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Wie ein Leonard Hofstadter zu einer Penny kommt - 2. Julien Blanc, George Clooney und Rainer Brüderle

Wie ein Leonard Hofstadter zu einer Penny kommtWie ein Leonard Hofstadter zu einer Penny kommt
2.
Julien Blanc, George Clooney und Rainer Brüderle

Bei meinem letzten Aufsatz habe ich mich Menschen gewidmet, die vorgeben, Vampire (bzw. Vampyre) zu sein. Das Thema dieser Abhandlung mag man deuten als „Vampire, die vorgeben, Menschen zu sein“.

Aber zäumen wir das Pferd mal von vorne auf und sehen wohin uns das führt:


„I think it's so cute and I think it's so sweet,
how you let your friends encourage you to try and talk to me,
but let me stop you there,
oh, before you speak

Thank you in advance, I don't wanna dance (nope!).
I don't need your hands all over me.
If I want a man, then I'mma get a man,
but it's never my priority.

All my ladies listen up:
If that boy ain't giving up,
lick your lips and swing your hips,
girl, all you gotta say is:
‚My name is no
My sign is no
My number is no
You need to let it go ‘“
(Meghan Trainor: „No“)


Da haben wir eine Stern- Reporterin namens „Laura Himmelreich“, 29 Jahre jung, selbstbewußt und schon einmal für den „Deutschen Reporterpreis“ nominiert, und da haben wir einen verheirateten, gleichfalls selbstbewußten FDP- Vorsitzenden im Rentenalter, der „Rainer Brüderle“ heißt. Ihre Aufgabe ist es, für ihr Magazin möglichst relevante politische Statements von ihm zu bekommen, und er hat am Abend des Dreikönigtreffens 2013, wo alle Pflichtveranstaltungen beendet, und der Tanz eröffnet sind, nicht mehr wirklich Lust dazu. Vor diesem Hintergrund macht er ihr gegenüber eine Bemerkung, die sich zu einem bundesweiten Skandal ausweiten soll.

Was hat Herr Brüderle angestellt? Nun, ursprünglich wird er wohl einfach nur Konversation gemacht haben, und das auf die simpelste Politikerart: Er fragt sie, wo sie herkommt, und sie antwortet mit: „München“. Aha! Schon beginnt es zu rattern in seinen Grauen Zellen: Das Erste, das einem Nichtbayern zu „München“ einfällt, ist: „Oktoberfest“. Aber natürlich kann er eine Münchnerin nicht fragen, ob sie schon einmal auf dem Oktoberfest gewesen ist! Also rattern die Grauen Zellen weiter… Und was fällt jemandem als erstes zu „Oktoberfest“ ein, der noch nie Wucherpreise für eine Maß zahlen oder eine Ewigkeit in der Schlange vor dem Klo stehen mußte? Richtig: „Dirndl“! Also hält es Herr Brüderliche vermutlich für ein höfliches und artiges Kompliment, wenn er meint, Frau Himmelreich würde in einer mit ihrer Heimatstadt verknüpften Tracht gut aussehen.

Was bei ihr freilich ankommt, ist, daß sie einen Dirndl „gut ausfüllen“ würde – Auch das ist ein Kompliment, aber eines der eindeutig frivolen und nicht sehr wohlerzogenen Art! Zumal er ihr dann auch noch auf die Oberweite geguckt haben soll (was freilich auch ein harmloses Senken der Lider oder des Kopfes gewesen sein mag). Es kommt zu einem Skandal- Artikel im Stern, der sich zu einer bundesweiten Debatte auswächst. Zum einen wird Frau Himmelreich gefeiert als jemand, der endlich mal den Blick auf den ganz alltäglichen Sexismus in Deutschland gelenkt habe, zum anderen ist von einer politischen Hetzkampagne gegen die FDP die Rede (obwohl zur selben Zeit auch Frauenfeindlichkeit in der Piratenpartei angeprangert wird). In einer der zahlreichen Talkshows, die sich diesem Thema im Anschluß widmeten, äußert sich dabei Anne Wizorek (die als Initiatorin von #Aufschrei mit dazu beigetragen hat, die Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren), daß Frau Himmelreichs Reaktion vermutlich eine andere gewesen wäre, hätte ihr nicht Rainer Brüderle, sondern George Clooney das anzügliche Kompliment gemacht.

