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Heyne Science Fiction Classics 9 - Edgar Rice Burroughs

Heyne Science Fiction ClassicsDie Heyne Science Fiction Classics
Folge 9: Edgar Rice Burroughs
Die Venus-Tetralogie

Von den sechziger bis Anfang der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts erschienen als Subreihe der Heyne Science-Fiction-Taschenbücher mehr als hundert Titel unter dem Logo „Heyne Science Fiction Classics“. Diese Romane und Kurzgeschichten werden in der vorliegenden Artikelreihe vorgestellt und daraufhin untersucht, ob die Bezeichnung als Klassiker gerechtfertigt ist.

Heyne Science Fiction ClassicsIn der Artikelserie über die Heyne Science Fiction Classics haben wir bereits verschiedene Spielarten und Subgenres der Science Fiction kennengelernt. Vom klassischen deutschen Zukunftsromen über Space Operas, kosmische Visionen, Future Histories, Lost-World-Abenteuer, Weltuntergangsromane bis zu Dystopien ging die Spannweite. Heute öffnen wir eine weitere Tür ins Abenteuerliche, und zwar mit DEM Klassiker des romantischen Planetenabenteuers. Edgar Rice Burroughs als Klassiker zu bezeichnen lässt sicher manchen Liebhaber anspruchsvoller Denkmodelle die Haare zu Berge steigen, sofern sie noch vorhanden sind. Auch ich gestehe, dass ich dieser Art von Literatur entwachsen bin. Aber man muss anerkennen, dass in den Massenmedien nicht nur Denksport auf höchster Ebene gefragt ist, sondern hauptsächlich leicht konsumierbare Unterhaltung. Und in dieser Hinsicht muss man Edgar Rice Burroughs als Klassiker der phantastischen Unterhaltungsliteratur akzeptieren, ob es einem gefällt oder nicht.

Burroughs (1875 – 1950) war ein amerikanischer Schriftsteller, der nach einer Vielzahl von unterschiedlichen Jobs erst spät zum Schreiben kam. Seine erste Erzählung Dejah Thoris, Princess of Mars erschien unter einem Pseudonym 1912 im All-Story-Magazin und war der Auftakt zur erfolgreichen elfteiligen Serie um John Carter vom Mars. Bereits im gleichen Jahr kam die erste Geschichte über den Helden heraus, der Burroughs berühmt und reich machte: Tarzan of the Apes. Mehr als zwei Dutzend Bücher um den Dschungelhelden erschienen in den kommenden Jahren, gefolgt von einer großen Anzahl von Verfilmungen und Comics. Der Tarzan-Mythos lebt bis heute ungebrochen weiter. Burroughs konnte sich von seinem Erfolg ein Stück Land in Kalifornien kaufen und dort die Tarzana Ranch aufbauen. Heute ist die Gegend ein Stadtteil gleichen Namens von Los Angeles. Bei Tarzan handelt es sich um Abenteuerromane mit einzelnen phantastischen Elementen wie intelligenten Riesenaffen mit eigener Sprache. Pure Phantastik sind der Großteil der anderen Werke von Burroughs. John Carter ist der Archetyp der Science Fantasy, einer Verbindung der beiden nah verwandten Spielarten der Phantastik. Nicht ganz so bekannt wie John Carter wurde Carson Napier. Dieser wollte auch wie sein Kollege Carter den Mars erreichen, landete aber stattdessen zuerst auf der Venus und dann in den Heyne Science Fiction Classics. Ein weiteres Reich, in das Burroughs seine Helden sandte, ist Pellucidar, die geheimnisvolle Welt im Innern der hohlen Erde. Sieben Bücher erschienen über dieses Reich, davon ein Tarzan-Crossover. Insgesamt schrieb Burroughs um die 80 Bücher, viele davon erreichten Riesenauflagen. In Deutschland erschien auch noch der Roman Caprona – im Reich der Dinosaurier um ein Inselreich, wo die Evolution seltsame Blüten treibt.

