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... Dietmar Kuegler über Ledger Books, Zeichnungen und die Folgen

Dietmar Kuegler... Dietmar Kuegler ...
... über Ledger Books, Zeichnungen und die Folgen

»Dog Soldiers« (zur Vorstellung des Buches) ist ein ungeheuer spannendes Sachbuch über eine unterschätzte Kultur und deren Art Geschichte zu schreiben, das Dietmar Kuegler in der Druckversion in seinem Verlag für Amerikanistik verlegte. Die Druckversion ist leider vergriffen. Dem Semitarius Verlag ist es zu verdanken, dass der Text wieder als eBook vorliegt. Wir haben Dietmar Kuegler fünf Fragen zum Text gestellt, die er gewohnt ausführlich und kompetent beantwortete.


Ledger BookZauberspiegel: In den Texten ist immer wieder von einem Ledger Book die Rede. Was ist denn so ein „Ledger Book“?
Dietmar Kuegler: Das ist, simpel ausgedrückt, ein „Kassenbuch“, ein Buch, das für die Buchhaltung benötigt wurde. Von einem Generalstore, einer Indianeragentur, einem Armee-Trader, einem Quartermaster Sergeant.
Darin wurden Warenbestände notiert, Warenausgänge, Wareneingänge, Einkäufe und Verkäufe, Bestellungen.
Diese „Ledgerbücher“ lagen in Geschäften, Lagerhäusern und Büros herum – und wurden von den Indianern schlichtweg „geklaut“. Sie ließen diese Bücher gern „mitgehen“, wenn sie in einer Reservationsagentur ihre monatlichen Rationen abholten, wenn sie im Handelsposten eines Forts einkauften oder Tauschhandel betrieben.
Da sie sahen, daß die weißen Männer Eintragungen in diesen Büchern vornahmen, haben sie sie schließlich als Grundlage für ihre Piktographien benutzt.
In früheren Zeiten malte ein Krieger seine Taten und wichtige Ereignisse seines Lebens auf Tierhäute. Das Prinzip war im Grunde dasselbe.
Indianer waren – wie alle Kulturvölker – anpassungsfähig, und sie verstanden die Vorteile von Papier, also wurden ab den 1860er Jahren die Ledger-Bücher das Medium für ihre Bilddokumentationen.

Durch einen Kugelhagel (Ehrsopa ghi veho-mau-hozt)Zauberspiegel: Deshalb sind die Zeichnungen also auf linierten Hintergrund?
Dietmar Kuegler: Genau. „Ledger“ heißt im Grunde übersetzt auch „Linien“. Die Kassenbücher waren liniert, hatten manchmal auch Seitenzahlen eingedruckt, und gelegentlich sogar Buchhaltungskategorien wie „Einnahme“ und „Ausgabe“.
Das hat die Krieger-Künstler nicht gestört. Sie haben die Bücher in der Regel quergelegt und dann ihre Piktographien gemalt. Man findet gelegentlich sogar Ledgerzeichnungen, die über Kassenbucheintragungen gemalt worden sind.
Das hier vorliegende Ledger-Buch stammt aus der Zeit von 1865 – 1869. Damit ist es das bisher älteste Dokument dieser Art.
Während es bei den piktographischen Zeichnungen eine gewisse Symbolik gab – die in unserem Buch auch aufgelistet und erklärt wird – waren die Farben allerdings nicht so wichtig.
Die Krieger-Künstler arbeiteten mit Buntstiften, und auch die hatten sie meistens aus Läden oder Lagerhäusern mitgehen lassen. Sie nahmen, was sie kriegen konnten. Es wurden also die Farben verwendet, die verfügbar waren. Deswegen kann es auch gelbe oder grüne Pferde geben.
Während die farbliche Symbolik bei anderen handwerklichen Arbeiten, bei Perlenstickereien, Quillarbeiten, Hemdbemalungen, usw. durchaus eine bedeutende Rolle spielte, waren die Farben bei den Piktographien nicht so wichtig. Hier waren die Darstellungen bedeutsam.