Und da sind wir auch schon bei einem Kernproblem, das in eben jener Talkshow (moderiert von Günther Jauch) am Rande auch angeschnitten wurde: Bestimmt die Tat, oder bestimmt der Mensch, was Sexismus ist? Und würde in einer Sexismus- freien Gesellschaft „aus dem Stier ein Ochse“ werden, wie es Frau Himmelreichs Kollegin Wibke Bruhns in der selben Sendung nahegelegt hat? Mit anderen Worten: Wenn es der oder die „Richtige“ ist, darf ein bißchen Sexismus – auch zum Zwecke der Arterhaltung – ruhig sein, aber wenn es vom „Falschen“ kommt, demütigt es und hält von Wichtigerem ab.

Diese Einstellung findet ihren Niederschlag auch in der Tonkunst. Da haben wir zum Beispiel eine Meghan Trainor, die ihren weiblichen Hörern rät, einen männlichen Verehrer mit dem Wörtchen „No!“ auf Distanz zu halten. Das ist an sich nichts Verwerfliches, denn jeder hat das Recht, sein Leben selbst zu bestimmen. Allerdings hielt es Frau Trainor für angebracht, im Text- Intro zu erwähnen, daß dieser Kerl erst einmal von seinen Freunden ermutigt werden mußte, und das gibt dem Ganzen einen faden Beigeschmack: Wird der Romeo nun abgelehnt, weil die Dame wirklich nicht auf zwischenmenschlichen Kontakt aus ist? Oder nur, weil er erst einmal den Zuspruch seiner Kumpel gebraucht hat?

Die Mädels von Andreas Dorau und den Marinas auf jeden Fall erhören in dem Stück „Junger Mann“ nur den Typen, der gleich forsch zur Sache geht. Und tatsächlich scheint der untreue Don Juan gar nicht mal so unbeliebt zu sein, wenn man Diana Ross folgt:

„Respectfully I say to thee, I‘m aware, that you‘re cheating, but no one makes me feel like you do.“

Und der kann dann mit Rosenstolz zu Recht behaupten:

„(Ich) War bestimmt nicht immer treu, doch ich hab‘ dich nie betrogen… Das bin ich. Das allein ist meine Schuld.“

Es gibt im Deutschen ein Sprichwort, in dem der Teufel und der größte Haufen vorkommen. Wenn wir diese drei (bzw. vier) Lieder als Grundlage nehmen, scheint das auch für den Erfolg beim anderen Geschlecht zu gelten. In letzter Konsequenz könnte dies darauf hinauslaufen, daß George Clooney und Leonardo di Caprio einen Harem von je zwei Milliarden Frauen hätten, und Emma Watson und Emilia Clarke je einen mit zwei Milliarden Männern. In der Tat gibt es ähnliche Verhältnisse bei unseren nahen Verwandten, den Schimpansen: Dort versammeln sich die Weibchen um ein dominantes Männchen, während die unbeweibten Nerds als Junggesellen- Banden durch die Gegend marodieren.

Klar, daß dieser Zustand für einen Großteil der Weltbevölkerung ausgesprochen unbefriedigend wäre. Aber wir sind nun mal keine Schimpansen, und auch keine Australopithecinen mehr. Der Mensch hat die Fähigkeit erworben, sich über seine Instinkte zu erheben (auch wenn er sie viel zu selten nutzt). Er kann sie sogar dazu verwenden, den Instinkten selbst ein bißchen auf die Sprünge zu helfen. Etwa, um nicht mehr zu den Singles zu gehören, die in Cliquen Gleichgeschlechtlicher die Savanne heimsuchen. Schließlich gibt es interessantere Themen, als zu untersuchen, wer gerade mal wieder die Kokosnuß geklaut hat.