Heyne Science Fiction ClassicsDer Forscher Carson Napier hat sich bei seinen Studien mit dem Bau einer Rakete beschäftigt, mit der er den Mars erreichen kann. Er plant, alleine aufzubrechen, möchte aber die Erfahrungen seiner Reise an die Erde mitteilen. Dabei sind ihm seine telepathischen Kräfte zunutze, die er der Lehre eines alten Hindu verdankt. Als Medium auf der Erde dient ihm ein Schriftsteller, der mit ihm psychisch harmoniert und deswegen seine Gedankennachrichten empfangen und zu Papier bringen kann. Napier startet ins All Richtung Mars. Leider haben die Kursberechnungen einen kapitalen Fehler, denn der Gravitationseinfluss des Mondes wurde übersehen, und so wird die Rakete abgelenkt und fliegt Richtung Venus. Bevor sie sich in den Boden hineinbohrt, steigt Carson aus und segelt nach unten, einem unendlichen Blätterdach entgegen. Ein großer Teil der Venusoberfläche ist von einem Urwald von Bäumen titanischer Größe bedeckt. Die Luft ist atembar und das Klima dort wo Carson landet sehr angenehm,. Kaum hat sich der Schiffbrüchige auf einem großen Ast niedergelassen, springt ihm bereits die erste Gefahr entgegen:

In dem Halbdämmer der venusianischen Nacht sah ich mich einem Tier gegenüber, das einem Alptraum entsprungen schien. Es war etwa so groß wie ein ausgewachsener Puma und hatte vier handähnliche Klauen, die mich vermuten ließen, daß es nur in den Bäumen lebte. Die Vorderbeine waren zudem viel länger als die Hinterbeine und verliehen dem Tier eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Hyäne – die aber damit bereits erschöpft war. Der Pelz war in rot und gelb längs gestreift, und der gewltige Kopf zeugte von der außerirdischen Herkunft des Tiers. Ohren waren nicht zu sehen, und auf der niedrigen Stirn erhob sich ein einzelnes, großes, rundes Auge, das am Ende einer etwa zehn Zentimeter langen runden Antenne schwang. Das Ungeheuer hatte lange, kräftige Kiefer mit langen, scharfen Zähnen und links und rechts am Hals ragten lange Scheren hervor. Ich hatte noch kein Wesen gesehen, das auf ähnliche Weise für den Angriff gerüstet war. Mit seinen Scheren hätte es sich mühelos einen Gegner vom Leib halten können, stärker als ein Mensch.

(Zitiert aus: E. R. Burroughs: Piraten der Venus. München 1971, Heyne SF 3188, S. 29f)

Derlei Beschreibungen waren durchaus für andere Schriftsteller beispielhaft. Man vergleiche z. B. die Schilderung eines anderen Monsters im Artikel über E. C. Tubbs Earl-Dumarest-Serie (ungeachtet anatomischer Unterschiede).

