Leit(d)artikel KolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Große Teile der Geschichte werden neu geschrieben werden müssen - Dracula - Die Mini-Serie

DraculaGroße Teile der Geschichte werden neu geschrieben werden müssen
»Dracula« Die Mini-Serie

Der Titel der Rezension ist ebenso ausgenudelt wie passend für diese Miniserie um den Grafen Dracula, die ein Gemeinschaftsauftrag von BBC One und Netflix war. Nachdem sie im Oktober 2018 beauftragt und im März 2019 mit den Dreharbeiten begonnen worden war, erfolgte bereits im Januar 2020 die Ausstrahlung auf BBC One und die deutschsprachige Erstveröffentlichung bei Netflix.

DraculaDie kurze Dauer von Vorbereitung bis zur Ausstrahlung war dabei der Tatsache geschuldet, dass es sich, wie schon erwähnt, lediglich um eine Miniserie mit nur drei Teilen handelt.

Die jedoch haben es stellenweise in sich, was sich in der Altersempfehlung 16 Jahre widerspiegelt. Anders als viele Horrorproduktionen zeichnet sich der Gruselfaktor bei Dracula nicht durch einen Ekelkeffekt aus. Dabei ist auch das mit im Lieferumfang enthalten, wenn auch wohl dosiert und gefühlt nie um seiner selbst willen, sondern mit entsprechendem Hintergrund in der Storyline und/oder der Geschichte um den Grafen Dracula aus der Feder von Bram Stoker.

Oh Mann, es ist in der Tat eine echte Freude, Vampir nicht einmal mehr als rätselhaft bleiche Romancegestalt mit Glitzereffekt zu sehen, sondern in seiner (literarisch) ursprünglichen Gestalt als der blutraubende, dunkle Verführer.

DraculaAn der Stelle besteht ein spannendes Zusatzelement darin vom Inhalt der Geschichte zu erzählen ohne so viel Spannung vorweg zu nehmen, dass es dem Leser zu viel Freude an der Handlung nimmt. In dem Cast der handelnden Personen besteht große Nähe zu den bekanntesten Figuren des Romans, die Handlung orientiert sich in den wichtigsten Orten an dem Roman (Burg Dracula, das Schiff Demeter, Großbritannien), und die Handlung weicht in einigen nicht unerheblichen Teilen von der Handlung des Romans ab: Dracula empfängt den englischen Rechtsanwalt Johnathan Harker auf seiner Burg in Siebenbürgen, Ziel des Aufenthalts ist die Abwicklung des Kaufs eines Besitzes in Großbritannien und die Organisation der Verlegung des Wohnsitzes des Adeligen dorthin.

Tatsächlich erlebt der junge Harker eine wahre Hölle, die diesen völlig verstört und entstellt in ein Kloster in Budapest führt, in dem die Ordensschwester Agatha von Helsing sich seiner annimmt - und die in dem Zusammenhang auch den seltsamen Count Dracula "kennenlernt" ("Count Dracula' ist die Bezeichnung des Grafen im englischen Originalton, sehr empfehlenswert übrigens, Dolly Wells hat eine tolle Stimme, und das nichtbritische Englisch des Grafen von Claes Bang sehr attraktiv)..

Der Handlungsfokus wechselt von Harker und Dracula zu dem Vampir und der Schwester Agatha und den anderen Reisenden an Bord der Demeter. Auch Im dritten Teil der Miniserie, der in Großbritannien spielt, bleibt Dracula (logischerweise) im Zentrum der Handlung.

Über die Handlung des dritten Teils mehr zu schreiben als die beiden Sätze wäre fatal für all jene, die ohne großes Vorwissen die Serie genießen wollen, denn es wäre ein echter Spoiler für die Twists, Dialoge und großartigen Feinheiten, die Mark Gatiss und Steven Moffat vor allem im dritten Teil eingebaut haben. Vor allem der dritte Teil hat mich so geflasht, dass ich ihn dreimal in kurzer Folge angesehen habe, was bei mir nicht so häufig vorkommt.

