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Schreiben mit den Göttern der Sonnenwende

Janet Morrsi - On WritingSchreiben mit den Göttern der Sonnenwende
Janet Morris über das Schreiben

to the English original Jede Wintersonnenwende melden sich die Götter bei uns. Manchmal schicken sie uns eine Idee oder eine Herausforderung, stellen uns eine Aufgabe oder unterziehen uns einer Prüfung. Wenn wir diese annehmen, ändert sich unsere Welt von diesem Augenblick an für immer. 1975 lauschten wir dem Flüstern in unseren Köpfen und begannen mit der Arbeit an unserem ersten Roman, „High Couch of Silistra“ (Die goldene Kurtisane).

 

Janet and her horse ChristineWir machten uns Sorgen über die Verwirrung, die in unserer Gesellschaft hinsichtlich der Rollen der Frauen und der Nationen herrschte; wie unsere ganze Generation lebten wir mit der ständigen Angst vor der totalen Ausradierung durch einen Atomkrieg und wir wälzten Fragen zur moralischen Nutzung von Macht, wenn diese unendliche Zerstörungskraft besitzt. Wir entschieden, dass ein Durcharbeiten unserer Ideen in einer Story fruchtbar sein würde. Wir hatten viele Wissenszweige studiert; wir waren der Philosophie gegenüber aufgeschlossen; wir waren von der Natur der Zeit und der Realität und dem Verständnis des Menschen von seiner Rolle im Universum fasziniert.

Wir hatten noch nie einen Roman geschrieben oder versucht zu veröffentlichen. Wir kannten weder Leute im Business noch andere Romanautoren. Wir schrieben unser erstes Buch und anschließend noch zwei weitere mit einzeiligem Zeilenabstand auf einer antiken Schreibmaschine. Unsere Freunde lasen den Roman; einer von ihnen meinte, dass er ihn an einen New Yorker Agenten schicken würde, sobald der Roman professionell abgetippt worden war.

Der Agent mochte „High Couch of Silistra“. Wir erzählten ihm, dass wir zwei weitere Romane in dieser Serie fertig hatten und mit einem dritten anfingen. Der Agent verkaufte alle drei Romane und unsere Schriftstellerkarriere hatte begonnen.

Also begannen wir Fiktion zu schreiben, um auf diesem Weg Gedanken zur Menschheit in unserer phänomenalen Welt und darüber hinaus weiterzuentwickeln, und machten immer weiter.

Mit einer weiteren Sonnenwende kam eine neue Idee, eine neue Aufgabe, eine neue Prüfung: Mit den Einkünften von unseren ersten verkauften Romanen begannen wir mit der Recherche für einen Historienroman über das hethitische Großreich zur Zeit der Amarna-Pharaonen: „I, the Sun“ basierte auf einem existierenden Textfragment aus dieser Epoche, das als „Die Mannestaten Suppiluliumas“ bekannt ist. Die antike Welt war uns schon immer sehr wichtig: Die Menschheit versteht man am besten, wenn man sie mit einem Minimum an Kunstgriffen und Verschleierung betrachtet. Wir kamen den Göttern und unseren Schicksalen in der antiken Welt näher. Wir lasen die vorsokratischen Philosophen dieser Ära und der Triumph des reinen Geists, den ihre Arbeiten darstellten, inspirierte uns: Trotz Sprache, Aberglauben und primitivsten Bedingungen kann der Geist in jedem Zeitalter die Geheimnisse des Universums lüften und tut dies auch.

Wir machten uns also auf eine Reise durch die Antike und schrieben gleichzeitig die „Traumtänzer“-Reihe über das Kerrion-Reich in einer Zukunft, in der die Menschen in Weltraumsiedlungen leben und der Gewalt von einigen wenigen Einhalt geboten werden muss, um das Überleben von vielen in fragilen Umgebungen zu sichern.

Anschließend schrieben wir Romane - einige davon unter Pseudonymen -, die sich zunehmend mehr mit der Gegenwart befassten. Unsere Untersuchung der These von Weltraumsiedlungen hatte uns gelehrt, dass Gewalt in einer technologischen Zukunft gehemmt werden muss. Wir stammten beide aus Familien, die sich große Sorgen über nationale und internationale Sicherheitsrisiken machten. In den 80ern befassten wir uns mit Fragen der internationalen Verteidigungspolitik und der Auswirkung von Technologien auf die Ausübung von Macht vom Standpunkt der Fiktion.

