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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Nachts kam er aus der Gruft... (Spuk-Roman 94)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Nachts kam er aus der Gruft...«
Spuk-Roman 94  von Vivian Masters

Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch.

Die Gute: ich hab in diesen wirren Stapeln rund um meine Bettstatt tatsächlich noch einen vergessenen Vampir-Horror-Roman gefunden, den ich trotz meines Vorerst-Abschlusses vor zwei Wochen im Anschluss noch besprechen werden.


Die Schlechte: heute müsst ihr euch nochmals durch ein Werk der ominösen Verlagspseudonymin „Vivian Masters“ quälen. Nachdem das ja letzte Woche nicht so besonders dolle war, aber immerhin einen so richtig fies arschigen Frauencharakter präsentieren konnte, von dem es mehr als todsicher war, dass spätestens auf Seite 63 der Ofen für immer aus sein würde, wollte ich mit diesem Roman dem Autoren/der Autorin noch einmal ein Chance geben. Irgendetwas Geistreiches sollte doch noch aus dieser Serie zu quetschen sein.

Aber: nüscht ist's damit!

Zwar ist der Titel mal wieder nur die halbe Wahrheit, weil hier streng genommen gleich zwei aus der Gruft kommen und zwar gar geisterhaft, aber schlussendlich hab ich die ganze Zeit gerätselt, ob die Chose wirklich so banal und einfallslos ablaufen kann, wie sie sich mit fortschreitender Seitenzahl darstellte.

Gibt es hier denn nun endlich mal einen Start mit Knalleffekt, versinkt der Roman spätestens mit Auftauchen der weiblichen Hauptfigur wieder mal in zittriger Starre und weinerlichem Gewimmer, während sich die unvermeidliche Love Story zwischen den Protagonisten mal wieder aus der kalten Hose heraus entwickelt. Für diese gewisse plotgeschmiedete Dreistigkeit verteile ich aber gern die goldene Ohrfeige, weil man solche Hauruck-Orgien auch im Utta-Danella-und-Konsorten-Zeitalter mit etwas mehr Raffinesse ums Maul geschmiert bekommt.

Ansonsten: originell ist mal wieder anders oder „ich hab wohl wieder mal den falschen Autoren erwischt“, denn obwohl sich der Schreiberich ordnungsgemäß im verlagsinternen Baukastensatz bedient hat (Schloss, Geheimgänge, Geist(er), Erbnachfolge, böser Verwalter, alte Tante) will da einfach kein zündender Funke aufkommen. Der Roman und sein Plot plätschern gemütlich vor sich hin, immer wieder dräuen die Nebel, die Anzeichen wiederholen und alle fragen sich halblaut, ob es denn wirklich SO banal sein kann.
Ja, ist es!

Das Auftauchen von gleich zwei Geistern macht die Angelegenheit dann übrigens auch nicht schlüssiger, vielmehr wird man gemäß ordentlicher Vor- und Nachsorge mit Backstory und Erklärungsaufsatz versorgt, wenn schon anderweitig keine wirkliche Aufregung entsteht.

Das Storygerüst ist übrigens eigentlich ein klassischer Stoff, zeigt aber mittels genereller Unfähigkeit, atmosphärische Szenen zu schildern und den Leser UND die Figuren zu beunruhigen, deutlich auf, wie sehr man auch ein narrensicheres Schiff noch kentern lassen kann.

Da bleiben hinterher noch so einige Fragen offen und warum hier niemand mal einfach mit der Schrotflinte und der Schaufel ans Werk gegangen ist, erschließt sich auch niemals.

Aber der Reihe nach: Schloss, Besucher, Nacht...

Nachts kam er aus der Gruft...A Nightmare on Elm Street...pardon...Elms Castle...
Back in good old britain, wo man nachts nicht in Schlossnähe Auto fahren sollte. Sonst ergeht es einem noch wie dem unglücklichen Bryan O'Toole, der als diplomierter Heimatkundler durch das vermutlich britische Hinterland tuckert und sich derb verfahren hat. Dummerweise taucht aus dem Nebel plötzlich eine südländisch (jaja, italienisch) wirkende Geistergestalt mit einer groben Kette auf und zerdöbert ihm Kofferraumdeckel und Frontscheibe. Dann reicht er wortlos seinen Abschied ein.

Bryan hastet also samt Köfferchen durch die Nacht und wird von dem alten Dirk mit seinem Marktfuhrwerk aufgesammelt, der ihm eine Unterkunft für die Nacht und uns allen eine ziemlich dicke Backstory auftischt:

Wer ihm da so den Vollkaskosatz versaut hat, war vermutlich der Conte Benelli, ein italienisches Schnuckelchen mit Vollbart, welches dareinst die älteste Tochter des Lords ehelichen wollte. Leider fiel die Bonitätsprüfung zu seinen Ungunsten aus und der Lord erteilt nicht sein Permit.

