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Lory's Dracula: Draculas Fluch (Challenge to Dracula)

Lory's DraculaDraculas Fluch (Challenge to Dracula)

Graf Dracula ist die Figur des Vampirs schlechthin und diente als Vorlage für zahllose Filme, Romane und Kurzgeschichten. Wie bei Sherlock Holmes und den Drei Musketieren ist der Wiedererkennungswert beim Publikum sofort gegeben. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass die Redaktion des »Vampir Horror Roman« auf der Suche nach Material für ihre neue Taschenbuchreihe »Vampir Horror Taschenbuch« eine amerikanische Serie über den untoten Blutsauger aus Transsylvanien einkaufte, die kurz zuvor 1973 auf den Markt gekommen war.

Draculas FluchBand 9 der "Dracula Horror Series" aus dem Jahr 1975 wurde in Deutschland 1977 veröffentlicht, diesmal übersetzt von Elisabeth Simon.

In New York lässt Professor Harmon seine Geheimwaffe Dracula mal wieder erfolgreich auf einen Mobster los. In der Zwischenzeit schlägt ein Komet im Himalaya in der Nähe eines Klosters ein. Er transportiert eine Kristallkugel der Alten Götter – in dieser Übersetzung als Uralte bezeichnet -, die in ein Gewölbe einschlägt. Dort sitzt seit langer Zeit der Mongole Ka-Zadok im magischen Bann auf seinem Eisenthron, der Zauberer des Westlichen Imperiums, besiegt von Dracula. Einst wollte er den dunklen Meister vernichten, ist aber gescheitert. Die Alten Götter befreien ihn und versprechen ihm Macht. Dafür muss er nur die diversen Standorte des von dem Vampir gehorteten Goldes finden. Der drei Meter große Kriegsherr macht sich zuerst das Kloster untertan, in dem Diener Draculas Gold bewachen, dann lockt er den Vampir nach Nepal. Er schickt einen der Mönche nach New York zu Harmon, wo er sich in einen Yeti verwandelt. Dracula macht kurzen Prozess mit ihm. Sein Begleiter wird von Ktara im Traum befragt und dann in den Ozean geschickt, wo er stirbt.

Man fliegt nach Nepal und packt Druckanzüge und Sauerstoffmasken ein, obwohl Ktara versichert, dass sie das nicht brauchen werden. Sie wird für genug Luft sorgen. Ka-Zadok fängt das Flugzeug ab und bringt es zu seiner herbeigezauberten Festung. Harmon und der Vampir werden erst einmal in der Maschine gelassen, während sich Ka-Zadok erst einmal mit Ktara und Cameron beschäftigt. Die Gedanken des Professors kann der Mongole nicht lesen dank dessen Stahlplatte im Kopf, aber mit Cameron hat er keine Probleme. In der Festung darf Cameron erst einmal mit ein paar herbeigezauberten Soldaten kämpfen, während sich der Zauberer an Ktara die Zähne ausbeißt.

Also holt er Harmon. Der Professor widersetzt sich dem Zauberer ebenfalls und wartet auf den Sonnenuntergang. Ka-Zadok zaubert ihn in eine Höhle und lässt ihn von einem Schleimwurmmonster foltern. Dann kümmert er sich um Dracula. Aber Ktara, die zur Höchstform aufläuft, bremst ihn mit ihrer Magie immer wieder aus. Nachdem sich Ka-Zadok bei der Kristallkugel neue Befehle von den Alten Göttern abholt, die über seine geringen Fortschritte nicht erfreut sind, wird ihm klar, dass sie ihm eigentlich gar nichts tun können, solange er sich nicht in unmittelbarer Nähe zur Kugel befindet. Also kann er sich erst einmal an Dracula rächen.

Auf dem Dach der Welt kommt es zum Duell zwischen beiden Magiern. Cameron kämpft sich durch Eis, Schnee und Yetis zu dem Plateau und lenkt Ka-Zadok im entscheidenden Moment ab, indem er ihm die Kristallkugel an den Kopf wirft. Der Zauberer will nun Dracula mit der Kugel statt mit dem Kreuz bekämpfen, aber man hat ihn reingelegt. Der Kristall ist eine Fälschung, die das Harmon-Team mitgebracht hat. Und Ka-Zadok ist am Ende.

Dracula setzt ihn wieder auf seinen Eisenthron und liefert ihn über die echte Kristallkugel an die Alten Götter aus, die ihn wegen seines Versagens bestrafen werden. Dann hält er einen Plausch mit seinen Erzfeinden und zerstört die Kugel.

Challenge to DraculaBewertung:
Das sollte der letzte Band der Serie sein. Laut einem Interview war Robert Lory nicht besonders zerknirscht darüber. "Meiner Meinung nach konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel Neues aus der Geschichte von Drac und seinen Gefährten herausholen", sagte der Autor. Zur Zeit der Einstellung gab es nicht einmal erste Konzepte für den nächsten Band.

