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Versuch einer digitalen Rekonstruktion: Die Horror- und SF-Stories von O'Brien und Yerxa

Die Horror- und SF-Stories von O'Brien und YerxaVersuch einer digitalen Rekonstruktion:
Die Horror- und SF-Stories von O'Brien und Yerxa

Wer heute nach interessanten SF,- Fantasy- und Horror-Klassikern sucht, wird bald bemerken, dass viele Verlage im eigenen Saft schmoren und immer wieder dasselbe Zeug auflegen.

Das O'Brien- und Yerxa-Projekt ist ein Versuch, zwei vergessene Autoren der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen.

Die Horror- und SF-Stories von O'Brien und YerxaDas alles in der Hoffnung, dass sie die Lese- und Verlagslandschaft bereichern.

Ich war von jeher ein Bewunderer der verdienstvollen Roy-Glashan-Bibliothek im Internet.


Roy Glashan, ein Enthusiast der englischsprachigen Spannungsliteratur, bemüht sich seit Jahren, wichtige Texte in Zusammenarbeit mit dem australischen Gutenberg-Projekt und freiwilligen Einzelenthusiasten wieder zugänglich zu machen. Seine Seite steuert man unweigerlich an, wenn man verläßliche Originaltexte und nahezu vollständige Ausgaben von Edgar Wallace, H.G. Wells, Arthur Conan Doyle, Rider Haggard, H.P. Lovercraft und anderen lizenzfreien Klassikern braucht. Doch Glashan hatte auch immer schon ein Faible für die Pulp-Welt, und so finden sich auf seiner Seite auch Texte sonst schwer zugänglicher Pulp-Meister wie Arthur Leo Zagat, Max Brandt oder Robert E. Howard.

In Kontakt mit Roy kam ich vor einigen Monaten, als für eine Hörspielbearbeitung einen Text von Edgar Wallace suchte. Wie sich herausstellte, spricht und schreibt er perfekt Deutsch – kein Wunder, er ist Übersetzer. Und so entstand die gemeinsame Idee, auf seiner Seite das Werk zweier Autoren zu retten und zu restaurieren, die tragisch endeten, nur wenige Jahre schrieben und doch ein erstaunlich umfangreiches Werk hinterlassen haben: David Wright O'Brien und Leroy Yerxa.

Beide habe ich schon kurz im Zusammenhang mit der kleinen Amazing-Stories-Reihe erwähnt. Beiden ist gemeinsam, dass sie fast ausschließlich für Raymond Palmers Zeitschriften schrieben – das war ein ebenso eigenwilliger wie umstrittener, aber auch genialer Herausgeber und Redakteur, heute zwar vor allem bekannt für die Erfindung der Okkult-Zeitschrift FATE aber das war erst 1948, nachdem er seine große Pulp-Magazin-Zeit hinter sich ließ.

Die Horror- und SF-Stories von O'Brien und YerxaDavid Wright O'Brien ist ein besonders tragischer Fall eines hochtalentierten SF-Autors und Humoristen, der viel zu früh verstarb. Er war der Neffe von Farnsworth Wright, dem legendären Herausgeber von „Weird Tales“. Abgesehen von einem Gedicht-Vierzeiler hat er in der Zeitschrift seines Onkels nichts veröffentlicht, vielleicht, weil ihm oder Wright Vetternwirtschaft unangenehm war. Nach vielversprechenden Humoresken bei der hochangesehenen Saturday Evening Post reichte der 21jährige Arbeitsproben bei Palmer ein. Der glaubte zunächst, einen neuen Abenteuer-Autor aufbauen zu können, denn O'Brien hatte das seltene Talent, packende Action quasi aus dem Handgelenk zu schreiben. Außerdem war er ein enthusiastischer Flieger und Sportler, Erfahrungen, die man im Pulp-Business gut gebrauchen konnte.