Carson wird durch einheimische Krieger gerettet, die das Monster flugs erlegen, und in ihre Stadt in den Riesenbäumen gebracht. Der blonde Amerikaner sieht für die etwas dunkelhäutigeren und dunkelhaarigen, aber sonst total menschlichen Venusbewohner seltsam aus. Ein einheimischer Gelehrter namens Darbol bringt Carson binnen einige Wochen die Sprache der Venusier bei. Napier ist in Trabol gelandet, einem großen Abschnitt der Venusoberfläche mit gemäßigtem Klima, und er befindet sich im Land Vepaja. Die Venusier nennen ihren Planeten Amtor. Carson lernt Mintep kennen, den Jong d. h. König der Vepajer. Er erfährt, dass sich die Vepajer im Krieg mit den Thoristen befinden, ihre früheren Untertanen, welche gegen die Herrschaft revoltiert und ein eigenes Reich gegründet haben. Sie hassen die Vepajer, weil diese das Geheimnis der Unsterblichkeit besitzen und ihnen vorenthalten. Bei einem Spaziergang sieht Carson ein geheimnisvolles schönes Mädchen, in das er sich sofort verliebt, das ihn aber zurückweist. Bei einem Jagdausflug mit seinem Freund Karbol werden die beiden von Vogelmenschen gefangen und auf ein Schiff der Thoristen entführt, welche Sklaven für ihr Reich fangen. Carson zettelt eine Meuterei gegen die Sklavenhalter an und übernimmt den Befehl über das Schiff. Er und seine Kumpane werden Piraten der Venus und bringen andere Schiffe auf. Er ist total überrascht, als er eine junge Frau aus der Gefangenschaft der Sklavenhalter befreit, die sich als das geheimnisvolle Mädchen entpuppt und von den anderen Vepajern verehrt wird. Denn sie ist Duare, die Tochter des Jong und Prinzessin der Vepajer. Duare wird aber wieder von zwei Thoristen mithilfe der Vogelmenschen entführt. Carson will sie mit dem Schiff verfolgen, wird aber bei einem Sturm von Bord gespült. Er rettet sich schwimmend an Land und entdeckt Duare samt ihren Verfolgern. Er befreit sie und sendet sie mit einem der Vogelmenschen, der ihm zu gehorchen verspricht, zum Schiff zurück, während haarige Angreifer daherstürmen und Carson ein weiteres Mal gefangennehmen. Aber Duare ist hoffentlich gerettet?

Heyne Science Fiction ClassicsCarson ist also wieder in Gefangenschaft. Es ergeht ihm übel, denn in Gesellschaft der haarigen Eingeborenen ist der Ongyan Moosko, ein führender Kader der Thoristen, den Carson auf dem Schiff gefangengenommen und brüskiert hatte. Carson wird in die Stadt Kapdor gebracht, wo ihn ein schrecklicher Tod erwartet – das Zimmer mit den sieben Türen, von denen ihn nur eine in die Freiheit führen und vor einem qualvollen Lebensende retten kann. Aber welche Tür ist die richtige? Carson kämpft gegen Schlangen und gegen einen Tharban, eine riesige Bestie. Es gelingt ihm zu entkommen, aber als er durchdringende Frauenschreie hört, geht er ihnen nach. Es ist Duare, denn der Vogelmensch hatte sie nicht zu Carsons Freunden gebracht, sondern nach Kapdor. Sie wird gerade von Moosko bedrängt, der ein Auge auf ihre Unschuld geworfen hat. Carson übewältigt den Lustmolch und flieht mit Duare aus der Stadt. Er möchte die Küste erreichen, wo er hofft, dass seine Freunde nach ihm suchen. Doch in Unkenntnis der venusianischen Geographie verirren sich die beiden Flüchtlinge hoffnungslos. Sie sind Auf der Venus verschollen. Bald geraten sie in die Gewalt des wahnsinnigen Forschers Skor, der künstliches Leben erzeugen will und über ein Heer von Untoten herrscht. Es gelingt Duare zu entfliehen. Carson entdeckt eine andere junge hübsche Frau, die in der Gewalt Skors ist. Dieser zapft ihr Blut ab und vewendet es für seine unheilvollen Experimente. Carson befreit die junge Nalte. Auf der Flucht landen die beiden in der Stadt Havatoo, wo eine seltsame Gesellschaft von wunderschönen und hochintelligenten Menschen besteht. Carson besteht aber ihren strengen Aufnahmetest nicht. Er wäre zum Tod verurteilt, wenn er nicht beweisen könnte, dass er von einem anderen Planeten kommt und den Bewohnern von Havatoo als neue Wissenschaft die Astronomie lehren kann. Als die Havatoorianer erfahren, dass Carson Flieger ist, darf er ein Flugzeug bauen. Die Wissenschaft auf der Venus ist weit fortgeschritten:

Hier in Havatoo hatte ich Hilfsmittel und Materialien zur Verfügung, die nur die Chemiker von Havatoo hervorbringen konnten; synthetisches Holz und Stahl und andere Werkstoffe, die einerseits bemerkenswert leicht waren, andererseits aber eine große Härte besaßen.

