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DOUGLAS „DOUG“ DARKEST 2: CARMINAS HÖLLISCHES GEHEIMNIS

DOUGLAS „DOUG“ DARKEST 2:
CARMINAS HÖLLISCHES GEHEIMNIS

Zweite Folge der großen Zauberspiegel-Gruselserie
voller Spannung, Action und Humor

von Remedias D`Isaster


Doug Darkest stöhnte auf vor Schmerzen!
Die Schwärze, die er statt eines Sauerstoffgemischs einatmete, füllte ihn bis zum Zerbersten aus! Ihr Tuscheln hallte allgegenwärtig in ihm und sorgte für Atombomben-Kopfschmerzen!

Ein Mahlstrom aus Alptraumbildern ergoss sich in sein Gehirn. Dank seiner neu gebooteten Sinne wusste er plötzlich, was in Schottland vor sich ging. In welch tödlicher Gefahr Carmina schwebte …
Seine Halssehnen spannten sich zum Zerreißen.


Diesmal griffen die Höllenmächte also sie und ihn gleichzeitig an!
Und er hatte Carmina nicht gewarnt! Für die Dauer eines Lidschlags drohte etwas Animalisches in Doug übermächtig zu werden.

„Alles okay, Mann?“, zischte Alonso Ibarra Gutiérrez fragend unter seiner Plexiglas-Atemmaske und boxte ihm gegen den Arm.

Doug nickte glaubwürdig genug.

„Minus zwanzig Minuten bis Omega-Radius!“, dröhnte Xenja Janovas Stimme blechern aus den Frachtraum-Lautsprechern.
„Konzentration und … bereithalten, Jungs!“
„Aye, Professorin!“, brüllten die Männer hinter ihren Masken.
„Sehr gut, meine Höllenmeute! Wir werden dem Grenzbereich zum Jenseits seine Geheimnisse entreißen … und noch vor Doktor Dorguss die Welt beherrschen!“

Die seitliche Luke des Frachtraums öffnete sich rumpelnd.
Der Pilot zog den H34-Choctaw in einer weiten Linkskehre über die baufälligen Randbezirke Kairos.

Tief unter dem Radar und einigen Dächern mörderisch nahe, ließ der Kampfhubschrauber endgültig die weiten, noch von knochenfahlem Mondlicht erhellten ägyptische Wüstengebiete und die grüne Borte des Nils hinter sich. Weit voraus jedoch schickte dem H34 bereits die aufgehende Sonne ihren ersten feurigen Hauch entgegen. Das Morgengebet des Muezzin hallte vom Minarett der Jebba-al-Sa`laam-Moschee über die Dächer einer Stadt, die sich in den zurückliegenden Jahrhunderten nur geringfügig verändert hatte.
Alonso Ibarra Gutiérrez neben Doug kniff die Augen zusammen und fluchte.

Dann sagte er, unter seiner Atemmaske kaum hörbar: „Alles ist wieder wie nach dieser Gasexplosion vor fünf Jahren, die das Mysterium tief unter der Stadt ein Stück weit freigelegt hat.“
„Das Rätsel aller Rätsel“, hauchte ein Anderer ehrfürchtig.
„Ich liebe euch, wenn ihr eure verletzliche Seite zeigt und so unmännlich plappert“, sagte einer weiter entfernt betont zynisch. Er saß in tiefste Schatten gehüllt. Die Mündung seiner tschechischen Kalaschnikov zeigte wie zufällig in Alonsos und Dougs Richtung.

Zumindest dieser Kerl war eindeutig bereit für das Schlachtfest. Bis in die Haarspitzen voller Hass und Aggressionen.

„Cool, Männer“, nuschelte Alonso und gab sich redlich Mühe, die Situation hier an Bord entspannt zu halten. „Das Ganze müsst ihr euch wie Schach960 vorstellen.“

Doug begriff!

„Genau“, sagte er und dachte: Ablenkung!

Laut sagte er: „Das klassische Schach basiert auf Planung. Jeder Spieler lernt schon unzählige Male eingesetzte Eröffnungszüge auswendig und analysiert die von A bis Z. Beginne ich beispielsweise mit der Spanischen Eröffnung –?“
„Dann aber zackig den Springer im achten Zug entweder auf a5 oder Läufer auf b7 …“, rasselte Alonso Ibarra Gutiérrez herunter.

„Cleverer Nerd-Scheißkerl!“, schrie Doug übertrieben zuckersüß und drückte ihm die Sauerstoffmaske statt seiner Lippen auf die bärtige Wange.
„Ihr Schwuchteln!“ zischte der weiter entfernt im Schatten Sitzende.
Aber er feuerte nicht.
Noch nicht.

Durch das Seitenschott prasselten Sand und Staubschwaden ins Innere des Frachtraums.
Unter dem H34-Choctow herrschte ein Inferno!
Wogende Menschenmassen überall auf den Straßen und Gassen. Scheinbar willkürlich strudelten sie umher, begleitet von tausend Gerüchen und Geräuschen. Fußgänger und Radfahrer behinderten ungerührt Luxuskarossen und Schrottkisten gleichermaßen.

Und dann, unvermittelt: Aufruhr!
Schüsse. Hupen. Flüche.

Eine Massenflucht. Ein verrosteter Lastwagen, auf dessen Ladefläche sich Dutzende schreiender Männer drängten (einige wenige klammerten sich auch verbissen am Dach der Fahrerkabine fest), rammte ein Taxi. Die auf dem dortigen Dach festgezurrten Gepäckstücke wirbelten umher wie bizarre Geschosse. Der Taxifahrer hatte wohl ein bisschen zu wütend am Lenkrad gerissen, während er gleichzeitig hupte. Sich überschlagend, schleuderte der Wagen in das Menschengewühl.
Der glutheiße Tag, der gerade erst begann, verging hinter Schleiern aus Blut, Tränen, Flüchen, Schmerzenslauten.

 

****

 

Der Countdown zum großen Blitzkrieg-Schlachtfest tickte, aber bis auch Doug so richtig bereit dafür war, ballerte ihm die Schwärze, die er weiterhin ein- und ausatmete, grässliche Gedanken in den Kopf, als sei es ganz im Sinne der Janova, dass er noch einmal ein bisschen Spaß hatte mit ihr, der wilden Frau Professorin aus dem fernen Moskau.
Schlagartig erlebte er sie wieder splitternackt in Aktion!

