A multimedia Event for Science Fiction, Fantasy & Horror - Teil 2
A multimedia Event for Science Fiction, Fantasy & Horror - Teil 2
02.-05. Juli 2026 im silent green Kulturquartier, Berlin
Das Gespräch war höchst unterhaltsam, wobei Riffel - selbst erfahrener Übersetzer - anschauliche Beispiele von guten wie schlechten Übertragungen erläuterte. Es ging also nicht nur um LeGuin, sondern auch um anspruchsvolle fantastische Literatur und wie sie über Sprachgrenzen hinweg funktioniert bzw. funktionieren sollte. Ein sehr gelungener Dialog, mit einem speziellen Blick auf die Auswirkungen der allgegenwärtigen Künstlichen Intelligenz.
Hannes Riffel im Gespräch mit Übersetzerin Karen Nölle
Nach diesem intellektuell anregenden Panel in der Kuppelhalle folgte dann der erste Tiefflug. Nun ja, selbst schuld! Den Programmpunkt „Der MADDRAX-Fanfilm und sein Making Of“ hätte ich mir eigentlich ersparen müssen, aber da ich selbst in meiner Schulzeit Amateurfilmchen auf Super8 fabrizierte, wollte ich zumindest mal einen Blick riskieren. Etwa zehn Minuten reichten aus, um zu erkennen, dass eine hochmotivierte Gruppe von MADDRAX-Fans offenbar viel Spaß gehabt hatte. Jedoch animierte das Ergebnis nicht unbedingt in die deutsche Heftroman-Serie reinzulesen, die immerhin schon seit 26 (!) Jahren publiziert wird. Man kann nicht alles mögen.
Nach der Mittagspause wurde es wieder wesentlich interessanter bei einem Panel, das sich als eine Art Fortsetzung des morgendlichen Gespräches über Ursula K. Le Guin herausstellte. Unter der kritischen Fragestellung „Generative AI and Publishing – A Bad Mix?“ unterhielten sich auf der Bühne der Kuppelhalle Cora Buhlert (Autorin, Dichterin, Übersetzerin und eine der wenigen – wenn nicht die einzige – Deutsche, die jemals mit dem Hugo als Best Fan Writer ausgezeichnet wurde), Neil Clarke (Herausgeber des renommierten SF-Magazins Clarkesworld, mehrfacher Gewinner des Hugo und des Locus Award als Best Editor), Mikko Rauhala (finnischer SF-Autor) und Sheri Singeling (Autorin und Forscherin) mit der Moderatorin Klaudia Zotzmann-Koch, Expertin für Datenschutz und IT-Security-Awareness. Mit weihevollen Worten wurde einmal mehr die Kraft der menschengemachten Übersetzung gefeiert. Auch Clarke, der mir schon auf meinen beiden letzten Worldcons in Seattle und Glasgow als eloquenter Redner aufgefallen war, stimmte in das Anti-KI-Klagelied mit ein. Kein Wunder – schließlich wurde sein Magazin Clarkesworld schon 2023 mit minderwertigen KI-generierten Kurzgeschichten überschwemmt (500 pro Monat, statt der sonst üblichen 10). Auch die anderen Panelteilnehmer schnaubten verächtlich über die „hölzernen“ und „fehlerhaften“ Übersetzungen, wobei über allem spürbar der Hauch des Todes schwebte. Klar, gibt es KIs, die an spezifischen, wissenschaftlichen Fachtexten oder poetischen Wortschöpfungen scheitern – aber wie lange noch? Entsprechend forsch konfrontierte beim Q&A Michael Schneiberg das Panel mit der Frage, warum die KI denn in Bausch und Bogen verdammt werde. Gerade in der Science Fiction sei doch eher Weitsicht wünschenswert und Konzepte, wie sich die KI sinnbringend in unsere Gesellschaft integrieren ließe. Doch das Panel mauerte. Mopsig stellte Moderatorin Zotzmann-Koch die Gegenfrage, ob er denn lieber eine KI statt eines Menschen als Chef hätte. Darüber hätte Michael gerne mit den Panel-Teilnehmern diskutiert, doch er wurde etwas brüsk übergangen und so blieb es am Ende beim üblichen KI-Bashing.