Und schon wären wir angelangt bei den sogenannten „Pick Up Artists“. Ihnen ist es zwar auch nicht gegeben, aus einem Rainer Brüderle einen George Clooney zu machen, aber zumindest können sie ihm ein paar Tricks beibringen, die bewirken, daß einer Laura Himmelreich der Unterschied gar nicht auffällt. Flirtprofis also! Einen „Pick Up Artist“ kann man sich am besten als einen der Aufreißer vorstellen, die man aus der Disco kennt, wo sie sich von Frau zu Frau vorarbeiten. Unterschiede bestehen höchstens darin, daß ein Pick Up Artist große Teile seiner „Kunst“ „erlernt“ hat, beispielsweise durch einen Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten.

Laut Stern.de  wurde die Community der „Frauenflüsterer“ (Pöhm) von einem Ross Jeffries begründet, der ein erstes Buch zum Thema Verführung geschrieben hat („Speed Seduction“). Dem folgte eine News- Group seines Schülers De Lewis Payne, eine Reality- TV- Show und schließlich der Bestseller von Neil Strauss „The Game“ (deutsch: „Die perfekte Masche“), die mehr und mehr die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit weckte.
Es gibt übrigens auch „Männerflüsterinnen“. Diejenige auf Woman.at reißt freilich keine Zufallsbekanntschaften auf, sondern befaßt sich mehr damit, daß die Dame in bereits existierenden Partnerschaften genügend Zuwendung bekommt („Männer sind die Krieger, die das umsetzen, was Frauen möchten.“ und „Machen Sie ihn zum König, damit er Sie zur Königin macht!“). Dafür mag die auf Stern.de  als gutes Beispiel dafür dienen, daß auch die Herren nicht davor gefeit sind, als „Beute“ betrachtet und behandelt zu werden. Die weibliche „Pick Up Artistin“ Ardan Leigh legt zwar Wert darauf, nicht mit ihrem männlichen Pendant Julien Blanc, der „eine ganze Szene in den Dreck gezogen“ habe, in einen Topf geworfen zu werden, und propagiert stattdessen: „Frauen müssen eben auch klar sagen, was sie sich wünschen.“ Aber dann wiederum beläßt sie es nicht dabei, sondern hat ebenfalls ein ganzes Buch auf den Markt gebracht, wie man lernt, das andere Geschlecht zu verführen – Einfach „man selbst“ zu sein, reicht offenbar auch bei ihr nicht. Und die „Berliner Persönlichkeitstrainerin Sophia Lierenfeld“ schildert dann auch einen Fall, in dem ein rücksichtsloser Aufreißer „einfach weitergemacht“, und so sein Opfer gegen dessen Willen rumgekriegt habe (siehe Stern.de).

Was den erwähnten Julien Blanc anbelangt, handelt es sich um einen von mehreren „Trainern“ der Firma RSD („Real Social Dynamics“), die Seminare abhält, wie Männer Frauen kennenlernen können. „Ozzy“, ein weiterer Coach dieser Firma, der in Deutschland aktiv werden wollte, hat ein Buch namens „The Physical Game – Wie man Frauen physisch führt und ins Bett kriegt“ geschrieben. Blanc selbst hat ein Video ins Netz gestellt, in dem er seine Techniken in Japan in der Praxis demonstriert. „In Tokio kannst du als weißer Mann machen, was du willst. Ruf einfach ‚Pokémon!‘ oder ‚Pikachu!‘ und greif‘ sie dir“, prahlt er dabei, und „Ich lief durch die Straßen und zog ihre Köpfe an meinen Schwanz“. Ob die Szenen, die sich darauf beziehen, echt oder gestellt sind, kann ich nicht beurteilen (Ausschnitte sind zu sehen auf Youtube, doch soll er auch Videos unter dem Hashtag „#ChokingGirlsAroundTheWorld“ verbreiten, und in einem weiteren Mitschnitt soll er eingestanden haben, „eine Frau gegen deren Willen penetriert“ zu haben.

