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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Das Reich der Geisterrochen (Vampir Horror Roman 228)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Das Reich der Geisterrochen«
Vampir Horror 228 von Georges Gauthier (Walter G. Mauckner)

Mauckner, zum Dritten!

Ich hatte ja das unverschämte Glück, bei meinem letzten Blindgriff gleich drei Mauckner-Romane aus einer dreimonatigen Erscheinungsperiode zu greifen und die müssen nun durchgeackert werden, ob ich will oder nicht.


Denn was beim „Engel der Finsternis“ zumindest noch reizvoll rüber kam, geriet beim „Klub der Henker“ zu einem esoterischen Heimatroman inclusive Pflege deutsch-französischer Freundschaften, an den Rändern leicht vampirisiert, aber nicht sonderlich versiert.

Der heutige Roman wird dann zur Abwechslung mal maritim verortet (und abseits von Frankreich, wie ich durchaus erfreut feststellte) und bietet dann sogar die Erprobung eines seriellen Helden auf, denn Roger Mansfeld war vier Wochen zuvor schon durch sein erstes Abenteuer geschwommen („Das Monster aus der Tiefe“) und lief hier jetzt in Richtung Bahamas aus.

Wobei der Terminus „Held“ ein bisschen hoch gegriffen ist, denn besonders beeindruckend ist die Figur des Protagonisten (der eigentlich nur eine Nebenrolle spielt) nicht und er behandelt seine Begleiterin, die sich sensorisch wesentlich einsatzbereiter zeigt, wenn es darum geht, den Arbeitkollegen als einen wahnhaften Grabräuber und goldgierigen Irren zu identifizieren, ziemlich herablassend, ungefähr als hätte er einen recht niedlichen Schoßhund an ihr. Na klar, das war alles noch vor der Frauenbewegung, da durfte Nicole Duval noch mit Fug und Recht romanlang im Adamskostüm durch ihr Chateau Montagne hotten und niemanden von Bedeutung regte das so richtig auf, aber befremdlich wirkt es dann doch, wenn der Autor seiner weiblichen Figur wirklich alle Talente zugesteht (auch alle aktiven), um die männlichen Figuren dann indirekt doch zu Chauvinistenärschen zu machen.

Ansonsten hat auch dieser Roman wieder die üblichen Elemente, die auch schon die übrigen Mauckner-Romane auszeichneten oder bezeichnenderweise schwächten: viel Lokalkolorit, gutes Setting, weitschweifige Exposition, interessanten Ansatz, aber dann breitenwirksames Schwafeln, bis die Restseiten so knapp wurden, dass nur mit Mühe all die losgeschickten Pferdchen auch im Ziel ankommen bzw. hastig überhaupt ein Ziel zusammen geschustert werden konnte, wobei das Wichtigste am Ende irgendwie extrem offen blieb.

Es war dann auch Roger Mansfelds letztes Abenteuer (Unterserien von zwei Romanen kommen einem rückblickend recht kurios vor, wie missglückte Serienpiloten...), danach kehrte Mauckner in heimische Pfründe (und nach Frankreich) zurück, ehe er noch schnelle fünf Romane für die erfolgreiche Hexenhammer-Unterserie schrieb (die immerhin 20 Romane umfasste).

Auch hier gilt wieder: Titel und Titelbild summieren sich zu einem atmosphärischen Versprechen, das keine Entsprechung im Roman findet, die titelgebenden Geisterrochen belassen es bei drei Kurzauftritten (zwei davon ungesehen) und haben mit dem ganzen atlantischen Tralala nicht sonderlich viel zu tun, wie überhaupt die Bedrohung am Ende recht vage daher kommt. Wie überhaupt Atlantis, Voodoo und lustige kleine Bahamaskobolde nicht so recht in einer Mahlzeit schmecken wollen.

Und so geht die Story...

Das Reich der GeisterrochenVor Nassau wird mal wieder deftig geschifft...
Treffen sich zwei Schiffe, beide „Gluck“!