Zumindest an diesen Teil der Nacht vor ein paar Tagen erinnerte er sich durchaus noch ohne freundliche Unterstützung der Schwärze. Es rief nicht unbedingt „Good Vibrations“ in ihm hervor.
Außerdem, sollte er nicht an … blutige Fleischfetzen denken?
Trotzdem. Gedanken sind frei.

Doch die Schwärze füllte ihn bereits aus bis in die Haarspitzen. Und die Atombomben-Kopfschmerzen … übernahmen alles, sein Denken und Handeln. Sie verdrängten alle Gedanken an Carminas Höllenfeuer-Frust und sogar an Carmina selbst.

Was ihn wirklich stinksauer werden ließ.

Aber ... Wie war das nochmal gewesen, als er damals nach nur einem verdammten Wodka in diesem Luxus-Hotelzimmer in Dubai zu sich gekommen war? Rücklings auf ihrem Bett liegend war er aufgewacht. Genau so nackt wie sie. Nur, leider, der Länge nach ausgestreckt und mit Handschellen an Armen und Beinen ans Bett gekettet. „Nicht böse sein, Fjodor. Sieh es als kleine erzieherische Maßnahme an“, hauchte die 32jährige mit dem Körper einer 20jährigen betont klebrig-süß ganz dicht an seinem Mund – und leckte ihm quer übers Gesicht. „Schließlich sollst du dich minderwertig und erniedrigt fühlen. Und zornig werden … Sehr, sehr zornig.“

Fjodor – das war sein Pseudonym, momentan. Eines von so vielen.
Als Fjodor war er Soldat, zumindest sah dieser Fjodor, den er darstellte, sich noch als solcher, trotz seiner unehrenhaften Entlassung aus der Eliteeinheit Alpha der sowjetrussischen Armee.
Und Soldaten einer Eliteeinheit quasselten nicht, wenn sie erniedrigt werden, tuschelte ihm die Schwärze zu. Sie werden gottverdammt stinksauer!

Also ruckte Doug alias Fjodor mit dem Kopf nach oben und versuchte der Professorin mit einem Stirn-Rammstoß die Nase oder gleich das ganze Gesicht zu zerschmettern!

 

****

 

Energisch rief Carmina sich ins Bewusstsein, wer sie war und weshalb sie hier war.
Wo auch immer hier gerade sein mochte.

Amerikanerin indigener Abstammung, eine Cherokee, und dank Tantiemenbeteiligung an einem Casino ihres Volkes auch noch unverschämt reich. Das war sie. Und Doug Darkests Dauerverlobte war sie. Und mordsmäßig sauer auf ihn war sie auch, und eigentlich nicht nur auf ihn. Eher insgesamt.
Weil er sie wieder mal versetzt hatte!
Das alles wusste sie noch.

Aus Frust über Dougs Macken war sie ein bisschen ausgerastet.
Und danach spontan … beziehungsweise ein bisschen überstürzt nach Europa abgereist. Ihr Plan, für`s erste: eine kleine Reise kreuz und quer durch Schottland.

Merkwürdigerweise erinnerte sie sich neben der Sache mit Rory undsoweiter sogar an das Hotel, in dem sie es sich in den letzten Tagen so richtig gut hatte gehen lassen: Im Highland Hotel in Fort William am Loch Linnhe.
Keine Spur von Nessie in den Fluten des malerischen Loch Linnhe! Dafür im Highland Hotel viel zu viele Erinnerungen an Doug!

Dort, in der teuersten Suite, hatte er ihr nämlich zum ersten Mal die Sache von sich und seinem krassen Schicksal gestanden … Dass es ihn immer doppelt gab – einmal als normaler Mensch und einmal als sein eigener Schattenzwilling.

Seinen krassen Humor hatte er ihr gleich auch noch demonstriert und ihr einen Heiratsantrag gemacht.
Einmal als Doug. Und einmal als Schatten.
Sogar geküsst hatte er sie als Schattenmann.
„SO einen doppelten Heiratsantrag hast du garantiert noch nie bekommen, Babe … na? Na? Gib`s schon zu!“
Sie hatte es zugegeben.
„Cool, ich geb`s zu! – Ähm, geht das auch mit … du weißt schon?“
„Pfft! So wahr wir nach unserem Kuss wieder hier auf den Knien vor dir schmachten!“
„Faszinierend! Hab ich dir schon erzählt, dass ich auf herb-sensible Männer stehe?“
„Nein, aber so bin ich halt.“
„Aber du hast schon bemerkt, dass dein Schattenzwilling kurz vor mir zurückgezuckt ist?“
„Hey, Carmina, das aber nur, weil du so umwerfend aussiehst … Sexy und geheimnisvoll und ein bisschen gefährlich. Na, wie auch immer! Es war mir wichtig, von Anfang an gleich gar keine Geheimnisse zwischen uns … äh, dreien zuzulassen.“

Damals war sie hin und weg gewesen, erstens, weil sie ihn fast mit dem Kopf auf ihr eigenes kleines höllisches Geheimnis gestoßen hatte und zweitens, weil das, was er da abgeliefert hatte, wirklich nicht von der Stange gewesen war.

Und weil er, drittens wirklich so war, wie er war, hatte sie ihn ja ohnehin schon seit fast Kindertagen geliebt … Aber nach diesem doppelten Heiratsantrag – wow!
Und nach dem Wow: Von wegen, keine Geheimnisse!

In Phasen wie der aktuellen jedenfalls fühlte sie sich auch genau deshalb genau so, wie sie sich schon seit dem Start ihres Fliegers vom John F. Kennedy International Airport in New York fühlte.
Tja.

Und nach dem charmanten Rory hatte sie dann ausgerechnet im Highland Hotel den nächsten smarten Sunnyboy kennenlernen müssen. Einen gewissen Larry, der ihr an der äußerst gut sortierten Bar stundenlang von einem Lokal namens Tavern on the Green vorschwärmte und ihr schließlich jungenhaft grinsend anbot, ihr bei einem Spaziergang gern mal eine ganz besondere Smith & Wesson zu zeigen, die er sogar offiziell tragen durfte. Exklusiv, sozusagen.

