernautor namens William W.Johnstone ( www.williamjohnstone.net ) dessen Romane mit erfreulicher Regelmäßigkeit in der Topseller-Liste der New York Times landen. Wir reden hier nicht von einer Auflage von ein paar Tausend Stück, sondern von einer weitaus höheren Auflage. Und was tun die Verantwortlichen des Verlages Pinnacle Books? Sie platzieren das Verlagsprogramm auf der Frankfurter Buchmesse ohne einen einzigen Johnstone-Titel zu präsentieren. Auf meine Frage hin antwortete die zuständige Dame vom Sales Department "Europe does not like westerns." So kann man ein Genre auch mit Engstirnigkeit zugrunde reden.

Die englischen Kollegen sind übrigens selbst sehr aktiv - außer ihren Büchern für die BLACK HORSE WESTERN-Reihe geben sie in eigener Regie alle zwei Jahre eine Anthologie heraus. Die erste "Where Legends ride" war so erfolgreich, dass eine zweite "A fistful of legends" ein Jahr später kam ( hier war ich auch mit dabei ). Zur Zeit wird darüber nachgedacht, den ebook- und Kindle-Markt in diesem Genre zu stärken.

Ich würde behaupten, dass der Western durchaus einen Stellenwert hierzulande hat. Aber solange Leute bei den Verlagen zu entscheiden haben, die kein fundiertes Wissen über dieses Genre besitzen, solange wird es bei dem Status Quo bleiben.
#4 Andreas Decker 2012-01-14 13:28
Aber gerade die Black Horse Western sind doch das beste Beispiel für einen echten Nischenmarkt für Leute mit speziellen Interessen und nicht die Rückkehr des kommerziellen Westerns. Mal davon abgesehen, dass Hale größtenteils nur speziell für Leihbüchereien druckt, was eine ganz andere Kalkulation ermöglicht ? und was es hierzulande überhaupt nicht gibt, ich lasse mich da aber gern belehren - , gibt es sie ansonsten meines Wissens nach kaum oder gar nicht an jeder Ecke, sprich Buchhandel, zu kaufen, sondern bloß Online. Und da kosten sie im Schnitt umgerechnet 15 Euro für 160 Seiten, das sind ja schmale Bändchen in Tradepaperbackgröße. Da muss man schon ein eingeschworener Fan sein, um das hinzublättern. Ich würd´s nicht.

Die Dame von Pinnacle hat recht. Kein deutscher Verlag ? ich rede hier von den großen Verlagshäusern wie Goldmann, Heyne & Co und nicht Zaubermond oder Mohlberg, nur um Missverständnissen vorzubeugen - , würde sich eine Westernreihe ans Bein binden. Abgesehen von einer kleinen Käuferschicht, die eine derartige Investition aber nicht rechtfertigt, würde das niemand kaufen.
#5 Alfred Wallon 2012-01-14 17:36
Dann müssten wir jetzt darüber diskutieren, was ein "kommerzieller Western" überhaupt ist. Wenn es die übliche Schwarzweiß-Malerei mit Cowboys, Sheriffs und Banditen sein sollte, dann will ich das auch nicht. Weil es unzählige Male geschrieben und veröffentlicht wurde. Und wenn in einem "großen Verlagshaus" vor etwas mehr als vier Jahren ein Chefredakteur die Parole an seine Autoren ausgab, dass man nur noch Romane schreiben sollte, die in der Zeit zwischen 1866 und 1880 spielen, dann ist das klar, dass nicht sonderlich innovativ sein kann. Es ist ebenfalls nicht innovativ, wenn ein anderer Geschäftsführer seine Autoren wissen lässt, dass man bitte keine Romane mit Indianerthemen schreiben solle, denn das sei nicht gewünscht.

Mein Freund und Kollege Thomas Jeier alias Christopher Ross demonstriert übrigens bei Ueberreuter, wie man Western-Themen gut in die heutige Zeit "retten" kann.

Die Beschreibung "ans Bein binden" kommt mir vor wie ein lästiges Übel, von dem man sich so schnell wie möglich befreien muss. So kann das natürlich nicht laufen. Man muss sich auch schon als Verlag mit diesem Thema identifizieren, Marktstrategien entwickeln und zusehen, dass man ein Buch pusht.

Ich habe absolut nichts gegen einen Nischenmarkt. Ich bediene ihn sogar gerne, weil ich damit umso leichter Akzente setzen kann. Ich sehe aber auch, dass das Barsortiment wie z.B. KNV regelmäßig Titel über meine Verlage ordert. Wenn es sich nicht verkaufen würde, dann würde man es auch nicht tun. Dies wurde uns auf der Buchmesse in Leipzig von KNV auch bestätigt.

Und man soll niemals nie sagen. Mit Pete Dexters Roman "Deadwood" hat auch niemand mehr gerechnet - und er lag in diesem Herbst auf sehr beeindrucksvolle Weise neben Büchern von Fitzek, Hohlbein und Cussler.
#6 Alfred Wallon 2012-01-16 14:57
Mein Freund und Kollege David Whitehead hat auf seiner Homepage noch einige weiterführende Infos zu George G.Gilman ( mit vielen Titelcovern ):

www.benbridges.co.uk/riders8.html

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