Nicht ganz oben auf meiner Liste stand ein Programmpunkt aus der Programmschiene des PAN (Phantastik-Autoren-Netzwerk), doch es interessierte mich die Atmosphäre in den sogenannten Ateliers, mittelgroßen lichtdurchfluteten Veranstaltungsräumen in einem langestreckten Verbindungsbau zwischen Beton- und Kuppelhalle, die noch am ehesten an die Konferenzräume auf Worldcons erinnerten. Im Atelier 1 hatten sich Hannah Brosch (Verlegerin und Spezialistin für Urban Fantasy), Christina Löw (Autorin/Lektorin) und Alessandra Reß (Autorin und Bloggerin) zusammengefunden, um in einem gut gefüllten Raum die Frage zu erörtern, warum im Filmbereich, in Theater und Musik Remakes oder Neubearbeitungen gang und gäbe sind, während in der fantastischen Literatur so etwas eher Seltenheitswert hat. Eine nicht wirklich drängende Frage, aber teilweise kam es zu recht spaßigen Überlegungen. Zunächst einmal wurden die Panel-Teilnehmer aufgefordert auf Zettel zu schreiben, welchen fantastischen Stoff sie gerne als „Remake“ lesen würden und nach einer allgemeinen Diskussion unter der Anleitung des literarisch kompetenten Panels wurden diese dann vorgelesen und besprochen. Ob man nicht mal FLÄCHENLAND von Edwin A. Abbott updaten könne, eine Satire auf das viktorianische England, die aus der Sicht eines Quadrats erzählt wird? Wie wäre es, wenn heute jemand Huxleys BRAVE NEW WORLD an die aktuellen Begebenheiten anpassen würde? Oder 1984 von Orwell? Wobei gleich eingeräumt wurde, dass Anthony Burgess so etwas bereits mit seiner „Extrapolation“ namens 1985 gemacht habe. Wie es so unter Fantastik-Freaks üblich ist, schäumte die Fantasie förmlich über, sodass es am Ende ein unterhaltsamer, netter Programmpunkt wurde.
Nach einem kräftigenden Abendessen außerhalb des Cons kamen wir etwas zu spät zur Dublin Bid Party, die im unteren Foyer der Betonhalle stattfand. Leider wurde das letzte Plastik-Schnapsglas gefüllt mit irischem Whiskey vor unserer Nase weggetrunken und so blieb es bei und einem Bierchen von der Bar und ein wenig Blabla über die Vorfreude auf den Worldcon in Dublin, der hoffentlich im August 2029 erneut in der irischen Metropole stattfinden wird (zum zweiten Mal nach 2019). Praktisch war, dass direkt im Kinoraum daneben eine „musikalische Lesung“ angekündigt war, die sich als weiterer Höhepunkt herausstellen sollte. Über 60 Minuten hinweg trug Alexander Finis die Kurzgeschichte „The Toynbee Convector“ (1984) von Ray Bradbury vor und wurde dabei live begleitet von einem kleinen Kammermusik-Ensemble aus Berlin, bestehend aus Lydia Paulos (Cello), Liz Talbert (Flöte) und Katrina Zosseder (Violine). Wir fläzten uns gemütlich in die bereitstehenden Fat Boys und lauschten der faszinierenden Geschichte eines Zeitreisenden, der aus dem Jahr 2100 in die (damalige) Gegenwart des Jahres 1984 zurückkehrt und Beweise vorlegt, dass es den Menschen in hundert Jahren gelingen wird ihre technischen Möglichkeiten zum Guten einzusetzen: Kriege, Umweltzerstörung und Krankheiten werden überwunden sein und die Menschen werden in einer besseren Welt leben. Als dann tatsächlich über hundert Jahre vergangen sind und der Zeitreisende im Alter von 130 von einem Journalisten interviewt wird, stellt sich heraus, dass dieser die ganze Geschichte mit der Zeitreise nur erfunden hatte! Die Menschen aber waren durch seine Erzählungen von der Zukunft so motiviert, dass sie begannen, diese Utopie in die Tat umzusetzen, was über ein Jahrhundert hinweg gelang. Der Journalist wiederum entschließt sich am Ende dazu, diese Wahrheit für sich zu behalten und die Welt mit dieser einzigartigen Lüge leben zu lassen – einer Lüge, die sich in ein Wunder verwandelt hat.