Carmina hatte sich emotional zu beherrschen gewusst.
„Ach, sorry, aber no, thanks, du, Larry, auf Sex im Freien steh` ich auf eurer Nebelinsel nicht so unbedingt.“
„Also, ähm, ich … So war das nicht gemeint, Miss – “
„Ja, klar, sorry, mein Nervenkostüm ist momentan sehr zerschlissen …“
„Rory ließ dazu schon eine kleine Andeutung fallen.“
„Er ist süß, aber –“
„Aber er redet sehr, sehr viel, vor allem, wenn es um Stanley Kubricks Filme geht. Ein sehr netter Kerl, also, dieser Rory. Ein Ire, der meint, man merke ihm das nicht an, dabei verrät ihn schon sein Vorname! Aber trotzdem, irgendwie seltsam ist er auch. Mysteriös. Und apropos: Zur Aufmunterung könnte ich Ihnen auch ein paar wirklich unheimliche schottische Gute-Nacht-Geschichten mit Happy End erzäh – “
„Sorry, Miss, belästigt Sie dieser Typ? Mein Name ist John, und ich …“

Aber da hörte Carmina schon nicht mehr wirklich aufmerksam zu, denn nachdem Larry sich sehr cool mit den Worten: „Schön, schön, Sir. Aber – haben Sie etwa den Eindruck, dass Sie hier als rettender Geisterjäger oder so gebraucht werden?“ beschwerte, wusste sie schon, was folgen würde.
„Nun!“, erwiderte dieser John ein wenig energischer, „unsereins wird immer gebraucht, wenn von unheimlichen Geschichten die Rede ist …“
„ … und ich könnte gerne auch Ihnen meine ganz spezielle Smith & Wesson präsentieren, John, sogar hier drinnen, auf der Stelle.“

Danach folgten genau die Geräusche, die ein Gerangel unter Männern immer begleiteten.

 

****

 

Dougs Angriff erfolgte überraschend und mit verheerender Wucht.
Und bewirkte … gar nichts.

„Fjodor … Fjodor, du musst noch viel wütender werden, wenn du mir und er gestellten Aufgabe gewachsen sein willst.“
Mit einem spöttischen Auflachen wich die Janova zurück, geschmeidiger und schneller, als er das bei einem menschlichen Wesen je für möglich gehalten hätte; doch schon im nächsten Moment warf sie sich wieder nach vorn, über ihn, und drängte ihm ihre Zunge tief in den vom Schrei noch aufgerissenen Mund.
„Wehe, du beißt sie ab“, warnte sie ihn schmatzend dicht an seinen Lippen.
Flaumweich drückten ihre Daumen mit den krallenartig zugefeilten Fingernägeln auf seine Augenlider. „Saug` lieber dran.“
„Das bringt doch nichts, Janova“, keuchte Doug erstickt an ihrer Zunge vorbei.
„Immer nur Carmina … ist doch öde! Bisschen Abwechslung bringt es, wart`s nur ab, bis meine Freundin dazu kommt“, widersprach Xenja, undeutlich. „Außerdem: für dich immer noch Frau Professor.“
„So kriegst du mich und meine Männer nie!“
„Ach, Fjodor!“ Sie richtete sich auf und lachte verächtlich. „Deine Männer, die hab ich doch schon längst. Ein kleiner Fick mit meiner Freundin und mir, und alle haben sie ihre Verträge mit ihrem eigenen Blut unterschrieben. Du bist der Letzte, in den noch ein bisschen Arbeit investiert werden muss.“
Doug sah sich selbst, wie er sie als Fjodor anspie vor Wut und sie wieder und wieder abzuschütteln versuchte. Doch anders als sonst trat sein Schattenzwilling nicht geisterhaft aus der wie aufgebracht zuckenden Finsternis ringsum und griff ein.

Diesmal war er auf sich allein gestellt!

„Na, schön!“, keuchte Doug.
Sein unter extremsten Bedingungen trainierter Körper ruckte herum, bäumte sich auf und riss und zerrte an den Handschellen, die ihn wie ein Opferlamm auf dieses verfluchte Bett ketteten. Allerdings wusste er da schon längst: Kannst du vergessen, so erledigst du sie nie! Und selbst wenn, die Handschellen bist du dann noch lange nicht los!

Im unruhigen Licht der wenigen rings um das Bett aufgestellten Kerzen war sie nur ein bleicher, zerfließender Schemen, der rittlings auf ihm kauerte.
Ihre Oberschenkel pressten wie Stahlklammern gegen seine Seiten. Sie reizte und verhöhnte ihn, sie trieb ihn in eine wahnsinnige Raserei.

Die eingeatmete Schwärze ließ Doug alles noch intensiver erleben. Lange Haarsträhnen und feste Brüste kitzelten abwechselnd über seinen Oberkörper.

Die Unheimliche war so nah und unerreichbar fern wie der Mars zugleich.

Aber so richtig hart wurde es für Douglas „Doug“ Darkest alias Fjodor erst, als sich ein zweiter nackter Frauenkörper geschmeidig über ihn schob.
Direkt hinter Xenja tauchte deren exaktes Ebenbild auf, riss den Kopf der Professorin fast brutal herum und überzog nun ihrerseits deren Gesicht mit raubtierhaft gierigen Küssen.

„Ist er schon so weit, Xenja? So richtig schön erniedrigt wütend?“, erkundigte sie sich währenddessen, ein wenig atemlos.
„Oh ja. Und voller Selbstmitleid“, raunte Xenja und ließ ihre Zunge über die speicheltriefenden Lippen ihrer Doppelgängerin huschen.
Die grinste auf Fjodor herab, als sei er nur eine Laborratte.
„Oh ja … unser Lämmchen verinnerlicht seine Lektion bereits.“

Lächelnd beugte sie sich zu ihm herunter.
Ihr Lächeln … es war das fürchterlichste Lächeln, das ein Mensch je gesehen hatte, ganz gleich, wie er sich nannte.

 

****

 

Ein kurzer eisiger Hauch streifte über Carmina Carlaccos Lippen!
Genau so wie damals im Highland Hotel, kurz bevor Dougs Schattenzwilling sie geküsst hatte.
Endlich gelang es ihr, die Augen aufzureißen. Ihre langen Wimpern flatterten.

Aber sie sah nur wieder die Laboratorien, und wie sich vor ihr wie durch Geisterhand meterdicke Schotts öffneten.
Und wie Tausende flüchtiger verseuchter Laborratten in einer scheinbar endlosen grauen Flut wimmelnd und fiepend auf sie zu stürzten …
… und sie nicht anfielen!

Stattdessen huschten sie wie auf einen geheimen Befehl, den sie alle gleichzeitig vernahmen, rings um sie her den Korridor entlang.
Sie fielen jeden Wärter an, der sich sehen ließ. Wimmelten an ihren Beinen entlang nach oben, immer mehr, immer mehr.
Bis sich kein einziger Wärter mehr sehen ließ. Der Professor und seine beiden fast identisch aussehenden Assistentinnen schon gar nicht.