Für den Antrieb meines Flugzeugs hatte ich das auf der Erde nicht bekannte Element Vik-ro zur Verfügung, das auf ein anderes Element, Yorsan, in der Weise einwirkt, daß eine darin enthaltene Substanz names Yor völlig aufgelöst wird. Dabei wird eine unglaubliche Energie freigesetzt. Ein Bröckchen von der Größe meiner Handfläche reichte aus, um das Schiff für alle Ewigkeit mit Energie zu versorgen. Ist es aus diesen Gründen verwunderlich, daß ich der Fertigstellung eines solchen Flugzeuges mit Ungeduld entgegensah? Mit ihm konnte es mir nicht schwerfallen, Duare zu finden.

(Zitiert aus: E. R. Burroughs: Auf der Venus verschollen. München 1971, Heyne SF 3192, S. 117)

Erklärungen irgendwelcher technischer Erfindungen waren also nicht unbedingt die Stärke von Burroughs, wobei solche in der SF ja prinzipiell Pseudowissenschaft sind. Aber ob das irgendwie glaubwürdig zum Publikum rüberkommen würde, interessierte den Autor auch nicht.

Die Pläne Carsons werden jäh zerstört, als er und Nalte von hinten angegriffen werden und das Mädchen entführt wird. Carson kann sich befreien und verfolgt die Angreifer durch einen Tunnel, der auf die andere Seite des Flusses in die Stadt Kormor führt, wo der böse Skor mit seinen Untoten residiert. Zu seinem Entsetzen entdeckt Carson, dass auch Duare wieder in der Gewalt Skors ist. Der Erdmensch lässt sich nicht durch die Untoten schrecken, befreit die beiden Damen ein weiteres Mal und flieht mit ihnen zurück nach Havatoo. Dort steht aber Ungemach bevor, denn Duare verfällt dem strengen Gericht der Einheimischen, weil sie durch ihre Gefangenschaft bei den Untoten als für ein Leben bei den Havatooanern unwürdig angesehen wird. Es wird das Todesurteil über sie verhängt, doch Carson entflieht mit ihr mit dem neugebauten Flugzeug. Jetzt sind die beiden allein und heimatlos auf Amtor. Sie können nicht nach Vepaja zurück, denn Carson hat ein Sakrileg begangen, weil er mit Duare gesprochen und dann der Thronfolgerin seine Liebe erklärt hat. Doch das hat alles keine Bedeutung, denn endlich erkärt Duare dem wackeren Kämpfer, dass sie ihn auch liebt.

