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Der Heftroman: »Die Nr. 1« - Wyatt Earp

Der Heftroman - Die Nr. 1Wyatt Earp

Jede neue Serie muss sich an den Verkaufsständen beweisen. Ein Schlüsselroman - wahrscheinlich der Schlüsselroman schlechthin - dürfte bei einem Serienneustart der jeweilige Auftaktband sein.

Bereits mit Band 1 muss die neue Serie den potenziellen Käufer am Kiosk ansprechen. Der Roman muss überzeugen, eine zweite Chance wird vom Leser nur selten gewährt. Das Konzept muss stimmen, die Optik muss passen und nicht zuletzt muss der Roman unterhalten.


Und er muss Lust auf eine Fortsetzung machen. Wenn der Leser den Folgeband schlicht haben will, dann hat es funktioniert.

In unregelmäßigen Abständen möchte ich einige Nr.-1-Bände der Vergangenheit nun näher betrachten.

Die Nummer 1Er kam vom Missouri
Union Pacific 001
Western von William Mark (= Albrecht Peter Kann)
Kelter Verlag, Februar 1962
(bereits vorher als Leihbuch erschienen)
Nachdem in Ellsworth Sheriff Whitney von dem Spieler Ben Thompson erschossen wurde, ernennt der Bürgermeister den keck auftretenden Postkutschenfahrer Wyatt Earp zu seinem Nachfolger – mit dem Auftrag, den Mörder zu inhaftieren. Zu aller Erstaunen gelingt dies dem jungen Mann, der nach dieser Tat den Stern wieder ablegt.

An der nächsten Pferdewechselstation trifft er auf Bill Thompson, Bens Bruder. Auch hier kommt es zur Auseinandersetzung. Earp kann den Raufbold k.o.-schlagen.

Wyatt Earp lässt den Stationsvorsteher mit seiner Kutsche weiterfahren, denn er hat Bedenken bekommen: Bill Thompson wird sicherlich befreit werden. Earp kehrt um nach Ellsworth, und zusammen mit dem Bürgermeister versteckt er den Sheriffsmörder gerade noch rechtzeitig, bevor dessen Freunde das Gefängnis sprengen.

Durch Zufall kann Wyatt Earp ein Gespräch belauschen, erfährt, dass ein Killer auf ihn angesetzt wurde und dass die Thompsons mit ihren Freunden einen Viehtrail nach Montana planen, dabei einen Rancher übervorteilen wollen.

Seine Befürchtungen bewahrheiten sich. Die Postkutsche wurde überfallen, der Stationsvorsteher getötet. Und Wyatt Earp verliert seinen Job bei der ’Overland Company‘.

Wyatt Earp kommt ein drittes Mal nach Ellsworth, um den Mörder zu stellen. Es kommt zum Duell …

Der erste Band dieser zweifelsohne großen deutschen Westernserie hinterlässt einen sehr zwiespältigen Eindruck.

Gerade die Einführung des Titelhelden wirkt nach heutigen Maßstäben sehr unsympathisch. Man stelle sich vor, der Sheriff wird vor den Augen der Stadtbewohner und des Postkutschenfahrers Earp von Ben Thompson (einer gleichfalls historischen Figur) erschossen, der verbliebene Marshal ist dem Bösewicht nicht gewachsen.

Da trat der Postfahrer auf den Bürgermeister zu.
 „Eine tolle Polizei habt ihr hier!“ sagte er spöttisch, wandte sich um und wollte zur Tür.

Der Postfahrer wandte sich ab und feixte. „Ich sagte ja: Ihr habt eine tolle Polizei hier!“

Wyatt Earp Band 1, Seite 7

Auch die Beschreibung Earps an sich wirkt sehr glorifizierend. Ich will gar nicht darauf hinaus, dass William Mark die reale, historische Figur des Wyatt Earp in eine Heldenfigur umgewandelt hat. Dieser Schritt wurde bereits deutlich vor ihm unternommen, bereits in der Frühzeit des amerikanischen Pulps. Beim Lesen der „Wyatt Earp-Story“ muss man sich als Leser bewusst sein, dass man moderne Märchen liest und keine historische Aufarbeitung. Doch selbst unter diesen Gesichtspunkten hat William Mark sehr dick aufgetragen: Nicht nur sein Held strahlt durch sein heroisches, fast schon unfehlbares Wirken Pathos aus, auch der Erzähler verklärt ihn unentwegt:

