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Wilde Zeiten: NATHAN JURAN - Ein Architekt des Phantastischen Kinos

Wilde ZeitenNATHAN JURAN
(1907-2002)
Ein Architekt des Phantastischen Kinos

Einige der bedeutendsten und legendärsten Phantastischen Filme der 50'er Jahre gehen auf sein Konto. Dabei wird sein Name immer mit einem der größten Trash-Klassiker aller Zeiten verbunden sein – was er eigentlich nicht verdient hat. 1958 drehte er unter Pseudonym den Film ATTACK OF THE 50 FOOT WOMAN mit einem Budget, das selbst einem Amateurfilmer die Haare zu Berge stehen lässt. Es entstand daraus ein schier unglaublicher Film, dem es aber gelang, ihn und die Hauptdarstellerin Allison Hayes in die Geschichte eingehen zu lassen.

Nathan Juran und sein legendärster FilmEin Österreicher in Hollywood. Nach Otto Preminger und Fred Zinneman dürfte er wohl der bedeutendste Regisseur jenes Landes sein, auch wenn dieses heute kaum noch jemand wirklich zur Kenntnis nimmt (der bekannteste Österreicher in Hollywood ist sowieso Arnold Schwarzenegger). Er war eher ein Mann für's Grobe, drehte eine beachtliche Reihe Phantastischer Filme in den Fünfzigern und später in den Sechzigern Serienfolgen für das Fernsehen.

Im selben Jahr wie der Trashfilm-Klassiker entstand auch unter seiner Regie der für mich immer noch beste Fantasyfilm aller Zeiten: THE SEVENTH VOYAGE OF SINBAD. Wie nah doch verschiedene Qualitäten beieinander liegen können...

Der am 1. September 1907 in Gurahumora/Bukowina (damals Österreich-Ungarn, heute Rumänien) als Naftuli Hertz Juran geborene Sohn jüdischer Eltern hatte in Hollywood zunächst keine Regie-Ambitionen. Seine Eltern emigrierten 1912 in die USA, wo er folgerichtig auch zur Schule ging. Er studierte später Architektur in Minnesota und Boston, sowie in Fontainebleau (Frankreich). Er arbeitete zunächst auch als Architekt in New York, ging aber Mitte der 30'er Jahre nach Hollywood, wo er erst als Zeichner, dann als Bühnenbildner beschäftigt wurde.

 

Seine Arbeit war schnell von Erfolgen geprägt, die schon 1941 in einem Oscar für das beste Bühnenbild in einem Schwarz/Weiß-Film gipfelten. Zusammen mit Thomas Little erhielt er ihn für den John Ford Film HOW GREEN WAS MY VALLEY (Schlagende Wetter). Nachdem er während des Krieges kurz als Bildberichterstatter gearbeitete hatte, wurde er 1946 erneut für den Oscar nominiert, diesmal zusammen mit Richard Day für THE RAZOR'S EDGE (Auf Messers Schneide). Er gewann ihn aber nicht.

 
 

Plakat zu THE BLACK CASTLEBis Anfang der 50'er arbeitete er weiter als Bühnenbildner. 1952 durfte er seinen ersten Film inszenieren. Es war gleich ein Horrorfilm mit dem damals nach wie vor sehr populären Star Boris Karloff. THE BLACK CASTLE (Das schwarze Schloss) war ein düsterer kleiner Film, der (vermutlich mangels Erfahrung mit Schauspielerführung) sein Hauptaugenmerk eher auf die Sets legte als auf die Darsteller. Das Ergebnis überzeugte jedoch und er konnte seine Karriere als Regisseur fortsetzen. Gleichzeitig wurde aber jene als Bühnenbildner beendet.

 

In der Folge drehte er in verschiedenen Genres, einige Western und Abenteuerfilme. Darunter befand sich auch ein Thriller, der eine durchaus nicht zu unterschätzende Bedeutung hat. 1954 inszenierte er mit HIGHWAY DRAGNET (Die Autofalle von Las Vegas) die Story eines jungen Mannes namens Roger Corman. Dessen Skript, von Herb Meadow und Jerome Odlum überarbeitet, war seine erste Arbeit für die Filmwelt, die er auch co-produzierte. Corman sollte später zum bedeutendsten B-Film Produzenten aller Zeiten aufsteigen, der selbst heute noch aktiv für den Videomarkt produziert.

 

Nathan Juran bekam in den 50'ern nicht die Gelegenheit mit einem größeren Budget zu arbeiten. In den folgenden Jahren drehte er diverse Serienfolgen für das Fernsehen. Doch auch sein nächster Kinofilm ist nicht ohne Bedeutung, spielte doch der spätere US-Präsident Ronald Reagan die Hauptrolle. Der Kriegsfilm HELLCATS OF THE NAVY (Höllenhunde des Pazifik, 1957) war ein beachtlicher Erfolg, der Juran selbst zwar weitere Projekte brachte, die aber alle im B-Film angesiedelt waren.

