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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Der graue Tod - Damona King Nr. 97

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Der graue Tod«
Damona King Nr. 97 von Henry Wolf

Nochmal die Kurve gekriegt – doch im Ganzen zu spät. Die dritte und letzte Runde des Damona-King-Streifzugs führt unweigerlich zu dem Autoren, der die Endzeit der Serie und ihre Nachwehen – inclusive Abschluss – prägte: zu Wolfgang Hohlbein. Unter dem Pseudonym „Henry Wolf“ wurde Hohlbein bei DK seit seinem Einstieg mit Band 64 praktisch immer aktiver je länger die Serie dauerte, um sie schließlich mit Martin Eisele praktisch allein zu verfassen.


Von den 22 Romanen, die schließlich im Gespenster-Krimi noch erschienen, nachdem die eigentliche Serie bereits eingestellt war (mit Band 107), zeichnete er für 14 verantwortlich, dabei schrieb er die letzten zehn praktisch im Alleingang.

Das ist insofern herausragend, weil er den Abgesang auf die eine Serie verfasste, während er gleichzeitig in Rekordzeit acht Romane seines nächsten Projekts, seine ureigensten Wunschkinds „Der Hexer“ parallel auf den Markt schickte, um dabei dann die ersten 20 Romane auch noch im Handstreich zu verfassen. Später, als er sich dann zwischen Romanen, Jugendbüchern und Kollaborationen ein bisschen verlor (bzw. sein Profil verlor), wurde er zwar auf dem Buchmarkt zu einer deutschen Institution, büßte dafür aber seine Innovationsfähigkeit ein.

Darum hab ich seine Heftromane immer so ausgesprochen genossen, denn er war in den frühen 80er nicht nur in seiner absoluten Erntefrische, er hatte neben besagten Drive auch eine Bildsprache, mit der die meisten Romanautoren nicht mitkamen und die Ausdrucksfähigkeit lag auch deutlich über dem Niveau. Das hielt die Stories enorm im Fluss und schuf Lesevergnügen, denn wenn es sprachlich geölt rüber kommt, lesen sich die genormten Horrorgeschichten auch nicht wie mit angezogener Handbremse aus dem Baukasten zusammen geklebt.

Bei DK gab WH den Stories um ferne und düstere Götter aus der Vergangenheit der Erde bzw. den Tiefen des Alls (ein Standardthema für einen Lovecraft-Fan wie ihn) endlich die nötige Struktur, nachdem schon seltsame Wesen aus Parallelwelten, Höllenlandschaften und aus dem All in die Serie gepresst und wieder vergessen wurden. Wie Eisele benutzte er seine Romane als Aufhänger, um gewisse Elemente zu wiederholen, um- und erneut einzubauen oder zu erweitern und so eine kleine interne Serienmythologie zu schaffen – wie etwa die wiederkehrenden „Blutgötter“ aus dem letzten Drittel der Serie.

Ein interessantes Beispiel für all diese Elemente bietet mein Blindgriff „Der graue Tod“, der an sich eigentlich nicht danach klingt, als wäre das ein stilprägender Roman, denn es handelt sich dabei um eine Art Anhängsel zu einem Zweiteiler (DK 95/96; Der Puppenmacher / Die Monsterpuppen), den er im Vorfeld verfasst hatte, also praktisch eine thematische Erweiterung zu einer Quasi-Trilogie, bei der der dritte Teil einen ganz anderen Weg als der Rest einschlägt. Was sonst eher bemüht und angeklatscht wirkt, bekommt hier eine erweiterte Erzähldimension.

Darüber hinaus beeindruckt der Plot, der wirklich und wahrhaftig auf einen Bierfilz gepasst hätte (und vermutlich hat), der aber vom Drive einer mäßig aufgesplitteten, aber praktisch romanumgreifenden Actionsequenz lebt, die auch die Hauptfigur mal auf die nötige „magische“ Weise ins Spiel bringt, wie es einer Hexe gebührt – 60 Seiten mal ohne das Silberkugelmagazin in der unvermeidlichen Luger. Man kann sich den Roman sogar mit einer sehr modernen „previously on Damona King“-Zusammenfassung vorstellen und so etwas Serielles kann ich im Ganzen nur loben...