Lory hat zweifellos recht mit dieser Einschätzung. Band 9 erzählt die gleiche Geschichte wie die Nummern davor. Nur mit mehr Fantasy mit seinem Mongolenzauberer, der zwar mal eben eine Festung am Himalaya aus dem Nichts erschafft, aber es nicht auf die Reihe bekommt, den Vampir oder dessen Mitstreiter zu vernichten. Schrecklich viel Sinn macht das alles nicht. Wie immer gibt es ein paar nette und farbige Ideen und Szenen, und der Anfang mit der Mafia-Geschichte – die einfach nur Füllmaterial ist – ist effektiv erzählt. Aber das erscheint alles doch sehr mechanisch. Routiniert, aber nicht besonders interessant.

Ka-Zadok ist ein sehr schlichter Schurke, trotz eines Origin-Kapitels kaum besser realisiert als die Flut vergleichbarer Heftchenbösewichter. Obwohl die Übersetzung ein paar Gewaltspitzen bei Camerons Kämpfen kappt, ist das im wahrsten Sinne blutarm. Nicht einmal der Schauplatz ist besonders gut realisiert, was für einen Roman, dessen Wurzeln in der Pulp Literatur liegen, recht enttäuschend ist. Mysteriöse Klöster im Himalaya mit irgendwelchen Magiern ist ein so klassisches Element amerikanischer Pulps, dass das hier wie die Billigversion wirkt. Ob es nun "The Shadow" von Walter B. Gibson war, der seine mentalen Fähigkeiten in einem Kloster in Nepal lernte, "Doctor Strange", dessen Origin dort ziemlich abgekupfert wurde, oder in jüngerer Vergangenheit bei "Hellboy", der den Mythos des unterirdischen Reiches von Agartha aufgreift, das ist alles prägnanter als diese Darstellung. Zu seiner Ehrenrettung muss man Lory bescheinigen, dass er den Teil mit den Sauerstoffgeräten in dieser Höhe zu einem wichtigen Plotpunkt macht, aber jeder, der irgendwann einmal was von Reinhold Messner gelesen hat, weiß, dass Himalaya irgendwie anders geht.

Die Serie war in der Tat auserzählt, und Dracula hatte sich so weit von seinen Gothic-Wurzeln entfernt, wie das möglich ist. Aber auch wenn man von Robert Lory als Autor nicht viel halten mag, hat er für seine Serie außerordentlich starke Charaktere entwickelt, die viele Schwächen in der Handlung überdecken konnten. Sein Dracula war zwar von Anfang an viel zu mächtig als Figur; es ist schon folgerichtig, dass sich seine Auftritte in den Romanen auf kurze Szenen beschränkten. Die Idee von Dracula als Magier aus Atlantis, der sich einen Krieg mit Überwesen liefert, war eine interessante Variation, und vor allem Ktara, die Frau, die eine Katze ist, und in jeder Menschheitsepoche einen anderen wenn auch ähnlich klingenden Namen hat, verbreitete einen soliden Sense of Wonder. So unbeholfen die Verbindung mit dem Vigilantengenre auch gewesen sein mag, in dieser Hinsicht hat Lory alles richtig gemacht. Er hat einen fiesen und überzeugenden Dracula zu Papier gebracht. Und auch wenn die Serie in Vergessenheit geraten ist, ist sie in dieser Hinsicht deutlich besser als viele Beiträge der Flut von Dracula-Fortsetzungen, die sich bis zum heutigen Tag gehalten haben.

Über die Pabelausgabe ist ausreichend spekuliert worden. Waren die ersten Bände nun andere Fassungen oder nicht? Vieles spricht dafür, einiges dagegen. Man wird es nie erfahren, aber es ist eine amüsante Fußnote. Wenn man den Übersetzungen etwas vorwerfen kann, dann, dass sie die Backstory der Serie konsequent rausgestrichen hat, weil man auf Länge kürzen musste und wohl keine Verse im Text haben wollte. Also flogen die Auszüge aus "The Runes of Ktara" raus. Auch wenn man zugutehalten muss, das anfangs nicht abzusehen war, wo das thematisch hinführt, es sich also anbot, hat das die Serie deutlich schlechter gemacht, weil es sie lange Zeit einem Teil ihrer Mythologie beraubt hat. Was die Kürzungen der Gewaltstellen angeht, verhält sich das hier etwas schwieriger als sonst. Denn da sind wir wieder bei der Frage der verschiedenen Fassungen. Die Originale lesen sich deutlich besser, aber da sind einige Auflösungen auch besser als in der deutschen Fassung. Man kann nicht einmal nachvollziehen, ob da überhaupt gekürzt wurde. Fraglos waren manche der anderen kurzen Kürzungen kleinlich und meistens peinlich. Aber das waren sie alle, und da gibt es Material, das viel schlimmer gelitten hat. Zum Beispiel die weichgespülte Pabel-Version von John Benteens Western Fargo. Oder die Agentenserie Malko.

