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Der Herr seiner Geschichte - Oktober 2013

Auf eine Mail mit Uschi ZietschDer Herr seiner Geschichte

Jeder kennt die Situation: Der Chef hat mal wieder Vorschriften gemacht, die jedem gesunden Menschenverstand widersprechen. Wer hat dann noch nie in Gedanken seinen Chef bitterlich beschimpft? Mal ehrlich, Hand hoch, es sieht ja keiner! Und wie ergeht das Autoren so? Sind sie Herren ihrer eigenen Geschichten oder bekommen sie auch Vorschriften? Und wie sieht es bei ihnen mit der Zusammenarbeit mit Kollegen aus?

Uschi Zietsch erzählt uns davon.


Andreas: Es heißt, Drehbuchautoren schielen hin und wieder eifersüchtig auf die Romanautoren, weil denen niemand reinredet, wenn sie ihre fiktive Welt erschaffen. Ist das wirklich so? Oder ist der Schriftsteller auch nicht immer sein eigener Herr, redet ihm beispielsweise der Lektor oder der Verlag rein?
Uschi: Es sind zwei völlig verschiedene Medien und damit auch ein sehr großer Unterschied. Ein Drehbuch ist Bestandteil einer Gemeinschaftsarbeit, die der Regisseur koordiniert. Er entscheidet letztendlich auch darüber, was nun tatsächlich gesagt oder gezeigt wird, weil die Visualisierung einfach etwas ganz anderes ist als das geschriebene Wort. Insofern muss ein Drehbuchautor also ordentliche Abstriche hinnehmen, andererseits wird er aber auch bedeutend besser bezahlt als ein Romanautor. Da muss er sich eben entscheiden, was ihm wichtiger ist.
Es gibt natürlich auch Agenten oder Lektoren, die einem Autor vorschreiben wollen, was er zu schreiben hat, weil das gerade "Mainstream" ist und sich bestimmt gut verkauft. Das ist als Vorbereitung an sich gar nicht schlecht (man will ja schließlich sein Werk nicht nur schreiben, sondern auch verkaufen), darf aber natürlich nicht zu weit gehen, es sei denn, dem Autor ist das ganz recht. Was gerade im Trend liegt, ist natürlich wichtig zu wissen, das wissen die Agenten, aber auch die Lektoren anhand der Absatzzahlen im eigenen Haus. Das bedeutet aber nicht, dass der Autor dem zwangsläufig und uneingeschränkt folgen muss. In jedem Fall muss der Autor mit seinen eigenen Ideen überzeugen. Dazu gibt es dann Tipps, wie die Geschichte spannender/runder/besser werden kann; das finde ich im Vorfeld anhand des Konzeptes schon wichtig, um sich darauf einzustellen. Schließlich habe ich einen Tunnelblick auf meine Storyline – oder ich ahne bereits, dass da was hakt, weiß aber nicht, was. Oder ich schummle und fliege damit umgehend auf, weil Agent/Lektor sofort den Finger draufhält. Das erspart im Schreibprozess viel Kummer.
Die professionelle Bearbeitung des Manuskriptes ist eine ganz wichtige Sache, denn schließlich möchte ich meine Arbeit so perfekt wie möglich in den Buchhandel schicken. Aber: bei einem guten Verlag habe ich auch ein Vetorecht zu sagen "diese Szene bleibt aber drin, und zwar weil ...", denn ich muss am Ende zufrieden mit dem Ergebnis sein. Es ist also immer ein Abwägen: Zuhören, was vorgeschlagen oder kritisiert wird und dann entscheiden, was davon angenommen wird. Das kann man nach einiger Zeit der professionellen Veröffentlichungen ganz gut abschätzen, wo etwas zu sehr "Geschmack des Lektors" ist oder berechtigte Anmerkung.
Als Autor bleibt man Herr seiner Geschichte, sollte aber immer einen offenen, konstruktiven Austausch mit der professionellen "Außensicht" üben. Das "Schleifen und Polieren" ist eine schöne Sache, wenn man sieht, wie die roh behauene Statue langsam fein ziselierte Formen annimmt.
Es gibt natürlich auch Lektoratsarbeiten, die einen Text "verhunzen", aber das muss man ja nicht akzeptieren. Und auch daraus kann man noch einiges ziehen.
Beim Film ist das anders – da wird man per Vertrag verpflichtet, so und so viele Änderungen nach exakten Vorgaben durchzuführen, und darf sich auch nicht dagegen wehren, wenn dann andere Leute darangesetzt werden. Da geht es ja nicht um den "perfekten stilistischen Ausdruck", sondern um die Übertragung ins Bild, was einiges an "Konvertierung" erfordert.

Andreas: Und wie sieht es bei Serien aus, sei es in Buchform oder als Heftroman? Da ist der Spielraum mit Sicherheit deutlich kleiner. Wenn man nicht gerade wie du zum Beispiel bei der Elfenzeit eine eigene Serie entwickelt, hat man klare Vorgaben. Ist die Arbeit nach einem fremden Exposé trotzdem reizvoll? Oder eher ein Brotjob?
Uschi: Klar ist es reizvoll und eine interessante Herausforderung, die Ideen anderer mit Handlung auszufüllen. Es ist eine ganz andere Arbeitsweise, die manches im Schreibprozess erleichtert, anderes aber auch wieder erschwert. Sich in den Serienkontext einzufügen (viiiiiel Recherche) und mit anderen Autoren abzusprechen ist natürlich nicht jedermanns Sache. Aber mir macht es großen Spaß und ist eine schöne Abwechslung zu meiner sonstigen "einsamen" Arbeit in meinen eigenen Universen. Für die Arbeiten an der Quasi-Trilogie von Perry Rhodan 2717, 2718 und 2719 mussten Verena Themsen, Hubert Haensel und ich einen intensiven Kontakt halten, um keine Unstimmigkeiten reinzubringen. So habe ich, weil ich vorndran war, mit fortlaufendem Schreibprozess den beiden meine Kapitel in der Rohfassung geschickt und bekam entsprechendes Feedback wie "du, ich möchte ganz gern in der und der Szene Tekener das und das machen lassen, kannst du da zur Vorbereitung bei dir ein Sätzlein an dieser speziellen Stelle einfügen?" Aber klar doch. Vor allem Hubert und ich haben fast jeden Tag miteinander telefoniert, weil wir uns mit dem Schlussakt bei mir und dem Beginn bei ihm genau absprechen mussten – wer wen wann und wie ausführlich beschreibt. Von da aus hat Hubert dann regen Austausch mit Anschlussautorin Verena gehabt, um sich mit ihr abzustimmen. Das ist einfach eine schöne Sache, sich gegenseitig zu inspirieren und womöglich auf neue Ideen zu bringen!
Und genauso schön ist es, dann wieder zu den eigenen Texten zurückzukehren, in denen man der alleinige Schöpfergott ist und schalten und walten kann, wie man will. Na ja, fast, siehe die Antwort zu deiner vorherigen Frage. Aber das gehört ja zum Entwicklungsprozess dazu.
Bei Elfenzeit habe ich mich allerdings auch sehr viel mit den anderen Autoren abgestimmt, bevor ich die Exposés erstellt habe, habe sie um Ideen gebeten, manchmal auch um ein bestimmtes Thema, das sie gern hätten. Sie sollten ja möglichst frei sein beim Schreiben und nach ihren Neigungen arbeiten können.

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