Darauf geben moderne Frauen natürlich nicht viel, doch bevor man gepflegt durchbrennen konnte, verschwand das innige Paar und ließ den Lord, seine Schwester Denise, die jüngere Tochter Linda und einen Verwalter auf Elms Castle zurück. Passenderweise ist der alte Lord kurz vor neulich gerade letal abgetreten und begraben worden, prompt ging der Spuk wieder los.

Bryan geht der Käse zwar nichts an, aber nach Spuk und Jungfernerwähnung ist er kaum noch zu halten. Am nächsten Tag leiht er sich einen Hottemax und reitet Elms Castle entgegen. Der Verwalter dort ist zwar nicht eben nett, verweist aber auf die holde Linda im Schlossgarten. Die sinkt ihm auch sofort anämisch in die Arme und er tut das, was jeder Romanheld tun sollte, wenn das Mägdelein nicht bei sich ist: er verliebt sich auf der Stelle! (Wer jetzt was Eindeutiges gedacht hat, sollte sich was schämen. Wir sind immerhin bei Bastei!)

Linda ist aber auch sehr angetan, wird aber durch das geschändete Grab des Lords und seine fehlende Leiche abgelenkt. Bryan beruhigt sie und reitet zurück, will aber am nächsten Tag zurück kehren (wieso auch immer...). Bis dahin hat sie aber die nächste Geistererscheinung, nur ist es nicht der Conte, sondern der nebelhafte Daddy, der da vor ihr schwebt. Pardauz again!

Kaum wieder erwacht, schickt sie Lady Denise, um Bryan wieder ins Schloss zu fahren. Der geht natürlich sofort mit ihr auf Patrouille und findet den toten Grafen friedlich in der Familiengruft. Ganz ruhig ist er allerdings nicht, denn seine klagende Stimme schickt das Pärchen los, „sie zu suchen und zu finden“ (Mann, sind die heute wieder präzise mit ihren Angaben in der Geisterwelt...). Zum Glück meldet sich gleich noch eine Frauenstimme als „die zu findende“, welche als Schwester Beatrice identifiziert wird.

Eine gemeinsame Suchaktion bringt erst nicht, dann rasseln überall Ketten und bringt Linda und Bryan schließlich auf die Spur des geisterhaften Benelli (und offenbar einer ebensolchen Beatrice), die durch die Landschaft eilen und ihn warnen. Benelli beteuert seine Unschuld und Bryan rennt trotzdem tatendurstig in ihn rein. Ohnmacht Nr. achwasweißich...

Nachdem er kurz darauf einen geheimnisvollen Stollen entdeckt hat, entwickelt Bryan einen raffinierten Plan, um den verdächtigen Verwalter einzukassieren: er fährt zum Gasthof und kommt erst in der Nacht wieder (kommt mir jetzt auch nicht so dolle vor...).

Linda vertraut sich derweil ihrer Tante Denise an, die so gar nichts davon glaubt, bis sie beim Verdauungsspaziergang im Park dann gemeinsam Muffensausen bekommen. Allerdings stehen sie dann doch nur vor dem Verwalter Mr. Lyndon, der einen wertvollen Teller durch die Gegend trägt. Weil das ein ungeheurer Missbrauch ist und man den armen, bösen Mann gar nicht zu Wort kommen lässt, wird er gefeuert. Linda schnuppert dann professionell den Teller ab und identifiziert diverse leckere servierte Speisen, die einst darauf lagen.

Zu spät fällt auf, dass Lyndon vermutlich etwas über den Aufenthaltsort von Benelli und Beatrice wissen könnte, da ist der Mann schon (angeblich) abgereist.

In einer großangelegten und übermäßig kompliziert wirkenden Suchaktion mit Geisterhilfe und vielen Geheimgangtüraufbrüchen findet man schließlich a) die Leiche Benellis und b) die fast tote und ziemlich kurz vor wahnsinnige Beatrice.

Und nun die ziemlich bombige Erklärung (da Lyndon irgendwie doch nicht wieder auftaucht, müssen alle Beteiligten vier Tage warten): Der Lordvater war stinkig, hat damals den Galan in den Keller gesperrt. Der übereifrige Verwalter packte die Tochter gleich noch ins Nachbarverlies dazu. Das tolerierte der Vati offenbar über volle sechs Jahre, versorgte die Störrischen mit Nahrung, bis Benelli offenbar an einer Krankheit starb. Als dann auch noch der Daddy starb, blieb das Futter aus (was war dann mit dem Teller???), weil der Verwalter sie verhungern lassen wollte. Und der Geist des Conte fuhr hinaus in die Wälder, zerschlug Autos und sammelt Eicheln und Kastanien für die wirre Maid. Bis Bryan, der Blitzmerker, endlich die Geheimtür fand...sie ihm gezeigt wurde!!!

