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Kurt Luifs HEXENGLAUBEN (Teil 30)

Kurt Luif's HexenglaubeIn  dieser letzten Folge unserer Serie

HEXENGLAUBEN
(Teil 30)

lassen wir nochmals Hans Biedermann zu Wort kommen. Wir bringen einige Zitate aus seinem Buch „Hexen" und zwar aus dem Kapitel „Oberschau und Rückblick".

Der Leser wird sich am Ende die Frage stellen, was sich aus all den verschiedenartigen Mosaiksteinen für ein Gesamtbild zusammenfügen läßt.


"„Hexen" sind den meisten Mitteleuropäern sonst nur aus den Märchen und Sagen oder aus den Büchern bekannt, die sich mit den „Ausgeburten des Hexenwahnes" beschäftigen. 

Der Leser wird sich am Ende die Frage stellen, was sich aus all den verschiedenartigen Mosaiksteinen für ein Gesamtbild zusammenfügen läßt. „Hexen" sind den meisten Mitteleuropäern sonst nur aus den Märchen und Sagen oder aus den Büchern bekannt, die sich mit den „Ausgeburten des Hexenwahnes" beschäftigen.
Hier aber wurde gezeigt, daß schon die klassische Antike Hexen kannte, daß zahlreiche Rituale fremder Kulturen in vieler Hinsicht an das europäische Hexenwesen erinnern und daß es auch in unserer aufgeklärten Zeit Menschen gibt, die sich zu den dunklen Geheimnissen dieser urzeitlich wirkenden Geheimzeremonien hingezogen fühlen. All dies zwingt dazu, das übliche Bild vom Hexenwesen zu revidieren, das sich etwa so formulieren läßt: Hexen gibt es nicht, und daher sind alle, die anderer Ansicht waren oder noch immer an sie glauben, abergläubische Irre oder (wenn sie die Hexen bekämpfen wollen) geistesgestörte Sadisten.

Der Hexenglaube und die Auseinandersetzung mit ihm gehört ohne Zweifel zu den aufschlußreichsten Kapiteln der Ideengeschichte; aber euch das ganz verschiedenartige Bild, das sich Forscher und Schriftsteller der Neuzeit vom Hexenwesen machen, läßt auf ein breitgefächertes Spektrum von auf  ihre Weise aufschlußreichen Grundhaltungen rückschließen.

Da ist zunächst die Ansicht, daß an der Hypothese der Inquisitoren von einer organisierten, antichristlichen Hexensekte nicht ganz gezweifelt werden könne. Das Hexenwesen habe eine reale Gefahr für die Ordnung des Abendlandes dargestellt, seine Bekämpfung sei unerläßlich gewesen. Es läßt sich kaum von der Hand weisen, daß eine Einstellung dieser Art in erster Linie konzipiert wurde, um die Inquisition von dem Vorwurf der unbegründeten Grausamkeit loszusprechen und reinzuwaschen. Eine andere Ansicht ist jene, die schon in der Renaissance vertreten wurde: Es habe sehr wohl Menschen gegeben, die sich als Hexen fühlten, aber das seien Geisteskranke gewesen.

Die Meinung des Autors, auch im „Handlexikon der magischen Künste" angedeutet, geht dahin, daß der Hexenglaube als komplexes Gebilde aus vielfachen Wurzeln anzusehen ist. Nicht alles, was in Form von „Geständnissen“ vorliegt, scheint bloß durch Folter den Hexen in den Mund gelegt worden zu sein, sondern eine Spur von echtem „Underground". Traditionsgut muß in der Tat eine Rolle gespielt haben. Dabei handelt es sich nicht einfach um ein Fortleben der vorchristlichen Kulte, sondern um die Existenz eines Teiles der alten Gepflogenheiten, der bereits vor der christlichen Missionierung geheimgehalten worden war. Da ist das vielfach als anstößig bezeichnete Wissen der Weisen Frauen, die über die Durchführung magischer Künste Bescheid wußten, und da sind wohl auch im verborgenen zelebrierte Höhlenrituale im Dienste der Fruchtbarkeit. Ekstase-Riten scheinen nicht gefehlt zu haben. Als Surrogat kam später die geträumte Walpurgisnacht mit Hilfe giftiger Drogen hinzu. Der Grundton ist rauschhaft-dionysisch, ein echtes Ärgernis für den sittenstrengen Vertreter der etablierten Ordnung.

Wir können annehmen, daß nicht alle „Hexen" Europas den Inquisitoren in die Hände fielen. Bei jenen Unglücklichen, die aufgespürt wurden (oder die man aufgespürt zu haben glaubte), faßt sich bestimmt nur ein Bruchteil der Anklagepunkte in der Tat auf eine faktische Evidenz im. Sinne des früher Gesagten zurückführen — der Rest erklärt sich aus der paranoischen Angst der Gesellschaft vor dem Magischen, daneben auch aus Mißgunst, Gehässigkeit und Mangel an Mitgefühl der Zeitgenossen den Außenseitern gegenüber. Ist es zulässig, wenn wir von den Menschen des 16. Jahrhunderts mehr Humanität verlangen, als sich im Märchen von Hansel und Gretel und der verbrannten Knusperhexe widerspiegelt? Von der Hexe nahm jeder an, daß sie mit dem Satan im Bunde stand, kleine Kinder schlachtete und unsagbare Greueltaten vollbrachte,  die sie als nicht mehr mit dem normalen menschlichen Maß meßbar erscheinen ließen. Mitgefühl  mit ihrem  Leiden  zu verlangen, wäre meist ebenso hoffnungslos erschienen, als von Kindern zu erwarten, dem bösen Wolf oder den gefährlichen Drachen der Märchen mit Tierliebe zu begegnen. Die Gesellschaft glaubte sich im Recht, wenn sie „Infektionsherde des Satanischen“ ausbrannte.

Die Spur jener Hexen aber, die im geheimen offenbar tatsächlich  dunkle Riten  pflegten, können wir heute besser erkennen, als dies vor einigen Jahrzehnten möglich war. Vergleichsmaterial aus fremden Kulturen, die Kenntnis der Drogenwirkung und die Wiederbelebung des Wicca-Kultes stellen uns in ihrer Gesamtheit  Deutungsmöglichkeiten  zur Verfügung, die ernstgenommen werden sollten. Wir dürfen nicht verkennen, daß unsere eigene Epoche in geistesgeschichtlicher Hinsicht ebenso von  Erschütterungen, Skepsis und  „Aberglauben" gekennzeichnet ist wie jene um den Dreißigjährigen Krieg. Was bei oberflächlicher  Betrachtung glatt und problemlos erscheint, offenbart dem einfühlenden Betrachter immer wieder Abgründe, deren Tiefe an der Tragfähigkeit des Gebäudes der Alltags-Weltordnung zweifeln läßt.
 
Damit endet unsere Hexenglauben-Artikel-Reihe…
Copyright by © Kurt Luif 1977 + 2011

 

Kommentare  

#1 McEL 2011-02-14 16:57
Lieber Kurt,
alles in allem Glückwunsch und Dank für die immense Arbeit, die du dir mit der Serie gemacht hast!!!! Ich habe sie gern gelesen.

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