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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Engel der Finsternis (Vampir Horror Roman 214)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Engel der Finsternis«
Vampir Horror 214 von Georges Gauthier (Walter G. Mauckner)

Same same, but different – oder mehr vom Gleichen, aber anders!

Das könnte unter oder über »Engel der Finsternis« stehen, den ich mir als nächsten Roman gegriffen habe, wobei es diskutabel ist, wenn man die alten Plots um bekannte Elemente (hier: ›Verliebt in einen Vampir‹) hie und da wieder trifft.


Nun ist das nicht gerade das Thema, das ich wirklich an Horrorromanheften liebe, allein die Fülle an Vampirgeschichten kann einen den letzten Nerv töten, ist das Thema doch schon so ziemlich bis in alle Ewigkeit tot geritten worden, aber man darf sich ja nochmals überraschen lassen.

Die Blutsauger waren schon bei anderen Einzelromanserien oder John Sinclair nicht wirklich besonders, weil in der klassischen Literatur das Vampirische schon sehr kreativ beackert wurde – speziell das Thema des Dem-Übernatürlichen-Verfallen, der übermenschlichen Ausstrahlung und der sexuellen Untertöne, aber genau das wurde hier auf modernisierte Art und Weise aus der Ich-Perspektive versucht. Und eben genau deswegen ist der Roman einer gesonderten Besprechung würdig, meine ich.

Tatsächlich geraten wir hier wieder mal eine Art Debütroman, zumindest von Walter G. Mauckner, der ein besonders produktiver Vampir-Horror-Roman-Autor gewesen ist und über drei Hundertschaften von Romanen immer wieder regelmäßig abgeliefert hat, sogar unter drei Pseudonymen. Wie bei Regisseuren kann das lang durchgegarte Erstwerk manchmal mit dem größten kreativen Input punkten und auch wenn das sicherlich (vermute ich) nicht Mauckners generelles Debüt war, hat der Roman stilistisch durchaus einiges für sich.

Da wäre zunächst die seltener außerhalb der klassischen Literatur älterer Schule anzutreffende Ich-Perspektive, die die ganze Geschichte prägt. Nicht nur der Protagonist ist so vertreten, auch eine zweite Figur darf sich zu Wort melden und sorgt für kurze Inserts und gibt dem Roman den Anstrich eines realistischen Berichts oder einer Geschichte, die in ein Tagebuch eingetragen worden ist.

Dann ist auch der sprachliche Anspruch zu erwähnen, der die Zeit der Handlung zwar in der Moderne ansiedelt (es gibt Autos etc.), aber sonst in der aufwändigen leidenschaftlichen Zerrissenheit vergangener Jahrhunderte auch ganz gut aufgehoben wäre, würde man die modernen Elemente einfach heraus streichen.

Wenn der Protagonist Jacques Voscart sich erklärt oder seine stürmischen Emotionen vor dem Leser ausbreitet, dann rauscht es im Geäst, dann wird ungemein leidenschaftlich und aufgewühlt. Da feiert das Pathos Triumphe und manchmal klingt es wirklich lyrisch, wenn Gegner bekämpft und die wahnhafte Liebe umschrieben werden und man kann sich nie ganz sicher sein, ob es sich um einen Geniestreich oder um bemühte Manierismen handelt. Bei mir war beides der Fall.

Mauckner ist dabei außerordentlich bemüht, den Leser über lange Zeit im Unklaren zu lassen, ob nun wirklich vampirisches Wirken der Auslöser all der Todesfälle ist. Da hilft in diesem Fall auch mal das Charakterkästchen zu Beginn des Romans weiter, das zwar erneut einen Todesfall schon auf der zweiten Seite nicht ausspart, aber ansonsten den Leser noch im Unklaren lässt, ob die Begleitumstände, die zu der Romanhandlung geführt haben, sich alle so eindeutig darstellen, wie man es erwarten kann.

Allerdings kommt dann die große Enthüllung doch noch nicht im Zeitalter des finalen Plottwists an, auch wenn das – übrigens überraschend unspektakulär ausfallende und eher intime Finale eine kleine finstere Wendung bereit hält. Noch besser wäre es allerdings gewesen, wenn Mauckner die vielen kleinen Fragezeichen, die uns den ganzen Roman begleiten dann auf der letzten Seite auch alle aufgelöst hätte.

Engel der FinsternisUnd so beginnt es...
Jacques Voscart ist ein freier Mann!

Allerdings nur mangels eindeutiger Beweise und aufgrund eines fragwürdigen Alibis eines Freundes, der ihm für die Tatzeit des Mordes an seiner Frau (Kehle zerfetzt, Messer durchs Herz) ein Alibi ausgestellt hat, weil er angibt, mit Voscart telefoniert zu haben.
Während die Öffentlichkeit, alle von Voscarts Freunden und auch der rachsüchtige Kommissar Barrault – der, wie sich im Laufe des Roman herausstellt, auch noch Voscarts Schwager ist – davon überzeugt sind, dass ein Wahnsinniger der Justiz entkommen ist, zieht sich der sich seine Unschuld einredende Voscart in die Einsamkeit der französischen Bergwelt zurück.