Muss man Lorys "Dracula" gelesen haben? Diesen seltsamen Hybriden aus Horror und Vigilantenroman? Das kann man mit einem definitivem Jein beantworten. Vor allem war die Serie anders und streckenweise originell. Ein paar der Romane waren sehr gut, ein paar beliebig, einer war richtig schlecht. Der Vergleich mit ähnlichen Serien des Genres, die teilweise nie den Weg nach Deutschland fanden, ist schwierig, weil die meistens auf der okkulten Schiene liefen und weniger auf Action beruhten. Insofern ist die Serie ziemlich einzigartig.

Robert Lory sollte ein Jahr später seine Karriere als Schriftsteller an den Nagel hängen. Von 1963 bis 1976 schrieb er insgesamt 31 Romane und 44 Kurzgeschichten. (Einer seiner Actionkrimis erschien als Nachzügler, ein Horroroman aus welchen Gründen auch immer nur in Deutschland, der letzte Horrorscope im VHR). Seine SF-Romane und zwei der Auftragsserien für Engel erschienen unter seinem Namen, der Rest unter Pseudonymen wie Paul Edwards oder V. E. Santiago. Und alles war in der Freizeit geschrieben, da er seinen Job auf dem Gebiet der Public Relations, Marketing und Kommunikation nicht aufgab.

Aber 1976 zog er von Houston nach Brüssel, um dort für einen Konzern zu arbeiten. Danach kam er nicht mehr zum Schreiben und hängte die Nebentätigkeit an den Nagel.

Seine Auslandsverkäufe halten sich in Grenzen. Die (genremäßig vergleichsweise nicht besonders interessante) Vigilantenserie "Vigilante" fand in Deutschland wenig überraschend keinen Verleger, wie eigentlich fast alle dieser Serien. Nur einer seiner SF-Romane erschien bei Bastei – Das siebte Ich, BL 21084 -, dazu ein paar Kurzgeschichten in diversen Anthologien.

Für die, die es interessiert: Seine übersetzten John Eagle-Romane als Paul Edwards sind:
Fatimas Faust – Ul 1657
Die Mordteufel – Ul 1677
Der Lachende Tod – Ul 1702
Die Einäugige Bombe – Ul 1767

Sein fünfter Beitrag zur Serie blieb ebenfalls unübersetzt. "The Glyphs of Gold" von 1974 handelt genau wie Dracula 7 im selben Jahr von einem Goldschatz in Südamerika.

Wie schon bei den Vorbänden wurde auch hier nicht das Originaltitelbild für die deutsche Ausgabe benutzt. Glücklicherweise, denn es ist ziemlich schlecht. Pabel packte einen Bruce Pennington drauf, und auch wenn der nur wenig mit dem Inhalt zu tun hat, ist es immerhin ein Pennington und damit eine Klasse für sich. Ursprünglich erschien es auf dem britischen Taschenbuch "Genius Loci", eine Storysammlung von Clark Ashton Smith.

Das Original:
Challenge to Dracula
The Dracula Horror Series #9
Robert Lory
Copyright 1975 by Lyle Kenyon Engel
(September 1975)
180 Seiten
Pinnacle Books, New York

Pabel:
Draculas Fluch
Vampir Horror Taschenbuch 53
von Robert Lory
(Oktober 1977)
145 Seiten
Pabel, 1977

Kommentare  

#1 Heiko Langhans 2020-03-16 13:18
Besten Dank, Andreas.

Was würdest Du von Fred Saberhagens Dracula-Zyklus als Nachfolgeprojekt halten? :-)
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#2 Erlkönig 2020-03-16 20:30
Mit dieser Artikelserie hast Du mal wieder schöne Erinnerungen wachgerufen.
Du fragst: Muß man Lorys "Dracula" gelesen haben?
Meine Antwort: Sicher doch!
Die Dracula-Bände, die ich gelesen habe, waren zwar keine Meilensteine der Horror-Literatur. Aber äußerst unterhaltsam. Für Freunde des Blutsaugers - wie mich - einfach unverzichtbar.

Deine umfassenden Informationen zur Serie:
Klasse
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#3 JLo 2020-03-16 21:36
Ein großes "Danke!" für diese Serie und die vielen verbundenen Leseerinnerungen!
Mit Lorys Dracula ist es ähnlich wie mit den Eli-Podgram-Geschichten: die eine oder andere gute Facette - und dazwischen viel Langeweile.
Ich habe die meisten Geschichten in den 80rn und frühen 90rn gelesen und fand sie da schon weitgehend altbacken. Da sind Saki und Sheridan LeFanu im vergleich total prickelnd... Naja.

Jedenfalls haben mir die Artikel beim Lesen großen Spaß gemacht, sie waren kurzweilig UND informativ - und dafür bin ich sehr dankbar!!
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#4 Thomas Mühlbauer 2020-03-16 23:11
Ich habe die Lorys damals nur gelesen, weil ich Geld dafür ausgegeben habe. :oops: Gefallen haben mir diese "Dracula in der Gegenwart"-Geschichten aber überhaupt nicht. Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass mir die Anthologien und Kollektionen im VHR-Taschenbuch immer lieber waren; hier hat man immer etwas gefunden, das gefallen hat.
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