 

Die Masse der Phantastischen Filme brauchte schnell und effektiv arbeitende Regisseure. So stieg er darauf ein und inszenierte noch im selben Jahr den Monsterheuler THE DEADLY MANTIS. Ein bis heute selten gesehener Streifen, dessen handwerkliche Arbeit gar nicht so übel ist (Man muss derartige Filme immer auch unter dem Aspekt der Entstehungszeit und des minimalen Budgets sehen). In ihm ging es (die Story ist wahrlich hohl) um eine gigantische Gottesanbeterin, die aus dem arktischen Eis befreit wird und auf Washington losgeht.

 

1957 und 1958 drehte er seine Filme praktisch am Fliessband. Man sollte meinen, dass eine derartige Arbeitsweise die Qualität mindert, doch das war nur bedingt der Fall. In diesen zwei Jahren entstanden seine bedeutendsten Filme, sowohl in guter wie in schlechter Hinsicht. Die Arbeit an diesen Filmen zog sich auch über einen längeren Zeitraum, denn es waren Filme, die zum Teil mit aufwändigen Spezialeffekten versehen wurden. Zwei dieser Streifen beinhalteten exzessive Stop-Motion Animationen, weshalb sich die Entstehung über mehrere Jahre hinzog.

 
 

Plakat zu 20 MILLION MILES TO EARTH1957 wurde 20 MILLION MILES TO EARTH (Die Bestie aus dem Weltenraum) veröffentlich. Er war der erste von insgesamt drei herausragenden Filmen, die er für den Trickspezialisten Ray Harryhausen inszenierte. Dabei war die Story sehr einfach gehalten. Die Rückkehr der ersten bemannten Venus-Mission endet mit einer Bruchlandung nahe eines italienischen Fischerdorfes. Dabei wird eine kleine Kreatur freigesetzt, die binnen kürzester Zeit zu einem gewaltigen Monster mutiert und schließlich Rom angreift. Integriert in die Handlung wurde dabei ein kleiner Junge, der sich des Wesens Namen Ymir annimmt und fest an dieses reptilienartige Geschöpf glaubt. Obwohl das Monster scheinbar grausam ist, wird durch den Jungen deutlich gemacht, dass Ymir wie jedes andere Tier in einer fremden Welt agiert. Die Angst und der Überlebenswille treiben es zu Handlungen, die wir Menschen als Böse einstufen würden. Obgleich der Film in erster Linie durch spektakuläre Actionsequenzen glänzt, so war erstmalig eines dieser Monster, die in den 50'ern massenhaft über die Kinoleinwände flimmerten, mit einer Seele versehen worden. Und ähnlich wie bei Jack Arnolds Klassiker THE CREATURE FROM THE BLACK LAGOON (Der Schrecken vom Amazonas, 1954) empfindet der Zuschauer den Tod der Bestie nicht als Sieg über das Böse. Es  ist die logische Konsequenz, dass eine Kreatur wie Ymir oder der Gill Man in unserer zivilisierten Welt nicht überlebensfähig ist.

 

Sein wohl schwächster Film dieser Phase erschien ebenfalls noch in jenem Jahr. THE BRAIN FROM PLANET AROUS erzählt die Geschichte zweier Außerirdischer, die sich menschlicher Körper bedienen, um einander zu bekriegen. Einer von ihnen ist böse und will die Welt beherrschen, der andere ist gut und macht Jagd auf ihn. Die Story ist hohl und die Effekte sind zum Schreien. Gleichwohl ist der Film damit unterhaltsamer als viele andere. Nur, ernst nehmen darf man es nicht.

 

Allison Hayes in ÜbergrößeDas folgende Jahr machte Nathan Juran praktisch zur Legende. ATTACK OF THE 50 FOOT WOMAN ist einer der bekanntesten Filme der 50'er Jahre, gleichwohl nicht unbedingt einer der schlechtesten. Fraglos machten die Jahre den Film wüster als er ist, da wie so oft jeder ihn zitiert, aber kaum einer ihn gesehen hat. In wieweit der Regisseur sich mit diesem bemerkenswerten Band Zelluloid identifiziert hat, lässt sich kaum feststellen. Er drehte ihn unter dem Namen Nathan Hertz. Es geht um die Alkoholikerin Nancy Archer (Allison Hayes), die eines Tages in einen Kontakt mit Ausserirdischen kommt. Natürlich glaubt ihr niemand, am allerwenigsten ihr Ehemann Harry (William Hudson), der lieber mit anderen Frauen herummacht. Nancy beginnt jedoch zu wachsen, mutiert zu einer Überfrau von eben 50 Fuß Größe. Nun kann sie Rache nehmen an all jenen, die ihr vorher nicht wohl gesonnen waren. Wenn man es genau nimmt, dann ist alles an diesem Film Müll – Die Story, die Tricks, die Schauspieler und letztlich auch die Inszenierung. Von der Riesenfrau sieht man über weite Strecken nur eine grässlich modellierte Gipshand. Die zweite Hälfte des Films ist wirklich Trash pur, wenn die Monsterfrau durch die Strassen trampelt und nach ihrem „Harry“ ruft. Die erste Hälfte jedoch, die kaum jemand zitiert, setzt sich überraschend ein wenig mit Nancys Alkoholismus auseinander, nicht tief greifend, aber es verleiht dem Film phasenweise sogar etwas Gehalt. Doch gerade die zweite Hälfte blieb bei allen haften, weshalb er zu einem Inbegriff des schlechten Films wurde. 1993 wurde er für das US-TV neu verfilmt. Überraschend dabei war, dass er bewusst Trashcharakter besaß und mit einer äußerst gut aufgelegten Daryl Hannah glänzte. Die Tricks waren beachtlich gut. Dieser hübsche kleine Film, der eine andere, wesentlich bessere Story hatte, ging aber leider unter, da das Original ihn gigantisch überstrahlte.

