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DOCTOR WHO – DIE ROMANE - TEIL 1:

1DOCTOR WHO – DIE ROMANE
TEIL 1: VIRGIN PUBLISHING

In England ist es eine Kultserie, seit 1963 die erste Folge über den Bildschirm flimmerte. Doctor Who. Als abenteuerliche SF-Serie für die ganze Familie geplant ist das Konzept eigentlich sehr simpel. Ein mysteriöser Zeitreisender, einer der Zeitlords vom Planeten Gallifrey, der dort eine Art Zeitmaschine namens TARDIS stahl – eine Abkürzung für "Time And Relative Dimensions in Space" -, reist damit durch Zeit und Raum und bekämpft das Böse. Er hat keinen Namen, sondern nennt sich der Doktor. Begleitet wird er dabei von wechselnden menschlichen Gefährten, die er unterwegs aufliest.


1Viele der heute fest verankerten Serienelemente diktierte das Budget und manchmal auch die Notwendigkeit. Die TARDIS – die innen viel größer ist als draußen – sieht von außen einfach wie eine Polizei-Notrufzelle aus, wie sie in den Sechzigern überall in England standen. Da es schlicht billiger war, diese Kulisse zu benutzen, statt der Zeitmaschine jede Woche ein anderes Aussehen zu geben, behauptete man einfach, dass die sonst aktivierte Gestaltwandelfunktion der TARDIS kaputt ist, weil der Doktor sie geklaut hat. Ein im Nachhinein genialer Einfall war die Idee, dass sich der Doktor wie jeder Zeitlord regeneriert und einen neuen Körper annimmt, wenn er schwer verletzt wird. William Hartnell, der erste Doktor, musste aus gesundheitlichen Gründen aus der Serie aussteigen, und so löste man einfach das Problem, die Rolle neu besetzen zu müssen.

Die klassischen Folgen waren billig produziert, eine Geschichte wurde in zwei bis sechs Episoden aufgeteilt, je mit einer Laufzeit von 25 Minuten, sodass die Handlung durchaus komplex sein konnte. Populär wurde die Serie aber vor allem durch die unendliche Schar außerirdischer Monster, die sich die Macher als Gegner des Doktors einfallen ließen. Ganz vorn auf der Beliebtheitsskala sind die Daleks. Im Prinzip die ersten Cyborgs, bevor das Wort erfunden wurde. Vorgestellt in bereits der zweiten Episode werden die kegelförmigen Roboter, die von Mutationen gesteuert werden, zum Hauptgegner des Doktors und sind nicht zuletzt für den schnellen Erfolg der Serie verantwortlich.

Auch wenn viele der klassischen Episoden oft daraus bestehen, dass die jugendlichen Helden durch Korridore mit wackelnden Wänden rennen, verfolgt von Gegnern in manchmal albernen Kostümen, prägte die Serie dennoch eine ganze Generation und lief von 1963 bis 1989. Ein Rekord, was phantastische Fernsehserien angeht.

Klassische Merchandising in Form von Büchern, Comics und Spielzeug gab es schon seit Mitte der sechziger Jahre. (Einen amüsanten Fall von Produktplacement gibt es in einer frühen Folge von "The Avengers", in der Mrs Peel im Kaufhaus Spielzeug verkauft und Dalek-Figuren einsortiert. Sie waren zu der Zeit wirklich allgegenwärtig.) Lange bevor Romane zum Film oder Fernsehserien allgemeingültige Verkaufskategorien wurden, erschien in England so gut wie jede Fernsehfolge als Romanfassung. Target Books ließ die 156 Romane teilweise von den Fernsehautoren schreiben, den Löwenanteil verfasste jedoch der Autor Terrance Dicks. Jugendgerecht geschrieben in einem einfachen Stil mit meist nur rudimentären Charakterisierungen hatten die Targets einen Umfang zwischen 140 und 170 Seiten. Zehn oder mehr Neuauflagen pro Band waren keine Seltenheit.

1Die ersten Bände fanden sogar den Weg nach Deutschland. Einmal im Jugendbuchverlag Schneider und später erneut ziemlich sinn- und planlos in den Neunzigern bei Goldmann.

Als die BBC die Fernsehserie 1989 einstellte, war man bei den Abenteuern des nunmehr siebten Doktors, gespielt von Sylvester McCoy, und seiner jugendlichen Begleiterin Dorothy "Ace" McShane, gespielt von Sophie Aldred, angelangt.