Der graue Tod»Ich tauch was!« - »Ich auch!« - »Und ich erstma...«
Was bisher geschah: Damona King und Mike Hunter haben den Erschaffer der Monsterpuppen, die London heimgesucht haben, den mysteriösen Herleth schlussendlich vernichten können. Dabei war einer ihrer Helfer, ein gewisser Theraikis verschwunden, beim Schlusskampf auf einem Schiff war dieses teilexplodiert und untergegangen und Damona hatte ihr Hexenherz bei diesem Kampf verloren.

Drei Tage sind vergangen und die weiße Hexe macht sich bereit, mit dem Profitaucher Saghitter zum Wrack zu tauchen und den magischen Stein zu suchen. Die Sache ist gefährlich und beide entsprechend vorsichtig, während sie in das Wrack vordringen, während Mike und Ben Murray aus der Ferne des Kais zusehen. Im Wrack finden sie u.a. eine seltsame formlose graue Masse vor, die überall schwimmt und deren Menge immer weiter zunimmt. Schließlich fühlt Damona die Anwesenheit von etwas Mächtigem und Magischen, doch als sie das Herz schließich findet, ist es schon zu spät: Saghitter wird von dem grauen Schleim angegriffen und löst sich in seinem Taucheranzug auf...

Parallel dazu haben die Kleinganoven Sillson und Jones den Auftrag eines internationalen Spions und Killers angenommen, aus einem abgestürzten Phantomkampfjet (Einstiegsszene) einige technische Geräte zu entwenden. Der Coup gelingt mit einigen Schwierigkeiten, dabei nehmen die Gauner auch noch einen Koffer mit, den sie im Cockpit versteckt finden. Dabei werden sie von ihren Auftraggebern, Thornton und Smith schon beobachtet.

Über dem Boot am Hafen steigt derweil ein grauer Nebel auf, aus dem sich wolkenförmige Gebilde teilen, die Hunter und Murray angreifen und trotz aufwändiger Flucht überwältigen. Gelenkt werden sie von einer mysteriösen Figur auf einem Schiff.

Sillson und Jones haben unterdessen den Koffer aufgebrochen, finden aber nur eine ascheartige Substanz und schließen ihn wieder, als Thornton und Smith die „Ware“ abholen wollen. Gleichzeitig wollen sie auch die Mitwisser ausschalten und es kommt zu einem Schußwechsel, bei dem Sillson stirbt und Jones verletzt flieht. Später soll er dem Kontakt mit der „Asche“ zum Opfer fallen, als er nach und nach zu Staub zerfällt. Thornton nimmt derweil den Koffer an sich.

Damona wird unterdessen von einer stetig wachsenden Menge der grauen Masse angegriffen und kann sich nur mühevoll auf das Schiff des Unbekannten retten. Der entpuppt sich als der verschwundene Theraikis, der in Wirklichkeit einer der verbliebenen Blutgötter, der Moordrohr (au weia, da sträuben sich die Augenbrauen!) in Verkleidung ist und auch Murray und Hunter in seiner Gewalt hat. Theraikis droht die Auslöschung der menschlichen Rasse durch den grauen Tod an.

Der überkommt inzwischen auch die Böslinge mittels des obskuren Koffers.

An Bord des Schiffes muss das Heldentrio nun einen Weg finden, um das Schiff zu verlassen, ohne dass die graue Protomaterie sie angreift – da sie auf genau sie fokussiert ist. Deswegen soll Damona sich in ein nichtmenschliches Wesen verwandeln...

Fingerübung für spätere Großtaten...
Man muss schon einige Hohlbeins gelesen haben, um zu erkennen, wie sehr dieser Roman eine leichte Blaupause für spätere Themen diente: Protomaterie, formlose Gegner, Körper werden umgeformt oder zerfallen, tentakelhafte Attacken, Götter aus einer anderen Welt, Körpergebundenheit und ihre Probleme, alles schon mal aufgenommen, was später im „Hexer“ zum guten Ton gehören sollte. Und es ist auch unheimlicher, weil weniger fassbar als der typische Vampir von nebenan (der übrigens beim total unpassenden Titelbild, das eher auf einem Geheimnisroman mit Blutsauger hindeutet, aus dem Hintergrund grüßt).

Dennoch ist es weniger ein Gruselroman als vielmehr eine Actiongeschichte mit übernatürlicher Tendenz, verlässt also die Konventionen des Genres erfreulich. Natürlich, das ist nicht ohne gewisse Schwächen abgelaufen: die Exposition ist sehr ausführlich, der Tauchgang breit mit Rückblenden geschildert und der recht banale Klau von Sillson und Jones dauert – selten gesehen – volle fünf Seiten am Stück.