Heyne Science Fiction ClassicsSo sind die beiden Verliebten Ausgestoßene und machen sich auf die Suche nach einer Heimat. Nach einem Zwischenfall bei einer Rast am Boden, bei dem Duare von kriegerischen Amazonen entführt und Carson niedergeschlagen wird, muss sich der Erdmensch wieder einmal auf die Suche nach ihr machen. Er findet sie bei einem Stamm, wo die Frauen das Sagen haben und rettet Duare vor der Sklaverei. Dann reisen die zwei Heimatlosen in ihrem Flugzeug weiter und kommen in das Königreich Korva. Es herrscht Krieg auf der Venus, denn die Hafenstadt Sanara wird von den Aufständischen Zanis belagert, welche die Hauptstadt Amlot besetzt und den Jong Kord gefangengenommen haben. Carson erwirbt das Vertrauen des Adeligen Taman und hilft bei der Verteidigung von Sanara, indem er mit dem Flugzeug die Bewegungen des Feindes ausspioniert und sie bombardiert. Muso, der Neffe des Jong, der in seiner Abwesenheit die Regentschaft innehat, sendet Carson mit einer Geheimbotschaft nach Amlot. Doch er spielt ein falsches Spiel, denn er will selbst Jong werden und Carson an Mephis verraten, den Anführer der Zanis. Der Erdmensch durchschaut Musos Spiel. Im Gegensatz zu seiner Behauptung kann er mittlerweile die amtorische Schrift flüssig lesen und entdeckt Musos Verrat, als er die Botschaft öffnet. In Amlot gewinnt Carson das Vertrauen von Zerka, einer Adeligen, die eine Revolution gegen den Gewaltherrscher Mephis plant. Dieser bringt Kord um, nachdem der Jong nicht auf seine Forderungen eingeht. Doch bald ist sein Spiel aus, denn er kann im Zweikampf gegen Carson nicht bestehen. Die Gefangenen werden befreit und die Herrschaft der Zanis gebrochen. Unter den Gefangenen ist überraschenderweise auch Duares Vater, der Jong von Vepaja. Duare fliegt mit ihm in ihre Heimat zurück, Carson zurücklassend, denn sie glaubt, er wäre in den Kämpfen ums Leben gekommen. Carson beendet in Sanara das falsche Spiel Musos, indem er seinen Verrat enthüllt. Dann rettet er die Tochter des neuen Jong, seines Freundes Taman, nach einer Entführung durch den abgesetzten Muso und macht den Verräter endgültig unschädlich. Aus Dankbarkeit nimmt Taman den heimatlosen Erdling in den Hochadel Korvas auf und ernennt ihn zum Thronfolger von Korva. Doch Carson ist ohne seine Duare nicht glücklich, und so segelt er alleine Richtung Vepaja. Nach langer Fahrt kommt er dort an und kann Duare vor der Exekution retten, denn sie hatte nach der dortigen Rechtsprechung ein Verbrechen begangen, weil sie sich mit ihm eingelassen hatte. Carson „entführt“ Duare und nimmt mit ihr im wiedergewonnenen Flugzeug Kurs auf Korva, wo die beiden Frieden und Glück und Freundschaft erwarten.

Heyne Science Fiction ClassicsDas Schicksal meint es nicht gut mit Carson und Duare. Der Himmel reißt auf und die Sonne kommt zum Vorschein. Das hat einen gewaltigen Sturm zur Folge, der die beiden Flieger Hunderte Kilometer in ein unbekanntes Land fortträgt, weit entfernt von ihrem Ziel. Damit beginnt für die zwei ihre Odyssee auf der Venus. Sie werden bei einem Halt von Fischmenschen gefangen, welche sie in ihre Stadt Mypos bringen, die am Ufer eines riesigen Binnenmeeres liegt. Dort werden sie als Sklaven versteigert, wobei Duare in den Harem des Jong Tyros wandert. Doch Carson ist nicht wehrlos, denn durch eine List gelingt es ihm, seine Strahlenpistole zu behalten. Carson freundet sich mit zwei anderen menschlichen Sklaven an, Kandar und Artol. Sie stammen aus der Stadt Japal, welche am anderen Ende der Binnensee liegt. Kandar ist der Sohn des dortigen Jong. Carsons Herr will seinen aufsässigen Sklaven loswerden und schenkt ihn dem Herrscher. Dort dauert es nicht lange, bis der Erdmensch dem unappetitlichen Tyros mit einem Strahlschuss den Garaus macht und mit Duare das Weite sucht. Auf der Flucht nehmen sie ihre beiden neugewonnenen Freunde mit. Das nächste Ziel ist Japal, deren Heimatstadt. Der dortige Empfang ist aber nicht so freundlich wie erwartet, denn Kandars Vater ist von einem Usurpator gestürzt worden und die Reisenden werden prompt von dessen Schergen gefangengenommen. Die Lage wird bald komplett unübersichtlich, denn der Dikator tötet Kandars Vater, und dann greift eine riesige Flotte aus Mypos unter Führung von Tyros' Witwe die Stadt an, weil die Fischmenschen weitere Sklaven benötigen. Im Getümmel tötet Carson den Diktator Gangor, wird aber selbst von einer plötzlich neu auftauchenden Gruppe von Pflanzenmenschen, den Brokoliern, verschleppt. Diese kommen aus der Stadt Brokol. Dort wachsen die Kinder auf den Bäumen und fallen erst bei einem bestimmten Reifegrad herunter. Carson wird vor die Göttin der Brokolier geführt, die aber eine richtige Menschenfrau von der Erde ist, die auf unerklärliche Weise auf die Venus gelangt ist und nur undeutliche Erinnerungen an ihr Erdenleben hat. Dem Jong der Brokolier gefällt es nicht, dass sie sich sehr gut mit Carson unterhält und lässt sie gemeinsam mit Carson einsperren. Aber so geheimnisvoll die Frau einmal auf die Venus gekommen ist, so verschwindet sie spurlos über Nacht aus ihrem Käfig. Auf der Erde wird die Leiche einer Frau gefunden, welche vor 25 Jahren verschwunden war. Der Leichnam sieht aber noch so alt aus wie die Frau damals bei ihrem Verschwinden ausgesehen hatte. Carson gelingt es in der Zwischenzeit, mit seiner Strahlenpistole seine Peiniger unschädlich zu machen. Da kommt als Retterin Duare mit dem Anotar, ihrem Flugzeug, geflogen und nimmt ihren Geliebten auf.