Irgendwo südlich der größten Bahama-Insel Andros kreuzen sich die Wege zweier Schiffe. Da wäre ein von Schmugglern umgebautes altes Küstenwachschiff, das geisterhaften Besuch bekommt, welcher der Besatzung jegliche Aktivität nimmt. Parallel dazu schippert die „Mary Celeste“ (oha!) durch den aufkommenden Nebel, mit an Bord der Entdecker und Esoteriker Crispin Hollister und sein unterwürfiger Sekretär Theo Vesparis.

Man rummst ordentlich ineinander, auf der „Mary“ lässt man die Boote zu Wasser, da knallt es auch schon und beide Schiffe fliegen in die Luft – nur die beiden sinistren Passagiere entkommen in letzter Sekunde.

Das liegt Inspektor Falkon bei der Bestandsaufnahme dann auch tierisch im Magen, denn Hollister gibt sich als augenrollender Fanatiker mit wenig Geduld, der just ein Anwesen auf Andros auf mysteriöse Weise erworben hat und bereitwillig erzählt, dass er unbezahlbare Statuen des vorzeitlichen Gottes Manu bei sich hat, mit denen er eine große Entdeckung in der Nähe plant.

Nachdem er den Inspektor losgeworden ist, erahnt Hollister auch schon die baldige Ankunft seines Kollegen Mansfeld, der binnen weniger Stunden mit seinem Schiff Nautica ankommen wird. Das weiß er, weil er ein Nauskopist ist, jemand, der praktisch hinter den Horizont sehen kann und so früher als Andere weiß, was kommt.

Und er hat Recht: Mansfeld ist mit seiner Bordschönheit Alice Rambling (Kennzeichen: hübsch, reiche Erbin, schlau) mit Volldampf unterwegs und breitet erst einmal aus, was Nauskopie so alles kann. Dann macht er drei Purzelbäume quer durch die esoterisch-vorzeitliche Geschichte und berührt die alten Griechen, Atlantis, das Dzyanbuch, Hyperborea und Madame Blavatsky in wenigen Absätzen, wobei allein durch die Taktung verhindert wird, das man darüber länger nachdenken will. Immerhin: Atlantis lag angeblich nicht im Mittelmeer, sondern kurz vor den Bahamas. Nachweis folgt.

Inspektor Falkon ist aber noch nicht fertig mit dem Fall und quartiert sich in der Nähe von Hollisters Wohnort ein, wo er den Dorfpolizisten Blossom (klar, das muss ja ein hünenhafter Farbiger – diesmal kein Neger immerhin– sein!) zu den Voodoo-Jungs in der Gegend befragt. Der wischt deren Aktivitäten locker vom Tisch und informiert mehr über den Aberglauben der kleinwüchsigen Chickcharnies, koboldhafte Wesen, die im Wald leben sollen (und nicht weiter mitspielen, obwohl ständig von ihnen gesprochen wird).

Was folgt, ist Mansfelds Ankunft und gemeinsam mit Hollister entspinnt sich ein mehrseitiger Schwulst über dessen Funde bezüglich des Gottes Manu. Das Fazit daraus ist: Poseidon war ein atlantischer König, dessen Reich lag 60 Meilen vor den Bahamas und Hollister will danach tauchen.

Just als die Statuen auf dem Tisch liegen, bricht etwas Unsichtbares durch ein Fenster ein, das später als versehentlicher Schuss von Vesparis abgetan wird.

Der Schuss ruft wiederum Falkon auf den Plan, der die Besucher eindringlich vor den Voodoo-Anbetern warnt. Dann geht der Polizist in den Wald, wo schon ordentlich getrommelt wird.

Vom Rhythmus inspiriert, stöbert er die Kultisten im Wald auf, wird dann aber von einer anderen Kuttengestalt mit dem Messer exekutiert. (Sinnfreies mehrseitiges Insert: Blosson klönt mit den Protagonisten, die sich wiederholt über Atlantis und Co unterhalten...)

Am nächsten Morgen fährt man dann endlich mit dem Boot an die Suchstelle, doch da kreuzt auch noch die US-Marine herum, auf der Suche nach feindlichen U-Booten. Man diskutiert ein wenig.

