Leit(d)artikel KolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Terra Astra 290 Time Squad 2 - Das Zeit-Camp

Rainers Leselisten

Peter Terrids Time-Squad

Terra Astra Band 290 "Das Zeit-Camp"

unser frisch gebackener Zeit-Schwadron-Held Tovar Bistarc wird von seinem Vorgesetzten Don Slayter ins Hauptquartier der Time-Squad gebracht, dort lernt er deren eigentliche Chefin kennen, Demeter Carol Washington, und erfährt, dass bereits zwei Agenten nicht mehr aus der Vergangenheit zurückgekehrt sind. er soll daher nach Cherbourg im Juni 1944 geschickt werden, kurz bevor die Stadt von den Alliierten eingenommen wird.

 

dort übernimmt sein Geist den Körper des schwer verletzten Albert Schygulla. unser Held bleibt lange genug im Leutnant'schen Körper um auf den gesuchten Zeit-Gegner Horatio Müller zu stoßen, genannt Leichen-Müller, er ist nämlich ein Militärrichter, der Soldaten reihenweise liquidieren lässt - und ihren Geist in Robotkörper versetzt. letzteres ahnt natürlich niemand. Tovar wird ebenfalls in einem solchen Robotkörper gefangen, der den Marinesoldaten Horst Schneider darstellt, kontrolliert von Leichen-Müller, abkommandiert zum Dienst auf dem Boot U-456. Schygullas Körper stirbt, Tovars Geist kann nicht in seine Zeit zurückkehren, er ist ein Gefangener im Androidenkörper. er kann zwar frei denken, aber nicht mehr frei handeln oder reden.

es geht also auf ein U-Boot, das wird von einem Zerstörer aufgebracht, auf dem eine Zeitmaschine steht, mit der wird die gesamte Besatzung an den Amazonas um das Jahr 1480 abgestrahlt. sie landen im titelgebenden Zeit-Camp, dort befinden sich immerhin schon 2000 Männer, davon 500 Mann Wachpersonal, Soldaten aus allen Ländern und fast allen Epochen waren in dieses Lager verschleppt worden, napoleonische Grenadiere werden neben römischen Legionären trainiert. es soll eine Zeit-Armee für die Organisation der Sieben Weisheiten gebildet werden. die Flucht aus dem Camp scheint unmöglich, es liegt mitten im Dschungel einerseits, und wird von mental beeinflussten Raubkatzen andererseits bewacht. der Lagerkommandant Rayon Corten macht klar, dass es für all diese Soldaten aus unterschiedlichen Epochen nur einen Weg gibt, nämlich Gehorsam, ansonsten droht Liquidierung.

schon im ersten Band taucht Valcarcel auf, Oberhaupt der Organisation oder Sekte, der den Zeitablauf beliebig beeinflussen kann. im Camp zeigt er sich den Gefangenen und demonstriert seine Macht - unzählige Insekten ballen sich plötzlich zu einem großen schlanken und ziemlich alten Mann zusammen. die wenigen verbliebenen Haare glänzen grausilbern, er trägt einen Umhang aus dunkelblauer Seide, auf der Brust eine stark verschnörkelte Sieben. Valcarcel schreitet die angetretenen Reihen ab, und legt manchen eine Hand auf die Schulter. auch Tovar kommt in den Genuss dieses Privilegs: "Wie glühende Nadeln fraß sich der Blick in mein Hirn, und als der Unheimliche mir seine rechte Hand auf die Schulter legte, floss eine eisige Kälte durch meinen Körper. Dieser kurze Kontakt hatte mein seelisches Gleichgewicht völlig erschüttert." der Zeit-Verbrecher verschwindet wieder in einer Schar tanzender Insekten, die sich zu einem Schwarm formieren und über dem Lager Köpfen ein V bilden.

Tovar trifft im Lager auf die verschollenen Agentenkollegen Mike und Sato, die beiden sind ebenfalls in einem Androidenkörper gefesselt. gemeinsam mit dem Wehrmachtssoldaten Anastasius Immekeppel an fliehen die drei in den Dschungel, dort operieren sie einander gegenseitig einen Kleincomputer aus dem Körper, der sie unter Kontrolle hält. dabei werden sie von Amazonas-Indianern gestellt, und Immekeppel muss gegen eine Albino-Raubkatze kämpfen, die er tatsächlich ohne Waffen besiegen kann. damit genießt unser Quartett plötzlich höchstes Ansehen.

die jetzt nicht länger blockierten drei Zeit-Agenten übernehmen die Körper von drei Indios, zu viert kehren sie ins Camp zurück und wiegeln die Gefangenen auf, es kommt zum Kampf mit den Wachsoldaten. Tovar beginnt, mit der Zeitmaschine die Verschleppten in die Zukunft zu beamen. Valcarcel greif in den Kampf ein, doch er kann nicht mehr verhindern, dass alle im Hauptquartier der Time-Squad ankommen. das Lager selbst wird dabei vollständig vernichtet, die drei Zeitagenten verlassen ihre Gastkörper und lassen ihren Geist in ihre eigenen Körper in der Zukunft zurückkehren.

