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Der Luftpirat und Matthias - Band 19 Der unheimliche Wolkenkratzer

Der Luftpirat und MatthiasBand 19 –
Der unheimliche Wolkenkratzer 

Was Innovation und abstruse Ideen betraf, reichte vor dem 1. Weltkrieg keine Serie an  »Der Luftpirat« heran, nach Einschätzung vieler Experten die erste Science-Fiction-Reihe der Welt überhaupt. Erschienen sind um 1910 genau 165 Abenteuer, die in einem Format herauskamen, das zwischen dem heutigen A5 und A4 angesiedelt war. Ich unternehme eine Lesereise und berichte über die Abenteuer des Luftpiraten.


Der unheimliche WolkenkratzerBand 19 – Der unheimliche Wolkenkratzer  
Schauplatz:
Chicago

Was bisher geschah
Europa, um 1905. Kapitän Mors war einst ein genialer Ingenieur, der im Kaukasus lebte und von Russland politisch verfolgt wurde. Im Geheimen baut er mit treuen Gehilfen ein gigantisches Kriegs-Luftschiff aus Metall, rüstet es mit hypermodernen selbsterfundenen Superwaffen aus, zieht als Robin Hood der Lüfte durch die Welt und überfällt Schiffstransporte, Gold- und Diamantenminen, um das Geld den Armen zu schenken. Doch die Konzerne schlagen zurück: unter der Leitung des genialen Erfinders und Abenteuers Ned Gully arbeiten Experten fieberhaft an einer Beseitigung des Piraten. Bisher ohne Erfolg. Sowohl Gully wie auch Mors sind bei ihren Scharmützeln jeweils knapp mit dem Leben davongekommen.

Inhalt:
Nach der Luftschlacht über Chicago hat sich der Luftpirat in die Berge am Michigansee zurückgezogen. Von dort aus sendet er seinen treuesten Mitarbeiter, den Ingenieur Star in die Stadt, um Erzfeind Ned Gully aufzustöbern, der bei den Scharmützeln zwar wieder mal besiegt, doch nicht vernichtet wurde. Doch Star kommt nicht zurück. Er bleibt verschollen. So begibt sich Kapitän Mors (verkleidet als alter Fischer) samt seinem zweiten Ingenieur Terror (die Mitarbeiter sind ja alles Outlaws und haben sich auf dem Schiff Tarnnamen gegeben) auf die Suche in der Riesenstadt Chicago. Die Spur führt in ein gehobeneres Viertel – in dem zahlreiche Wolkenkratzer stehen. Dort entdeckt er nicht nur Ned Gully in einer Bar, sondern leider auch Ned Gully ihn (er erkennt den Piraten an den flammenden haßerfüllten Augen.) Was Gully nicht davon abhält, ein junges Barmädchen massiv anzubaggern. Als die ihn abweist, bedroht er sie.

Mors findet heraus, in welchem der umliegenden Wolkenkratzer Ned Gully lebt. Wie es scheint, hat sich der gutbezahlte Mann luxuriös in einem Haus einquartiert, das komplett der Minengesellschaft gehört, die ihn zur Vernichtung des Luftpiraten engagiert hat. Mors besticht einen chinesischen Diener des Rivalen, herauszufinden, ob sich in dem Hochhaus auch der gefangene Star befindet.

Das Ergebnis ist mehr als zufriedenstellend – der Chinese schmuggelt sogar einen Hilferuf-Brief von Star an den Kapitän heraus. Mors beschließt, zum Luftschiff zurückzukehren und mit seiner Mannschaft über das Dach in den Wolkenkratzer einzudringen, um seinen Gefährten durch einen Überraschungsschlag zu befreien.

