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Der seltsame Fall des Benjamin Button

Der seltsame Fall des Benjamin ButtonDer seltsame Fall des Benjamin Button
(The curious case of Benjamin Button)
Ab 29. Januar im Kino

In den ersten Kritikermeinungen zu Benjamin Button stieß man auf die Worte “pures Kino”. Knappe, aber markante Worte, die scheinbar einem Film nicht gerecht werden. Man müsste sich damit auseinandersetzen, was „pures Kino“ denn wirklich sein soll, was man davon erwartet und wie viel Gehalt diese zwei Worte besitzen.

 

Der seltsame Fall des Benjamin ButtonF. Scott Fitzgerald ließen die Bemerkungen des großen Mark Twain nicht los, dass der schönste Teil des Lebens im Jung sein stattfindet, während der schlimmste Teil mit dem Alter beginnt. Warum also nicht eine Geschichte, in welcher ein Mann im hohen Alter geboren und immer jünger wird, bis er als Baby stirbt?

Das wäre ein seltsamer Fall. Und wäre auch kaum glaubhaft zu vermitteln, möchte man glauben, aber Fitzgerald schaffte es mit einer verspielten, sehr ungezwungenen Leichtigkeit. Doch Leinwandadaptionen sind bekanntlich alte, störrische Esel. Mit Fitzgeralds brillantem Großen Gatsby hat man immer wieder Verfilmungen versucht, die allesamt kläglich scheiterten. Sehr viel Geschichte, wenig Handlung, das funktioniert nur schwer. Der Gatsby wird gerade erneut verfilmt, wahrscheinlich mit ähnlichem Ergebnis. Eine erneute Adaption von Benjamin Button hingegen wird lange auf sich warten lassen.

 

Emotionsfrei betrachtet wäre ‚pures Kino‘ das stimmige Zusammenspiel aller künstlerischen Elemente zu einem hohen Unterhaltungswert. Aber der neueste Regiestreich von David Fincher ist alles andere als ein greifbares Objekt für sachliche Obduktionen. Er ist nur emotional zu erfassen. Wer glaubt, sich Geschichte und Film in objektiver Nüchternheit annähern zu können, der wird dabei nicht sehr viel Freude erfahren. Benjamin Button ist der Alptraum aller Kino-Puristen und der Schrecken jedes Literatur-Freundes, er ist der Triumph des Fortschritts und ein Sinnbild freier Unterhaltung.

1918 wird Benjamin im Hause Button als  Siebzigjähriger geboren. Seine Mutter stirbt. Der Vater möchte diese entsetzlich verschrumpelte Gestalt umgehend in den Fluss werfen, doch von der Polizei entdeckt wird Benjamin während der Flucht ausgerechnet auf den Stufen eines Altenheimes abgelegt. Und das ist erst der Anfang. Wer also die Vorlage kennt, sollte jede Hoffnung fahren lassen, eine adäquate Adaption erwarten zu können. Oder könnte dies am Ende im Auge des Betrachters liegen? Es ist die Geschichte eines Lebens, mit allen Höhen und Tiefen, mit Freud und Leid, mit den Beschwerlichkeiten und der unbeschwerten Leichtigkeit des Seins. Als alter Mann in jungen Jahren lernt Benjamin die (tatsächlich) junge Daisy kennen. Fortan läuft ihr Leben parallel, beide im Sinne gleich alt, fühlen sich zueinander hingezogen. Aber Benjamins Erscheinung und geistige Reife verhindern eine natürliche Beziehung, bis beide ins  "Alter" von circa 40 Jahren kommen.

Benjamin Button in seiner "Jugend"Wie bei einem Griff in die Klischeekiste des Films, zieht es den Sonderling natürlich hinaus in die Welt. Doch vermeidet Eric Roth‘ Drehbuch fasst schon schmerzlich spürbar jegliche Anleihen am Weltgeschehen. Wurde durch seine infantile Art Forrest Gump zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, umschifft der alte Benjamin Button vehement jeden Hafen von geschichtlicher Relevanz. Roth‘ verfasst übrigens auch das Gump-Drehbuch 1993. Benjamin Button ist eine persönliche, innere Geschichte, die an manchen Stellen nur vorgibt, sich nach außen zu öffnen. Kleine, eingestreute Ereignisse zum Beispiel während des zweiten Weltkriegs, sind nur kleine Leuchtfeuer im Fortgang der Handlung. Darunter könnten aber auch das Tempo und der Fluss des Filmes sehr schnell leiden, da sich die charakterlichen Entwicklungen den Einflüssen von außen versperren und nur zwischen Daisy und Benjamin stattfinden. An diesem Punkt wird der Film sein Publikum finden oder jene Zuschauer verlieren, welche den großen Popanz erwarteten, den er versprach.

Das ganz große Kino verdichtet sich zum Kammerspiel. Wider Erwarten gibt sich Finchers Regie nie die Blöße, Langeweile zu produzieren,. In seiner extrem einfach gehaltenen Handlung entfacht er ein fulminantes Gedankenspiel beim Zuschauer . Ein Gedankenspiel, das F. Scott Fitzgerald aus Mark Twains Worten ableitete, warum der schlimmste Teil des Lebens zum Ende hin stattfindet.