Die Odyssee hat aber noch kein Ende, denn als Carson mit dem Flugzeug tiefer geht, um eine seltsame Armee von sich am Land auf Kettenpanzern fortbewegenden Kriegsschiffen zu betrachten, werden die beiden abgeschossen und wieder einmal gefangengenommen (wer hat mitgezählt, zum wievielten Male?). Sie werden in den Krieg von drei verschiedenen Parteien hineingezogen, können aber letzten Endes wieder fliehen. Doch der Anotar ist endgültig kaputt, deswegen müssen sich die beiden zu Fuß über die Berge auf den weiten Weg Richtung Korva machen. Nachdem Carson einen Bergbewohner vor dem Angriff eines Raubieres rettet, führt sie der dankbare Mann auf ihrem weiteren Weg, bis sie von einem hohen Pass in der Ferne die Türme und Mauern von Sanara sehen. Endlich sind sie – fast – wieder zuhause.

Das Schema der Burroughs'schen Geschichten (nicht nur bei der Venus-Serie) ist relativ einfach. Es gibt einen Helden, der in eine unbekannte Umgebung verschlagen wird, dort gleich einmal eine Prinzessin kennenlernt und sich umgehend in sie verliebt. Eifersüchtige Väter und tückische Schurken, welche mehr als ein Auge auf die Schönheit geworfen haben, stehen der Liebe entgegen. Es gibt Entführungen, Gefangenschaft, Sklaverei und Befreiung, Flucht, die nächste Gefangenschaft und so weiter. Eine Reihe von Kriegen gibt dem Helden viele Gelegenheiten, seine Intelligenz, Stärke und Fechtkunst in vielen Duellen zu beweisen. Die Hauptperson erringt großen Ruhm und eine führende Stellung in seiner neuen Heimat. Es gibt beliebige Wiederholungen des gleichen Schemas, immer wieder enden Handlungsabschnitte in Cliffhangern. Es ist leicht zu erkennen, dass diese Art der Handlungsführung durch die ursprünglichen Publikationen als Fortsetzungen in Magazinen getrieben wurde, bei der die einzelnen Folgen oft in einem Cliffhanger endeten. Liebhaber von Fernsehserien konnten diese Vorgehensweise sehr gut bei der gerade verblichenen Lindenstraße beobachten. Eine exotische Umgebung mit menschlichen, menschenähnlichen und nichtmenschlichen Bewohnern sowie einer großen Zahl unterschiedlicher Monster sorgt für die farbenprächtige Umrahmung der Geschichten.