Ob der Vati nun dadurch erlöst ist, bleibt ebenso offen wie der Verkaufspreis des Schlosses, aber Linda und Bryan dürfen dann heiraten...

»In diesem Schloss spukt es!« - »Dann, Schatz, schlaf ich wohl besser im Gasthof!«
Jungejunge, das ist schon ein tolles Highland-Garn (die Verortung wird erst auf der letzten Romanseite ersichtlich), so richtig unschottisch und ungruselig.

Ich mag zwar Geheimgänge und Geister noch viel mehr, aber die kettenrasselnden Seelen, die hier durch die Seiten huschen, verursachen nicht mal Fünfjährigen eine Gänsehaut. Warum Benelli nicht einfach mal Bryan sagt, dass er nach Elms Castle gehen soll und stattdessen seinen Wagen zerkloppt (offenbar in der Gewissheit, dass ein freundlicher Fuhrwerker in der Nähe ihm schon die ganzen Zusammenhänge erklären wird) – keine Ahnung!

Genauso vage bleibt die geisterhafte Schuld des Vaters, dessen Tat in keinem Verhältnis zur Ursache steht. Wieso der Verwalter die Tochter einsperren darf und Dad daraufhin nur noch seltene Kerkerbesuche macht – naja, die Schotten sind halt stur.

Noch absurder: die große Tellerinspektion per olfaktorischer Untersuchung, die später ad absurdum geführt wird, weil der Verwalter ja seine Opfer verhungern lassen wollte. Noch dazu scheint dieser als der Hauptbösewicht Marke Fritzl am Ende auch noch heil davon zu kommen, er verschwindet nämlich einfach aus der Geschichte.

Woran es noch hapert? An der relativen Unfähigkeit, die Topografie von Schloss und Umgebung halbwegs schlüssig und nachvollziehbar zu schildern. Ständig geht es um Gänge, Stollen, offene oder geschlossene Verliese, tauchen Geister und Andere an Burgfenster auf – ohne dass das mehr bringt, als abzusichern, dass Beatrice noch im Haus ist.

Und die Episode mit dem Treff im nahegelegenen Waldstück? Ich rätsele immer noch.
Da Beatrice noch lebt, wie kann Linda ihre Stimme hören? Hat der Geister-Conte die echte Beatrice einmal durch die Botanik geführt, um Bryan anzulocken oder nur ihr Geisterabbild? Warum muss er das tun und welche Regeln halten ihn zurück. Alles sehr nebulös – aber das ist ja das typische Wetter hier.

Wie gesagt: alles sehr mäßig, wobei die vollkommen unglaubwürdige Liebesgeschichte nur das Sahnehäubchen ist. Immerhin haben die Briten offenbar sehr engagierte Heimatforscher, die sich nur auf Zuruf sofort in derlei Geschichte einmischen, weil es da eine Jungfer abzugreifen gibt.

Und wann immer Gefahr droht, sofort wieder im Gasthof übernachten.

Naja, machen wir es kurz: wenn nochmals „Spuk“, dann nicht mehr Vivian Masters (eher mal M.R. James oder so), stattdessen mach ich noch einmal eine Runde „Vampir“ mit Mauckner!

Und jetzt etwas Weingeist...

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2017-01-17 09:34
Da sollte der VHR 34, Agapits "Die toten Augen", doch gleich in der Gunst steigen. Der hatte zwar keine dösigen Geister, dafür aber im Kern den gleichen Plot, nur was schlüssiger und ohne Schmalz :-)

Mauckner ist eine gute Nachricht? :eek: Hast du es mit dem Weingeist übertrieben?
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#2 Stefan 2017-01-19 09:52
Man sollte, wenn man so etwas liest, aber auch bedenken, für welche Zielgruppe in welcher Zeit es gemacht wurde. Und wenn man da nun mal nicht reingehört, warum liest man es dann?
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#3 Cartwing 2017-01-19 21:21
ich finde gerade die Tatsache, dass er da nicht reingehört, interessant. Denn würde er da reingehören, könnte er wohl kaum diese ironischen und dadurch sehr unterhaltsamen Artikel dazu schreiben... Hut ab, wenn man sich sowas freiwillig antut und dann so einen Artikel abliefert...
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