Zufälligerweise wurde Target im selben Jahr von Virgin Publishing aufgekauft. Virgin nun entstammte ursprünglich Richard Bransons – heute Sir Richard Branson - megaerfolgreichem Plattenlabel Virgin, das sich zu einem multinationalen Konzern mauserte. Bei der Übernahme wechselte Lektor Peter Darvill-Evans mit zu Virgin. Darvill-Evans war der phantastische Buchbereich nicht fremd; unter anderem schrieb er einige der frühen Rollenspielbücher aus der Fighting Fantasy-Reihe.

Es war offensichtlich, dass Target nach dem Ende der Fernsehserie keine große Zukunft mehr hatte, da es kein weiteres Material zur Verarbeitung mehr gab. Also bemühte sich Darvill-Evans erfolgreich bei der BBC um die Doctor Who-Lizenz, um eine neue Buchreihe mit Originalromanen zu starten, die da weitermachten, wo die Fernsehfolgen endeten. Das Konzept ging richtigerweise davon aus, dass erstens immer noch ein großes Fandom existierte, und dass die Leser, die mit den Target-Büchern aufgewachsen waren, mittlerweile nun erwachsen waren und anderen Lesestoff gewohnt waren. Warum also nicht aus der Kinderserie eine "richtige" Science Fiction-Serie für vorwiegend Erwachsene machen?

Das war der Startschuss für am Ende drei Buchserien mit insgesamt 117 Romanen, die von 1991 bis 1999 publiziert wurden.

Die New Adventures (61 Romane) führten die Erlebnisse des siebten Doktors fort. Neben Einzelabenteuern gab es auch verschiedene Handlungszyklen von unterschiedlicher Länge.
 
Die Missing Adventures (33 Romane) waren in sich abgeschlossene Einzelromane und füllten Lücken zwischen den alten Fernsehepisoden und bedienten sich sämtlicher bekannter früheren sechs Inkarnationen des Zeitwanderers und seiner jeweiligen Gefährten.

Die dritte Serie (23) war eine Weiterführung der New Adventures und erzählte die Abenteuer der ersten für die Buchserie neu entwickelten Gefährtin Bernice Summerfield, die die Leser im Sturm eroberte. Tatsächlich wird diese Serie noch heute in der Form von Originalhörspielen produziert.

1Darvill-Evans meinte es mit seinem Anspruch durchaus Ernst. Im Gegensatz zu den Target Books betrug der Umfang nun zwischen 270 und 300 Seiten, aus der zweimonatlichen Erscheinungsweise wurde schnell eine monatliche. Von Anfang an ging er dabei das Risiko ein, auf neue, unerprobte Autoren zu setzen, was manchmal ein Reinfall, meistens aber ein  Erfolg war. Entweder schrieben die Leute nur einen Roman oder gleich ein Dutzend. Viele der damals entdeckten Autoren sind noch heute als Who-Autoren aktiv. Aber auch konzeptionell ging er neue Wege. Die einfachen SF-Monstergeschichten der Serie wichen durchaus komplexen SF-Abenteuern, reine Historienabenteuer, die den Doktor mit bekannten historischen Figuren zusammenbringen – wie es sie auch heute wieder in der Fernsehserie gibt - blieben die Ausnahme.

Im britischen Who-Fandom wurden die Romane oft heiß und kontrovers diskutiert. Viele Leser waren schockiert, als die Gefährten des Doktors praktisch über Nacht erwachsen wurden. Ace, die letzte Fernsehgefährtin, war von Anfang an eine gewöhnungsbedürftige Figur. Eine rebellische Teenagerin, die gern Sachen in die Luft sprengte, wenn sie nicht von den Traumata ihrer schlimmen Kindheit gebeutelt wurde. Schon im ersten Roman war Ace dann volljährig, und eine der allerersten Szenen in den New Adventures bestand darin, dass sie sich nackt im Spiegel musterte. Die prüden britischen Hardcore-Fans waren entsetzt, als die Gefährten – der Doktor wird immer als geschlechtslos dargestellt – ungehemmt "Fuck" sagten, gern einen tranken oder auch schon mal Sex hatten. Obwohl das in den Romanen letztlich alles sehr dezent über die Bühne ging, wurde das gerade im sich zu dieser Zeit formierenden Online-Fandom maßlos aufgebauscht.

(Ironischerweise startete Virgin zur gleichen Zeit die Erotikromanreihe Black Lace, wo Frauen Pornos für Frauen schreiben. Damit hatte keiner ein Problem, und diese Reihe läuft noch heute!)