Bis sie, Carmina, inmitten ihrer Ratten-Armee in eine frostklirrende Novembernacht und ins Freie hinaus taumelte.

Und wieder alles wusste.
Alles!

 

****

 

Als Doug die saugenden Lippenbewegungen an seiner Halsschlagader spürte, geschah es!
Etwas tief in ihm zerbarst endgültig. Plötzlich war er nicht mehr nur Douglas „Doug“ Darkest! Sein Nervensystem kollabierte wie unter einem Dutzend Blitz-Einschläge.

Aber er starb nicht. Noch immer nicht.

Er fühlte plötzlich wie Fjodor. Er WAR Fjodor.

Im nächsten Sekundenbruchteil schon tobte eine Sturzflut längst vergessener oder verdrängter Erinnerungen, die nicht seine Erinnerungen waren, durch seinen Kopf.

Tausend Erniedrigungen. Würgende Hilflosigkeit. Für die er sich hasste. Sich. Aber noch mehr: Andere. Alles gleichzeitig. Alles im Zeitraffer. Es begann damit, dass seine beiden älteren Brüder Iwan und Ingor im Drogenwahn den Vater und die Mutter für Monster-Marionetten aus dem Weltall hielten und mit Knüppeln auf sie einschlugen, bis die Eltern nur noch Blutmatsch gewesen waren. Und es endete noch lange nicht damit, dass er sich selbst sah, wie er tagelang bei den Leichen ausharrte und sie wieder gesund zu machen versuchte.

Das Inferno in seinem Kopf raubte Fjodor die Luft. Überlud ihn mit einem Gefühl absoluter Hilflosigkeit.

Damit zündete der Hass … Wie eine Atomexplosion aus dem Nichts.
Irrsinniger, schwarz glühender Hass erfüllte ihn.

Erst viel später begriff er, dass er laut kreischte, wie von Sinnen.
Schlagartig waren seine Körperkräfte vervielfacht!

Die Hand- und Fußfesseln, an denen er unablässig gezerrt hatte, zerbarsten wie chinesisches Reisgebäck. Mit einem Ruck schnellte sein Oberkörper hoch. Immer noch brüllend, packte er die beiden schweißnassen Furien – und rammte ihre Schädel gegeneinander, bis Knochensplitter wie Messerklingen seine Hände zerfetzten und Blut auf ihn herab spritzte.

 

****

 

Keuchend fand Doug sich in der Realität wieder. Inmitten der Söldner-Horde, an Bord des alten H-34-Kampfhubschraubers.

Undercover-Einsatz, erinnerte er sich hekisch, immer wieder. Carmina! Verzeih mir!

Zitternd, das Gehirn voller Schlachthausgedanken, kauerte er jedoch trotzdem mit der Höllenmeute im zugigen Frachtraum des H-34.

Voller Grauen wurde ihm klar: Sie alle wittern auch, was in dir vorgeht.
Blitzartig kapierte er.

Es hatte keine Rache an den beiden Furien gegeben.
Keine Schreie. Keine Leichen.
Keine zertrümmerten Schädel. All das waren nur Fake-Erinnerungen und Wunschdenken.
Alles war nur – die perfekte Konditionierung auf HASS!
Wie war das nochmal? Die Gedanken sind frei?

Seit jenem Abend wusste er es besser. Seit der Nacht mit den Furien. Vor Anstrengung knirschte Doug mit den Zähnen, um wenigstens äußerlich weiterhin ungerührt zu wirken. Es war sinnlos. Er wusste es.
Hasserfüllt starrte er die Anderen an. Der Reihe nach.

Keiner erwiderte seinen Blick, doch er wusste Bescheid.
Nicht nur seine Sinne waren gebootet und tausendfach geschärft.
Alle wussten sie alles voneinander!
Für sie war er längst schon nicht mehr Fjodor – sondern der, der er wirklich war – Douglas „Doug“ Darkest!
Jeder einzelne hatte dasselbe erlebt, kein einziger hatte die Anderen gewarnt.

Der Gestank nach altem Öl und Schweiß ließ ihn würgen; plötzlich sah er alles doppelt.

„Minus neun Minuten bis zum Omega-Radius!“, schepperte Xenja Janovas Stimme aus den Frachtraum-Lautsprechern. Sie hörte sich spöttisch an, als würde sie dabei tief aus der Kehle heraus sinnlich lachen. Er sah noch immer, wie er sie in tobsüchtiger Raserei tötete. Noch immer konnte er ihr triefnasses Gesicht sehen, ihren Triumph, sooft er die Augen schloss.

Der Pilot zwang den H34-Choctaw tiefer.

„Fuck“, flüsterte Alonso Ibarra Gutiérrez und wischte sich übers Gesicht.

Auch Doug schwitzte. Oh ja. Alles war wieder wie nach jener Gasexplosion vor fünf Jahren, die das Mysterium den Abgründen unter der Stadt entrissen hatte, zumindest einen kleinen Teil davon.

Seine ganz persönliche Nemesis.

Der Besessenheit, die ihn bei seinem Anblick befallen hatte, hatte er letzten Endes alles geopfert, genaugenommen sogar fast Carmina.
Auch damals hatte er sie allein zurückgelassen, im Ungewissen.
Ahnungslos.
Und war selbst nur noch als etwas Ungewisses übrig geblieben.

„Nur mit dir, niemals mehr so lange ohne dich“, hauchte Doug und wusste wieder, dass Carmina auch jetzt wieder ahnungslos in äußerster Gefahr schwebte.
Seinetwegen!

Er kam sich vor, wie ein von einem Dybukk Besessener. Was er wohl war. Er fuhr er sich mit dem Handrücken übers Gesicht, zittriger diesmal. Als könnte er so die Geister der Vergangenheit vertreiben. Oder vermeiden, dass ihm Tränen in die Augen quollen.

Davon beirren allerdings ließ er sich nicht, im Gegenteil.

Er ignorierte das mittlerweile brennende Taxi, das unten längst schon in einer der Straßen Kairos zurückgeblieben war. Aber die darin kreischenden Feuergestalten konnte er weiterhin hören. Sogar das Knistern des wie unter jähem Frost erstarrenden Bluts der Toten am Straßenrand hörte er. Und das Triumphgeheul der aufgebrachten Menge, die den Fahrer des Lasters ins Freie zerrte und vermutlich in Stücke reißen würde.

