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Der Luftpirat und Matthias - Band 12 Ein Kampf in den Lüften

Der Luftpirat und MatthiasBand 12 –
Ein Kampf in den Lüften

Was Innovation und abstruse Ideen betraf, reichte vor dem 1. Weltkrieg keine Serie an  »Der Luftpirat« heran, nach Einschätzung vieler Experten die erste Science-Fiction-Reihe der Welt überhaupt. Erschienen sind um 1910 genau 165 Abenteuer, die in einem Format herauskamen, das zwischen dem heutigen A5 und A4 angesiedelt war. Ich unternehme nun eine Lesereise und berichte über die Abenteuer des Luftpiraten. Folgt mir auf diesem Weg ...


Ein Kampf in den LüftenBand 12 – Ein Kampf in den Lüften
Schauplatz:
Versuchsgelände in Kalifornien. Eine kleine Gebirgs-Stadt in Australien

Was bisher geschah
Europa, um 1905. Kapitän Mors war einst ein genialer Ingenieur, der im Kaukasus lebte und von Russland politisch verfolgt wurde. Im Geheimen baut er mit treuen Gehilfen ein gigantisches Kriegs-Luftschiff aus Metall, rüstet es mit hypermodernen selbsterfundenen Superwaffen aus, zieht als Robin Hood der Lüfte durch die Welt und überfällt Schiffstransporte, Gold- und Diamantenminen, um das Geld den Armen zu schenken.

Die großen Konzerne der Welt versuchten bisher vergeblich, des Luftpiraten habhaft zu werden.

Doch nun findet sich ein kongenialer Gegner: Der eben schurkische wie geniale irische Ingenieur Ned Gully. Sein Sprengstoffanschlag auf das Luftschiff führt zwar nicht zur völligen Vernichtung des Fahrzeugs, doch Gully kann mit Hilfe eines selbstgebauten Ultraleicht-Fallschirms abspringen und fliehen. Auf der Flucht kommt ihm ein genialer Plan: Ebenfalls Maschinen zu bauen, um den Piraten in seinem eigenen Hoheitsgebiet zu bekämpfen- Der Luft...

Inhalt:
Einige Monate lang ist der Luftpirat weltweit nicht mehr aufgetaucht. Wurde sein Fahrzeug vernichtet? Erzfeind Ned Gully glaubt nicht daran und arbeitet, unterstützt vom Geld amerikanischer Konzerne, auf einem streng bewachten Testgelände in Kalifornien an neuen Superwaffen. Gleich zwei davon will er kombinieren: Ein Stahl-Luftschiff, kleiner, aber auch schneller und wendiger als das des Kapitän Mors, und eine Reihe von schwerbewaffneten Jagdflugzeugen im düsteren Fledermaus-Flügel-Look, versehen mit Lufttorpedos. Auf dem Mini-Luftschiff will Gully seinen Angriff leiten. Amerikanische Privat-Söldner sollen die Fledermaus-Flieger gegen Mors fliegen. Nun heißt es nur noch: Warten, bis der Pirat wieder zuschlägt!

Derweil auf dem Luftschiff: Mors' treuster Assistent mit Decknamen „Terror“ ist liebeskrank. Bevor er sich als Outlaw dem Luftpiraten anschloss, war er irre verknallt in eine schöne Frau. Er hat sie nicht vergessen. Und da der Kapitän just die Gegend in Australien überfallen will, in der sie lebt, bittet er den Chef, sie suchen zu dürfen und zu überreden, mit aufs Schiff zu kommen.

Der Käpten ist zwar ein eiserner Kämpfer, hat aber ein weiches Herz. Er erlaubt den Versuch unter großer Vorsicht.

Da Agenten inzwischen herausbekommen haben, wo Mors' Luftschiff sich aufhält, läßt Ned Gully seine Waffen in die Nähe des australischen Goldbergwerks bringen, das Mors vermutlich demnächst überfallen wird. Dabei lernt der Ingenieur Lucy kennen, die Ex-Geliebte Terrors. Er verliebt sich in sie. Als nun plötzlich Terror wieder auftaucht, um sie erneut zu umwerben, kann Gully sein Glück kaum fassen. Er instruiert die ausgekochte Lucy, die Terror längst abgeschrieben hat, ihn mindestens vier Tage hinzuhalten. Bis dahin gedenkt er, seine verschifften Flugzeugteile montiert zu und alle Luft-Waffen  für den Kampf bereitgestellt zu haben.

Der Plan geht auf. Am Morgen des vierten Tages beginnt der Angriff, der das Luftschiff völlig überrascht. Doch Mors reagiert kalt und kühn wie immer. Er erhebt sich von seinem Felsenversteck in die Lüfte. In einem heftigen Luftschlachtgemetzel, bei dem auch einige seiner Leute schwer verwundet werden, gelingt es dem Piraten mit Hilfe von elektrischen Kanonen, alle Fledermaus-Flieger von Himmel zu holen und alle Söldner zu töten.

Nachdem sich das Blatt gewendet hat, nimmt Mors die Verfolgung des kleineren Luftschiffs auf, in dem Gully den Angriff leitete.

Doch der kann mit seiner blitzschnellen Maschine in eine morgendliche Nebelbank fliehen und entkommen.

Kommentar
Eins der spannendsten Hefte bisher und noch eines der ungewöhnlichsten dazu! Denn ein Kampf in der Lüften war in dieser Form völlig neu in der Literatur. All die heroischen Beschreibungen von Luftkämpfen im 1. Weltkrieg liegen noch in der Ferne, und für 1908 ist dies beste Science-fiction.