Es war ein kantiges, hartes Gesicht mit tiefblauen Augen. Die Nase war gerade und der Mund energisch und gutgeschnitten. Es war ein edles, wohlgeformtes Männergesicht, das, von tiefer Wetterbräune bedeckt, unter der breiten Krempe des ungekniffenen schwarzen Hutes hervor sah. Ein Gesicht, aus dem Entschlossenheit, Unbeirrbarkeit und Klugheit sprachen.
 Niemand in dem kleinen Raum ahnte wohl in diesem Augenblick, dass es das Gesicht eines Mannes war, dessen Name einmal leuchtend groß in den Annalen der Geschichte Amerikas verzeichnet sein sollte. Dieser junge Wyatt Earp, dessen Stern in dieser Stunde aufgegangen war, würde sie einmal alle überstrahlen, die wenigen wirklich Großen aus der Pionierzeit der Vereinigten Staaten.

Wyatt Earp Band 1, Seite 9

(…) Und dennoch sahen die Männer seine Augen. Ein Augenpaar, in dessen Tiefen es eiskalt und kristallen schimmerte. Irgendetwas Besonderes war in diesen Augen; niemand konnte sagen, was es war.
 Es sollte von dieser Stunde an im Westen viele Jahre lang von den Augen Wyatt Earps gesprochen werden. Es gab Männer, die später behaupteten, der Missourier sei ein Massenhypnotiseur gewesen. Das ist zweifellos Unsinn. Aber fest steht, dass er irgendetwas in seinem Blick hatte, das wie mit Zauberkraft eine ganze Schar von ungebärdigen und harten Männern in den Bann Schlug. (…)

Wyatt Earp Band 1, Seite 13

Nach heutigen Maßstäben überschreitet William Mark dabei auch manch natürliche Grenze, rechnet sogar Leben gegeneinander auf.

Wyatt erhob sich und wischte sich durchs Gesicht. Er machte sich jetzt bittere Vorwürfe, dass er nicht selbst weitergefahren war. Durch den Tausch hatte er den Alten in den sicheren Tod getrieben.
 Aber war es nicht einer jener rätselhaften Zufälle, der dafür gesorgt hatte, dass der Missourier weiterleben konnte? Ein anderer unbedeutender Mann hatte sterben müssen, um seinem Leben einen weiteren Verlauf zu ermöglichen. Das Schicksal hatte diesen Wyatt Earp ausersehen, noch eine lange Reihe von Jahren in diesem rauhen Lande zu leben und zu wirken.

Wyatt Earp Band 1, Seite 24

So zynisch gerade der letztzitierte Absatz erscheinen mag, darf man als Kritiker William Mark nicht unrecht tun. Der Roman liest sich in sehr vielen Sequenzen immer noch packend, gerade auch die Darstellung des Killers bis zur Auseinandersetzung mit Earp kann auch heute noch überzeugen.

Zudem ist William Mark ein wunderbarer Beobachter, der sehr gut beschreiben kann. Kleine Randepisoden fügen sich oft sehr gut in die große Handlung ein, bei der finalen Auseinandersetzung in Ellsworth z.B. tötet eine verirrte Kugel einen Städter.

Gerade bei dieser vorhandenen erzählerischen Stärke fällt dann aber auf, dass der Autor leider heftromantypisch zu oft zu unwahrscheinliche Zufälle bemüht: Das Aufeinandertreffen mit dem Bruder Thompsons, das Belauschen des Gesprächs gerade durch Wyatt Earp selbst. Hier hätte William Mark zweifelsohne mehr gekonnt.