(Sinnfreies mehrseitiges Insert: ein Eingeborener entdeckt Falkons Leiche, leicht angefressen...also beide irgendwie...)

Als auf Seite 48 (!!!) endlich einer mal im Wasser ist, kloppt einer der Geisterrochen dem guten Roger seine hypermoderne künstliche Kieme weg und zerstört diese. Roger sinkt weg, kriegt den Tiefenrausch und driftet ins Zwischenreich, wo er angeblich die goldenen Tempel gesehen haben will, nach denen Hollister so giert. Muss als Nachweis reichen! Bis es soweit ist, rettet Alice ihrem Galan aber erst mal mühsam den Arsch. Dann dreht Vesparis mit der Nautica einige Extrarunden (später stellt sich heraus, es war der Geist vom Romanbeginn, der das Schiff fehlgesteuert hat), was Anlass für eine weitere Rettungsaktion gibt.

Ab Seite 57 wird dann endlich konstruktiv getaucht und mitten zwischen den Unterwasserruinen tauchen besagte Riesen-Zitter-Rochen auf, die offenbar eine Unterwassersäule mit einer mysteriösen Figur bewachen und beide Taucher attackieren. Mansfeld hört einen magischens Singsang, dann taucht auch noch ein U-Boot auf und wird von den Rochen attackiert. Per Torpedo wird die Säule pulverisiert.

Das Meer brodelt schon heftig, da kommt man auf die konstruktive Idee, die Manu-Statuen mal eben wieder ins nasse Element zu befördern. Vesparis tut es mit Bannspruch, Mansfeld taucht auf und auf den Bahamas kehrt Ruhe ein.

Beim Verhör bei der US-Marine leugnet diese statthaft, das ein U-Boot vor Ort gewesen sei (um dann natürlich hinterher die Russen unter Verdacht zu haben); Mansfeld erklärt frechweg, er habe nun doch gesehen, wie ein Rochen Hollister in zwei Teile gebissen hätte (wovon vorher weit und breit nichts zu lesen war) und Vesparis hängt sich vorsichtshalber am Fensterrahmen mal auf. Der Urlaub kann beginnen...

Der Erklärbär geht um...
Tja, das war es wirklich, das Reich der Geisterrochen, irgendeine Ecke kurz vor den Bahamas, wo für 3-5 Seiten auch mal getaucht wird, ohne dass sich da jetzt irgendeine Bedrohung richtig breit machen würde. Rochen gab es eh nur als Hand- oder Flossenlanger; wer der Säulenheilige war, wird nicht ganz klar und wieso das alles auch noch mit Voodoo- und Chickcharnie-Mumpitz verbrämt werden musste ebenfalls nicht.

Wichtigstes Element dieses Romans sind jedenfalls – wie schon zu lesen war – überflüssige seitenlange Inserts mit unwichtigen Nebenfiguren wie Eingeborenen oder dem Polizisten Blossom und endlose umständliche Diskussionen und Monologe Hollisters, welcher viel reden darf, aber wenig sagt. Teilweise zieht sich das Gesalbadere über fünf, sechs Seiten, allein der Nauskopie-Käse beschäftigt über weit mehr als einen nötigen Absatz.

Die Atlantis-Diskussion dreht sich ständig im Kreis, ohne das was passiert und wirklich unheimliche Einschübe gibt es nicht, ausgenommen vielleicht die gut geskriptete Voodoo-Sequenz.

Mansfeld darf, wie bereits erwähnt, meistens nur seine Holde dotzen (freundlich auf ihren halbwissenden Platz verweisen), dabei hat wesentlich mehr Plan und Gefühl, was zu tun ist, als alle übrigen vor Ort zusammen. Schließlich darf sie dann auch den Helden retten, der im Gesamtgefüge der Geschichte übrigens eigentlich gar keine Funktion hat: er schwadroniert viel, übersieht leicht Hollisters Fanatismus und Vesparis Angst vor den Geistern und wenn er dann mal was tun will, kommt er ständig um ein Haar ums Leben und muss von Dritten, ja schlimmer noch, von einem russischen U-Boot gerettet werden.