Angriff auf die Donnerwagen (Zi ahia zi doist no-no-mahi amoi-i-niyo)Zauberspiegel: Was heißt, die Autoren haben den „Code geknackt“?
Dietmar Kuegler: Indianer sind – wenn man unsere westlichen Kriterien zugrunde legt – schriftlose Völker. Piktographien – auch Petroglyphen (Felszeichnungen) – wurden als „naive Kunst“ gesehen, denen jahrzehntelang keine tiefere Bedeutung beigemessen wurde.
Sowohl Piktographien auf Tierhäuten als auch die Ledger-Books lagen über ein Jahrhundert in Archiven herum. Nur wenige Wissenschaftler haben sich damit beschäftigt. Man vermutete zwar, daß diese Zeichnungen mehr als „Kunst“ sind. Im besten Fall aber wurden sie als persönliche „Tagebücher“ gesehen, in denen Krieger sich selbst dargestellt hatten. Man hielt es aber für unmöglich, daß diesen Zeichnungen eine große Exaktheit zugemessen werden müsste. Auf die Idee, sie mit den schriftlichen Aufzeichnungen von Armeeschreibern, von offiziellen Texten, von Zeitungsberichten zu vergleichen kam niemand. Dafür galt dieses „Gekritzel“ den meisten Wissenschaftlern als zu unfundiert und unspezifiziert. Und da ihnen nur ein individueller Wert zugemessen wurde, wurden sie in eine übergreifende Geschichtsschreibung nicht einbezogen.
Als die beiden Autoren – Dr. Halaas und Dr. Masich – anfingen, sich mit dem Sand Creek Massaker und den folgenden Kriegszügen der Cheyenne zu beschäftigen, fiel ihnen das Ledger-Book der Dog Soldiers in die Hände, das bei Summit Springs von der Armee erbeutet wurde. Auch sie hielten es zunächst nur für ein interessantes Ausstellungsstück.
Eine Kollegin von ihnen, die für die Colorado Historical Society arbeitete hatte sich früher damit beschäftigt und drückte ihre Meinung aus, daß diese Piktographien eine tiefere Bedeutung haben müssten.
Dieser Hinweis wurde von den Cheyenne-Kontaktleuten, mit denen Halaas und Masich sprachen, nicht nur bestätigt. Diese Menschen – meist Nachkommen von Sand-Creek-Opfern – bestanden nachdrücklich darauf, daß diese Zeichnungen ein Schriftersatz ihrer Vorfahren waren. Allerdings konnten sie den Inhalt nicht deuten.
Hier setzte die Arbeit der beiden Autoren an.

Zauberspiegel: Was bedeutete das?
Dietmar Kuegler: Die Piktographien wurden unter diesem neuen Aspekt mit anderen Augen gesehen. Die Autoren fingen an, jedes Detail in den Piktographien zu untersuchen und stellten fest, daß von „naiver Kunst“ keine Rede sein konnte. Die Darstellungen mochten nicht den klassischen Malereien unserer Kunstakademien entsprechen, aber sie waren von atemberaubendem Detailreichtum.
Über den Köpfen vieler dargestellter Krieger waren „Names Glyphs“ zu sehen, also Namenszeichen, wonach man den jeweiligen Krieger identifizieren konnte.
Bekleidung und Ausrüstung der Krieger waren exakt wiedergegeben – Haarschmuck, Armreifen, Leggings, Hemden, Brustbehänge und natürlich die Waffen. Auch die Pferde waren mit ihrer ganzen Ausstattung genau dargestellt.
Das gleiche galt für die Gegner der Krieger – weiße Soldaten und Zivilisten. Damit war klar, daß diese Piktographien tatsächlich keine „künstlerischen Phantasien“ waren, sondern eine Art Dokumentation.
Nur: Was wurde damit dokumentiert?
Der Knackpunkt kam nach Wochen, als Andrew Masich eine Zeichnung untersuchte, auf der zu sehen war, wie ein weißer Soldat vor zwei Cheyenne-Kriegern auf eine Befestigung zu flüchtete.
Da lag ein Gewehr am Boden, das einen 90 Grad abgeknickten Lauf aufwies. Das konnte nur ein Smith-Karabiner sein, ein Gewehr aus dem Bürgerkrieg. Nur bei diesem Gewehr konnte man den Lauf um 90 Grad abknicken.
Jetzt galt es herauszufinden, wo diese Gewehre eingesetzt waren. Es hatte ca. 90 Karabiner-Modelle während des Bürgerkrieges gegeben. Die meisten waren nach dem Krieg ausgemustert worden. Die Autoren fanden heraus, daß die Smith-Karabiner nur noch bei wenigen Kompanien in wenigen Regimentern nach dem Krieg zu finden waren. Und eine dieser Kompanien war bei Julesburg (Colorado) eingesetzt. Die Stadt Julesburg war von den Dog Soldiers belagert und niedergebrannt worden.
Das war die erste Spur. Danach wurden die Armeeberichte der Belagerung von Julesburg durchgesehen. Und siehe da: Es gab einen Vorfall, bei dem ein Soldat das Fort verlassen hatte und von Cheyenne-Kriegern verfolgt wurde. Er flüchtete letztlich zu Fuß, wurde zweimal verwundet und konnte sich retten. Dieser Soldat kam aus einer Kompanie, die den Smith-Karabiner führte.
Das war – um es kurz auszudrücken – der geplatzte Knoten: Genau diese Szene, in einem offiziellen Armeebericht niedergeschrieben, war in der Cheyenne-Piktographie zu sehen. Jetzt kannte man den Namen des Soldaten, man kannte das exakte Datum des Vorfalls, man wußte, welche Krieger der Cheyenne beteiligt waren. Und man wußte, die Ledger-Buchzeichnungen stammten aus dem zeitlichen Umfeld der Angriffe auf Julesburg.
Von jetzt an ging es Zeichnung für Zeichnung weiter. Immer wieder wurden Armeereports und Zeitungsberichte, sowie Briefe von Zeitzeugen herangezogen, und jede Szene, die die Cheyenne aufgezeichnet hatten, ließ sich schriftlichen Zeugnissen zuordnen.
Dabei erwiesen sich die Piktographien teilweise als noch genauer als die „klassischen“ Dokumente.