Während der Wintersonnenwende 1985 erblickte das Konzept der Nicht-Tödlichkeit auf unserem Computer das Licht der Welt, namenlos und zerbrechlich: In der Zukunft, wenn wir oder jemand anderes die Herausforderung annehmen würde, könnte die moralische Überlegenheit hinsichtlich der internationalen Sicherheit nur mittels Nicht-Tödlichkeit erreicht werden: Nach zehntausend Jahren, in denen die Angelegenheiten der Menschheit mit todbringender Gewalt geregelt wurden, war der Frieden nie erreicht worden. Ein neuer Ansatz war gefragt. Wir begannen zu recherchieren, wie Gewalt so gemäßigt werden könnte, dass der Kampf gewonnen wird, Verluste jedoch beschränkt werden.

Wir glaubten zunächst, dass die Nicht-Tödlichkeit einfach ein Sachbuch werden würde. Wir hatten keine Ahnung, dass die Arbeit so viel Zeit in Anspruch nehmen würde, der Widerstand gegen eine Veränderung der Verteidigungspolitik so fest verwurzelt war und der Kampf um die Institutionalisierung des Konzepts und die Entwicklung der Einsatzmöglichkeiten so bissig geführt wurde. Auch wenn die Genese des Konzepts von verbitterten internen Machtkämpfen, Diebstahl geistigen Eigentums und Schlimmerem begleitet werden würde: Eine neue Industrie würde ins Leben gerufen werden und die Menschheit würde mit harten Bandagen um die Macht kämpfen.

Nicht wissend, wie lang oder hart dieser Kampf werden würde, zogen wir Anhänger und Feinde auf uns, wurden „Research Directors“ einer Denkfabrik in Washington und „Adjunct Fellows“ einer anderen und zogen ernsthaft in den Kampf. Je verbitterter der Kampf wurde, desto entschlossener wurden wir. Wir wollten nicht mehr nur ein Buch über nicht-tödliche Technologien und Waffen in der Zukunft schreiben; wir wollten das Konzept Wirklichkeit werden lassen und es vor jenen schützen, die seine Macht missbrauchen würden.

Unsere Arbeit führte in den Anfangstagen zu vielen Fernsehinterviews und immer weniger Texten, die für den öffentlichen Konsum bestimmt waren. Wir halfen mehreren Regierungen der westlichen Welt, ihre nicht-tödlichen Waffenprogramme zu starten. Unsere Arbeit wurde von vielen Nationen genutzt, sowohl mit als auch ohne Quellenangabe. Andere schrieben Bücher über das Thema und zitierten uns oder unsere Denkfabriken in Fußnoten - oder schrieben unsere Texte einfach um, behielten aber die Konzepte bei. Das war genug. Wir wurden sprichwörtlich zu Fußnoten der Geschichte. Nicht-tödliche Waffen haben dennoch viele Leben von am Kampf beteiligten und unbeteiligten Menschen gerettet. Nebenbei ebneten wir dem ersten technischen Bewertungsteam den Weg in Gorbatschows Sowjetunion und setzten unsere Arbeit unter der Jelzin-Regierung fort, um Russlands Möglichkeiten zu erkunden. Uns wurde klar, dass die USA die sowjetische Gefahr stets überschätzt hatte. Als wir dies einem leitenden Regierungsbeamten der USA jener Zeit erzählten, sagte dieser: „Ich weiß, aber wir mussten so handeln.“

Viele Entscheidungen sind zweckmäßige Entscheidungen, aber das entspricht nicht unserer Natur. Unser Entschluss, uns wieder der Fiktion zuzuwenden, beruhte auf dem Geflüster der Sonnenwendengötter. Wir hatten in zwanzig Jahren viele Dinge gelernt, die wir nicht in einem zeitgenössischen Zusammenhang abhandeln konnten. Als Macher einer Verteidigungspolitik und Planer von Langzeitstrategien verstehen wir die Anforderungen eines solchen Rufs. Aber die Sonnenwendengötter sprachen und …

… Tempus - der uns in all unseren Abenteuern nie wirklich verlassen hatte - meldete sich erneut zu Wort: „Schreib ein neues Buch. Ich werde dir helfen.“

Wir wissen jetzt viel mehr darüber, wie die Welt funktioniert. Wir waren in einem exklusiven Kampf heimisch und haben viele Orte im Ausland besucht, in der Welt der Bewaffnung und Kriegsführung, vom Konzept und der Ausarbeitung von Techniken, Technologien und Taktiken zur Wüstenei der Macht und seiner Projektion und Artikulation als eine Macht für sich. Wir sind mit den Gedankengängen und der Geschichte des Militärs (die unser aller Geschichte ist) sowie der Philosophie besser vertraut. Und wir wissen aus erster Hand, wie enttäuschend die Gewissenlosen sein können.