Palmer veröffentlichte als eine der ersten Erzählungen überhaupt 1939 „Wings above Warsaw“, eine Geschichte von einem britischen Hobby-Piloten, der am 1. September in den ersten Luftangriff der Nazis verwickelt wird. Diese Geschichte ist auf unheimliche Weise prophetisch: Zunächst, weil sie den jungen O'Brien schon von Anfang an als leidenschaftlichen Nazi-Gegner zeigt, der wie kein anderer Pulp-Autor immer wieder, fast manisch, phantastische Erzählungen schreiben wird, in denen Nazis eine zentrale Rolle spielen. Und die Geschichte nimmt sein eigenes grausames Schicksal brutal vorweg. Er gehörte zu Bodeneinheiten in England, bekam aber Ende 1944 den Befehl, für einen erkrankten Piloten einzuspringen, weil man wußte, dass er fliegen kann. Er wurde über Berlin abgeschossen. O'Brien war 26 Jahre alt.

Bemerkenswert ist die fieberhafte Tätigkeit O'Briens, nachdem ihm erst einmal der Durchbruch im Phantastik-Bereich mit „Truth is a plague“ (Wahrheit ist eine Plage) 1940 gelang. In dieser Humoreske wird eine amerikanische Stadt für ein Experiment ausgewählt, in der ein Wahrheits-Gas aus Flugzeugen versprüht wird. Natürlich endet das in einer Katastrophe. Die Story wimmelt von schönen Einfällen – Der Held, ein wissenschaftlicher Assistent des Projekts, hat eine miese Freundin, die ihn von hinten bis vorne beschwindelt. Er glaubt aber, dass sie die Wahrheit sagt, weil sie dem Gas ausgesetzt ist. Was er nicht bedenkt, ist, dass er sie immer in ihrer Suite im Wolkenkratzer besucht, wo das Gas nicht hingelangt.

Die Horror- und SF-Stories von O'Brien und YerxaDann folgt ein ungeheurer Ausstoß an Geschichten, so als wüßte O'Brien, dass er nicht mehr viel Zeit hat – innerhalb von 5 Jahren schreibt er ein Werk, das etwa 7 pralle Bände von etwa 400 Seiten umfassen würde – wenn es denn eine Werkausgabe gäbe. Seine Arbeiten sind aber nahezu vergessen.  

Mir ist es gelungen, etwa 9/10 aller Texte aufzutreiben, die ich nun zusammen mit Roy zu digitalisieren versuche, um sie als html und epub anzubieten. Mich erstaunt beim Korrekturlesen immer aufs Neue die Vielseitigkeit O'Briens, seine Fähigkeit zur wilden Phantastik-Humoreske und zur Hard-Boiled SF. Er hat viele Aspekte der Military SF vorweggenommen. Seine Novelle „Squadron of the damned“ (Stoßtrupp der Verdammten) enthält so gut wie alle Zutaten dieser modernen Gattung und liest sich wie ein Entwurf zu „Space Trooper“. Ricky sucht nah seinem verschollenen Bruder, der gerüchteweise der galaktischen Legion beigetreten sein soll, eine Armee, die gegen eine feindselige Alienrasse am Rande der Galaxis kämpft. Auch er tritt in die Legion ein, lernt zwielichtige Typen kennen, muß brutale Raumschlachten erleben, sieht Kumpels fallen und erlebt Verrat in den eigenen Reihen. Die im Juli 1942 entstandene Geschichte besticht auch heute noch trotz des Pulp-Genre-typischen Happy Ends durch düstere, realistische Sichtweise auf den Krieg. Trotzdem hätte sie vermutlich vor den Augen eines Herausgebers wie Campbell keine Gnade gefunden, denn bei aller Düsterkeit ist der junge O'Brien auch ein Action-Freak und gibt dem Affen gehörig Zucker – die Beschreibung der Abwehrschlachten und Flugmanöver würden jedem modernen Space-Opera-Autor von 2017 Ehre machen.