„Ein Toter mehr oder weniger …“, murmelte Alonso nicht ganz so gleichmütig, wie es sich anhörte.
Die Sorge um Carmina wurde übermächtig in Doug. Fluchend riss er sich die Atemmaske von Mund und Nase. Und behielt die Mündung der Kalaschnikov im Auge.

 

****

 

Vor der Zugfahrt hatte Carmina sich im Fernsehen noch einen George A. Romero-Horror-Klassiker angeschaut, den sie als Fan längst kannte, und anschließend, wie alle Touristen, fotografiert und wildfremde Menschen gebeten, sie zu fotografieren. Sie war am Fluss spazieren gegangen, hatte den Geruch von Schlick, Alter und Geheimnissen eingeatmet, an einer Imbissbude Fish and Chips gegessen, mit Einheimischen gelacht, streunende Hunde gefüttert und geglaubt, ihr angsterfülltes Knurren, Grollen und Jaulen verstehen zu können. Natürlich hatten sie Grund, die Schwänze zwischen die Hinterläufe zu klemmen.

Dann der Bahnhof.
Sie wusste nicht mehr, wo sie in den Zug eingestiegen war ... und erst recht nicht, warum.
Bis dahin war sie mit dem Bus unterwegs gewesen, ihr ganzes Gepäck - eine große Reisetasche undd ihren kleinen, schwarzen Rucksack – hatte sie in seinem Bauch zurückgelassen.
Als wäre sie wieder auf der Flucht gewesen.

Sie verstand die irritierende Kehrtwendung nicht, die ihre Reise genommen hatte, und es gelang ihr nicht, auch nur schockiert darüber zu sein.

Dougs Schattenzwilling, der sie mit seinem Eishauch-Kuss geweckt hatte, war in den Schatten ringsum aufgegangen.

In ihr Gesicht schlug weiterhin der fremde Atem. In ihrem Kopf flackerten Bilder, wie durch eine camera obscura gesehen, goldgelb fleckig, verzerrt, huschend.

Ein Bahnhof, groß und uralt; ein steinernes Gebäude, das von vielen Stimmen und Schritten und Bewegungen widerhallte … und doch bis auf sie völlig leer gewesen war. Genauso leer und kalt wie der Zug!

Sie erinnerte sich, ihn aus dem Abteil heraus noch fotografiert zu haben – eine Festung in der kränklichen Helligkeit, wie aus dem Jenseits ins Diesseits herübergerückt.
Trotzdem war sie gut gelaunt gewesen, fast schon übermütig. Vielleicht, um der Leblosigkeit dieses Ortes zum Abschied wenigstens einen Hauch von Gefühl entgegenzusetzen.

Später hatte sie ihr reserviertes Abteil verlassen und draußen im Korridor, am offenen Fenster, eine Zigarette geraucht und an die Busfahrerin denken müssen. So schmal, so zierlich; überhaupt nicht hübsch in ihren Jeans und dem weißen Hemd, mit den kurzen, roten zerstrubbelten Haaren, der kleinen, hell leuchtenden Narbe am linken Nasenflügel und der Zigarette im rechten Mundwinkel. Trotzdem wusste Carmina plötzlich, dass sie sie gerne geküsst und überhaupt an ihrer Seite gehabt hätte auf dieser Reise.

Wenn schon ihr Dauerverlobter sich wieder irgendwo herumtrieb. Auf einem seiner angeblich so supergeheimen unheimlichen Spezialaufträge.

 

****

 

Doug wandte sich Alonso zu. „Erklärst du uns allen bitte, wie du das vorhin gemeint hast, mit dem ´Das Ganze musst du dir wie Schach960 vorstellen.` ?“
Alonso tätschelte seinen Schenkel.
„Aber klar doch, mein Freund. Bei Schach 960 oder Freestyle-Chess wird die Start-Aufstellung aller Figuren hinter der Frontlinie der Bauern unter 960 möglichen Stellungen ausgelost“, begann er gemächlich sprechend und gab ihm so Zeit, selbst zu kapieren und sein Gesicht zu wahren.
„Okay, es ist also nichts mit Eröffnungszüge auswendig lernen und all dem früher mal offiziell vorgeschriebenem Tamtam.“
„Genau, Hombre und Hombres. So gibt es unendlich viele Variationen. Die normale Eröffnungstheorie ist Makulatur. Und genau so ist es in diesem Fall. Der vermutlich über das Schicksal des Planeten Erde entscheidet, und den einen oder anderen Mythos begründen oder aber ein für allemal tilgen wird. Deshalb habe ich der Frau Professorin gegenüber auch darauf bestanden, dass ich diesen Kerl an meiner Seite hier unbedingt dabei haben will. Es war buchstäblich ein hartes Stück Arbeit, wo sie mit ihrer Doppelgängerin so auf mir wackelte, das kann ich euch sagen! Also, sollten wir alle uns auch daran erinnern, dass wir trotz allem zwar Mörder aber eben trotzdem irgendwie auch die Guten sind! Habt ihr unserer Professorin zur Abwechslung mal in die Augen gesehen? Die Augen einer wahnsinnigen Mörderin, sag` ich euch. Wie brennendes Eis!“

Irgendjemand warf etwas zu ihnen herauf. Einen Stein, vermutlich.
Steine, korrigierte Doug sich gleich darauf, als er die Treffer hörte, als es knallte und polterte und prasselte, als würden sie durch eine Lawine fliegen.
„Wir fliegen zu tief!“, schrie er.
Sie hatten ihr Ziel also erreicht. Vor ihnen lag … die Entscheidung. Die Offenbarung.
Und der Schlund!
Aber das konnte Doug Darkest zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen.
Obwohl er es eben doch wusste.

 

****

 

Staunend wie ein Kind streifte Carmina durch den verlassenen Zug und ließ den Atem des Unsichtbaren hinter sich. Niemand hielt sie auf. Niemand griff sie an.

Sie erschrak, wenn plötzlich leere Flaschen oder Dosen unter Sitzen hervor kullerten, oder am Fauchen des Windes in spaltweit offenstehenden Fenstern. Oder am Geisterrascheln auf alten Plastiksitzen vergessen umherliegender Zeitungen.

Sie hatte den gierigen Atem hinter sich gelassen.