Der Plot ist wirklich übersichtlich, die Erlebnisse der Ganoven füllen die karge Story aber brauchbar (auch wenn einfach alle sterben und das Gejammer des ängstlichen Jones über mehrere Seiten zunehmend nervig ist) und das schafft ziemlich lange einen gewissen Suspense – der Koffer gehört am Ende Theraikis und die Erzählfäden werden wieder zusammen geführt.

Einen der vergnüglichsten Fehler seit langem durfte ich auch noch bemerken, da Bösewicht Thornton (Seite 18) auf Seite 34 plötzlich „Thompkins“ heißt und diesen Namen ab da auch behält, da war der Lektor wohl gerade eine rauchen.

Ansonsten ist die permanente Bedrohung aber ganz spannend ausgebaut worden und auch wenn mich die Strahlkraft des Plots nicht gerade nieder streckt, liest sich der Roman doch superflüssig weg, was ich schon mal positiv einstufen würde.

Interessant wird die Story dann noch auf den letzten Seiten, wenn Damona in Gestalt einer Katze den finsteren Blutgott in seiner Menschengestalt attackiert, von der Protomaterie absorbiert wird und diese dann von „innen“ her übernimmt und gegen ihren Schöpfer wendet; hier bekommt Hohlbein – trotz gewisser Längen – sogar einen in der Länge angemessenen Showdown gebacken, den er mit einer wirklich finsteren Pointe krönt, die einen erst mal schlucken lässt. Prima Idee.

Gleichzeitig wird geschickt die fortwährende Existenz der als vernichtet (DK79) geglaubten Blutgötter wieder in die Handlung eingebaut und am Ende für weitere Romane bewahrt, so dass man sich eben auf ein Wiedersehen freuen kann, der notwendige Standard für serielles Erzählen. So folgte durch die Aufteilung der Autoren dann also nach einer Quasi-Trilogie hier dann darauf ein Jubiläumsvierteiler wiederum durch Eisele (DK 98-101), während auf die Blutgötter später im Gespenster-Krimi noch eingegangen wurde.

Als Fazit kann man also konstatieren, dass die Übernahme der Serie durch Eisele und Hohlbein selbiger offensichtlich nur gut getan hat – am Ende hatte sie die gute, bewährte, vielbevölkerte Struktur halbwegs straff konzipierter Serien, kam aber wohl für alle Zielgruppen entweder zu früh oder zu spät; sicherte sich damit aber immerhin noch einen gewissen Originalitätsbonus. „Damona King“ nach „50“ macht also auf jeden Fall Spass!

Wenn ich irgendwann dazu komme, schaue ich gern noch mal in die letzten Züge der Serie, die sich meinem Erinnerungsvermögen nach mit einen ordentlichen „Bang!“ verabschiedete, aber das muss nicht jetzt sein.

Ich bleibe aber gern noch eine kurze Weile auf der weiblichen Seite der Romanwelt und wage ein kleines Experiment, von dem ich vor Beginn schon mal nicht sicher bin, ob ich es zu Ende führen kann: Testdurchsichten von sechs Mystery-Grusel-Serien für Frauen, bei denen ich mal wahllos in den Ausgaben der seligen 80er-Jahre geblättert habe. Da ich am Gehalt (und an meinem Verstand) zweifle, versuche ich gleich zwei pro Besprechung abzufrühstücken.

Fürchtet (oder freut?) euch also auf oder vor: Geheimnis, Spuk, Mitternacht, Gaslicht, Melissa und Jessica...

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2016-07-19 10:31
Liest man die Hefte von Hohlbein heute noch mal, fällt auf, dass der Bierdeckelplot meistens der Standard ist, der dann aber breit ausgewalzt wird.

Bei den Frauengruslern gab es immer mal wieder gute Romane. Die waren bei Bastei im Einzelfall sogar besser als der durchschnittliche Gespenster-Krimi. Aber das weiß man nur nie im voraus :lol:
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#2 Thomas Mühlbauer 2016-07-19 14:51
Was den "Spuk-Roman" bei Bastei betrifft, so wird man als Freund der englischen ghost story besser bedient als beim "Gespenster-Krimi"; vor allem die Romane von Barbara Branch (= Barbara Storandt) halte ich für sehr gelungen. Und manche Hefte hätten sich als Taschenbuch besser geeignet wie zum Beispiel Band 83: "Spuk im alten Puppenhaus" war für ein Heft viel zu komprimiert.
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#3 Postman 2016-07-19 18:36
Am schlimmsten sind Hohlbeins Romane, wenn seine Frau mitschreibt. Meist wird endlos reflektiert und gebrabbelt und die Handlung bewegt sich kaum vorwärts.