O'Brien ist einer der Autoren, denen man gerne vorwarf, sie würden das Genre des Westerns in den Weltall übertragen. Das sei durchaus zugestanden, doch ist er ein Autor, der das auf fesselnde und sehr amüsante Weise tut – und sieht man genauer hin, ist es eigentlich ein anderes Genre, das er hier hauptsächlich einschmuggelt – viele Geschichten sind eher Weltraum-Krimis. Meist ist in ihnen ein Kriminalfall verwoben.

O'Briens Geschichten halten ein hohes Niveau und sind fast alle gleichermaßen lesbar – ob Satire oder düstere Weltraumduelle, ob phantastische Alletagserlebnisse, ihm fällt immer etwas ein.

Die Horror- und SF-Stories von O'Brien und YerxaLeroy Yerxa ist da aus ganz anderen Holz geschnitzt, auch wenn zunächst verblüffende Parallelen ins Auge fallen.

Er stößt etwas später zu Palmers Blättern, 1942, stirbt aber auch weniger Jahre später, 1946. Sein Werk ist etwa ähnlich umfangreich wie das von O'Brien. Er hat zwar innerhalb von 5 Jahren „nur“ ca. 80 Stories verfasst (O'Brien ca. 110), doch einige von ihnen sind recht umfangreich und haben fast Kurzromanlänge. Yerxa stirbt nicht so martialisch wie O'Brien, wenn auch recht bizarr – er bricht buchstäblich tippend über der Schreibmaschine zusammen. Yerxa war schwer herzkrank – dies Wissen ließ ihn nicht nur ganz bewußt fieberhaft arbeiten, es verdüsterte sein Werk auch zunehmend. Deswegen wird er sicher, sollte er je zusammen mit O'Brien wiederentdeckt werden, als der interessantere Autor eingestuft werden. Seine frühen Action-SF-Geschichten sind stilistisch von denen O'Briens kaum zu unterscheiden. Ja vielen haftet sogar eine noch poliertere Oberfläche an, ein noch eleganteres Handwerk. Während O'Briens Geschichten dieser Art als Krimi-Plot tendenziell matt und durchschaubar sind und eher wegen ihrer Actionszenen genießbar, wartet Yerxa oft mit verblüffenden, stimmigen Twists auf, die den Leser verblüffen, so etwa in „One-Way-Ticket to Nowhere“ (Ohne Rückfahrkarte ins Nirgendwo, 1942).  Es geht um eine spektakuläre Entführung eines Magnet-Monogleis-Hochgeschwindigkeitszuges in der Zukunft durch eine kriminelle Organisation. Ein wunderbares Katz-und Mausspiel, bei dem man bis zum Schluß nicht recht weiß, welche Zug-Insassen Täter Verräter oder Opfer sind.

Doch im Gegensatz zu O'Brien schreibt Yerxa mitunter auch sehr schlecht. Das heißt, er kann eine gute Anfangsidee mitunter nicht adäquat zu Ende führen, sie zerfusselt unterwegs. So ist das erste Drittel von „Queen of the flaming diamond“ absolut atemberaubend (ein besoffener Typ glaubt im Club zu sehen, wie sich eine Tänzerin in einen Fuchs verwandelt, folgt ihr und wird in groteske Abenteuer verwickelt), um dann bald immer schwächer und vorhersehbarer zu werden.

Interessanter wird das Werk ab 1943, als sich Yerxas Lebenssicht zu verdüstern und seine Todesangst zuzunehmen beginnt. Ihm gelingen immer eindringlichere, ungewöhnlichere Horror-Geschichten, viele durchaus besser als die schlechteren von Lovecraft. Wie Lovercraft zeichnen sich die besten durch dunkle Andeutungen aus – allerdings durchzieht sein Werk kein einheitlicher Glaube an monströse alte Götter, sondern eine allgemeine Furcht vor dem Jenseits und dem Unbekannten, die immer wieder neue Ausdrucksformen findet.