Da die Geschichte in Englisch vorgetragen wurde und Bradburys Sprache nicht gerade als simpel zu bezeichnen ist, musste man sich schon ein wenig konzentrieren, um dem Plot zu folgen, aber der Vorleser machte seine Sache sehr gut und die passend eingeflochtenen musikalischen Sequenzen erzeugten eine magische Stimmung, die Bradburys literarischen Qualitäten alle Ehre machten. Außerdem passte die Geschichte wie die Faust aufs Auge zum derzeitigen Zeitgeist, der Beschäftigung mit positiven Utopien in der SF und auch der Gesellschaft allgemein. Interessant war, dass es sich eigentlich gar nicht um eine echte SF-Geschichte handelte. Vielmehr ging um die Kraft des positiven Denkens und den Möglichkeiten sich selbst erfüllender Prophezeiungen, die Bradbury hier auf originelle Art und Weise umgesetzt hat.
Genervt hat aber dann doch, dass der Kinoraum genau neben dem Foyer mit der Bar lag, in welchem noch die Dublin Bid Party lief, sodass ständig unangenehme Störgeräusche von draußen den Hörgenuss schmälerten. Im persönlichen Gespräch mit den Musikerinnen stellte sich heraus, dass die Gruppe eine solche musikalische Lesung erst zum zweiten Mal durchgeführt hat. Die jungen Leute planen aber, damit weiterzumachen unter dem Namen Musical Storytime Ensemble. Ein schöner Ausklang des Tages. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Mittlerweile musste sich selbst der letzte Zweifler eingestehen, dass dieser Con jeden Cent seines Membership-Beitrags von 100 EUR (bzw. 80 EUR im early bird Modus) wert war. Entsprechend bekam ich Samstagvormittag schon wieder die Krise, weil ich mich entscheiden musste zwischen „Philosophie & Science-Fiction“, „Feministischer Horror“, „Ian Watson“ und „Dream Quest“, einem Hörspiel-Talk über H.P. Lovecraft, die alle gleichzeig um 11:00 Uhr stattfanden. Ich entschied mich für das Panel über den kürzlich verstorbenen Ian Watson: In der Kuppelhalle sprach Hardy Kettlitz mit Bernhard Kempen, dem Übersetzer des britischen SF-Autors, über Watsons Kurzgeschichten mit Deutschlandbezug. Passend dazu war vor kurzem bei Memoranda der Band „Mythen, Monster und Manien“ erschienen, mit einer Novelle und sechs Kurzgeschichten, in denen sich Watsons „Faszination für vergangene, künftige und alternative deutsche Geschichte widerspiegelt“ (Pressetext). Ich versprach mir ein ähnlich kompetentes Gespräch wie am Tag zuvor zwischen Riffel und Nölle über Le Guin, vor allem, weil ich insbesondere Hardy Kettlitz über seinen Memoranda SF-Podcast schätzen gelernt hatte. Doch die Enttäuschung war groß: Kettlitz sah sich gezwungen, seine Fragen auf Englisch zu stellen (schließlich befanden wir uns auf einem Eurocon!) und fühlte sich sichtlich unwohl dabei. Deshalb überließ er oft seinem Gesprächspartner Bernhard Kempen das Wort, der aber wiederum nicht gut erzählen konnte und so verpufften gut gemeinte Anekdoten über persönliche Begegnungen mit Ian Watson im Orkus der Banalität. Auch half es kaum, wenn Kempen DIN A4 Ausdrucke mit Fotos hochhielt, die man nicht erkennen konnte. Alles in allem leider eine recht magere Würdigung eines kreativen Geistes, den JG Ballard einmal als den „einzigen Ideen-Autor der britischen SF“ bezeichnet hat. Trotzdem hat das Gespräch wenigstens Lust darauf gemacht, die neue Story-Sammlung zu lesen.