🚀 mein Senf 🧂 

wieder haben wir hier mehr eine wilde Abenteuergeschichte denn als klassische SF. wieder fliegt man zwar schon mit Gleitern, kontrolliert aber immer noch Papiere, und es ist noch nicht möglich, "Robots herzustellen, deren Sprechweise sie nicht sofort verraten hätte".

zum Inhalt

gerne streut der Autor wieder mehr oder weniger interessante Wissensschnipsel ein, er ist entweder sehr belesen, oder hat dicke Brockhäuser und Bertelsmänner zuhause:

- Deutsche halten die Gabel links und das Messer rechts; Amerikaner auch, aber sie legen nach dem Zerschneiden das Messer beiseite und nehmen die Gabel in die Rechte

- Franzosen werfen Zuckerwürfel in die Betonmischmaschine - 10 Gramm Zucker können 100 Kilogramm Beton unwirksam machen (das Calcium verbindet sich statt mit der Kohlensäure der Luft = Härte mit dem Zucker und bildet leicht lösliches Calciumsacharat = macht aus Beton Sandstein)

- englische Piloten haben Füllfederhalter mit Minikompass, um die Flucht aus der Gefangenschaft zu erleichtern, zwei Ampullen mit hochkonzentriertem Farbstoff zum Umfärben von Uniformen, Benzedrintabletten (Aufputschmittel, die Deutschen schluckten Pervitin) und eine Karte des Deutschen Reiches

- als Tovar im Robotkörper gefangen ist, muss er an die alte Geschichte von Edgar Allan Poe denken, "Lebendig begraben"

- einige Indianervölker wie die Azteken bringen ihren Göttern Menschenopfer dar, alleine für die Einweihung des großen Tempels werden angeblich achtzigtausend (sic!) Menschen geopfert, darunter auch gefangene Spanier. sie zahlen einen fürchterlichen Preis dafür, zwischen 1519 und 1568 sterben 22 von den 25 Millionen Bewohnern Zentralamerikas

der Autor scheint auch Namensspielereien zu lieben.

- so heißt ein Sani in Cherbourg ausgerechnet Neumann, und referenziert damit auf die fiktive Gestalt des gleichnamigen Sanitätsgefreiten, der Gegenstand zotiger Unsinnslyrik ist, vergleich mit den Wirtinnen-Versen. unser Mann hat übrigens noch einen Namensvetter

- der todgeweihte Leutnant heißt Albert Schygulla, ich erinnere mich noch an Wim Vandemaan's Perry Rhodan 3331 "Königsmörder", erschienen 2025, dort heißt ein Raumschiffskommandant Cord Schygulla. die Schauspielerin Hanna Schygulla war ab 1969 in so ziemlich allen Filmen Fassbinders zu sehen, ob die Herren Ritter und Kasper der berühmten Schauspielerin ein Denkmal setzen wollten? oder sehe ich Verbindungen wo's gar keine gibt?

- Washington, D.C., federal district of Columbia, wird die US-amerikanische Bundeshauptstadt genannt, zur Unterscheidung vom Bundesstaat Washington, dessen größte Stadt wohl Seattle, Hauptstadt aber Olympia ist. Klugscheißermodus wieder aus. jedenfalls heißt die Chefin der Zeit-Schwadron Demeter Carol Washington, und diese Art von elterlichem Humor findet offenbar selbst der Autor absonderlich.

- ein neuer Gefährte stößt zur Zeit-Schwadron, der Wehrmachtssoldat Anastasius Immekeppel, liebevoll Inky gerufen; dieser Vorname war wohl auch schon in den 1940er Jahren ziemlich veraltet, und spielt er mit dem Familiennamen auf den Ort im Bergischen Land an? da denke ich natürlich eher an Bastei als an Pabel.