Daher war es für uns an der Zeit, zur Fiktion zurückzukehren. Zunächst mit Tempus und seiner „Sacred Band of Stepsons“. Mit der Sacred Band können wir aussprechen, was wir anderweitig nicht aussprechen können, und den Leser an Orte ohne Grenzen mitnehmen. Während sich unsere philosophische und wissenschaftliche Bandbreite erweitert hat, gilt dies auch für unser Verständnis der Menschheit in ihrer Kette von Kämpfen auf dem Weg zu einem überlebensfähigen Gleichgewicht. Heroismus fasziniert uns mehr als je zuvor: So viele Helden, die nie besungen wurden, in diesem modernen Zeitalter des Zynismus; so viele, die etwas zu sagen haben und denen in der Kakophonie der Selbstdarstellung, die das 21. Jahrhundert kennzeichnet, nie zugehört wird.

Tempus, der uns auf all unseren eigenen Abenteuern begleitet hat, und sein in ihm nachklingende Zwilling, Herakleitos von Ephesos, haben uns geholfen, den Glauben zu bewahren: unbeirrbare Entschlossenheit, unerschütterliche Hingabe für das, was richtig ist. Durch die Augen von Tempus werden die antike Welt und die moderne Welt eins, eine erkennbare ausgedehnte Fläche.

Darauf basierend schrieben wir „The Sacred Band“, weil wir dazu angetrieben wurden, diesen Roman zu schreiben. Dieses Buch ist unsere beste Arbeit überhaupt. Und wir haben noch mehr vor: Das Ethos der Sacred Band ist wichtiger als je zuvor, da wir in ein Zeitalter eintreten, in dem Verwirrung vorherrscht. Die Geschichten von Tempus sind immer fesselnd: Der Entwurf des Konzepts der „The Sacred Band“ nahm vierzehn Monate in Anspruch, da die Charaktere dies erforderten.

Während des Korrekturlesens von „The Sacred Band“ und des Umschreibens des Begleitbuchs „Tempus“ in eine Version, die wir den „Author’s Cut“ nennen, entschlossen wir uns, die „Heroes in Hell“-Serie mit neuen und alten Autoren wiederzubeleben: Die Hölle ist ein weiterer Ort, an dem die Charaktere, deren Standpunkte uns fesseln, unwiderstehliche Geschichten erzählen können.

Wir schreiben nur, wenn wir uns dem Schreiben nicht entziehen können - nur, wenn die Geschichten und Charaktere das Opfer unseres „Hier und Jetzt“ zugunsten ihres „Dort und dann“ fordern. Wenn wir Sachbücher schreiben, verwenden wir einen anderen Teil unseres Gehirns, die analytische Seite. Wenn wir Fiktion schreiben, erschließen sich komplett neue Welten, und das Geflüster der Sonnenwendengötter ist laut und deutlich.

Als wir mit „The Sacred Band“ begannen, eröffnete sich vor unseren inneren Augen eine unerforschte Realität, die reichhaltiger und vollständiger war, als sie anderweitig erfahren werden könnte. Letztendlich kommt es nicht darauf an, warum wir schreiben und warum wir lesen: An einen anderen Ort und in eine andere Zeit, in einen anderen Raum und Geist versetzt zu werden, wenn auch nur für kurze Zeit?

Das glauben wir. Daher schreiben wir. Wir bitten die Fiktion, für uns das zu tun, was nur Fiktion tun kann, wenn sie zu Höchstform aufläuft: Uns mit dem Vergänglichen und dem Ewigen und der langen Kette jener zu verbinden, die herausgefunden haben, dass nur Geschichten der Menschheit auf ihrer Reise von dem Ort, an dem wir unseren Anfang nahmen, zu dem Ort, zu dem wir gehen, helfen können. Nur Geschichten erlauben uns, uns vollkommen anderen mitzuteilen und dennoch zu verschwinden und von einer Welle der Wahrheit verschluckt zu werden, die von den Sonnenwendengöttern kommt und uns adelt.

Eine lange Reise hat uns dorthin zurückgebracht, wo wir unsere Reise begannen und wo wir sein wollen. Manche Dinge können nur in der Fiktion ausgesprochen werden. Dies sind die Dinge, die wir jetzt aussprechen wollen.

„Life to you and everlasting glory“, sagen unsere „Stepsons“ den Lebenden. „Joy to you and everlasting glory“, sagen sie den Toten.

Wir wünschen euch die Reise eurer Träume. Wir nehmen euch mit uns mit, auf unseren Reisen zu entfernten Welten, solange die Sonnenwendengötter und Tempus uns in die Ohren flüstern.

ins Deutsche übertragen von Ingo Dierkschnieder

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