Auf dem Weg zum Boot, das ihn über den Michigansee bringen soll (wir erinnern uns: er ist ja als Fischer verkleidet) erlebt er am Strand eine unangenehme Szene. Einige Männer überfallen eine junge Frau und versuchen sie zu entführen. Mors und Terror befreien sie, indem sie die Angreifer krankenhausreif geschlagen haben. Es stellt sich heraus, dass die junge Frau das Barmädchen ist,  das Ned angegraben hat! Mors verspricht der Kleinen, sich in wenigen Tagen um sie zu kümmern und rät zur Vorsicht auf dem Nachhauseweg. -

Der nächtliche Überfall auf den Wolkenkratzer startet  programmgemäß – und entwickelt sich zunächst zu einem entsetzlichen Desaster. Zwar gelingt es den Mors und Mannschaft, über Dachluken ins Haus einzudringen (das Luftschiff schwebt über dem Gebäude.)  Doch man ist dort vorbeireitet und das ganze Haus eine gigantische Falle für den Luftpiraten! Vermutlich gab es einen Verräter in den eigenen Reihen, denn die Mannschaft wird erfolgreich vom Anführer separiert,  in einen stählernen Raum gelockt und dort eigesperrt. Dem Luftpiraten gelingt es, in den endlosen Treppenflur des Hauses zu entkommen. Doch alle Türen zu den Stockwerken werden verriegelt! Eine Stahlwand verhindert den Abstieg nach unten! Durch eine Klappe schiebt sich ein Revolverlauf, um den Käpten hinterrücks umzunieten, da öffnet sich eine Tür, und eine Hand zieht Mors aus dem Flur – Ellen, das überfallene Barmädchen!

Ned hat einen zweiten Überfall auf sie organisiert

Nach diesem Angriff wurde sie in dieses Haus gebracht und darf es nicht verlassen. Gemeinsam mit ihr als Führerin gelingt es Mors, den Strom im ganzen Haus abzuschalten und mit seiner Superwaffe die Türen zu sprengen, die Mannschaft zu befreien und auf das Luftschiff zu entkommen. Ned Gully tobt, weil ihm der Pirat ein weiteres Mal entwischt ist. –

Ellen genießt ihre Befreiung und die weite Sicht über Chicago auf dem Luftschiff. Da naht sich ihr ein Mannschaftsmitglied, wilde Worte stammelnd. Der Mann ist offensichtlich wahnsinnig. Aus seinen gebrabbelten Worten erkennt sie, dass er derjenige war, der den Luftpiraten haßt und ihn an Ned Gully verraten hat.  Der Mann will sie als Zeugin beseitigen und über Bord werfen. Doch der Luftpirat kommt rechtzeitig hinzu und entreißt dem Irren das Mädchen. Voller Grimm der herannahenden Mannschaft entgegenblickend, stürzt sich der Verräter fluchend in die bodenlose Tiefe und zerschellt auf dem Pflaster Chicagos.
 
Kommentar:
Das klingt nach einer recht flotten und kurzweiligen Story. Dennoch haben wir hier wieder das, was ich inzwischen im Stillen für mich das „Heftklammer-Problem“ nenne. Manche Geschichten (vielleicht vom selben Autor?) treten bis fast exakt bis zur Mitte, der Heftklammer-Seite, auf der Stelle, verbreiten dröge Langeweile und exponieren, wiederholen, schweifen ab. Dann, in der zweiten Hälfte, verdichtet sich das Geschehen und wird aus Platzmangel nun in flüchtiger, ja gehetzter Manier heruntergestrickt, das Heft gewinnt zwar an Geschwindigkeit, verliert aber grade da an Sorgfalt und Detailtreue, wo man sie wirklich braucht.  Kurz: Der oder die Autoren verstehen es nicht, eine gleichmäßige Grundspannung aufzubauen.