Trotzdem glaubte sie, Schritte zu hören … die gemächlichen Schritte eines Verfolgers, der sich seines Opfers sicher sein kann; Schritte irgendwo in den leeren Abteilen hinter sich … und, dann und wann, Geräusche, wie sie entstehen, wenn man so behutsam wie möglich eine Trenntür zwischen den einzelnen Zugwaggons öffnet. Merkwürdigerweise, fiel ihr nun ein, hatte sie nie auch nur den geringsten Gedanken daran verschwendet, sich umzudrehen und nachzusehen; oder gar umzukehren oder sich zu verstecken …

Aber zum ersten Mal fröstelte sie nun.

Sie ging schneller weiter, trat leise auf. Ballte die Fäuste. Immerhin war sie nicht mehr … betäubt. Nicht mehr so hilflos ausgeliefert.

Irgendwann kam draußen mit großen, wogenden Schwingen die Dunkelheit über das Land. Das Tageslicht bleichte aus und verkroch sich, als wolle es ihr ein Beispiel geben. Städte und Dörfer und das Land selbst wurden in den Schemen der Dämmerung zu immer rasender vorbeizuckenden Schmierflecken, hellgrün oder rot wie beiläufig verschmiertes Blut.

Sie setzte ihre Flucht fort, brachte Abteil um Abteil hinter sich. Gelegentlich sah sie aus einem der Fenster in der Ferne noch Vögel über einem schwefelgelb-orange lohenden Horizont kreisen, Scherenschnittvögel, die nichts Lebendiges an sich hatten!

Dann wurde alles grau, tiefgrau, schwarz und die Zugfenster verwandelten sich in dunkle Spiegel, die dutzendfach nur noch ihr Abbild zeigten, finster und unwirklich, ein bleiches Wesen wie aus einer schottischen Gespenstergeschichte, mehr tot als lebendig. Mit einer Pistole wie beiläufig in der rechten Hand. – die sie in Wirklichkeit nicht bei sich trug!

 

****

 

Carmina erkannte sich in ihrem Spiegelbild nicht mehr wieder!
Eine Verwünschung murmelnd, ging sie weiter. Irgendwann schrie sie vor Frust. Doch sie erhielt keine Antwort. Nur die Schritte des Verfolgers verstummten für Minuten.

Mit der Stille kam eine Angst, wie sie noch niemals eine empfunden hatte. Wie ein Schnitt aus dem Nichts. Die Angst davor, dass dieser ins Herz der Nacht rasende Zug niemals wieder anhalten, dass ihre Wanderschaft durch leere, wiederhallende, raschelnde, winddurchtoste Abteile bis in alle Ewigkeit nicht mehr enden könnte.
Trotzdem ging sie weiter. Den endlosen Korridor entlang, an Abteilen vorbei, in denen nur selten Licht brannte
Ein unstetes Totenlicht herrschte nun vor, flackernde Neonröhren, an denen, in dichten Klumpen, noch die toten, verwesenden Fliegen des vorletzten Sommers klebten, Abertausende.

Wenn Carmina kurz lauernd und lauschend die Augen schloss, meinte sie das verzweifelte Schwirren und schließlich ersterbende Surren hören zu können.
Es kam ihr unglaublich laut vor.

 

****

 

Nach vielen Stunden, vielleicht sogar Tagen der Flucht durch endlose Zugabteile immer weiter nach vorn, Richtung Lok, flüsterte Carmina plötzlich, ohne nachzudenken: „Wo bist du?“
Sie hätte nicht sagen können, ob sie ihren Verfolger oder Dougs Schattenzwilling damit meinte.
Vielleicht war es ja auch egal.

Sie war kein kleines Mädchen. Und auch, wenn sie sich wie in einer surrealen Gespenstergeschichte gelandet vorkam – sie würde kämpfen, soviel stand fest.
Bis auf`s Blut.

 

****

 

Der Stahl der Zugräder glitt, schliff, ratterte auf dem endlosen Stahl der Schienen, in einem der Abteile hinter ihr schrie ein Kind.
„Das kann nicht sein!“, flüsterte sie.

Das Gefühl der Irritation verstärkte sich, als sie mit einem Ruck, und noch wütender als ohnehin schon, herumfuhr, endlich. Es kam ihr gut vor und richtig. Sie dachte: Du hast ihm deine Schwäche lange genug gezeigt.

Sie hastete weiter, geschmeidig.

Schritte. Hinter ihr.
Nicht allzu weit entfernt!

Aber zu sehen war niemand und nichts. Nicht einmal ein verdammter Schatten.
Die Schritte hörte sie weiterhin – jetzt wieder in den dunklen, halbdunklen oder flackerlichthellen Abteilen hinter sich, in diesen vielen, vielen Abteilen, die sie bereits durchwandert hatte.

 

****

 

Die Kamera, mit der sie irgendwann den Bahnhof fotografiert hatte – sie war verschwunden. Doch erstaunlicherweise wollte Carmina gar nicht darüber nachdenken, wie oder wann sie ihr abhanden gekommen war; vielleicht, weil das eine zu große Unruhe mit sich gebracht hätte. Sie fragte sich, ob sie den unsichtbaren Verfolger überhaupt bekämpfen konnte.

Immerhin war die Lähmung von ihr abgefallen; immerhin wagte sie es, sich regelmäßig hellwach umzusehen.
Über sich, an der altmodisch gewölbten Decke dieses Abteils, bemerkte sie einen blutigen Abdruck – wie von einer verkrüppelten menschlichen Hand mit zu langen Fingernägeln.
Oder Krallen.

Das Blut war frisch, an einer Stelle hatte sich ein Tröpfchen gebildet … doch es fiel nicht in die Tiefe.

 

****

 

Überall um sie her roch es intensiv nach alten menschlichen Körperausdünstungen und Einsamkeit.
Und sie selbst kam sich vor, als habe sie keine Beine unter sich; vielleicht, weil der sichere, wenngleich schemenhafte Boden unter ihr allzusehr schwankte im rasenden Dahinjagen des Zuges.
Da war eine Erwartung in ihr, die sie nicht verstand, ein Vibrieren. Sie wollte rauchen und wusste mit einem Mal, dass sie Zigarettenrauch hasste.

Das Schreien des Kindes wiederholte sich nicht.