Benjamin Button wird "älter"Was in erster Linie wirklich Aufmerksamkeit erregt, ist zweifellos das Zusammentreffen der zwei attraktivsten Darsteller des westlichen Abendlandes. Bedenkt man die wirklich lange Entstehungsgeschichte dieser Verfilmung, bleibt ein Stoßseufzer unvermeidlich, dass Pitt und Blanchett auf diese Reise mitgegangen sind. Doch die Zeit der Reife brachte noch etwas wesentlich Entscheidenderes mit auf die Fahrt, und das sind die Spezial-Effekte. Was vor zehn Jahren noch in einem Feuerwerk der Peinlichkeit geendet hätte, gibt sich heute bei Benjamin Button so selbstverständlich, dass es dem Zuschauer zu keinem Zeitpunkt möglich ist, zwischen Make-up, CGI, Motion-Capture und echten Darstellern zu unterscheiden. Viele Landschaften und Hintergründe sind sehr wohl in ihrer Künstlichkeit erkennbar, was der Struktur der Erzählung entgegenkommt und Benjamins Reise zu Daisy unterstreicht. Die Effekte des sich verjüngenden Brad Pitt und der alternden Cate Blanchett sind geradezu perfekt. Und nur so kann die Geschichte funktionieren. Das ist es, was einer einfachen doch versponnenen Geschichte die Kraft verleiht, den Zuschauer zu packen, mitzureißen und nicht mehr loszulassen.

Sicherlich findet man leicht so manche Ungereimtheiten. Und selbst die kunstvoll integrierten Erd- und Brauntöne, die alle Szenen beherrschen, bevor sich Benjamin und Daisy endlich am Ziel ihrer Lebensbestimmung einfinden, prüfen eher das Verständnis des Publikums, anstatt als Kunstform aufgenommen und akzeptiert zu werden. Und Schmerzlich vermisst man jenen Überraschungseffekt in Handlung und Dialog,  welcher der Geschichte auch mal vorausgreift und dann lose wirkende Szenen miteinander verbindet. Selbst die Rahmenhandlung, in der Katrina über New Orleans hinwegfegt, sehr schön gespielt und eindrucksvoll inszeniert, lässt sich inhaltlich ohne Mühe voraussehen. (Nach Déja Vu ist dies die zweite Hollywood-Großproduktion, die nach Katrina in New Orleans gedreht wurde und mit ihren Jobs und  Produktionsgeldern den Wiederaufbau wesentlich unterstützte und zur wirtschaftlichen Stabilisation beitrug.)

Benjamin Button im "Alter"Emotionsfrei betrachtet ist Benjamin Button ein Film, der funktioniert. Doch dadurch allein wäre er bestimmt kein perfekter Film. Das Zusammenspiel aller künstlerischen Elemente ist durchaus stimmig, wäre aber verbesserungsfähig. Nüchtern betrachtet also ist dies eine phantastische Geschichte, die sich nur durch ihrer Ausgangssituation profilieren könnte. Eine erschreckend geradliniges Märchen, das mit Pitt und Blanchett versucht zu locken. Doch wer nach all den inneren Abenteuern und persönlichen Gefühlsstürmen dieses Bild der gealterten Daisy sieht, wie sie sich zu dem zweijährigen Benjamin an ihrer Seite herunterbeugt, dem wird spätestens da bewusst, dass er etwas wirklich Besonderes erlebt hat. Das Besondere ist, dass David Finchers Film nur mit Gefühl greifbar wird. Mit eiskalter Konsequenz wurde hier ein Film der reinsten Herzenswärme geschaffen. Man muss sich fallenlassen können, sonst wird aus dem Erlebnis ein Rohrkrepierer. Das wahre phantastische Element ist eben nicht Buttons Situation, sondern dass man gewillt ist, sich dieser Geschichte zweier Menschen vorbehaltlos hinzugeben.

Und am Ende stellt man sich die Frage, ob Mark Twain seine Äußerung wirklich durchdacht hat. Verschwenden wir tatsächlich die beste Zeit unseres Lebens in der Jugend? F. Scott Fitzgerald hatte die Antwort darauf gegeben, damit David Fincher diese an uns weitergibt. Und wenn wir es verstehen, wächst uns Benjamin Button nur noch stärker ans Herz. Das ist eben pures Kino.


Darsteller: Brad Pitt, Cate Blanchett, Julia Ormond, Jason Flemyng, Tarajia P. Henson, Jared Harris, Tilda Swinton, Taren Cunningham u.v.a.
Regie: David Fincher, Drehbuch: Eric Roth; Kamera: Claudio Miranda; Musik: Alexandre Desplat; Bildschnitt: Kirk Baxter, Angus Wall; Visuelle Effekte: Eric Barba, Steve Preeg, Burt Dalton, Craig Barron
USA / 2008; circa 166 Minuten


Bildquelle: Paramount / Warner Bros.

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