 
 

Plakat zu THE 7th VOYAGE OF SINDBADEbenfalls 1958 wurde der zweite Juran/Harryhausen-Film veröffentlicht. THE SEVENTH VOYAGE OF SINBAD (Sindbads 7. Reise) war in jeder Hinsicht ein Knaller. Bis dahin galt der Name Sinbad als Kassengift, hatten diverse Filme vorher doch an der Kinokasse nichts eingespielt. Das wurde nun schlagartig anders. Die abenteuerliche Imagination war beachtlich. Geboten wurde alles, was zu jenem Zeitpunkt machbar war, böse Magier, Geister, Zyklopen, ein Flaschengeist, ein Drache, ein lebendes Skelett, magischer Schnickschnack und vieles mehr. Sindbads (Kerwin Matthews) Verlobte, Prinzessin Parisa (Kathryn Grant) wird von dem bösen Magier Sokurah (Torin Thatcher) in einen Däumling verwandelt. Sindbad muss nun die beschwerliche Reise zur Insel des Magiers auf sich nehmen, wo sich auch dessen Schloss befindet. Nur dort kann der Prinzessin die wahre Gestalt wiedergegeben werden. Auf der Insel muss der Held sich mit Zyklopen, einem zweiköpfigen Riesenvogel, einem Drachen und eben dem Magier auseinandersetzen. Der Höhepunkt des Films ist dann der Schwertkampf gegen ein Skelett. Grosses Abenteuer, atemlose Spannung und trotzdem ein sehr menschliches Kino, denn die Hauptcharaktere sind sehr gut und nachvollziehbar gestaltet. Der Film schwelgt in ungeheurer Farbenpracht und hat selbst heute nichts von seiner Faszination verloren.

 
 

Überraschend ist, dass Nathan Juran danach kein weiteres großes Projekt bekam. Es folgte 1959 der Western GOOD DAY FOR HANGING (Der Henker wartet schon), dann zog er sich zurück ins Fernsehen. Dort entwickelte er sich allerdings in den 60'er Jahren zu einem Standard-Regisseur für Science Fiction Serien, arbeitete viel für Irwin Allen. Juran drehte mehrere Folgen für die Serien MEN INTO SPACE, VOYAGE TO THE BOTTOM OF THE SEA (Mission Seaview), LOST IN SPACE, LAND OF THE GIANTS (Planet der Giganten) oder TIME TUNNEL (Time Tunnel).

 

1962 wiederholte er praktisch THE SEVENTH VOYAGE ON SINBAD mit fast der gleichen Besetzung. JACK THE GIANT KILLER bot beinahe die gleiche Story, lediglich in einen anderen Kulturkreis verlegt. Der Film entstand, weil die Produzenten einst das Drehbuch des Sindbad-Films ablehnte, nun aber ein Stück vom Kuchen abhaben wollten. Kerwin Matthews war wieder der Held und Torin Thatcher wieder der Bösewicht. Die meist sehr eindrucksvollen Animationseffekte wurden von dem Newcomer Jim Danforth geschaffen.

 

1964 erschien mit FIRST MEN IN THE MOON (Die erste Fahrt zum Mond) der dritte Film von Juran/Harryhausen, der sich aufgrund exzellenter Regie, guten Tricks und gut aufgelegten Schauspielern auf einem sehr hohen Niveau befindet.

 

1973 drehte Juran seinen letzten Film. Ein Horrorstreifen mit dem Titel THE BOY WHO CRIED WEREWOLF, wieder mit Kerwin Matthews in der Hauptrolle.

 

Nathan Juran steht für eine sehr menschliche, erdnahe Erzählweise in den Filmen, wenngleich er zum Teil sehr Phantastische Stoffe hatte. Auch in den richtig billigen Trashfilmen konnte er immer einen Funken Menschlichkeit unterbringen. Und zumindest mit den drei Filmen für Ray Harryhausen hat er zeitloses Kino geschaffen, das ihn und sein Werk noch lange über seinen Tod 2002 hinaus am Leben erhalten wird.

 

Die komplette Filmografie (mit deutschen Verleihtiteln) in den IMDb

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