Nachdem ich zwischendurch auf dem Areal des silent green Small-Talks mit Achim Sturm, dem vorbeihastenden „Geldgeier des ACD“ (Eigenbezeichnung), BNF Thomas Recktenwald und den Jungs vom SFCBW, Michael Baumgartner und Reinhold Hermann, geführt hatte, verirrte ich mich in das Panel „The Gothic Revival“. Zur Abwechslung Horror? Warum nicht? Geleitet von Claudia Rapp unterhielten sich Ruth Frances Long (Romantasy-Autorin), Sarah Rees Brennan (irische New York Times Bestseller Fantasy/Horror-Autorin), Rogério Ribeiro (portugiesischer Steampunk-Experte und Gründer des Fórum Fantástico, einem jährlich in Portugal stattfindenden Genre-Festivals) und Chloe Smith (SF und Fantasy-Autorin und Locus-Mitarbeiterin aus San Francisco) über die Frage ob gothischer Horror gerade ein Revival erlebt. Außer der Panel-Leiterin kannte ich niemand aus dieser Runde, aber trotzdem wurde es ein überraschend munterer Talk über eine Frage, die wohl nur Hardcore-Nerds bewegen dürfte. Sarah Rees Brennan, die mit einer Art Hexenhut und jeder Menge guter Laune aufgetaucht war, entpuppte sich als wahre Entertainerin, aber auch den anderen Damen und dem sympathischen einzigen Hahn im Korb machte das eskapistische Thema sichtlich Spaß. Frau fragte sich, was Gothic überhaupt sein soll, was daran so geil ist und stellte fest, dass dunkle Romantik einen großen Anteil an der Popularität des Genre-Begriffs hat – von FRANKENSTEIN über INTERVIEW WITH A VAMPIRE bis zur beliebten Netflix-Serie WEDNESDAY. Und etwas Neues lernte ich dann auch noch – nämlich, dass der „Untrustworthy Husband“ eine Trope im Gothic Horror ist. Hm, nie darüber nachgedacht, aber stimmt. Das Böse im eigenen Heim. John Cassavetes als Ehemann in ROSEMARYS BABY – und dutzende böse Gatten, die ihm nachfolgten. Das Panel war auf jeden Fall eine nette Abwechslung.
Sarah Reese Brennan in Action!
Im Anschluss landete ich endlich bei einem meiner Lieblingsthemen: Fanzines! „FanZine Making then and now“ wurde mutig angekündigt, worauf im Atelier 2 vier gestandene Fandomler aus unterschiedlichen europäischen Ländern erzählten, was es bedeutet eine Fanpublikation zu machen und dabei auch ein wenig auf die jeweilige Fandom-Historie eingingen. Besonders gut gelang das Udo Klotz, der für Deutschland zuständig war und sein umfassendes Fachwissen konzentriert und kurzweilig vermitteln konnte. Im Gegensatz zu der auf WorldCon-Panels grassierenden Unfähigkeit einen Beamer zu organisieren, um besprochene Themen visuell zu veranschaulichen, lief hier alles wie am Schnürchen und die interessierten Zuschauer bekamen ausreichend Bildmaterial zu den vorgestellten Publikationen präsentiert. Auch Dave Hodson (British SF Association), Valentin D. Ivanov (bulgarischer Autor, Podcaster und Mitorganisator des nationalen BulgaCon) und Knud Larn (schwedischer BNF, der seit vielen Jahren in der skandinavischen Fanszene aktiv und auch Mitglied im Komitee des Deutschen Science Fiction Preis ist) verstanden es die Publikationen in ihrem Land und die Beziehungen zu den europäischen Partnern unterhaltsam zu vermitteln. Ein angenehmer Blick über den Tellerrand, zwar extrem nischig, aber man spürte deutlich bei allen die Leidenschaft, die hinter den vielfältigen Aktivitäten steckt.
