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Kara Ben Nemsi ist wieder unterwegs - »Karl Mays magischer Orient«

Karl Mays magischer OrientKara Ben Nemsi ist wieder unterwegs
»Karl Mays magischer Orient«

"Wenn Karl May - als Ergebnis einer Reise durch einen Zeittunnel oder aufgrund irgendeines magischen Eingriffs eines literarischen Zauberers - heute wieder auftauchen würde und die Chance bekäme, seine so unendlich erfolgreichen Abenteuergeschichten weiterzuerzählen, dann würde er sie sicherlich als Fantasy-Romane anlegen. Seine dem Leser vertrauten Helden würden wiederum den Orient durchstreifen.


Dieses Mal jedoch einen magischen Orient, der lediglich äußere Ähnlichkeiten mit dem realen Orient des späten 19. Jahrhunderts besitzt, aber ins Phantastische hinein erweitert ist, belebt mit Fabelwesen, wie wir sie aus 1001 Nacht her kennen, sowie allerlei magischen Objekten, von Zauberei durchzogenen Orten und bösen wie guten Hexenfertigkeiten."

(Thomas Le Blanc, Nachwort zu "Im Banne des Mächtigen")

Karl Mays magischer OrientKarl May und seine Zeit
Karl May gilt als der meistübersetzte deutsche Schriftsteller. Dabei gibt es allerdings große geografische Unterschiede. Während sein Werk in den USA, Großbritannien und Frankreich relativ unbekannt ist, erfreut es sich in Osteuropa großer Beliebtheit. Der als Kind einer Weberfamilie geborene Autor erblickte 1842 das Licht der Welt und verstarb im Jahr 1912. Sein Leben verlief abenteuerlich und lange Zeit sah es danach aus, als ob er in die Kriminalität abgleiten würde.

Schließlich umfasst sein Werk etwa 100 Titel, die mittlerweile in mehr als 40 Sprachen übersetzt worden sind. Die meisten Romane lassen sich unter dem Thema Reise- und Abenteuerliteratur verorten. Die bekanntesten Erzählungen haben den Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi bzw. Old Shatterhand als Hauptperson. Sie spielen entweder im Orient oder in den USA.

Karl May fing in den 1870er Jahren an zu schreiben, in einer Zeit als Deutschland erstmals seit mehreren Hundert Jahren wieder eine Regierung, eine Währung und eine Landesgrenze hatte. Seit dem Dreißigjährigen Krieg hatten französische, spanische, englische, schwedische und dänische Truppen immer wieder das Land besetzt. Jetzt war das Deutsche Reich erstmals wieder in den Rang einer Großmacht aufgestiegen. Im Gegensatz zu Frankreich, Spanien, Großbritannien, Portugal und den Niederlanden war es noch nicht als Kolonialmacht tätig geworden. Mays selbstbewußtes Deutschsein speist sich aus dieser unbelasteten Situation. Dennoch machte er sich mit seinem christlich geprägtem, stellenweise fast pazifistischen Werk viele Feinde. In der Wilhelminischen Ära ab 1890 träumten die deutschen Eliten ihren Weltmachttraum, der vorbestrafte May mit seinen erfundenen Heldentaten wurde von den Etablierten nicht akzeptiert. Im Dritten Reich las Hitler zwar Karl-May-Romane, aber überzeugte Nationalsozialisten feindeten ihn wegen Defätismus, Pazifismus und seiner Ablehnung des "Rassegedankens" an. In der DDR dagegen waren seine Bücher wegen angeblichem "Rassismus" und "Deutschtümelei" nicht wohl gelitten, erst 1982/83 durften sie wieder aufgelegt werden.

In den Kinderzimmern der bundesdeutschen Nachkriegsgeneration waren seine Bücher hingegen ein fester Bestandteil des Lesestoffs. Kara Ben Nemsi, Old Shatterhand, Winnetou und Hadschi Halef Omar waren und sind dieser Generation bis heute ein Begriff.
 