Die Horror- und SF-Stories von O'Brien und YerxaIn „Phantom of the Forrest“ dreht er das Prinzip der Jagd um. Die Erzählung beginnt so:

„Jedes Jahr schlachten Menschen Hirsche zu Tausenden. Da erscheint es nur logisch, dass sich eines schönen Tages der Spieß umkehrt...“  

In „Terror on the Phone“ saugt die Telefonanlage einem Telefonisten den Verstand ab, um immer intelligenter zu werden und den Angestellten immer mehr zu entseelen – ein Beispiel für eine gute, fast hoffmannsche Erzählung, die die Angst vor der Automatisierung der Gesellschaft schildert.

In „Carrion Crypt“ berichtet ein Abenteurer dem Ich-Erzähler, wie er versuchte, einen indischen Mönch im Tibet zu retten, den andere Mönche lebendig einmauern – er verstand den Ritus nicht und lud sich damit einen Fluch auf den Hals. Der Ich-Erzähler, der den Abenteurer später nach einem Hilfeschrei-Telegramm in seinem Haus aufsucht, findet den Bewohner nicht vor, aber den Zugang zum Keller vermauert.

Das Besondere an dieser Erzählung ist, dass der Erzähler die Flucht ergreift und gar nicht erst versucht, die vermauerte Tür zu öffnen, er ist feige.

Die Horror- und SF-Stories von O'Brien und YerxaUnd das ist eine weitere Besonderheit der meisten Yerxa-Erzählungen – die Helden sind absolut Pulp-untypisch und verhalten sich nicht selten genre-fremd. Alkoholiker, nervliche Wracks, Neurotiker, Feiglinge, Fanatiker, mitunter auch emanzipierte Frauen (damals recht neu in der Pulp-Erzählung, trotz Ausreißern wie der schönen Madame Storey-Serie in Argosy in den 20ern)  bevölkern seine Stories, selten die üblichen Strahlemänner mit ihren markanten Kinnen und schlagkräftigen Fäusten.

Der Tod beider Autoren kurz hintereinander traf Raymond Palmer tief – er war beiden Schriftstellern persönlich engstens verbunden, verbrachte mehrere Abende in der Woche mit ihnen; Yerxa war sein Trauzeuge. Und beide waren auch Publikumslieblinge – in den Rankings, die Palmer regelmäßig erstellte, gingen beide oft als führend hervor. Nicht zuletzt diesem aprupten Ende ihrer Laufbahn ist es zu geschuldet, dass Palmer sich danach dem Okkultismus ergab und eine so seltsame Figur wie den umstrittenen und paranoiden Richard Shaver zum neuen Star-Autor aufbaute.

Palmers Nachruf auf O'Brien zeigt seine tiefe Zuneigung:

„Auf meinem Kaminsims steht eine Flasche Wein, die wir zusammen erworben haben, als wir uns das letztemal sahen, bevor er sich nach Übersee einschiffte. Daneben steht eine Flasche Scotch, die wir gekauft haben mit dem Versprechen, sie zu köpfen, wenn er zurückkommt.
Keine der beiden Flaschen wird je geöffnet werden.  Sie werden dort stehenbleiben als ständige Erinnerung an einen der besten Autoren und besten Freunde, die ich je hatte. Irgendwann, in einem andern Leben, werden wir uns wiedertreffen, und dann werden wir ihre himmlischen Gegenstücke trinken. Bis dahin - cheerieo, alter Junge! Man sieht sich.“

Hoffen wir, dass die digital wieder zugänglichen Texte (in den nächsten Monaten und Jahren werden noch viele hinzukommen) dazu beitragen, die beiden Schriftsteller wieder populärer zu machen.  

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Kommentare  

#1 Heiko Langhans 2017-11-02 07:36
Das klingt sehr interessant - gutes Gelingen!
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