Schlaf findet er jedoch nicht, also wandert er ruhelos durch die Wildnis und bricht dort zusammen. Geweckt wird er von leisen Hilfeschreien und entdeckt drei Männer, die dabei sind, eine blonde Frau umzubringen und dann zu verscharren.

Wie ein wildes Tier fällt er die Männer an und schlägt sie schließlich in die Flucht. Als er die Frau befreit, meldet sich nicht nur sein Beschützerinstinkt, er verfällt der Schönen sofort und auf der Stelle unrettbar. Sie klammert sich ebenso sofort emotional an ihn, ihr Name ist Mylène de Guiomar.

Voscart bringt Mylèn in sein Haus und dort zeigt sie sich am nächsten Tag zwar schwach und müde, hat aber keine Einwände gegen seine zweifelhafte Vorgeschichte – sie selbst gibt an, aus ihrem Auto gezogen worden zu sein von gedungenen Mördern.

Dass nicht alles in Ordnung ist, erkennt Voscart schon bald, als er Lebensmittel kaufen will und die unwillige alte Dame im Lebensmittelladen praktisch hysterisch bei seinem Anblick wird und dann im Dorf mit Knoblauchzehen bombardiert wird.

Wieder daheim reagiert die blonde Schönheit äußerst wild und gereizt auf sein Knoblaucharoma, weswegen das Gemüse aus der Zutatenliste gestrichen wird.

Doch die Jagd ist noch nicht vorbei. Als Jacques Mylènes Auto suchen will, wird er erneut im Wald verfolgt und kann nur mit Mühe fliehen. Wieder daheim ist seine Angebetete zunächst verschwunden, was ihn noch mehr in die Hysterie treibt, doch rechtzeitig taucht sie wieder auf. Blutflecken am Mäulchen erklärt sie mit dem Verzehr eines rohen Steaks.

Notgedrungen reisen die beiden zu Voscarts Freund Henry Dubois, der ihm damals das Alibi gab, der mit seiner Frau Francoise, seiner Tochter Nicole und dem kleinen Jean an der Küste wohnt.

Der Junge ist von Mylène schwer begeistert, doch als er sich bei einem Sturz in die Hecke verletzt, tritt ein anderer Ausdruck in die Augen der Blondine. Die in Jacques verliebte Nicole ist allerdings nicht so glücklich über den zweiten Gast und ahnt Übles.

Am nächsten Morgen ist Jean tot, alles wird vom Arzt damit erklärt, dass er sich seine Halswunde von dem Heckensturz im Schlaf aufgekratzt und damit letal aufgerissen hat. Dubois sucht Zuflucht im Alkohol, macht jedoch keine Vorwürfe, doch dann stirbt auch noch ein Taucher in der Nähe unter mysteriösen Umständen. Dessen Halswunden wiederum werden auf eine Muräne geschoben.

Weil ihm das alles sehr merkwürdig vorkommt, will Voscart abreisen, bekommt von Nicole zuvor jedoch noch ein goldenes Kreuz geschenkt, während Barrault schon wieder in der Peripherie der Ermittlungen auftaucht.

Das Paar flieht erneut, diesmal in eine sonnige Gegend, wo sie bei einer gewissen Margot an einem See privat wohnen. Aber kurz darauf stirbt auch Margot – angeblich durch den Angriff eines Luchses. 

Wieder wird die Flucht fortgesetzt, diesmal in ein baufälliges abgelegenes Haus seiner Familie, wo er der Nachtaktivität und Sonnenallergie seiner Geliebten auf die Spur kommen will, aber nur einen unbestimmten dunklen Punkt in ihrer Familiengeschichte findet.

Mittendrin jedoch stürmen drei maskierte Angreifer das Haus und es kommt zu einem wilden, währenddessen das Haus in Flammen aufgeht – und Voscart sieht plötzlich kurz eine andere, monströse Mylène.

Zweifelnd will er jetzt die Probe aufs Exempel machen und löst mit dem goldenen Kreuz eine vampirische Verwandlung aus – nach der überzeugt ist, trotz seiner unendlichen Liebe – das er dieses Wesen erlösen sollte. Also schleppt er sie dann aus seiner Unterkunft und pfählt sie – woraufhin prompt Barrault auftaucht und ihn jetzt mit Fug und Recht verhaftet. Aber Voscart ist das praktisch egal, er umarmt sein kommendes Schicksal auf dem Schafott...

Und so endet es...
Ich habe ausnahmsweise mal alles bis auf die letzte Zeile beschrieben, nicht zuletzt weil die Handlung – wie sicherlich schon bemerkt – nicht wirklich originell ist.

Der ganze Roman ist eine Studie in liebeskranker Betriebsblindheit, man könnte es auch wahnhafte Leidenschaft ohne Realitätszugang nennen und das kann manchmal ganz schön nerven, wenn Voscart absatzweise seinen Zustand schönredet und seine Besessenheit erklärt, ohne auch nur einen Blick für die Realitäten übrig zu haben.