Egal, ob Blanc nun ein Grabscher, Würger und Vergewaltiger ist, oder auch nur ein Großmaul und Möchtegern, er hat auf jeden Fall für einige Furore gesorgt. Politikerinnen von SPD und Grünen setzen sich dafür ein, Aktivitäten des RSD auf deutschem Boden zu verhindern. Von „sexualisierte(r) Gewalt an Frauen“ ist die Rede, „gewaltverherrlichende(n) Bootcamps“, einer Ideologie, die „in gräßlicher Weise gegen eine auf Gleichstellung und Vielfalt geprägte Gesellschaft“ verstößt und Inhalte, die „ein offener Aufruf zur Mißhandlung und Erniedrigung von Frauen“ seien, mit dem Zweck, „zu Straftaten aufzurufen und Frauen ihrer Menschenwürde zu berauben“. Selbst in seriösen Zeitungen werden die „Pick Up Artists“ en gros mit „Vergewaltigungs- Befürwortern“ (Kölner Stadt- Anzeiger) gleichgesetzt, die „sexuelle Gewalt als Geschäftsmodell“ (Spiegel Online) betreiben. Australien, Brasilien und Großbritannien haben Herrn Blanc bereits zur unerwünschten Person erklärt, und Kanada prüft derzeit, ob man RSD- Coaches die Einreise verweigern soll.

Freilich hat sich die Szene auch gegen Unterstellungen gewehrt, daß hier Frauen erniedrigt oder gegen ihren Willen ins Bett gezwungen werden würden. Tatsächlich hat Blanc die Würge- Fotos als „taken out of context“ entschuldigt auf Youtube, und der Kommentator auf Youtube meint, er wäre nicht „der rammelnde Hitler“, sondern einfach nur ein „Arschloch“, für den ein Einreiseverbot (wie es beispielsweise bei Terroristen verhängt wird) deutlich übertrieben wäre.

Was also hat es mit diesen „Date Doctors“ auf sich? Machen sie sich um die Menschheit verdient, indem sie männlichen Mauerblümchen die Techniken vermitteln, die erfolgreiche Womanizer schon seit Menschengedenken anwenden? Bringen sie vollkommen uneigennützig die Leonards an die Pennys? Oder sind es doch eher Mänaden mit Gonaden?

Ich habe mir zwei Ratgeber aus der Szene zu Gemüte geführt, um mir selbst ein Bild zu verschaffen..

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Kommentare  

#1 Laurin 2016-05-26 13:07
Na, das ist doch mal ein gelungener Artikel. Hut ab.
Schon in jungen Jahren lernte ich, dass man ja nicht auf "lieben Kerl" machen durfte, wenn man denn mal eine "Freundin" haben wollte. Die Weiblichkeit klopft dir zwar als "guten Freund" auf die Schulter, an der man sich dann gegebenenfalls auch ausheulen kann, aber ins Bett stiegen sie dann doch eher mit der nächsten frechen Schnauze von Kerl, weil der ja so was von Interessant ist. Da hat Frau Wizorek durchaus auch den Nagel auf den Kopf getroffen mit ihrem Vergleich zwischen Brüderle und Clooney. Allerdings sollte für einen Mann auch spätestens das zweite "Nein" Anlass geben, sich nach lohnenderen Möglichkeiten Ausschau zu halten, sonst kann es ein langweiliger Abend werden. Aus solchen schon früh gemachten Erfahrungen hält sich mein "Aufschrei" bzw. meine "Empörung" schlicht in diesem Punkt in Grenzen und beginnt dort, wo Gewalt ins Spiel kommt, weil Mann zu blöde ist, auch noch das zwanzigste "Nein" nicht zu akzeptieren. Bei Fr. Himmelreich dürfte Brüderle allerdings mit seiner unüberlegten Äußerung für den Artikel ihres Lebens gesorgt haben. Da können Reporterinnen schon aus Gründen der eigenen Karriere glatt zum Minenfeld für die Wortwahl werden. ;-)
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