Der allgemeine Ton der New Adventures war ausgesprochen düster. Wie bereits in den letzten Fernsehfolgen angedeutet, entwickelt sich der siebte Doktor zu einem oft eiskalten Manipulator, der plötzlich als Streiter einer personifizierten Zeit agiert und seine Gefährten zu seinen Zwecken benutzt. Der rebellische Ace verlässt für Jahre die TARDIS und mutiert zu einer zynischen Raumsoldatin, die große Ähnlichkeit mit den Spacemarines aus Aliens oder Starship Troopers hat und im Krieg gegen die Daleks kämpft. Die einzig halbwegs normale Identifikationsfigur der ersten Jahre ist die neu erfundene Gefährtin Bernice Summerfield, eine dreißigjährige Professorin für Archäologie aus dem 26. Jahrhundert, ein Kumpeltyp, die zwar gern mal einen hebt, aber im Grunde eine ganz normale Frau ohne besondere Fähigkeiten ist.

Auch wenn die New Adventures natürlich konzeptionell fest im Who-Universum und der oft ausgesprochen komplizierten Continuity der Zeitwanderer und ihres Planeten Gallifrey verwurzelt sind, war das Niveau der Romane häufig beträchtlich höher als bei den zur gleichen Zeit erscheinenden Star Trek-Romanen. Sicherlich stand das Abenteuer im Vordergrund, aber die Autoren konnten mit Themen, Charakterisierungen und Erzählstilen experimentieren. Alles war möglich. Im einen Monat ging es in einer dystopischen Cyberpunkzukunft um ein neues, von finsteren Mächten heimgesuchtes Transmitterreisesystem im Sonnensystem (Transit), im nächsten verschlägt es den Doktor und seine Gefährten in ein gigantisches kosmisches Artefakt, dessen Ökosystem zur tödlichen Falle wird (Parasite). Bei einem unfreiwilligen Besuch in der irdischen Vergangenheit landen sie beim Kreuzzug gegen die Albigenser, und Benny verliebt sich auf tragische Weise in einen Katharer (Sanctuary). Dann unterstützt der Doktor Sherlock Holmes im Kampf gegen Invasoren vom Planeten Rlyeh (All-consuming Fire), erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Dr. Watson und Benny.

1Die Romane verkauften sich gut, auch wenn natürlich längst nicht alle als gelungen bezeichnet werden können. Wie so oft zeigt sich das Problem, dass typische Serienfiktion, die naturgemäß kein endgültiges Ende haben kann, nicht unbedingt das nötige Fundament hat, um jedes ernste Thema überzeugend schultern zu können. "Erwachsen" bedeutete auch in den Who-Romanen oft nur mehr Gewalt und eine Prise Sex.    

Das Aus für die New Adventures kam 1997. Zu dieser Zeit kam Doctor Who für einen in Amerika produzierten Fernsehfilm erneut ins Fernsehen, Paul McGann übernahm die Rolle des Zeitreisenden und wurde der achte Doktor. Die BBC beschloss, die erfolgreichen Romane von nun an in Eigenregie zu vermarkten. Aus den New Adventures wurden die Eighth Doctor Adventures oder EDA. Und die Missing Adventures wurden zu den Past Doctor Adventures. Die Autoren blieben größtenteils allerdings die gleichen, nur der Lektor war ein anderer.

Virgin machte aus der Not eine Tugend. Da der Verlag über das Copyright sämtlicher neu entwickelter Figuren verfügte, führte man die New Adventures einfach mit Bernice Summerfield als Heldin weiter. Das Problem, keine direkten Bezüge zu dem Zeitlord und Gallifrey mehr herstellen zu dürfen, umsteuerte man bei Bedarf mit mehr oder weniger vagen Andeutungen. Durch Umstrukturierungen im Verlag wurde die Serie dann Ende 1999 endgültig eingestellt.

Für die britischen Fans stellen die Virgin-Roman so etwas wie das "Goldene Zeitalter" der Who-Romane dar. Sie führten die eingestellte Serie auf durchaus beeindruckende Weise mit den bekannten Figuren fort und entwickelten neue Figuren, die große Beliebtheit erlangten. Das vollmundige Versprechen, Geschichten zu entwickeln, wie man sie nie für den Fernsehbildschirm hätte produzieren können, wurde ausnahmsweise einmal erfüllt.

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