Die ersten beiden Teile machen ebenso viel Spaß, begeisterten mich im Vergleich mit Teil drei allerdings eher wegen der gut gemachten klassischen Horrorelemente, die auch ich (als eigentlich eher bekennende Nichthorrorfreundin) mit Grusel, Schreckensmomenten und gelegentlichem "Ouahhhh, siehst du das?" sehr genossen habe (OK, mein Mann ist nicht unbedingt zu beneiden, wenn er mit mir solche Schmuckstücke ansehen muss).

DraculaSehr gelungen ist die Auswahl der Darsteller, allen voran Frau van Helsing und natürlich Claes Bang als Dracula. Er dürfte Fans deutscher Serien nicht unbedingt unbekannt sein, hat jedoch einen deutlich größeren Namen als Darsteller am Theater oder in ausländischen Produktionen. Seine Darstellung des Dracula ist sehr faszinierend, eben diese Mischung aus Anziehungskraft und kaltem Schauer, die der verführerische Vampir auslöst. Vor allem das Gesicht des dänischen Schauspielers ist von einer Anziehungskraft geprägt, die sich für mich gerade in seiner Unperfektion ausdrückt. Die beiden Hälften seines Gesichts sind so ausgeprägt unähnlich ähnlich (ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll), dass sein Mienenspiel viel subtiler wirken kann, und er sie viel stärker einsetzen kann als die glatte Oberfläche eines überebenmäßigen Gesichts des Glitzervampirs.

Ob die scharfe, spitzfindige van Helsing nur mit Dolly Wells besetzt wurde weil ihr gerades, klares Gesicht ihre Persönlichkeit so wunderbar in Gegensatz zu Claes Bang setzt, kann ich mir nicht vorstellen, aber dieser Kontrast unterstreicht den Unterschied zwischen den beiden, der klaren Nonne ohne(?) anderen Motiven als der Rettung von Menschenleben und der Bekämpfung des Blutsaugers und dem Grafen, der eine feudale Lust am Genuss ausdrückt. Das Spiel dieser beiden Charaktere/Akteure ist beeindruckend und es ist einfach schön, es sich anzuschauen. Besonders gelungen ist im dritten Teil auch die Darstellerin der Lucy, die britische Schauspielerin Lydia West. Dem einen oder anderen vielleicht bereits bekannt aus "Years and Years", einer Miniserie von Russel T. Davies. Sie hat eine unglaublich lebendige Mimik und verkörpert sehr glaubwürdig und sehenswert die feierwütige, lebenshungrige junge Frau, die sich in eine "Beziehung" zu Dracula stürzt, ohne zu ahnen, was das für sie bedeuten wird.

DraculaSteven Moffat und sein Kollege Mark Gatiss haben in der Serie Sherlock nicht zum ersten Mal ihr großes Können bewiesen, einen klassischen viktorianischen Stoff in eine großartige moderne Form zu bringen, was beiden auch einzeln schon öfter gelungen ist. Gatiss war bereits vor seiner Arbeit für Game of Thrones ein Begriff. Wie auch Moffat hat er neben ausgesprochen gelungenen Doctor Who-Folgen oder der Doku zur Geschichte von Doctor Who von 2013 "Ein Abenteuer in Raum und Zeit" (An Adventure in Space and Time) sein Können in zahlreichen anderen Projekten unter Beweis gestellt. Und wer die neuen Doctor Who-Staffeln kennt, kennt auch Steven Moffat als Autor genialer Folgen wie beispielsweise "Das Mädchen im Kamin" (The Girl in the Fireplace), beziehungsweise als Showrunner der Serie in Nachfolge von Russel T. Davies, was keine einfache Herausforderung dargestellt hat.

Was für eine umfangreiche Rezension für eine Miniserie mit nur drei Teilen? Ja, absolut. Absolut verdient und verbunden mit einer absoluten Kaufempfehlung.