Draußen, vor den mit purer Nacht erfüllten Zugfenstern huschte und pfiff und raunte ein fremdartiges, unheimliches Schattenland. Dann: ein prasselndes Stakkato silbriger Tropfen an den Scheiben, ein Regenschauer, der, kaum, dass er begonnen hatte, schon wieder von der Finsternis der Nacht verschluckt worden war. Ein Dröhnen durchbrach die Stille.
Dann ein Inferno aus Licht und Fauchen und Gerüttel. Ein anderer, entgegenkommender, vorbeidonnernder Zug. Die Ausweglosigkeit ihrer Lage trieb Carmina Tränen der Demütigung und der Verzweiflung in die Augen.

Ihr wurde kalt. Sie spürte, wie müde sie war.

Sie bildete sich ein, einen Bahnhof wittern zu können, Rolltreppen, Menschenmassen, Leben.

Die Schritte des Verfolgers waren nun ganz nahe.
Er war im Korridor hinter ihr.
Er blieb stehen; hielt den Atem an.
Er zerschlug eines der Fenster und ließ die Nacht und den Fahrtwind hereinbrausen – und flüsterte undeutlich, als würde er dabei lächeln:
„Vielleicht werde ich dich am Leben lassen, wenn ich mit dir fertig bin. Du bist ein interessantes Mädchen.“

 

****

 

„Vielleicht werde ich dir genau deshalb den Spaß ein bisschen verderben“, flüsterte sie spöttisch. Ausnahmsweise mühsam, beklemmend unkoordiniert und dennoch trotzig.

Noch während sie sich kampfbereit umdrehte, dachte sie an eine andere Reise. An Berlin, an einen Halt am Zoologischen Garten: Auch dort und damals war es dunkel zugleich gewesen, die ganze Stadt war ihr wie elektrisiert vorgekommen. Ein einziger großer, lebender Organismus. Wie im Rausch war sie in einem viel zu tief ausgeschnittenen, viel zu leichten Kleidchen durch die Nacht gelaufen, war tanzen gegangen.Und hatte getrunken, bis sie nicht mehr tanzen und nicht mehr laufen und nicht mehr weitertrinken konnte und sich verkriechen musste. Carmina verharrte desorientiert. Sie wusste nicht, was mit ihr geschah, und deshalb flammte Panik in ihr empor. Sie dachte: Betrunken? Bin ich wieder betrunken? Muss ich mich verstecken? Und dann ein weiteres Mal überstürzt in ein anderes Land, eine andere Stadt fliehen, damit sie mich nicht kriegen?
Der Nachtwind peitschte durch das zertrümmerte Zugfenster und in ihr Gesicht; und plötzlich erkannte sie die Manipulationen des Verfolgers.

„KLONdyke“, hauchte sie. „Dorguss!“

Sie begriff, warum alles genau so war, wie es war. Warum sie sich genau so beklemmend fremd, anders, unheimlich, wahnsinnig geworden fühlte, wie sie sich fühlte.
Sie entschied: „Nicht betrunken. Nein, oh, nein.“

Der Verfolger war bei ihr gewesen, in diesem ersten Abteil, er hatte ihr ins Gesicht geatmet, hatte sie berührt. Und ihr eine Spritze gegeben.

„Du weißt es wieder“, stellte der Verfolger fest, wie beiläufig, und die Nacht, die an den Scherben des Fensters hindurch ins Innere des monströsen Zuges fauchte, trug seine Stimme zerfetzt, winselnd, heulend wie die eines Dämons heran.

Und dann sah sie ihn!
Zwei Meter groß, dunkelhaarig, schlank, durchtrainiert und trotzdem mit einem Wohlstandsbauch um die Leibesmitte, sodass der maßgeschneiderte Herbstmantel dort ein bisschen spannte und die Tarnung des Monsters noch verbesserte, lehnte der Mann dort und ließ den schwarzen Fahrtwind um sich brausen.

„Und du schläfst noch immer nicht, trotz dieser Spritze. Du bist noch immer nicht bereit für mich. Und das hier.“ Er fasste sich an den Schritt, und es war eine lächerliche Geste, aber so, wie er sie ausführte, wirkte sie tödlich bedrohend. Sein Gesicht sah nur auf den ersten Blick so sympathisch aus, wie er das für passend hielt. Es war die perfekte Tarnung – äußerlich stand ihr ein erfolgreicher Banker, Manager, IT-Spezialist auf Reisen gegenüber, ganz entspannt.

Carmina aber sah die Mikromuskulatur dieses Gesichts zucken in der Vorfreude auf pure Gewalt.
Er war bereit, sie anzuspringen – ihren Hals zu umfassen, zuzudrücken. Er hatte Bilder im Kopf, Fantasien, viele, viele Bilder, Gewaltbilder, ganze Gewaltfilme, und er wollte, dass sie Wirklichkeit wurden. Wollte es unbedingt.
Er dünstete es aus.

Und sie, sie konnte es riechen.
„Kein mysthischer Verfolger“, flüsterte sie.
„Nur ein ganz normaler Mann“, lachte er, „mit ganz normalen Bedürfnissen!“

Sie warf sich herum und hatte sein siegesgewisses Lächeln bereits vergessen. Sie hastete den Korridor entlang. Ihr war schrecklich übel. Die Spritze. Und du schläfst noch immer nicht. Ihre ganze Welt drohte zu implodieren.

Der Zug rüttelte und schüttelte sich; Stahl kreischte.

Da waren Menschen, ganz unvermittelt; viele Menschen, die aussahen wie zwei-, dreimal ungenau übereinander kopierte Negative, und Carmina hetzte ihnen entgegen, raunte sich unablässig zu: „Sie sind echt, ist wegen der Spritze, aber sie sind echt!“

Doch etwas anderes tief in ihr herrschte sie an, nicht um Hilfe zu betteln, sondern stattdessen weiterzulaufen, sich durch die Leibermasse durch zu rempeln.

Erst viel später begriff sie, dass der Zug angehalten hatte. Dass Menschenmassen in den Zug herein drängten, während sie sich ins Freie hinaus kämpfte.

Den Verfolger wütend dicht hinter sich, sprang sie in eine abgrundtiefe Regennacht hinaus.
Der Verfolger krallte nach ihren Haaren, sie riss sich schluchzend los, er hieb auf sie ein.
Niemand beachtete sie in dem Gewühl.

Und er dachte nicht daran, die so sicher geglaubte Beute entkommen zu lassen.

 

****

 

Plötzlich geschah alles wie in Zeitlupe.

Über Carmina schwingt sich mit einem Ruck ein großer Schemen auf, huscht durch ein Geäst und verschwindet hinter dem Schattenriss des Bahnhofsgebäudes. Doch dieser Hinweis auf eine lebendige Umwelt beruhigt sie, und sie schwankt nur einmal noch kurz, dann rennt sie schneller, geschmeidiger … und weiß den Verfolger doch stets hinter sich.