Frustrierender ist da schon, dass nie ganz geklärt wird, ob der Protagonist nun wirklich für den Mord an seiner Frau verantwortlich ist, auch ganz am Ende bleibt diese Frage offen, trotz oder wegen der sich lange ankündigenden Pointe. Voscart geht jedoch mehrfach wie ein rasendes Tier mit größtmöglicher Brutalität auf die Gruppen von Angreifer los, wobei die angewandten Härten meistens während es sie beschreibt, gleich wieder als überlebensnotwendig beschwichtigt. Insofern könnte er durchaus der anfängliche Täter sein, wirkt er doch schon zu Beginn wie ein hinreichend psychotisches Wrack.

Natürlich hofft man die ganze Zeit auf eine andere Pointe, als die offensichtliche, was die Gestalt der Mylène angeht, die anscheinend von ihrem Onkel gebissen und mit dem Vampirfluch versehen wurde, aber auch das bleibt nur eine erklärende Fußnote.
Stattdessen häuft sich Todesfall auf Todesfall – und die ausbleibende Wirkung auf die Betroffenen, Freunde und Verwandte der Opfer in Bezug auf Voscart und Co ist um so verblüffender – ständig hat jemand eine andere, etwas weit hergeholte Erklärung für die rasenden Bisswunden an den Hälsen.

In diesem Zusammenhang täuscht auch das Titelbild ein wenig, das ausgerechnet die Sequenz mit dem attackierten Taucher ins Bild setzt, eine Sequenz, die deutlich nachträglich dazugeschrieben wirkt und den unkundigen Käufer ganz andere Inhalte erwarten lässt als eine klassische Vampirgeschichte.

Wobei „klassisch“ mit Vorsicht zu genießen ist, denn weder sind hier irgendwo mal Eckzähne im Spiel, noch lässt sich Mauckner dazu herab, die eigentliche Natur des Mylène-Wesens genauer zu beschreiben, sie sieht dann in der Beschreibung immer nur „grauenhaft“ aus.

Fragezeichen erheben sich auch hinter den Angreifern im Wald und in dem brennenden Haus, die weder näher vorgestellt noch beschrieben werden, offenbar hetzt da jemand einfach einen Vampir, kommt ihm ungeklärt immer wieder auf die Spur und zeigt in letzter Instanz leider stets erhebliche Defizite in der Durchführung der Mord- und Erlösungspläne.

So ist denn natürlich nicht alles eitel Sonnenschein bei diesem Roman, den ich hauptsächlich wegen seines ungewöhnlichen Stils genossen habe – hier hat der Autor offenbar bei Maupassaunt und anderen französischen Autoren gut aufgepasst und die Emotionalität direkt in die Sprache übertragen, was das wahnhafte Verfallen dem Schrecken gegenüber wunderbar betont.

Insofern ist es kein perfekter Start für Mauckner in die Serie, aber sicher ein ziemlich einzigartiger, der auch als Alleinstellungsmerkmal hervorragend funktioniert, weswegen ich es trotz inhaltlicher Auslassungen überhaupt nicht bedauere, ihn mir gegriffen zu haben. Sogar wenn die augenscheinliche Naivität des zentralen Charakters manchmal des Guten ein wenig zu viel ist.

Das soll aber nicht mein letztes Erlebnis mit „Gauthier“ gewesen sein, da liegen u.a. noch zwei Romane des Guten...äh...guten Bösen...und wenn er die Qualität einigermaßen gehalten hat, dann erwartet mich da noch einiges

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2016-11-29 11:08
Georges Gauthier, der frankophile Meister des Softgrusels, wortgewaltig und melodramatisch.

Erzählerisch hatte er unbestritten etwas drauf. Aber (zu) viele seiner Romane waren ausgesprochen zäh und anämisch, ganz weiche Gruselgeschicht(ch)en, bei denen auch der strengste Kritiker von Gewalt und Schund nichts zu beanstanden gefunden hätte. Verglichen mit ihm war John Sinclair splatteriges Grindhouse-Kino.

Sein interessantestes Werk war m.E. eine Art Trilogie über die französische Revolution, eine wüste, rein historische Geschichte über den Terror, Geister, Alchimisten und Hexen. Die ersten beiden Bände waren für den Vampir völlig unüblich im Präsens erzählt (der dritte idiotischerweise aber nicht), und zwischen Bd.1 und 2 lag fast ein Jahr. 2+3 hat der Verlag zusätzlich mit Titel und Cover völlig verhunzt. VHR 221/260/268. Hätte er das bearbeitet (und einheitlich geschrieben), wäre das kein übles Buch gewesen.

Er, Balmore und Ross waren damals der Grund, warum ich die Reihe nur noch sporadisch gekauft habe. Heute weiß ich ihn mehr zu schätzen.
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#2 Thomas Mühlbauer 2016-11-29 15:12
Gerade diesen Roman habe ich als Pastiche der französischen VHR und der Romane von Hugh Walker empfunden. "Zäh" ist der richtige Ausdruck, den Andreas für Mauckners Romane verwendet. Erst später (nach dem Hexenhammer-Flop und ab VHR 320) wurden seine Romane sehr viel lesbarer und boten zum Teil kurzweilige Unterhaltung.
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