Immerhin haben wir heute nach mehr als 100 Jahren den Vorteil, dass die Hefte oft schon wegen ihrer Distanz zu uns dennoch interessant bleiben – auch als Kulturspiegel. Schon allein das Thema ist bemerkenswert. Nur schwerfällig, wie ein riesiger Tanker, dreht sich die deutsche Literatur  um 1900 in Richtung Moderne.  Zufälligerweise lese ich grade parallel Fontanes Effi Briest – entstanden 1895, also nur 10-12 Jahre vor dem Luftpiraten. Diese pastellfarbene Gespensterfurcht, dieser unheimlich sein sollende tote Chinese, diese provinzielle Kleinstadtatmosphäre, all das fängt sehr gut die Gemächlichkeit, Naivität und die Selbstgenügsamkeit des gehobenen Bürgertums ein. Kein Wunder, dass ein Karl May in dieser Zeit so erfolgreich war! Die lesende Gesellschaft muss, mangels einer echten urbanen Literatur, wie sie England,  Frankreich, die USA oder sogar Rußland hatte, ausgehungert nach modernen Abenteuern ohne Spur von moderater Gemütlichkeit gewesen sein.

Und wie fesselnd musste da um 1908 ein Wolkenkratzer, geradezu das Symbol der Urbanität, der Großstadt-Moderne wirken! Selten vorher, wenn überhaupt,  war ein Hochhaus Thema in der deutschen Trivialliteratur, und genüßlich schildern die Autoren, dass die Stadt Berlin – für damalige Deutsche das äußerste, das man sich an großstädtischem Betrieb vorstellen konnte - viele Male in Chicagos Weichbild hineinpasst.

Auch wenn wir heute schmunzeln müssen, wenn uns der Autor aufgeregt erzählt, dass solche Wolkenkratzer bis zu 40 Stockwerke besitzen – heute haben amerikanischer Hochhäuser bekanntlich zuweilen Etagen in dreistelliger Anzahl – so waren doch solche Fakten für den deutschen Leser von 1908 schier unglaublich. Wer weiß, wie viele dies ebenfalls für reine Science fiction hielten wie die Superwaffen des Luftpiraten.

Natürlich war das amerikanische Großstadtleben keine Novität im Heftroman. Obwohl der deutsche Heftroman um 1908 noch extrem jung war, nämlich erst 3 Jahre alt, speisten sich die3 ersten Jahre doch vor allem aus amerikanischen  Quellen. Us-Dime-Novels wurden direkt übersetzt, etwa die Nick-Carter-Reihe, die auch oft in Chicago spielt. Doch die hier gewählte Kombination Großstadtszene / Scifi-Luftschiffabenteuer war eindeutig neu, trotz einiger Vorahnungen in den Romanen von Robert Kraft. Keine sehr elegante Bearbeitung des Themas, aber doch eine erwähnenswerte.

Darüber hinaus glänzt die Geschichte wieder mal durch fulminante Logikfehler. Warum schießt sich der Luftpirat erst so spät uns Freie, warum kam er nicht schon bei der Separierung von der Mannschaft darauf, seine Elektropistole einzusetzen? Warum geistert eine gefangene Bardame frei im Haus herum? Wieso lässt sich in ihrem Apartment der Strom für das gesamte Gebäude lahmlegen?

Das sind Merkwürdigkeiten, die selbst für ein Groschenheft zu viele Rätsel aufgeben.

Bemerkenswert ist übrigens, dass das Thema hoher Gebäude im nächsten Heft gleich noch einmal aufgegriffen wird –dann in einer Variation, die sich wieder äonenweit von der Moderne entfernt. Im nächsten Heft hat Kapitän Mors eine Begegnung mit dem „Millionenschatzturm des Tyrannen.“ Na denn, gute Fahrt dorthin! 

Übersicht

Heft 20: Der Millionenschatz-Turm des Tyrannen (10.05)
Heft 21: Das Gefängnis auf der Teufels-Insel
(24.05)
Heft 22: Kapitän Mors' schwerste Stunde
(07.06)
Heft 23: Das Geheimnis des Bergschlosses
(21.06)

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