- überhaupt frage ich mich oft bei den Namen, wie sie entstanden sind. aus den Buchstaben von Tovar Bistarc könnte man zB Victor Bartas, Rob Stravatic oder Boris Cravatt formen, nichts davon scheint mir plausibel. die Atbash- und Caesar-Chiffren ergeben nur Kauderwelsch. wenn es denn eine Lösung gibt, ist sie wahrscheinlich super banal, oder sehr mathematisch. in das Thema könnte man schon reinkippen, so lerne ich, dass es einige Computerprogramme gibt, mit denen die deutsche Enigma-Verschlüsselung simuliert werden kann.

anmerkungswürdig...

das Hauptquartier der Time-Squad liegt also im "Indianerterritorium", dort würde es nämlich niemand vermuten. wir schreiben das Jahr 2378, und der US-amerikanische Bundesstaat Indiana ist seit 80 Jahren ein von den USA unabhängiger Indianer-Staat. native Americans lebten dort ja schon seit weit über 9000 Jahren, bevor 1670 die ersten Europäer gekommen sind. Anfang der 70er Jahre sind Indianer sehr en vogue, gerne werden ihre Weisheiten als Parolen für den Umweltschutz verwendet ("Geld kann man nicht essen"). auch Marlon Brando lehnte 1973 seinen Oscar ab, aus Protest gegen die Behandlung der amerikanischen Ureinwohner in Hollywood und in den Medien. vielleicht wollte Terrid ja mit diesem Indianerstaat den Natives im 24. Jhdt. wenigstens in der Literatur zu einer Art Wiedergutmachung verhelfen, who knows. das HQ der Time-Squad ist u.a. durch Laserkanonen und Säurewerfer geschützt, darunter sind Bauten, deren "einfallslose Architektur sofort Verwaltungsgebäude erahnen" lässt. eine schöne Beobachtung. auch Australien findet Erwähnung der Kontinent hat sich vor mehr als 80 Jahren von der Außenwelt hermetisch abgekapselt, seither sind Informationen über Australien Mangelware.

Tovar wundert sich, dass ein Soldat 1944 mit dem Wort Roboter und dem Konzept dahinter - künstlicher Arbeiter - vertraut ist. nun, vielleicht hat der Kamerad ja Karel Čapeks schon 1920 verfasstes Stück "Werstands Universal Robots" im Theater gesehen? oder er konnte sich in den 1930ern eine von der dt. Firma Berning (heute Jenoptik) hergestellte Kleinbildkamera namens Robot leisten? der Westworld Film lief 1973 in unseren Kinos, Terrids Geschichte wurde 1977 veröffentlicht. im Film waren die Roboter aus Metall mit mechanischen Teilen und Silikonhaut gebaut, die in der TV-Serie aus 2016 hatten ebenfalls ein metallenes Endoskelett, aber eine organische Haut. in unserem Roman ist das Kunstskelett aus Ossoplast, ebenfalls ein synthetisches Material.

wir sind in den 70er Jahren, daher liegen unserem Helden "Mädchen nicht besonders, die mehr Doktorhüte als Bikinis aufzuweisen haben". das ist umso spannender, als der Autor dann das Rollenverständnis der Zwischenkriegs- und Weltkriegszeit als "archaisch" bezeichnet, "in dem Frauen mit den berühmten drei K – Küche, Kirche, Kindbett – abgestempelt wurden". in Tovars Gegenwartszeit hatten die USA bereits vierzehn Präsidentinnen, die achte davon sogar "eine attraktive Schwarze, die während einer innenpolitischen Senatsdebatte ihren neugeborenen Sohn gestillt hatte". bäms! nun, Christine Heindl, grüne Abgeordnete zum österreichischen Parlament, verursachte noch einen Aufruhr, als sie im November 1990 ihr Baby im Plenarsaal stillte. und zum ersten schwarzen Präsidenten wählten die US-Amerikaner 2008 Barack Obama.

der Autor gibt sich also als fortschrittlich, vielleicht ist das ja auch SciFi für ihn. und Pazifismus lässt er durchklingen, wenn er anmerkt:
"Es war die Ära des Zweiten Weltkriegs, der noch auf primitive Art geführt worden war. Sechs Jahre waren nötig gewesen, um fünfundfünfzig Millionen Menschen zu erschießen, verbrennen, zu sprengen, hinzurichten und auf andere Arten zu töten. In der Statistik jener Zeit waren nicht erfasst worden: Verfolgte, Geschändete, Ausgeplünderte, Gefolterte, Gedemütigte, Vertriebene und die zahllosen Verwandten und Freunde der Opfer."

oder wenn er die Zeit-Schwadron-Chefin schwadronieren lässt:
"Unsere Männer haben das Kämpfen verlernt. Sie müssen daran denken, dass es in unserer Zeit so gut wie keine Berufssoldaten mehr gibt. Damals aber gab es Tausende von Männern, die praktisch kein anderes Handwerk gelernt hatten. Daraus erklärt sich auch die politische Instabilität dieses Jahrhunderts.«