Karl Mays magischer OrientDer Karl May Verlag
1913 gründeten Klara May (die Witwe des Autors), Friedrich Ernst Fehsenfeld (Mays damaliger Herausgeber) und der Jurist Euchar Albrecht Schmid den Karl-May-Verlag. Dieser hat die Rechte an allen Werken Mays erworben und die "Gesammelten Werke" herausgegeben. 1959 übersiedelte der Verlag von Radebeul in der damaligen DDR nach Bamberg über. Seit 1960 liegt der Verlag in den Händen der Familie Schmid, aktuell liegt die Geschäftführung bei Bernhard Schmid. Zwar sind die Werke von Karl May nach Ablauf der urheberrechtlichen Schutzfrist 1963 inzwischen gemeinfrei, jedoch ist der Karl May Verlag in Bamberg weiterhin der Ansprechpartner für alle Werke Karl Mays. Der Verlag hat allerdings im Laufe der Zeit einiges an den Texten verändert. Aus der ursprünglich 33 Bände umfassenden Reihe "Reiseerzählungen" wurde die 94 Bände zählende Reihe "Gesammelte Werke und Briefe". Seit 1987 erscheint eine auf 120 Bände angelegte historisch-kritische Ausgabe, die allerdings erst seit 2008 im Karl-May-Verlag angesiedelt ist. Auch andere Verlage brachten Ausgaben von Karl May. Bei Weltbild erschien z.B. eine 92 bändige illustrierte Ausgabe, bei Bertelsmann eine 30 bändige Auswahl, im Pawlak Verlag 74 Bände und im Verlag Neues Leben 66 Bände.
 
Neue Abenteuer
Eigentlich liegt der Gedanke nahe, neue Geschichten um die weltbekannten Figuren Karl Mays zu schreiben und zu publizieren. Das hat bei Sherlock Holmes funktioniert, warum also nicht bei Kara Ben Nemsi? Und tatsächlich listet die Karl-May-Wiki 18 sogenannte "Fortsetzer" auf. Drei davon, die sich mit dem Orient befassten, sollen als Beispiel dafür genannt werden.

Ab 1970 erschienen sechs Romane von Edmund Theil unter dem Thema "Im Schatten der Raubkarawane", die locker an den Mayschen Orientzyklus anschlossen, allerdings zeitlich deutlich später angesiedelt sind. Axel J. Halbach publizierte im Eigenverlag seit dem Jahr 2000 elf Romane, in denen Mays Figuren und arabische Schauplätze benutzt werden. 2010 veröffentlichte Jörg Kastner "Hadschi Halef Omar", in der er die erste Begegnung zwischen Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar beschrieb.

Das neueste Projekt kommt wieder einmal aus der Kleinverlagsszene. Seit einiger Zeit läuft im Blitz-Verlag die Serie "Karl Mays Kara Ben Nemsi". Dort haben Hymer Georgi und G.G. Grandt bisher 5 Romane eines sechsbändigen Zyklus vorgelegt, in denen es weitere Abenteuer um den "Schut" gibt.
 
Karl Mays magischer OrientKarl Mays Magischer Orient
Unter dem Stichwort "Magischer Orient" schreibt Alexander Röder neue zeitgemäße Abenteuer für Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar. Im Anschluss an die bekannten sechs Bücher von "Durch die Wüste" bis "Der Schut" wird ein "fantastisches" Kapitel aufgeschlagen.

Im Gegensatz zu den bisherigen "Fortsetzern" verfolgt die neue Reihe aus dem Karl-May-Verlag einen neuen Ansatz. Mays Figuren und Schauplätze werden um "magische" Inhalte ergänzt. Vielleicht orientiert man sich da am "fantastischen" Sherlock Holmes? Wie dem auch sei, auf jeden Fall entsteht dadurch ein gänzlich neues Feeling. Zeitlich sind die neuen Abenteuer im Jahre 1874 angesiedelt, also wenige Jahre nach dem 1871/72 verorteten Orientzyklus.

Bisher erschienene/angekündigte Titel:

  • 1 Alexander Röder, Im Banne des Mächtigen
  • 2 Alexander Röder, Der Fluch des Skipetaren
  • 3 Alexander Röder, Der Sturz des Verschwörers
  • 4 Alexander Röder, Die Berge der Rache
  • Thomas Le Blanc (Hrsg.), Auf phantastischen Pfaden

Karl Mays magischer OrientIm Banne des Mächtigen
Der erste Band der neuen Reihe vermittelt einen ersten Eindruck davon, was auf die Leser zukommt.

Alexander Röder orientiert sich stark an Karl Mays Schreib- und Erzählstil. Es handelt sich dabei im Prinzip um Jugendbücher, zeitgemäß als "All-Age-Romane" bezeichnet. Selbstverständlich ist Kara Ben Nemsi wieder der Ich-Erzähler. Röder ergänzt die Texte allerdings durch viele Bezüge zu zeitgenössischen Wissenschaftlern, Schriftstellern etc.