Burroughs hat mit seiner Art zu schreiben eine große Zahl von weiteren Schriftstellern beeinflusst. Ein schlimmer Plagiator in den USA war Otis Adelbert Kline, der ganz nach dem bekannten Muster Dschungel- und Marsabenteuer schrieb. Glücklicherweise blieben seine Elaborate dem deutschsprachigen Publikum weitestgehend erspart. Hierzulande gut bekannt sind Leigh Brackett, Lin Carter und H. Kenneth Bulmer (teilweise unter seinem Pseudonym Alan Burt Akers). Brackett hat in ihren Marsgeschichten um Eric John Stark und Matt Carse das Vorbild Burroughs meiner Meinung nach deutlich übertroffen. Beim Wiederlesen der Abenteuer Carson Napiers kam mir auch Flash Gordon in den Sinn, der von Alex Raymond gezeichnete SF-Comicheld der dreißiger Jahre. Ich bin davon überzeugt, dass Raymond sich von Burroughs inspirieren hat lassen. Interessanterweise waren die Werke von Burroughs in deutschen Landen nicht so erfolgreich wie in den USA. Es gibt zwar eine Reihe von unterschiedlichen Tarzan-Ausgaben, die Mars-Serie hat allerdings bis heutige keine vollständige Ausgabe auf Deutsch erlebt. Der Williams-Verlag brachte in den siebziger Jahren vier Titel, Kranichborn in den Neunzigern zwei – beide Ausgaben im Gefolge von Tarzan-Ausgaben bei den gleichen Verlagen. Ich kann mich erinnern, dass ca. um 1980 herum in einem Goldmann-Katalog in der Halbjahrsvorschau die Mars-Bände bereits mit Titelbild abgedruckt wurden, aber aus mir unbekannten Gründen sah der Verlag damals dann doch von einer Veröffentlichung ab.

Natürlich hat die SF-Redaktion des Heyne-Verlags erkannt, dass sie mit den Venusromanen eine ganz andere Art von utopischer Literatur präsentierte als in den vorherigen Bänden der Heyne Science Fiction Classics. Deswegen wählte sie für die Titelbilder Grafiken des amerikanischen Künstlers Jeff Jones aus, welche vorher für verschiedene Fantasyromane Verwendung gefunden hatten. Keine üble Wahl, muss man sagen. Die Titelbilder der Heyne Science Fiction Classics waren vorher allesamt von Karl Stephan geliefert worden. Für Romane mit actionbetonter, fantasyorientierter Handlung passte sein Zeichenstil einfach nicht.

Wer sich für aktuelle Ausgaben der Venusserie interessiert, kann tatsächlich fündig werden. Der Apex-Verlag hat sie neben einigen John Carter-, Pellucidar- und Tarzan-Romanen komplett in seiner Reihe SF-Klassiker neu herausgebracht. Sogar der fünfte Band Der Zauberer der Venus, welcher aus dem Nachlass von Burroughs stammt, wurde hier präsentiert. Kurioserweise steht auf der Titelseite „Fünfter Band der Venus-Tetralogie“. Ein Freund sagte einmal zu mir: „Mit deinen Fremdwörtern kannst du mich nicht imprägnieren!“


Titelliste von Edgar Rice Burroughs

Anmerkung:
Es werden die Ausgaben in den Heyne Science Fiction Classics sowie die Erstausgaben der Werke angeführt.