Udo Klotz
Kurz lauschte ich noch in den Vortrag „Reading Lovecraft in Calcutta“ des indischen Autoren und Journalisten Jai Undurti hinein, der sich mit der spekulativen Frage auseinandersetzte, was passiert wäre, wenn H.P. Lovecraft in den 1930er-Jahren nach Indien gereist wäre. Zusammen mit dem Künstler Harsho Mohan Chattoraj hat Undurti in diesem Jahr die Graphic Novel „Lovecraft in India“ veröffentlicht, aus der er reichhaltiges Bildmaterial präsentierte. Diese Bilder sahen wirklich gut aus, doch der Vortrag des Inders glich eher einem sprachlichen Maschinengewehr, sodass meine Nerven leider zu sehr strapaziert wurden und ich kapitulierte. Wenn das Comic in Deutschland erscheint (bislang gibt es nur eine indische Ausgabe), könnte sich eine tiefergehende Beschäftigung lohnen.
Auch wenn mich die Verleihung des Kurd Laßwitz Preises um 17:00 interessierte, waren doch zwei hintereinander liegende ähnliche Programmpunkte eine zu viel. Also entschied ich mich für die Bekanntgabe der Nominierungen für den Deutschen SF-Preis 2026, der zwei Stunden später ebenfalls in der Kuppelhalle stattfand. Souverän begleitet von den Anmerkungen des DSFP-Vorsitzenden Franz Hardt glitten die preiswürdigen Kandidaten über die Leinwand. Mittlerweile stehen auch schon die Gewinner fest: LYNEHAM von Nils Westerboer wurde als Bester Roman ausgezeichnet, während sich Uwe Post über den Preis für BLUMEN FÜR LISA-9 als Beste Kurzgeschichte freuen durfte. Westerboer hatte bereits den diesjährigen Kurd Laßwitz Preis abgesahnt und sein letzter Roman wird gerade aufwändig verfilmt. Läuft also – für Westerboer und die deutsche SF!
Nach einem weiteren kleinen Abstecher zu den Worldcon-Bid Parties von Brisbane 2028 (der als gesichert gilt, weil Nürnberg leider als Konkurrent zurückgetreten ist) und Edmonton 2030, lockte zum Abschluss erneut die Musik. Claudia Rapp hat hier erneut bewiesen, dass sie ein Händchen für interessante Bands hat und dass sie es darüber hinaus versteht, den Bezug zum Thema herzustellen. Auch wenn ihre Auswahl dabei auf nicht allzu fruchtbaren Boden fiel. Denn vor der großen Bühne der Betonhalle hatten sich diesmal gefühlt noch weniger Leute eingefunden als bei Die Leere im Kern Deiner Hoffnung am Donnerstagabend - um die Gamma Rats zu sehen und zu hören. Die Gamma Rats sind ein Duo aus dem Ruhrgebiet, das die Frage beantworten will, wie Cyberpunk auf der Bühne klingt. Ihre Musik bezeichnen Sängerin Jaana Redflower und Ein-Mann-Rhythmus-Sektion Adrian Klawitter als Dark Electro und Cyberrock und das trifft den Kern ihres Sounds ganz gut, denn die Mischung aus düster-manischen Elektrobeats und fetten Rock-Elementen könnte tatsächlich einem imaginären Soundtrack zu William Gibsons NEUROMANCER entsprungen sein. Das Ganze klang ein wenig nach Cassandra Complex for a new generation. In Kombination mit der stimmungsvollen Cyberpunk-Projektion im Hintergrund und dem energetischen Auftreten von Redflower als futuristischer Anime-Queen ergab das eine weitere schöne Facette des Metropolcon. Niemand konnte sich also über mangelnde Vielfalt beschweren – obwohl sicher die meisten Conbesucher auch bei dieser Band die Schulter zuckten oder gar nicht erst erschienen. Schade drum!
Was an diesem Tag noch blieb, war die „Scalzi-Ersatz-Disco“ von DJ Lanai aka Claudia Rapp, der Con-Veranstalterin höchstpersönlich. Wer Worldcons kennt muss dabei schmunzeln, denn hier wird auf die mittlerweile legendären DJ Sessions des preisgekrönten SF-Autors John Scalzi angespielt, der schon so manchen Con-Besucher dazu animiert hat am Ende eines langen Tages den fannishen Arsch zu schwingen. Claudia möge es mir verzeihen, wenn ich behaupte, dass ihr das nicht ganz so gut gelang wie dem leuchtenden Vorbild, aber ungeachtet dessen füllte sich die Tanzfläche sehr schnell und den meisten gefiel der Sound, der für meine Begriffe etwas zu Mainstream-lastig war. Aber was soll’s! Mit Freude stürzte ich mich trotzdem ins Getümmel, und sah aus den Augenwinkeln heraus Leute wie Theresa Hannig oder Bettina Wurche vorbeidriften. Wenn dann Patti Smith mit kraftvoller Stimme intoniert „Because the night belongs to lovers!“ dann passt das schon!