Natürlich spielen Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar die Hauptrollen, aber auch Sir David Lindsey ist mit von der Partie. Dazu kommt mit der jungen Djamila eine erfrischend neue Figur. Diese Diebin und Piratentochter entpuppt sich als Verwandte von Halefs Frau Hanneh. Als weiteren Reisegefährten gibt es noch den riesenhaften Koch Abdollah, kurz Abdi genannt. Dazu kommen weitere zeitweilige Reisebekanntschaften. So begegnet man z.B. Professor Wolfgang Thadewald, Bibliothekar der Königlichen Bibliothek Hannover. Eine weitere skurile Figur ganz im Stile Mays ist der Einsiedler Bruder Raimundus Antonius vom Orden der minderen Brüder zu Madrid. In den weiteren Bänden eine wichtige Rolle spielen wird voraussichtlich Scheik Haschim aus dem königlichen Geschlecht der Haschemiten.

Auch die Schauplätze können sich sehen lassen. Natürlich geht es über weite Strecken einfach durch die Wüste. Dazu kommen der Basar in Basra, eine Ausgrabungsstätte, ein versteckter Baaltempel und natürlich die Burg des Mächtigen.

Ein Grundmotiv ist die Auseinandersetzung mit Magie. Halef ist schon zu Beginn des ersten Romanes, der auf dem Basar in Basra spielt, auf der Suche nach magischen Gegenständen. Kara Ben Nemsi blickt amüsiert und ein wenig enttäuscht auf diese "Leichtgläubigkeit" seines treuen Gefährten. Nach und nach kommt es dann zu Zwischenfällen, die Halef magisch erklärt, während sein Gefährte weiter fest an eine natürliche Erklärung glaubt, sich aber eingestehen muss, dass er diese zunächst nicht liefern kann. Ein geheimnisvolles Zelt, in dem die Zeit anders abläuft als in der richtigen Welt, Diebeskerzen und ein Manticore fallen in diese Kategorie. Halefs Bemerkung ganz am Ende wirkt denn auch wie ein Ausblick auf die kommenden Bände:

"Und ist es wirklich wahr, Sihdi, dass du ein Ungläubiger bleiben willst, was die Magie angeht, obwohl du mit eigenen Augen soviel Magisches und Wundersames gesehen und erlebt hast? Effendi, ich bedaure ja die Ungläubigen und gönne es ihnen, dass sie nicht all die Wunder schauen können und blind sind für all die Geheimnisse; aber dich möchte ich retten vor diesem Unglauben. ... Du bist so klug, so ganz anders als andere Menschen, die ich kenne, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder nicht."

(S.453)

Karl Mays magischer OrientFazit
Karl Mays magischer Orient verspricht eine interessante Erweiterung des Karl-May-Kosmos. Jedenfalls lässt der erste Band von Alexander Röder darauf schließen. Er liest sich wie eine natürliche Fortsetzung der altbekannten Abenteuer. Doch schon nach kurzer Zeit werden neue interessante Elemente eingebaut. Das sind zum einen die "magischen" Gegenstände, Orte und Fabelwesen. Dazu kommen aber auch die vielfältigen Einschübe, die sich mit den um 1870 neuesten Büchern, Erfindungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen befassen. Anderes ist erfreulich beständig. Wie bei Karl May steht der Ich-Erzähler, der auf sich und seine Fähigkeiten vertraut, im Mittelpunkt der Handlung. Zwar ist die Handlung voll von Kämpfen und Zweikämpfen, aber nicht allein diese Fähigkeiten und seine überlegenen Waffen, sondern auch sein wacher Geist, sein fester moralischer Kompass und seine loyalen Reisegefährten lassen ihn alle Abenteuer erfolgreich bestehen.
 
Mich hat der erste Band begeistert. Die längst verdrängte Jugendlektüre wurde wieder in Erinnerung gerufen. Röder versteht es, den Mayschen Sprach- und Erzählstil vortrefflich einzufangen, dabei aber doch eigene Akzente zu setzen. Immer wieder knüpft er an die alten Romane und Figuren an, versteht es dabei aber ihnen neue Facetten abzugewinnen. Ich bin gespannt auf die weiteren Romane.
 
Im Banne des Mächtigen
Karl Mays Magischer Orient, Band 1
von
Alexander Röder

Illustration: Elif Siebenpfeiffer
ISBN 978-3-7802-2501-6
464 Seiten
Euro 16,99
Karl-May-Verlag 2016

Kommentare  

#1 Heinz Mohlberg 2016-09-17 19:45
Und was ist mit der tollen Fortsetzung aus dem Blitz-Verlag... :-?
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