Das weiß der Autor auch, wenn er stolz schreibt:

„Ein altes Sprichwort behauptet, daß alles in der Welt schon einmal dagewesen sei. Aber dieses Sprichwort wurde nunmehr Lügen gestraft. So etwas war noch nie dagewesen. Noch niemand hatte einen Kampf in den Lüften gesehen.“

Auch das weibliche Element ist diesmal originell behandelt worden. Zunächst glaubt man an die übliche Rettungsgeschichte aus früheren Heften. Doch schon bald stellt sich heraus, dass Lucy sich mitnichten retten lassen will, sondern mit dem Erzfeind Ned Gully anbändelt.

Übrigens ist es für uns heute wirklich schade, dass fast die gesamte Kolportage- und Heftliteratur vor dem ersten Weltkrieg nicht in der Lage war oder keine Lust dazu hatte, undurchsichtige, wirklich geheimnisvolle Figuren aufzubauen.

Es wäre doch hier viel wirkungsvoller gewesen, den Leser lange darüber im Unklaren zu lassen, was Lucy denkt und im Schilde führt.

Dadurch, dass sich die alten Heftromanautoren immer sofort auf Charaktere festlegen und sie entsprechend negativ/anrüchig charakterisieren, wird – für unsere Lesegewohnheiten heute - viel Spannung herausgenommen. Selbst ein Meister wie Karl May macht das nicht besser in seinen Kolportageromanen. (Eine Ausnahme bildet Robert Kraft in einigen Werken, etwa die Figur des Starchirurgen Prof. Dodd in „Atalanta“ ist ein Typus, über dessen wahren Charakter man lange im Zweifel bleibt.)

Eingeführt wird Lucy zunächst so:

„Das leichte Kleid schmiegte sich an schwellende, üppige Fomen, das dunkle Haar war aufgelöst und flutete in glänzenden Wellen über den Teppich, das Gesicht war ausnehmend hübsch und pikant...“

Ach ja, die beliebten „schwellenden Formen“ - die sind völlig aus der Mode gekommen, aber in jedem 2. Spannungs- und Liebesroman jener Ära zu finden. Immerhin – schön gesagt. Das hätte völlig ausgereicht, doch dann muss der Autor nachschieben:

„... aber in den strahlenden Augen lag zuweilen ein gewisser Ausdruck, der befremdend wirken konnte. Das Gesicht bekam dann einen lauernden Ausdruck...“

Damit ist klar: Femme fatale! Böse! Finger weg!

Ansonsten aber ein wirklich tolles Heft der Reihe mit fantastischem Show-Down.

Der lustigste Satz:
Terror, der unglückliche Diener von Käpten Mors, kann seine Liebesqualen nur in ganz großen Metaphern schildern. Leider scheint der Autor zwar ein versierter Spannungs-Skribent, aber in Sachen Liebesroman nicht ganz sattelfest zu sein, sonst würde er sicher keine so schöne Stilblüte produziert haben:

„Ich gehöre zu den Unseligen, die nur einmal lieben können. Einmal und nicht wieder, die aber auch dann das Bild eines Weibes, an dem sie gehangen, nur mit dem Herzen aus dem Gedächtnis reißen können.“

So herrlicher Schwachsinn ist selbst bei Jason Dark selten.

Das Cover:
Der Zeichner war beim Realisieren des Fledermaus-Fliegers nicht wirklich beflügelt, wenn der Kalauer hier angesichts von Herzen, die Weibsbilder aus dem Gedächtnis reißen, gestattet ist.

Ein Mann mit mit tonnenschwerer Kanone eingeklemmt zwischen zwei fragilen Riesenflügeln... Da hätte man schon ein bisschen mehr drumrum malen können. Besonders unter die baumelnden Beine des Piloten.

Übersicht
Nr. 13 Das geheimnisvolle Bergwerk des Kapitän Mors (24.11.)
Nr. 14 Der Elfenbeinschatz im Polarmeer (8.12.)
Nr. 15 Die Rache des Malayen (22. 12.)

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Kommentare  

#1 Andreas Decker 2015-11-10 10:37
Zitat:
Damit ist klar: Femme fatale! Böse! Finger weg!
:lol: :lol:
Die dürfte dann wohl die Phantasie der meisten Leser angeregt haben.

Der Diener heißt "Terror"? Genial.

Es ist immer wieder interessant zu sehen, welche Ideen da buchstäblich in der Luft lagen. Ich habe das Teil nie gelesen, aber hat nicht schon Wells den Luftkrieg vor dem Krieg beschrieben?
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#2 Matzekaether 2015-11-10 13:04
Well's Luftkrieg erschien tatsächlich 1908 (die deutsche Übersetzung folgte 1909). Ich glaube aber, es ging mehr um Boden-Luft-Aktionen (deutsche Luftschiffe gegen New York). An Luftkämpfe kann ich mich nicht genau erinnern...
Aber es ist natürlich möglich, dass es früher schon sowas gab. Kann mich erinnern, dass mir Karl-Heinz Steinmüller mal in einem interview erzählte, die Franzosen hätten schon sehr früh in ihrer SF Lufttorpedos u.ä. gehabt... Kannte aber vermutlich keiner in Deutschland.
Luftkrieg wär mal eine schöne Idee für VzP. Muß es aber nochmal lesen, das letztemal ist bestimmt 10,12 Jahre her.
Übrigens erschien etwa zeitgleich auch ein deutscher Roman(Oscar Hoffmann, Die Eroberung der Luft, ca. 1908), der einen Luftkrieg im Jahr 1940(!) beschreibt. Steht im Regal, nie gelesen...
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#3 Toni 2015-11-10 14:12
Sehr schöner Beitrag!

Ja, die Autoren der vergangenen Epochen konnten noch super um den Brei reden. Dabei ging es doch auch nur um... :lol: (was schwellte denn so üppig bei der Dame?)
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