Nein, mit dem „Meer der Langeweile“ ist NICHT die SFCD-Mitgliederversammlung gemeint, die gnadenlos am Sonntagmorgen um 9:00 (!) im Atelier 2 begann! Ich dachte, ich bin schlau und ziehe mir zur Einstimmung des letzten Con-Tages eine Multimediale Lesung rein: Herbert W. Frankes "Astropoeticon" & "Kurzgeschichten". In meiner zarten Jugend war Franke irgendwie an mir vorbeigegangen, also dachte ich mir, ich hol das jetzt nach und lasse mich auf das Abenteuer „SF-Poesie“ ein. Ein schwerer Fehler! Wir kamen zu spät und positionierten uns auf die bereits erwähnten Fat Boys, von denen nur die wenigsten besetzt waren. Kein Wunder, denn welcher Wahnsinnige hört sich am Sonntagmorgen Science Fiction-Gedichte an? Na, leider ich! Geboten wurden abstrakte, digital erzeugte Weltraumbilder, zu denen die markante Stimme des österreichischen Science-Fiction-Autors und Medienpioniers bedeutungsschwangere Sätze vortrug. Das Astropoeticon ist ein „minimalistisch-assoziativer Lyrik-zyklus aus dem Jahr 1979, der den Kosmos und die Evolution des Lebens durch die Linse mathe-matischer Grundstrukturen des Universums betrachtet“. Gesund-heit! Da ist wohl die Hoffnung mit mir durchgegangen, denn statt Kubrick oder Lem, waberte gähnende Langeweile aus den Lautsprechern und über die Leinwand.
Nach einer Viertelstunde stahl ich mich davon und ging ein weiteres Risiko ein: die Mitgliederversammlung des SFCD! Berühmt-berüchtigt durch ihre scheinbar bis in die Unendlichkeit (und noch viel weiter) reichende Dauer, gibt es Leute, die diese Veranstaltung meiden wie der Teufel das Weihwasser. Aber als ich ankam (eine Stunde zu spät) war der Laden rappelvoll, die Berichterstattung kurzweilig und die Mitglieder alle voll bei der Sache. Ich hatte nicht den Eindruck, dass bei diesem ältesten SF-Club Deutschlands Ermüdungserscheinungen eintreten. Es finden sich glücklicherweise immer wieder ein paar jüngere Gesichter, was Hoffnung auf die Zukunft des Clubs macht, und Frauen-Power ist im SFCD ja schon seit einigen Jahren angesagt, u.a. mit Dr. Claudia Rapp als Vorsitzende und Sylvana Freyberg als Chefredakteurin der ANDROMEDA NACHRICHTEN. Die Leistungen dieser beiden (und auch des restlichen männlichen Vorstands) sind nicht hoch genug zu bewerten, gerade wenn man sieht, dass neben den vielfältigen Club-Tätigkeiten „nebenher“ noch eine Großveranstaltung wie dieser Eurocon gestemmt wird! Lustig (und tragisch) war der Bericht von Roger Murmann über die Aktion Bücherrettung, denn die Bücher verstorbener Fans, die sich bei ihm zu Hause ansammeln, bewegen sich mittlerweile gefühlt vom Keller die Treppe hoch, weil es ständig mehr und mehr werden. Wer von uns kennt das nicht!? Aber es gibt immer Leute, die eine noch größere Sammlung haben und diese wandert dann nach dem Ableben eines langjährigen SF-Fans entweder in die Mülltonne (entsorgt von verständnislosen Angehörigen) oder eben in Murmanns Lager zum Weiterverkauf.