Selbiges sorgt vielleicht für einen leichten Knalleffekt am Ende, passt aber auch nur in die Story, weil unsere Helden weder Waffen noch Abwehrmaßnahmen für übernatürliche Gegner eingeplant haben, weswegen Roger wohl im Altenteil für gescheiterte Geistersucher am besten aufgehoben ist.

Ergo: interessante Themen, die aber vollkommen unpassend in einen Roman gestopft wurden, dessen Plot zwar thematisch überlaufen könnte, aber bis auf kurze aktive Einschübe statisch zerlabert wird, während die Seiten nur so dahin schmelzen.

Dass die Autoren Schwierigkeiten haben, ihre Plots so zu takten, dass gleichmäßige Handlung auf alle 60 Seiten verteilt wird, ist ja bekannt, ist hier aber mal wieder der Pferdefuß, der eine brauchbare Story zum Kippen bringt, nachdem sie mit viel Drive angefangen hat und mit brauchbarer Exotik hätte punkten können. Und somit, vermutlich auch wieder durch die Stakkatoquote Mauckners zu dieser Zeit nicht mit ausreichend Sorgfalt und Ruhe verfasst.

Als Nächstes spring ich nochmals in die 300er und schnuppere da nochmals rein, vielleicht kann mir jemand ja noch den Qualitätsverfall von den frühen Romanen her aufmunternd verschönern. Da lasse ich mir noch mal zwei neue Autoren schmecken...

Kommentare  

#1 Cartwing 2016-12-20 06:09
unterhaltsamer Artikel. Und gut geschrieben
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#2 Andreas Decker 2016-12-20 09:38
Zitat:
Na klar, das war alles noch vor der Frauenbewegung, da durfte Nicole Duval noch mit Fug und Recht romanlang im Adamskostüm durch ihr Chateau Montagne hotten und niemanden von Bedeutung regte das so richtig auf
Da verwechselst du was :-) Das war die damalige Frauenbewegung, die Freiheit einforderte, wozu auch körperliche Freiheit gehörte. Die heutige Bewegung hat zur körperlichen Selbstbestimmung ein sehr gespaltenes, prüdes Verhältnis.

Und ich würde den Hexenhammer nun wirklich nicht als erfolgreich bezeichnen. Sie mögen ja 20 Bände durchgehalten haben - was für Pabel-Maßstäbe schwach ist - , inhaltlich war es ein echter Reinfall.

Eigentlich triffst du es ziemlich genau mit Mauckner. Zerlaberte Plots mit interessanten Aufhängern mit manchmal durchaus farbigen Fakten, ohne dass was passiert. Immer ein Tick besser erzählt als viele andere, aber am Ende lauwarme Luft.
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#3 Laurin 2016-12-20 13:05
Zitat:
(...) ehe er noch schnelle fünf Romane für die erfolgreiche Hexenhammer-Unterserie schrieb (die immerhin 20 Romane umfasste).

Sehe ich genauso wie Andreas Decker. Man sollte hier eher von "gerade mal 20 Romanen" sprechen, denn Erfolgreich sieht wirklich anders aus.

Zitat:
(...) aber befremdlich wirkt es dann doch, wenn der Autor seiner weiblichen Figur wirklich alle Talente zugesteht (auch alle aktiven), um die männlichen Figuren dann indirekt doch zu Chauvinistenärschen zu machen.

Vielleicht hatte der Autor gerade seine feminine Seite entdeckt und wollte mal der holden Männlichkeit aufzeigen, wo wirklich der Hammer hängt. ;-)
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#4 Schnabel 2016-12-21 09:47
(...) ehe er noch schnelle fünf Romane für die erfolgreiche Hexenhammer-Unterserie schrieb (die immerhin 20 Romane umfasste).
Es waren sechs Romane die Walter Mauckner für die Vampir-Sub-Serie Hexenhammer schrieb, einen Roman schrieb er unter Georges Gauthier, die fünf anderen unter Waldo Marek.
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