1970

3188 Piraten der Venus (Ü.: Thomas Schlück)
Originalausgabe: Pirates of Venus, 1932/1934

3192 Auf der Venus verschollen (Ü.: Thomas Schlück)
Originalausgabe: Lost on Venus, 1933/1935

1971

3222 Krieg auf der Venus (Ü.: Thomas Schlück)
Originalausgabe: Carson of Venus, 1938/1939

3241 Odyssee auf der Venus (Ü.: Thomas Schlück)
Originalausgabe: Escape on Venus, 1946


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Tags: Science Fiction and Fantasy

Kommentare  

#1 Walter 2020-08-17 15:14
Kurioser Weise ist der Zauberer von der Venus bei APEX keine Erstausgabe! Der Übersetzer Bernhard Franz Josef Schaffer übersetzte den Roman ein Jahr vor der APEX- Ausgabe. Dazu auch Piratenblut!
Die Erstveröffentlichung erfolgte kurz darauf ohne Hinweis auf den Verleger als Kranichborn-Ausgabe!
Wer es nicht glaubt, der frage unter den ERB-Fans herum!
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#2 AARN MUNRO 2020-08-18 08:02
.Zitat:
.. wobei solche in der SF ja prinzipiell Pseudowissenschaft sind.
Mir ist zwar klar, was Du wahrscheinlich darunter verstehst, aber ich möchte doch auch einmal auf die "Hard-SF" hinweisen, die meist von gestandenen Naturwissenschaftlern geschrieben wird oder zumindest von Leuten mit einer gewissen Bildung darin ... und in der die heutige Physik und Technologie logisch extrapoliert ist ... das ist dann keine "Pseudowissenschaft".Aber natürlich gibt es derlei Humbug unter den SF-Autoren, da stimme ich zu.Ich finde, die sollten das dann ganz unterlassen ... oder Fantasy schreiben.(Unbekannte Elemente etwa gibt es, heutzutage, keine mehr im PSE).Unbekannte Legierungen von Metallen hingegen könnten schon mal auftauchen.
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#3 Heiko Langhans 2020-08-18 14:57
Auch die Hard-SF-Autoren kochen nur mit Wasser: EIner meiner Favoriten. Poul Anderson, war studierter Ingenieur und kannte sich in den Wissenschaften immerhin soweit aus, dass er beim Entwurf eines Planeten vorher erst einmal dessen Umlaufbahn und die daraus resultierenden Klima- und anderweitigen atmosphärischen Werte ausrechnete (lange bevor er sich an die ALiens machte) -- das hat ihn aber nicht daran gehindert, sich serienweise irgendwelche FTL/Hyperdrives auszudenken.

Ähnhliches gilt auch für Stephen Baxter, C.J. Cherryh oder Stephen Baxter: Die Liste lässt sich fortsetzen.

Letztlich geht es in der SF, ob Hard oder Soft, auch nicht darum, wie intensiv der Autor seine Analfixierung auf die reine WIssenschaft auslebt, sondern welche stimmige Geschichte erzählt werden soll.
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#4 Henry Stardreamer 2020-08-20 00:23
zitiere Walter:
Kurioser Weise ist der Zauberer von der Venus bei APEX keine Erstausgabe! Der Übersetzer Bernhard Franz Josef Schaffer übersetzte den Roman ein Jahr vor der APEX- Ausgabe. Dazu auch Piratenblut!
Die Erstveröffentlichung erfolgte kurz darauf ohne Hinweis auf den Verleger als Kranichborn-Ausgabe!
Wer es nicht glaubt, der frage unter den ERB-Fans herum!


Danke für den Hinweis, ich habe die Formulierung korrigiert. Bei Kranichborn bin ich mir nie sicher, ob manche Werke tatsächlich erschienen oder nur angekündigt worden sind. Beispielsweise habe ich vor Jahren die ersten 15 Bände der Tarzan-Ausgabe erworben. Es waren aber weitere angekündigt und sind sogar in der ISFDB verewigt, von denen ich Zweifel habe, ob sie wirklich erschienen sind. Ähnliches ist zur John-Carter-Serie zu sagen. Hast du auch diesbezüglich eine verlässliche Information?
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