Kommentare  

#1 Andreas Decker 2021-06-23 11:01
Natürlich ist das Geschmacksache, und es ist schön, dass es gefallen hat. Ich sehe es völlig anders. Ich fand es enttäuschend bis völlig misslungen.

Gatiss und Moffat, die viel Neues gelungen erschaffen haben, haben ein paar Motive von Stokers Romanvorlage genommen und den Rest neu gestrickt. Jetzt könnte man argumentieren, dass das Sherlocks Erfolgsrezept war, aber das hier ist als Period Piece konzipiert, und das ist was anderes.

Man muss ihnen lassen, dass sie nicht einmal versucht haben, das historische Setting ernstzunehmen. Sie kennen ihr Publikum, das mit historischen Realitäten nichts zu tun haben will, erst recht nicht in seiner Unterhaltung. Und so ist Dracula wie ein Superheldenfilm, in dem Leute Kostüme tragen und in historischen Kulissen melodramatische Monologe oder vermeintlich witzige coole Sprüche a la Freddy Krüger von sich geben, die nichts mit dem gezeigten Umfeld oder der dazugehörigen Charakterisierung zu tun haben.

Claes Bang war okay, sicherlich besser als der unsägliche Dracula in Hollywoods "Van Helsing". Teil 1 war ganz nett inszeniert, wenn man den Pseudo-Gothischen Meta-Ansatz akzeptiert. Schon interessant, dass kaum eine Dracula-Adapation die Struktur des ersten Teils von Stokers Roman völlig verhunzen kann.

Teil 2 fand ich schrecklich langweilig und bemerkenswert überflüssig. Ich habe mich immer gefragt, warum so viele Verfilmungen die Demeter-Sequenz nur kurz abhandeln, nach dieser Version war es klar. Sie hat letztlich nicht viel Interessantes außer dass Dracula die Mannschaft umbringt. Aber auf 50 Minuten gestreckt funktioniert das nicht, da reichen 5.

Teil 3 war wie ein unproduziertes Who oder Torchwood-Script aus der Schublade mit einem erstaunlich misslungenen Ende. Statt Dracula hätte es auch – beliebige Vampirfigur einsetzen – sein können, hätte nichts an der Story geändert.

Es sieht gut aus wie alle BBC Produktionen und Teil 1 hatte ein paar nette Horrorsequenzen. Das war es aber auch schon.
#2 Laurin 2021-06-23 13:01
Nun ja, so negativ würde ich diese Miniserie nun nicht bewerten, @Andreas Decker. Und ehrlich gesagt reicht mir als Zuschauer auch eine historische Kulisse und entsprechende Klamotten. Da muss ich nicht unbedingt historisch realistisches um die Ohren gehauen bekommen als schaue man gerade einen entsprechenden Bildungskanal. Und das die Szenen auf der Demeter früher immer recht kurz in den Verfilmungen abgehandelt wurden, lag auch schlicht daran, dass besagter Dracula eh nur bei Nacht seine Kiste mit Heimaterde verließ um seinen Snack an Bord einzuschlürfen. Da ist der Ansatz hier, wo Dracula als regulärer Passagier auftritt eben auch eine andere Hausnummer. Ob man da wirklich alles herausgeholt hat, sei dabei erst mal dahin gestellt. Grob gesehen fand ich die Umsetzung (auch was eine weibliche Van Helsing betrifft) sogar recht ansprechend. Erst der dritte Teil der dann quasi in der Gegenwart spielt, fällt dann doch merklich ab und man hat unwillkürlich den Eindruck das Gatiss und Moffat hier nicht mehr wirklich wussten, wohin sie die Geschichte nun letztendlich noch entwickeln sollten.
Mal sehen, vielleicht haue ich zu dieser Miniserie auch noch im Zauberspiegel was raus, da ich sie ja auch noch nicht so lange vorliegen habe und mir auch etwas Zeit gelassen hatte, sie mir vollständig anzusehen.
Letzteres hatte ich auch Dank Bettinas Artikel dann aber flott nachgeholt.
#3 Friedhelm 2021-06-23 13:33
Zitat:
Oh Mann, es ist in der Tat eine echte Freude, Vampir nicht einmal mehr als rätselhaft bleiche Romancegestalt mit Glitzereffekt zu sehen, sondern in seiner (literarisch) ursprünglichen Gestalt als der blutraubende, dunkle Verführer.
Bisher habe ich diese Mini-Serie noch nicht gesehen - bin aber ganz bei dir. Bram Stokers literarischer Über-Vampir funktioniert eigentlich hauptsächlich in seinem ursprünglichen, literarischen Rahmen. Wobei es natürlich auch immer auf das Zielpublikum ankommt - die Youngster hätte man kaum mit einem modrigen Raffzahn begeistern können, der tagsüber, in einer schaurigen Schlossruine, im Sarg ruht.