Umweltschutz im Dschungel hält Terrid allerdings nicht für möglich, dort geht es ums nackte Überleben:
"Dschungel, dicht, grün, fieberverseucht, von Leben wimmelnd und die größte Ansammlung von Todesgefahren, die es auf dem festen Boden gab. In diesem Bereich der Erde hatte der Mensch fast keine Möglichkeit, mit der Natur zu leben. Er konnte sich ihr unterwerfen und dafür einen hohen Preis zahlen, er konnte sie aber auch mit seinen Mitteln bekämpfen und sie vernichten. Der Preis, der dafür zu zahlen war, war unter Umständen – es hing von der Betrachtungsweise ab – noch höher."

vom Stil her...

lese ich hier eine Mischung aus Abenteuer- und Agentengeschichte. natürlich merkt man der Sprache immer wieder ihre Epoche an, aber sie wirkt nicht altbacken. der Humor kommt dabei auch nicht zu kurz,

- zB die Reaktion der Neuankömmmlinge im Camp, als ihnen der Lager-Capo droht: "Neben mir erklang eine Aufforderung, die zum deutschen Zitatenschatz gehörte und von den solcherart Angeredeten nur selten wahrgenommen wurde. Ob Corten deutsch sprach, ließ sich aus seiner Reaktion nicht ablesen."

- wenn er die Chefin der Time-Squad nicht einfach nur als sexy beschreibt, nein, unser Held Tovar hätte D.C.s Eltern "den Nobelpreis für genetische Architektur verliehen".

- wenn er einem Kameraden erklärt, dass es sich um eine Zeitmaschine handle, und der sich teilnahmsvoll erkundigt: "Der Suff, nicht wahr? Kenne ich, aber das gibt sich wieder."

- die Geschichte endet mit einem Gag - die Zeit-Agenten blieben nach der Zerstörung des Camps noch fast eine Woche im Dschungel, um die "ausgeliehenen" Indo-Körper zurück zu ihrem Stamm zu bringen; in dieser Zeit hat sich "Inky" offenbar erfolgreich an DC Washington herangemacht; tja, wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte...

die Story hat einen guten Rhythmus, es wird eigentlich nie langweilig. manches ist mir dann aber doch zu sehr Räuberpistole, bzw. habe ich den Eindruck, McGyver ist hier unterwegs:

"Ich zog die Flasche aus der Tasche. Sie enthielt geringfügige Reste von Rasierwasser, konzentrierte Schwefelsäure und hochprozentigen, fast reinen Äthylalkohol. Mike hatte den Kaugummi besorgt, den ich seit unserem Aufbruch im Mund hatte. Ich brachte einen Wattebausch Vorschein und drückte ihn gegen den Kaugummi, dann tränkte ich die Watte mit dem Äther, der aus der Schwefelsäure und dem Äthanol entstanden war. Ich warf die Watte dem Panther an den Leib. Wie ich erwartet hatte, blieb der klebrige Kaugummi am Fell des Tieres haften, das Sekunden später aufbrüllte."

oder wenn Tovar aus Stelen, die er im Dschungel findet, schmale Steinmesser mit extrem dünner Klinge herstellen kann, und sein neuer Kumpel eine ausgewachsene Raubkatze mit bloßen Händen niederringen und ihr das Genick brechen kann...

summa summarum eine auch heute noch sehr lesenswerte Geschichte, ich habe mich sehr gut damit unterhalten!

das Titelbild ist wieder von Eddie Jones, interessanterweise wurde es u.a. auch für einen italienischen Perry Rhodan verwendet, und wieder gefällt es mir sehr gut, mit der Handlung hat es aber leider so gar nichts zu tun. neu ist jetzt das Pabel-Logo, im Impressum steht aber immer noch Moewig. und auch der reißerische Untertitel darf nicht fehlen.

im Report gibt ein Roland Rosenbauer Tipps für Trickfotografien, zwei solcher Fotos werden gezeigt, die Qualität ist denkbar schlecht.

 

Terra Astra 290
Das Zeit-Camp
Er geht in die Vergangenheit - und landet im Trainingslager der Hölle
Ein Abenteuer der Time-Squad - 2. Roman

Autor: Peter Terrid (Wolfpeter Ritter)
Titelbild: Edward "Eddie" John Jones
Verlag: Moewig
Erscheinungsdatum: 08.03.1977

zurück zur Hauptseite

Der Gästezugang für Kommentare wird vorerst wieder geschlossen. Bis zu 500 Spam-Kommentare waren zuviel.

Bitte registriert Euch.

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles