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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Hochzeit im Spukschloß (Mitternachts-Roman Nr. 180)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Hochzeit im Spukschloß«
Mitternachts-Roman 180 von Maureen Shennon

Na, da krieg ich doch endlich mal meinen Willen!

Es ist ja inzwischen der vierte Testroman aus dem Bereich Romantik-Mystery-Spuk-Thriller cum Schmonzette, den ich gemütlich durchkaue, doch so ein richtiger herzig-historischer Schmuselgrusel war noch nicht dabei.


Das waren eher wilde Mischungen verschiedenster Genres, die man zu frauenkonpatiblen Stories zusammengeflickt hatte, quasi Gruselroman mit Frau UND Gefühl.

Beim seligen Mitternachts-Roman hatte ich ebenso blind zugegriffen wie sonst auch, ungeachtet der Tatsache, dass manche Serien eben randvoll mit lustigen bis global angefertigten Übersetzungen angefüllt wurden und andere wiederum hauptsächlich von deutschen Autoren und Autorinnen, die sich, hinter rauschend-mysteriösen Pseudonymen versteckt, die Zügel schießen ließen.

Bei „Mitternacht“ gab es beides und wie der Zufall so will, landete ich mit „Hochzeit im Spukschloß“ nicht nur bei einer Übersetzung (zumindest liegt der Schluss nahe), sondern auch noch bei einem fast vergessenen Nachdruck.

Genauer kann ich das aber leider nicht verifizieren, denn gerade der Frauenroman scheint immer noch streckenweise „terra incognita“ zu sein, die Identität von zahlreichen Pseudonymen immer noch nicht entschlüsselt.

„Grusel, Grüfte, Groschenhefte“ listet den Roman freundlicherweise mit einem Übersetzungs-“Ü“, wobei ich dafür aber ebenfalls keinen Beleg gefunden habe. Genauso mysteriös gestaltet sich der Umgang eben MIT diesem Pseudonym, das variabel mal als „Maureen Shennon“ (so wie hier) auftaucht und mitunter auch als „Maureen Shannon“ (wie ich es akustisch auch schreiben würde) drüber oder drunter steht.

Fakt ist, die eigentliche Autorin ist – soweit mir bekannt – noch nicht gefunden, wobei ich angesichts des Themas und der Umsetzung stilistisch sofort auf eine deutsche Autorin getippt hätte, aber ich war ja schon beim Gaslicht auf die Schnauze gefallen, wo ich der englischen Verfasserin glatt unterstellt hätte, den Murks von Walhallastatt in einem alkoholischen stupor auf einen Bierfilz notiert zu haben, um daraus dann einen Roman zu stricken. So kann man sich irren.

Hochzeit im SpukschloßGanz neu ist die Schwarte übrigens auch nicht, zwar erst im April 1989 im Mitternachts-Roman erschienen, findet man die „Hochzeit“ nach entspanntem Suchen dann plötzlich auch im noch seligeren „Olivia“-Roman, der zwischen 1975 und 78 als Taschenheft und dann bis 1979 noch mal als kurzlebige Heftromanserie an den Kiosken zu haben. In letzterer findet man dann auch den vorliegenden Roman als Nr. 2!

So spannend diese Recherchearbeit sich entwickelt hat, so unspektakulär ist die Erfüllung meines Wunsches nach einem echten Romantikreißers, wenn ich den Roman dann als Ganzes bewerte.
Ich kriege zwar die volle Dröhnung: Schottland, Schloss, Jahrhundertwende, Pferde, Brücke, Geisterstimmen, Skelette, Hochzeit, Sturm – aber es fehlt schlussendlich an Raffinesse und Wendungen.

Die Verortung des Geschehens an die Jahrhundertwende wirkt zusätzlich verwirrend, denn alles, was geschieht, passt nicht recht zur Jahrhundertwende 19/20, sondern eher zu 18/19 bzw. noch eher zu 17/18 – näher wird darauf aber nicht eingegangen (es wird aber ausschließlich geritten).

Die Inspiration, die aus so mancher Seite weht, gemahnt eher an das späte 18.Jahrhundert, nämlich an „Castle of Otranto“, Horace Walpoles ersten Gotik-Roman mit Gruselunterbau, der immer mit dem Prädikat „The Ghost Story History starts here!“ versehen wird. Aber welch braver Nachkomme hier wirklich aus dem schottischen Tann (Schottland? Wald?) reitet, ist noch herzallerlieber...

Hochzeit im Spukschloß»Es war einmal...oder auch zweimal...«
Hochzeit soll gehalten werden auf dem Schloss des Lords von Thorsdale. Der alte Edmond, schon satte 82 hat alles brav seinem Sohnemann Gerwyn überschrieben (so ca. 37), der sich nun in der hübschen Lindalee of Dorbatten (holla!) eine Braut gewählt hat, die im schottischen Hochland mit all ihren Zinnentürmen (???) natürlich unbekanntes Land betritt.
Nach vielen Serpentinen auf dem Schlosshof per Kutsche angekommen, wollen die Pferde sofort wieder zurück, was den ersten Schatten auf die Beziehung wirft. Grund für die Panik war der Ruf des Namens der Braut aus dem dunklen Wald.

Man ist gerade zur Vorstellung angetreten, da geht es auch schon weiter: der große Kristall-Lüster verabschiedet sich aus der Decke, es scheppert im Gebälk. Das hält den Adel aber nicht von der Etikette ab, denn es gibt ein etwas wirren Hallo von der guten Lady Felicity, die Mutter von Edmonds verstorbener Frau (wie alt die auch immer sein soll...), die ein wenig Tinnef zusammen lallt, aber ganz freundlich scheint. Mit am Start ist auch der etwas düster-entschiedene Verwalter James Jamassy, der wohl verdächtig sein soll, es aber nie wird. Und Lindalee greift sich aus den Domestiken gleich noch die hübsche Shirley als Kammerzofe heraus.

Kaum hat man sich zur ersten Mahlzeit gesetzt, da erschallen schon wieder Schreie wie in Todesnot, was Gerwyn Bräutigam enorm vergrätzt. Er lässt das Personal in der Halle antreten und als sich kein Schuldiger meldet, lässt er es zur Bestrafung dort eine Weile stehen (Hammer!).

Das führt aber zu nichts und so wird unter der Hand weitergeforscht.

Es sind noch drei Tage bis zur Hochzeit und normalerweise bedeutet sowas einen Anstieg auf der nach oben offenen Spuk-Skala – aber hier passiert erstmal nichts, abgesehen von einem Juwelengeschenk von Felicity an Lindalee.

Erst in der Nacht vor der Hochzeit erklingen wieder die Stimmen, die aber phantasiearm nur den Namen der Braut rufen. Trotzdem: große Suchaktion, große Nervosität. Ergebnis: nix!

Am nächsten Tag also Hochzeit und die geht sogar ohne großes Unglück von der Reibe, bis während der Feierlichkeiten zwei Diener im Keller Wein holen sollen und dort erst einen leuchtenden Totenkopf, dann ein ganzes Skelett entdecken. Wieder (im Kleinen) Angst und Schrecken. Wieder Suche. Wieder nichts. Also weiter mit der Feier.

Während alles jubelt und lacht, kaut Lord Edmond mit Verwalter James noch mal alles durch – und der hat dann auch eine gute Idee für einen zünftigen Geisterschwindel: ein dunkles Kostüm mit aufgenähtem Skelett. Trotzdem wird weiter gesucht (daraus besteht der halbe Roman).

Bald darauf sind Gerwyn und Lindalee mit zwei Apfelschimmeln (puuuuh....) im Wald unterwegs und erfreuen sich an der schönen Natur. Bei der Überquerung einer Holzbrücke, entdeckt der Ehegatte die fehlende Holzbohle im letzten Moment und kann seine Holde vor dem drohenden Einsturz noch zurück lotsen. Damit auch niemand sonst zu Tode stürzt, müht er sich noch ab, bis er sie mit Felsbrocken demoliert hat.

Im Schloss begegnet das Skelett derweil noch zwei Mägden beim Suchen der Blumenschalen, die sofort Fersengeld geben und ins Tal laufen. Aufruhr, Suchen, nix! Derweil braucht James Jamassy (Supername!) mehrere Seiten, um die Mädchen einzuholen und mit ihnen ihre Geschichte durchzukauen, die man als Leser längst kennt.

Nach der Rückkehr wird der ganze Sermon des Geschehenen noch einmal allen Angestellten verkündet, wobei sich ein gewisser Glenn O'Toole mit der Brechstange verdächtig macht.

Doch da: die Sturmreiter kommen! Und ein Sturm kommt! (Darum ja die Reiter...)

Also macht man das Schloss wetterdicht und begibt sich zur Ruh, Braut Lindalee seltsamerweise in ein Turmgemach mit der leicht senilen Felicity. Als sie sich nächtens dann auf den Weg in ihr Zimmer macht, wird sie von dem Skelett attackiert und hasserfüllt angefaucht. Sie soll das Schloss verlassen, wird ihr gesagt und man will nach dem Tod der sehr beliebten Frau des Lords keine neue Herrin auf Thorsdale. Weil aber der Sturm heult, muss das böse Skelett die Holde diverse Stunden im Flur festhalten und ganz dolle bedrohen, bis es so ruhig ist, dass ihr Abgang ins Dorf sicher erscheint. Tatsächlich macht sie sich fix auf die Socken, denn vorher hat sie dem Knochenmann noch ein paar links und rechts mit ihren Absatzschuhen verpasst, was gar nicht gut ankam...

Im Wald macht sie dann erstmal wieder schlappt und legt sich zu Tode erschreckt ins Unterholz, wo sie erst drei Seiten später gefunden...

»Ich bin ganz sicher, es gibt hier eine Spannungsschraube, ich find sie bloß nicht...«
...ich mach jetzt hier mal Schluss, weil sich Miss Shennon dann auch auf den letzten paar Seiten dem Prinzip verweigert, dass man am Ende die Dramatik ja zwangsläufig steigern sollte, damit ein atemberaubender Showdown dabei heraus kommt. Das funktioniert natürlich nur, wenn die ganze Erzählung nicht eine Mischung romantischer Adelssage und Teilzeitmärchen ist und meistens kurz vor dem Wegdämmern vor sich hin tuckert.

Wie oft hier das Schloss durchsucht wird und nichts gefunden, wie oft die Angestellten und Diener verhört werden, ich mag es gar nicht zählen. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zu den Vorfällen, von denen die Sabotage an der Brücke schon die Heftigste ist. Nächtliches Schreien im Wald ist eher so mittel-bedrohlich und das Skelett..ja, der versucht irre auf evil zu machen, ist aber so besorgt darum, die zu entsorgende Ehefrau könnte im Sturm zu Schaden kommen (und was war mit der Brücke???), dass seine fiesen Kommentare und Würgegriffe irgendwie nicht passen wollen.

Dass die beiden übrigens stundenlang unbeweglich im Korridor auf das Ende des Sturms warten, ist übrigens kreuzdoof und nur mit dem miesen Plotting zu erklären, dass man ja noch gar nicht verraten wollte, dass es gar keinen Spuk gibt, sondern einen Typ...in einem dunklen Kostüm...mit aufgemaltem Skelett (hahaha, doch origineller als der Vorschlag von dem James...).

Das Ganze entpuppt sich irgendwann als Verschwörung unzufriedener Angestellter, die man mit dem lächerlichsten Gegenspuk aller Zeiten schließlich aus der Reserve lockt und einkastelt.
Bis man bei diesem Höhepunkt selig einschlummern kann (er findet samt und sonders auf der letzten Seite im bewährten Plot-Zeitraffer statt), hat man ein rasantes letztes Romandrittel hinter sich.

Ich darf mal rekapitulieren: Seite 41: Der Sturm kommt, die Damen aufs Zimmer; Seite 41-44: Sturm. Frauen im Zimmer; Seite 45-51: das Skelett hält Lindalee im Flur fest und droht, Flucht, Ohnmacht; Seite 51-53 Suche und Auffinden; Seite 54-56: Transport, Pflege, Waschung und Arztbesuch; Seite 56-59: die Braut erzählt...sehr zitternd...alles...noch..mal...; Seite 60-63: Entlarvung, Verhör, noch ne Entlarvung, noch ein Verhör, Gegenspukankündigung, Besuch am Krankenbett; Seite 64: unspektakulärer Showdown, anderthalb Spalten!

Leute, da kommt „Ulysses“ schneller auf den Punkt!

Danach vermelden wir keinen Nachwuchs, sondern eine neu gebaute Brücke.

Tjaja, das ist alles sehr klassisch, manchmal brauchbar gefühlig, aber weder sonderlich romantisch, noch historisch überzeugend, vor allem, weil sich die Epoche nicht recht festlegen lässt. Vieles deutet auf das viktorianische Zeitalter, einiges andere wirkt älter und die Sache mit der Leuchtfarbe kann ich nicht recht verorten. Vielleicht würde es überzeugender wirken, wenn nicht so wenig los wäre oder das Wenige etwas interessanter ausfiele.

Leider kommen auch die Charaktere nicht gut weg, Lindalee schwankt irgendwie haltlos zwischen eher moderner Frau mit Mut und wimmerndem Bündel (möglichst auf derselben Seite) und Gerwyn ist meistens ergebnisarmer Mann der Tat. Noch mehr los macht Jamassy, aber der ist meistens mit Suchen beschäftigt und ist ein total knuffiger Typ. Felicity hat einen an der Waffel, sonst aber keine Funktion in dieser Story und die Verschwörer sind überwiegend gesichtslos oder werden erst auf den letzten Seiten benannt.
   
Ein rechtschaffen dröger Stoff, der sich wirklich so abgespielt haben könnte, aber vermutlich keine Achtjährige aus den Kissen reißt, selbst wenn die total auf Prinzessinnen steht.

Dass hier kein echter Spuk zu vermelden ist, merkt übrigens auch jeder spätestens nach der ersten Romanhälfte, da muss schon etwas mehr Zauber zur Mystery, hier rauschen nur die schottischen Berge und Täler (gibt es die eigentlich?) zur Old-School-Romantik-Melodie, allerdings muss man auch für den klassischen „gothic style“ ein bißchen mehr auffahren, was die Atmosphäre betrifft.

Ich mach es kurz: dann doch lieber keine echte Adelsschmonzette mit Nachtschatten, dann lieber wieder mal einen öligen Mafiareißer mit schwarzen Handschuhen, aber ich reiche den Staffelstab jetzt erstmal an die Mitternachts-Auskopplung Jessica Bannister weiter, auf dass die Serie ein bißchen mehr Drive und Action bieten möge. Von Namen wie „Lindalee“ werden nämlich irgendwann die Zähne stumpf...

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2016-08-09 12:05
Gothics sind größtenteils notorisch unhistorisch. Das fällt vor allem bei denen in Schottland auf. Da hört man in den Historienschinken nur selten was vom Würgegriff der protestantischen Kirche oder dem mitunter schwierigen Verhältnis zu den Briten.

Das gilt auch für Southern Gothics. Da liest man eher selten mal Andeutungen, dass der Süden wieder auferstehen wird oder früher alles besser war, als noch die Sklaven den Rasen zu pflegen hatten. Man will die Leser/Innen schließlich nicht verwirren. :-)

Schade, dass du bei deiner zufälligen Auswahl eher in den Misthaufen greifst. Aber im Heft finden sich schrecklich viele lieblose, inkompetente und strunzlangweilige 08/15 Romane. Mehr als im Taschenbuch.
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#2 Toni 2016-08-10 14:00
Das Frauenbild hat sich im Laufe der Jahrzehnte auch immens geändert. Mir gefiehlen die nervigen, grazielen Elfenwesen, die immer nur gerettet werden wollten auch nicht immer. Aber die furzenden, ganzkörper tätowierten Amazonen von heute sind auch nicht so meins. Und wer will die schon retten.

Ansonsten wieder mal ein sehr vergnüglicher Ausflug in den Frauen-Grusel, obwohl hier vieles eher Unisex ist :-)
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