Stokers Dracula lässt sich nicht ohne weiteres in die Gegenwart versetzen - und wenn, dann funktioniert das meistens nur als überdrehte Komik-Variante. Eines der besten Beispiele dafür, wie so etwas "in die Hose gehen kann", dürften unter anderem die beiden letzten "Hammer-Draculas" aus den frühen 1970ern, mit Christopher Lee, gewesen sein. Als weiteres, völlig misslungenes Beispiel fällt mir dann erstmal nur noch Wes Cravens "Dracula. 2000", mit Gerard Butler, ein. Neuzeitliche Vampire wirken zuweilen ja eh lächerlich - erstrecht, wenn sich diese Halbwesen, wie in der "Underworld-Reihe", mit Schusswaffen beharken. Oder, wenn die Vampire der "Twilight-Saga", zu romantisierten Glitzertypen verkommen.

Zitat:
Ich habe mich immer gefragt, warum so viele Verfilmungen die Demeter-Sequenz nur kurz abhandeln, nach dieser Version war es klar. Sie hat letztlich nicht viel Interessantes außer dass Dracula die Mannschaft umbringt. Aber auf 50 Minuten gestreckt funktioniert das nicht, da reichen 5.
Wie gesagt, ich kenne die Mini-Serie noch nicht - kann mich also auch nicht zum 2. Teil äußern.

Wenn ich mich aber noch recht erinnere, dann war vor einigen Jahren tatsächlich mal eine Filmversion über die Ereignisse auf der "Demeter" geplant. Es entzieht sich jetzt meiner Kenntnis, , ob das Projekt verwirklicht wurde - wahrscheinlich nicht, weil man vielleicht auch auf die, von dir angesprochene, Problematik gestoßen ist.


Allerdings sind die Ereignisse auf der Demeter im Roman ja auf eine Dauer von fast einem Monat anlegt. (wobei der Kapitän erst am 18. Juli damit beginnt, zurückliegende Ereignisse zu beschreiben und seine Logbucheintragungen am 4. August beendet). In dieser Hinsicht könnte man die Geschichte also auch wie einen Mistery-PLot ala "Mary Celeste" präsentieren, die sich mit einer akzeptablen Lauflänge erzählen lassen würde. Man etabliert dabei natürlich den Kapitän der Demeter als erzählende Figur, der die unheimlichen Ereignisse an Bord bis zu seinem eigenen Ende im Logbuch (aka Tagebuch) festhält.

Der Film könnte damit beginnen, dass jener Kapitän, dem man nun einen Namen gibt, (im Roman wird keiner genannt..), die Demeter erstmals führt und eine neue Mannschaft ordert..usw..usw.

Ich denke, ein cleverer Autor würde da möglicher Weise einiges rausholen können.

Der Gästezugang für Kommentare wird vorerst wieder geschlossen. Bis zu 500 Spam-Kommentare waren zuviel.

Bitte registriert Euch.

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren und die Zugriffe auf unsere Webseite zu analysieren. Indem Sie "Akzeptieren" anklicken ohne Ihre Einstellungen zu verändern, geben Sie uns Ihre Einwilligung, Cookies zu verwenden.