Zuletzt hatte ich mich am "Anders Zyklus" probiert - beginnt Teil 1 noch interessant wird Teil 2 schon zäh und ab Teil 3 wird es nur noch langweilig, wobei es doppelt ärgerlich war, da die Grundplot gestimmt hatte.

Zudem passt mir die oft historische und Fantasy angehauchte Richtung seiner Romane nicht immer, für mich ist er irgendwann falsch abgebogen.

Der Hexer war wirklich obwohl er eigentlich nur Lovecraft weitergesponnen hat sehr kurzweilig. Warum er dieses Kosmos nicht weitergeschrieben hat verstehe wer will...
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#4 Advok 2016-07-19 21:30
[quote name="Postman"]Am schlimmsten sind Hohlbeins Romane, wenn seine Frau mitschreibt. Meist wird endlos reflektiert und gebrabbelt und die Handlung bewegt sich kaum vorwärts.

Interessant, Deine Aussage. Ich glaube mich zu erinnern, dass Hohlbein mal irgendwo gesagt/geschrieben hat, dass die Romane, bei der auch seine Frau angegeben ist, alleine von ihm geschrieben sind, seine Frau aber an der Storyline beteiligt ist.
Wäre eine interessante Frage, ob dieses Vorgehen bei Wolfgang Hohlbein eine andere Schreibe auslöst ...

Beim Hexer ist Hohlbeins negative Entwicklung am Besten nachzuvollziehen: Waren die Gespenster-Krimis und die eigenständige Serie noch wirklich gut (wenngleich von sehr vielen Co-Autoren, die 2. Hälfte der Serie war ja fast ausschließlich mit den Co-Autoren geschrieben ...), war ab "Der Sohn des Hexers" der Bruch der hohlbeinschen Schreibe spürbar.
In der Heftserie agierte die Figur Robert Craven noch menschlich und nachvollziehbar, ab der Sohn des Hexers war die Figur nur noch platt und unsympathisch. Freunde sterben bzw. deren Schicksal ist offen - kein Gedankengang des Ich-erzählenden Hauptprotagonisten wird darüber verschwendet.
Hier muss sich irgend etwas bei der Person Wolfgang Hohlbein geändert haben.

Auch ein Indiz: Hat Hohlbein in früheren Vorwörtern ganz offen über die Vergangenheit gesprochen (z. B. dass K.-U. Burgdorf ihm einen wichtigen Tipp gegeben hat), so muss gerade dieser Autor gerichtlich klären lassen, auf den Co-Produktionen als Co-Autor angegeben zu werden.
(Neuauflage der Raven-Serie).

Schade. Ich mag den frühen Wolfgang Hohlbein. Ich glaube aber, dass mir der derzeitige Hohlbein ziemlich unsympathisch ist. Hab seinen aktuellen Romanen schon lange keine Chance mehr eingeräumt ...
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#5 Andreas Decker 2016-07-20 10:56
zitiere Postman:

Der Hexer war wirklich obwohl er eigentlich nur Lovecraft weitergesponnen hat sehr kurzweilig.


Bei dem "kurzweilig" gebe ich dir mit Einschränkungen recht; wenn der Held einmal den Hintern hochbekommen und nicht pausenlos über sein Schicksal gejammert hätte, wäre es noch kurzweiliger gewesen ;-)

Aber er hat Lovecraft wirklich nicht weitergeschrieben. Das ist eine verschlankte und für die Heftzwänge runtergedummte Version, die von der literarischen Vorlage nur die Theaterkulissen übernimmt aber keine Inhalte. Wenn man Vorbilder sucht, hat er die größte thematische Ähnlichkeit mit Brian Lumley, wo man den Monstern Atombomben aufs Haupt wirft. Gerade die Parallelen zu dessen Figur Titus Crow fallen da schon ins Auge.

Damit wir uns da nicht falsch verstehen, ich spreche dem Hexer nicht eine im Heftbereich der Zeit eher seltene konzeptionelle Eigenständigkeit ab, aber mit Lovecrafts Ideen hat das nicht viel zu tun.
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