Bevor es am Nachmittag mit der Guest of Honor-Lesung von Becky Chambers weiterging, lernte ich am Stand des Eurocon 2027 (in Lissabon) einen sympathischen jungen Mann kennen, der sich als Übersetzer von Ursula K. Le Guin ins Spanische entpuppte. Etwas trotzig behauptete er, dass es „keine bessere SF-Autorin“ gäbe, was mich dazu verleitete ihn mit Karen Nölle zu connecten, die uns auf dem Veranstaltungsgelände entgegenkam und dem Vorschlag, ihren spanischen Kollegen spontan kennenzulernen gerne folgte. Der nachfolgende Insider-Talk war mir dann aber doch etwas zu viel und ich begab mich in die Betonhalle, die bereits gut gefüllt war.
Ganz offensichtlich hat Becky Chambers auch in Deutschland schon seit einiger Zeit eine größere Fangemeinschaft. Hannes Riffel, der seit 2024 drei Bücher von ihr veröffentlicht hat, moderierte die Lesung an und stellte die US-Amerikanerin im Rahmen eines kurzen, einführenden Gesprächs vor. Chambers berichtete im lockeren bisweilen humorvollen Plauderton von ihren Eltern (beides Wissenschaftler), ihrem Weg von der Fan-Autorin zur Profi-Autorin, sowie ihren Vorbildern Le Guin, Octavia Butler und Joanna Russ. Als Vertreterin einer neuen Generation von Autorinnen spielt Diversität in ihrer Arbeit eine große Rolle; auch der positiv utopische Ansatz ihrer Texte (von manchen liebevoll – oder zynisch - als ‚cozy fiction‘ bezeichnet), grenzt sich von der Masse der dystopischen Untergangsszenarien ab, die jahrzehntelang die SF dominierten. Kuschlig war dann aus der Textauszug aus ihrer „Dex und Helmling“-Dilogie. Die beiden Bücher erzählen von einer nichtbinären Teemönchin und einem neugierigen Roboter, die gemeinsam durch eine postapokalyptische, weitgehend friedliche Welt reisen und sich dabei die Frage stellen, was ein gutes Leben ausmacht. Der Auszug hat mich nicht umgehauen, aber schmunzeln musste ich doch und wer braucht heute nicht eine Prise Hoffnung? Becky Chambers ist eine beeindruckende Persönlichkeit und es wurde schnell klar, dass es nicht nur um ‚feel good‘-Literatur geht. Entsprechend hoffe ich, dass sie dem Carcosa Verlag viele Leser beschert, damit dieser auch weiterhin wachse und gediehe.
Mit der anschließenden Closing Ceremony neigte sich die Veranstaltung dann ihrem Ende entgegen. Noch einmal versammelten sich die Fans recht zahlreich in der Kuppelhalle, wo Danksagungen ausgesprochen wurden, die dann in eine abschließende Auktion übergingen. Claudia Rapp und Ralf Boldt (?) versteigerten ca. eine Stunde lang alle möglichen Objekte, darunter recht schöne Sachen, wie Originalzeichnungen, schöne Buchausgaben oder rare Besonderheiten wie eine Kopie des ersten Worldcon Programmheftes aus dem Jahr 1941. Am meisten Kohle brachte ein übermannshoher Metropolcon-Aufsteller in Raketenform, für den ein enthusiastischer Conteilnehmer über 500 EUR springen ließ. Say no more!
Damit ging eine absolut gelungene Veranstaltung zu Ende, die den Vergleich mit den großen internationalen Veranstaltungen nicht zu scheuen braucht. Das ganze Team hat alles gegeben, um ein vielfältiges Programm auf die Beine zu stellen und interessante Autoren, Künstler, Verleger, Gamer, Filmemacher, Musiker und engagierte Fans einzuladen. Die Location war super und mir sind keine nennenswerten organisatorischen Patzer zu Ohren gekommen. Deshalb würde ich mich freuen, wenn es in naher Zukunft einen dritten Metropolcon gäbe. Dem Team würde ich sogar die Ausrichtung eines Worldcons in Deutschland zutrauen, aber wie groß dieser Schuh ist, hat man schon aus zahlreichen Mündern gehört. Deshalb genießen wir einfach Veranstaltungen wie diese.
Per Metropolcon ad astra!
Closing Ceremnony: the guys who made it all possible!





