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Radioaktivität, Diktatur und Roboter - Joachim Angerer "Becquerelsche Träume", eine Dystopie

Becquerelsche TräumeRadioaktivität, Diktatur und Roboter
Joachim Angerer »Becquerelsche Träume«, eine Dystopie

Was macht einen Menschen zum Menschen?

Früher hieß es oft, sein Verstand, die Fähigkeit zum logischen Denken, erhebt den Menschen über das Tier. Heutzutage heißt es eher seine Gefühle machen den Menschen zum Menschen, unterscheiden ihn von der Maschine, dem Computer, der künstlichen Intelligenz.

Vorbemerkung
Wer die Artikel zu Andreas Grubers Kurzgeschichtensammlungen aufmerksam gelesen hat, wird immer wieder auf das Magazin SOLAR-X als Ort der Erstveröffentlichung der Stories gestoßen sein. Dieses Science Fiction Magazin erschien zwischen 1989 und 2006 in immerhin 180 Ausgaben. Zwischen 2003 und 2006 erschienen unter diesem Label auch einige Bücher. Im Jahre 2013 wurde die Buchherausgabe dann wieder aufgenommen. Und auch der vorliegende Roman gehört in diese Reihe.

Verantwortlich für diesen vorwiegend auf Phantastik ausgerichteten Verlag zeichnen Wilko Müller und Peggy Naundorf-Müller. Müller (Jahrgang 1962) hat sich selbst auch einen Namen als SF-Autor gemacht.

Becquerelsche TräumeDie Story
Es beginnt so ein wenig wie die amerikanischen Krimis der Fünfziger Jahre, wo der Detektiv in seinem heruntergekommenen Büro sitzt und auf Klienten wartet. Und dann taucht die blonde Sexbombe auf. Nur dass es sich bei Victor Steiner nicht um einen Detektiv, sondern um einen Söldner handelt. Er wartet in seiner heruntergekommenen Bleibe auf neue Aufträge der Agentur. Und obwohl er finanziell nicht besonders gut dasteht, gibt es noch ein überzeugenderes Argument für die Auftragsannahme. Er will den ständigen Grübeleien entkommen. Steiner ist nämlich Veteran eines verlorenen Krieges auf dem Planeten Becquerel. Steiners Welt baut völlig auf die Atomkraft, selbst Telefone werden mit Atombatterien betrieben. Die Bestände auf der Erde sind weitgehend erschöpft. Auf Becquerel strahlt dagegen praktisch der gesamte Planet. Leider gibt es dort aber auch Eingeborene, die nicht viel von Technik halten und den Menschen feindlich gesinnt sind. Die Armee wollte sich dort nicht die Finger schmutzig machen, so dass die Erde auf Söldner, das Wächterkorps, zurückgegriffen hat. Am Ende mussten die Söldner jedoch kapitulieren.

Zu seinem Entsetzen muss Victor Steiner jedoch feststellen, dass der neue Auftrag ihn wieder auf den radioaktiven Planeten führt. Die Eingeborenen haben zugestimmt, dass eine kleine Expedition die dortigen Abbaugebiete besucht. Doch der eigentlich Auftrag ist ein anderer. In der Gruppe wird sich eine Humandrohne, sprich ein Roboter, der sich auf den ersten Blick nicht von einem Menschen unterscheiden lässt, befinden. Steiners Aufgabe ist es nun diesen Roboter zu enttarnen und seine Leistung zu bewerten. Die Soldatengewerkschaft hat aus verständlichen Gründen großes Interesse daran, diesen Roboter in ein möglichst schlechtes Licht zu setzen.

Anfangs glaubt Steiner den Roboter schnell identifizieren zu können. Sein Team besteht ja auch nur aus vier Mitgliedern. Aussichtsreichster Kandidat scheint zunächst der Söldner Marek Strelik zu sein. Der kräftige Hüne mit dem militärischen Auftreten geriert sich als Angehöriger des Wächtercorps und gibt vorwiegend hirnlose Platitüden von sich. Zum Team gehört auch Prof. Dr. Emil Telaky. Der irgendwie weltfremde Radiophysiker wirkt seltsam deplatziert für den Einsatz. Undurchsichtig wirkt auch die Ärztin Dr. Malina Boccarova, die forsch auftritt und auch vor den Konfrontation mit Steiner nicht zurückschreckt. Als letztes Teammitglied ist der Diplomingenieur Gerado Fassari. Steiner empfindet ihn als Schleimer und ist ziemlich überrascht als Fassari sich ihm gegenüber selbst als Roboter enttarnt. Aber sagt er die Wahrheit? Gibt es vielleicht sogar mehrere Roboter im Team?

Auf Becquerel bringt die Einweisung von Amelie Pirey, der Leiterin der wissenschaftlichen Station und einzigen Vertreterin der Menschen Vorort, leider keine neuen Erkenntnisse in Bezug auf den Roboter. Auf Steiner wirkt die Wissenschaftlerin undurchsichtig und nicht vertrauenswürdig. Die vorgesehene Expedition in die Abbaugebiete gerät zum Fiasko. Der Transporter macht sich selbständig und bringt das Team in ein Gebiet abseits der mit den Eingeborenen abgesprochenen Strecke. Dort stößt man auf eine Ruine, die in keiner Karte eingetragen ist. Bald tauchen auch Eingeborene auf und attackieren die Menschen.

Meine Gedanken
Joachim Angerer hat sich nach eigenen Angaben in seinem Erstlingswerk von Frank Herberts "Dune", Stanislaw Lems "Die Verhandlung" und dem Film "Ex Machina" inspirieren lassen. Er hat einen wirklich dystopischen Roman vorgelegt. Seine Schilderung der Erde ist einfach trostlos und der radioaktive Planet Becquerel ebenfalls ausgesprochen menschenfeindlich. Aber auch die Regierung, die Armee, die Agentur, die Wissenschaftler. Alle erweisen sich dem Geschick der Menschen gegenüber höchst gleichgültig. Jeder verfolgt eigene Ziele, niemandem kann man vertrauen. Der Versuch, den Roboter im Team aufzuspüren erweist sich als überaus schwierig. Angerer schildert die Probleme dabei, die im Grunde darauf hinauslaufen, zu definieren, was einen Menschen ausmacht. Beide Themen werden gut beschrieben.

Es gibt aber auch Dinge, die nicht so glaubwürdig herüberkommen. Eine Gesellschaft, die sich rein auf die Atomkraft gründet, scheint z.B. nach heutigem Stand nicht realistisch. Der Trick mit den Raumfalten, die aber nur einen anderen Planeten mit der Erde verbinden, wirkt auch arg aufgesetzt. Schließlich gelingt es nicht, dem Leser die Eingeborenen von Becquerel näher zu bringen und ihre Handlungsmuster verständlich zu machen.

Trotz der angesprochenen Schwächen ist Becquerelsche Träume ein durchaus ansprechender und empfehlenswerter Roman. Mal sehen, was Joachim Angerer als nächstes präsentieren wird.
Becquerelsche Träume
Becquerelsche Träume
von Joachim Angerer
Cover: Klaus Brandt
277 Seiten
ISBN 978-3-945713-54-9
Euro 13,50
Edition Solaris-X 2017

 

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