Sie kann ihn riechen; kann ihn jenseits aller anderen Gerüche wittern, und etwas Fernes, Ungreifbares ängstigt sie.

Er ist schnell. So schnell. Fast lautlos.

Ein geübter Frauenjäger. Er weiß jede Sekunde, wo sie ist, wohin sie läuft, trotz der Dunkelheit – sie ist nicht sein erstes Opfer. Und er genießt es, sie zu hetzen. Ihre Angst ist ihm wie ein Leuchtfeuer, dem er nur zu folgen braucht. Vielleicht wittert er sie, wie sie ihn wittert.

Carmina muss alle Kraft aufwenden, um im eingeschlagenen Tempo weiterrennen zu können. Doch die Wirkung der Spritze verklingt nun, zerstreut sich, wie sich die Leibermasse nach dem Hineindrängen in den Zug hier draußen verflüchtigt hat.

Auch der Zug mit seinem endlosen Korridor und den wenigen flackerhell erleuchteten Abteilfenstern ist längst weitergefahren und in der Nacht verschwunden.

Abrupt ist Carmina im Dunkeln allein und ganz im Hier und Jetzt; allein eilt sie durch eine nach menschlichem – männlichen - Urin stinkende Unterführung, hastet feuchte Treppenstufen hinauf; fühlt sich schrecklich einsam, und weiß sich in einer für eine Frau entsetzlich gefährlichen Umgebung – ein winziger Bahnhof im

Nirgendwo, irgendwo unter dichten Wolken und Regenschleiern.

Plötzlich aber riecht es betäubend nach welkem Gras und Blumen und regengetränkter, schlammiger Erde, nach uralten Bäumen, knorriger Rinde, nach Humus und winzigen Tieren, die ihrerseits die Bestie wittern und sich krabbelnd, schlängelnd, huschend in die Nachtschatten davonmachen.

Vor Angst und Hysterie muss sie schreien, während sie eine kleine Anhöhe überquert. Es ist wie ein Zwang.
Der Wald ist so nahe, dunkel und mystisch und raschelnd, und sie fürchtet sich vor dem Wald und dem, was er ihr bedeutet, vor dem, was die Natur selbst ihr noch jedes Mal zugemutet hat.

Aber Carmina rennt und rennt und erinnert sich an ihre blutrot in den Scheiben leuchtenden Albtraumaugen, und denkt: Was fürchte ich mehr? Den Wald? Den Verfolger? Seine Gedanken?

„Ich will dich aufhängen, an einem Bein, dich ficken, zerfleischen… Du sollst schreien, winseln, betteln, keuchen ... sterben ... büßen ...“

Sie erträgt dieses Abschaum-Gehechel kaum.
Aber – fürchtet sie es?

Oder nur eine neue, überstürzte Reise ... irgendwohin? Wie damals, nach dem Entkommen aus dem Laboratorium des Doktor Dorguss und seiner furchtbaren Partnerin Xenja Janova?
Da ist ein Bachlauf und sie watet in das eiskalte Wasser hinaus, bis es ihr an die Knie reicht. Schweiß läuft ihr in brennenden Strömen übers Gesicht.

Plötzlich wird ihr klar, dass sie kein Versteck mehr finden wird!

Sie spürt, wie ihr Denken sich auflöst.

Der Jäger überrennt sie mit wütenden, stampfenden Schritten. Er schlägt auf sie ein. Stürzt sich mit einem gierigen Schnaufen im Wasser auf sie. Er schwitzt, er sabbert vor Gier.
Aber ... letzten Endes ist er nur eine menschliche Made, ein Stück enthemmtes Fleisch.

Ein Mann!
Kein ernst zu nehmender Gegner für eine Kreatur ihresgleichen!

Und noch während ihre letzten bewussten Gedanken davon flattern, noch während ihr menschlicher Tarnkörper aufbricht und ihren wahren Körper entblößt, den angeblich verseuchten Körper, den KLONdyke-Raubtierkörper, befreit sie sich von all ihrem Grauen – vor dem, was sie ist und was sie zu tun vermag, wenn sie ist, was sie nun in rasender Schnelligkeit wird.

Der Frauenjäger drückt sie auflachend unter Wasser, reißt ihr Kleid in Fetzen, zerrt an ihren Brüsten.
Doch seine Gier, sein Schwitzen und Keuchen, das Hämmern seines Herzens … dies alles beschleunigt ihre Verwandlung nur noch.

Rasiermesserscharfe Klauen und Reißzähne schimmern kurz in dem schwarzen Wasser, und Blut spritzt, als diese Zähne und Klauen den schlagartig ernüchterten, fassungslosen, ungläubig vor jähem Entsetzen kreischenden Frauenjäger zerfetzen.
Wasser schäumt himmelhoch.
Überall spritzendes, heißes Blut.

Die Bestie knurrt. Reißt ihm das hektisch pumpende Herz aus dem Leib. Rammt ihr zähnestarrendes Maul tiefer hinab in den Aufruhr aus Blut, sein nur noch zuckendes rohes Fleisch. Sie trinkt sich in rauschhafte Euphorie. Sie brüllt ihren Triumph in die Nacht hinaus, und aus weiter Ferne antwortet ihr das jämmerliche Aufjaulen eines einzelnen streunenden Hundes.
Sie reißt das in der Kälte dampfende Fleisch des Frauenjägers aus dem Wasser und zerrt es lächelnd hinter sich her, ans dunkle Ufer.
Gleichzeitig dreht der Wind. Und sie wittert, dass sie beobachtet wird!


Fortsetzung folgt …

Wer oder was beobachtet Carmina?
Wie passt die Professorin Xenja Janova und Doktor Dorguss in dieses Höllenspiel?
Was ist der Schlund?
Und was wird aus Doug, Alonso Ibarra Gutiérrez und den restlichen Söldnern im Frachtraum dieses uralten H34-Kampfhubschraubers?


Folge 3 trägt den Titel ABSTIEG IN DEN HORROR-SCHLUND!

Lest das hammerharte Action-Finale der Start-Trilogie des großen Zauberspiegel-Gruselabenteuers!

Remedias D`Isasters Serie startet gerade erst durch!

 

Zur Einführung: hier
Zu Teil 1:
Douglas "Doug" Darkest - Erbe der Schattengötter

 

 

 

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