Zauberspiegel: Und die Folgen?
Dietmar Kuegler: Die Cheyenne-Kultur erschien plötzlich in einem anderen Licht. Die stammeseigenen Überlieferungen erhielten ein Fundament, erhielten Gesichter. Der militärische Komplex wurde mit einer Klarheit skizziert, wie es bislang nicht möglich gewesen war, und die Führungsstrukturen der Kriegszüge in den 1860er Jahren konnten personalisiert werden.
Ein „Nebeneffekt“ war, daß die gesamte Sand-Creek-Geschichte plötzlich viel ernster genommen wurde. Im Gefolge der Entschlüsselung der Cheyenne-Piktographien wurde die Geschichte rings um das grauenvolle Massaker wieder in die breite Öffentlichkeit gezogen. Die Cheyenne erschienen plötzlich nicht mehr als primitive „Wilde“, die einer gerechten militärischen Bestrafung zugeführt worden waren. Ihr zivilisatorischer Level wurde anerkannt, und ihre Geschichten wurden aufmerksamer aufgenommen.
Um die Sache kurz zu fassen: Colonel John Chivington wurde in der Öffentlichkeit als der Schurke erkannt, der er war. Das Parlament von Colorado nivellierte offiziell posthum zahlreiche Ehrungen, die ihm zu Lebzeiten zuerkannt worden waren. Intensive Untersuchungen setzten ein – die zu Teilaspekten noch immer im Gang sind. Das Massaker-Feld im Süden Colorados wurde von Präsident Clinton im Jahr 2000 zum Nationalmonument erhoben – ein unglaublicher bürokratischer Akt, der die Wirksamkeit dieser Veröffentlichungen belegt.
Die Geschichte Colorados wurde zum Teil umgeschrieben. Die Methodisten-Kirche, deren Prediger und Vorstandsmitglied Chivington war, rang sich zu einer offiziellen Entschuldigung bei den Cheyenne durch und hat zum 150. Jahrestag des Massakers eine selbstkritische Analyse zu dem Vorfall veröffentlicht.
Die Universität von Colorado, die von dem damaligen Gouverneur Evans gegründet wurde, hat eine Studie zur Rolle des Gouverneurs bei dem Massaker erarbeiten lassen, die im vorigen Jahr fertig geworden ist.
Der 150. Jahrestag des Massakers wurde von Regierung Colorados mit großem Aufwand zelebriert. Trauerkundgebungen fanden im ganzen Staat statt.
Jedes Jahr findet unter Anteilnahme des größten Teils der Bevölkerung ein Gedenklauf der Cheyenne statt, der von der Northern Cheyenne-Reservation in Montana bis zum Sand Creek im Süden Colorados führt. (Dieser Gedenklauf ist sogar durch offizielle Straßenschilder öffentlich angezeigt.)
Es hat sich viel bewegt. Die Arbeit an diesem Buch hat viel ausgelöst. In vielen Staaten der USA sind danach Wissenschaftler in die Archive gestiegen und haben nach alten Ledger-Büchern gesucht.
Viele davon sind inzwischen analysiert und veröffentlicht. Geschichtsschreibung aus der Sicht der Indianervölker selbst.
Das ersetzt natürlich nicht die historische und ethnologische Wissenschaft, aber es fügt der offiziellen Geschichtsschreibung ein bedeutendes Kapitel und einen riesigen Puzzlestein bei, der zu einem vollständigeren Bild führt.
Den Anfang jedoch bildete der „Ledger“ der Cheyenne Dog Soldiers. Den Anfang bildete die Arbeit von Dr. David Halaas und Dr. Andrew Masich.
Das hier vorliegende Buch ist gewissermaßen die „Volksausgabe“ des großen wissenschaftlichen Werks, das zu einer einzigartigen Quelle geworden ist.

Horst Hermann von Allwörden



Die Fragen für den Zauberspiegel stellte: Horst Hermann von Allwörden

 

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