Die Handlung an sich wirkt ebenfalls überraschend zweigeteilt: Das Ellsworth-Szenario bestimmt die erste Hälfte des Romans, der Viehtrail dann die zweite. Ich denke, dass der Autor es dann in den späteren Bänden ruhiger hat angehen lassen. Vielleicht hat der Autor auch bereits beim Verfassen der Leihbuchfassung in den 50er-Jahren an eine spätere Heftauswertung gedacht – zu einem Zeitpunkt, als die normalen Heftromane noch bei 36 oder 48 Seiten lagen und das Leihbuch vielleicht Stoff für zwei Romane geboten hätte? Hier könnte ein direkter Textvergleich interessant sein.

Fazit:
„Er kam vom Missouri“ ist ein sehr durchwachsener Heftroman, der eigentlich aus zwei lose verbundenen Episoden besteht. Der Roman entstand in der Leihbuchfassung wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg – und die Jahre seither sind nicht schadlos an ihm vorbeigezogen. Die Lesegewohnheiten haben sich verändert, die Helden ebenso …

Wyatt Earp im Serienprofil:
Seriencharakter:
Der Auftaktband besteht im Prinzip aus zwei verwobenen Episoden. Aber der Autor lässt Wyatt Earps Abenteuer wie einen Auszug aus einem größeren Ganzen erscheinen.

(…) Es sollte noch weitere dreizehn Jahre dauern, bis ihn unten in einem Spielsalon in Dodge eine verirrte Kugel traf, die ein Texaner auf einen Sheriff abgeben sollte, der den Namen William „Bat“ Masterson trug … (…)

(Seite 15)

(…) Erst viele Jahre später sollte Wyatt Earp ihn unten in Dodge am Arkansas wiedersehen …

(Seite 64)

Cliffhanger:
Kein wirklich dramatischer Abbruch der Handlung, aber die Gewissheit: Da kommt noch was nach.

Charaktere:
Einige reizvoll geschilderte Nebencharaktere stehen einem unfehlbaren Wyatt Earp gegenüber. Der Heldentypus hat sich geändert. Oder wurde von Superhelden übernommen?        

Lust auf Fortsetzungen:
Jein. Einerseits schreckt mich die verklärte Heldenfigur ab. Andererseits muss ich anerkennen, dass William Mark einen Serienkosmos geschaffen hat, der durchaus eine gewisse Faszination ausströmt. Auch heute noch.

Hintergrund:
Die „Wyatt Earp-Story“ erschien laut dem Romanpreiskatalog 10 in den 1950er-Jahren in 35 Büchern im Saba-Verlag. Vier Leihbücher (evtl. Nachdrucke?), darunter auch „Er kam vom Missouri“, erschienen ca. 1965 im Paul-Feldmann-Verlag.

Im Februar 1962 startete der Martin-Kelter-Verlag die Heftromanausgabe, die immerhin bis 1968 lief und es auf 284 Ausgaben brachte. Allerdings handelt es sich dabei „nur“ um 269 unterschiedliche Romane – die ersten 15 Bände wurden im späteren Verlauf innerhalb der laufenden Nummerierung neu veröffentlicht, bevor die Neuauflage als eigenständige Serie auf den Markt kam (1967-1969).

Weitere Neuauflagen, z. T. sogar in Taschenbuch- und Taschenheftform, erschienen beim Kelter-Verlag regelmäßig. Doch erst die aktuell laufende Auflage scheint es bis zur letzten Ausgabe durchzuhalten.

Serienkosmos: Doc Holliday
Im Großteil der „Wyatt Earp“-Romane taucht die Figur „Doc Holliday“ auf. Unter dem Pseudonym Frank Laramy schrieb Albrecht Peter Kann 22 Leihbücher (Hallberg-Verlag, Saba-Verlag), die Doc Holliday als Hauptfigur hatten.

Auch diese Leihbücher wurden vom Martin-Kelter-Verlag in einer eigenständigen Heftserie veröffentlicht: 1962 bis 1964 erschienen 36 Bände. Die Neuauflage 1983/1984 brachte es auf 38 Ausgaben, da hier zwei Romane der „Wyatt Earp“-Serie (Nr. 79 und 69) als Neuauflage angehängt wurden. Einige „Doc-Holliday“-Texte erschienen auch als Kelter-Taschenbücher.

Serienkosmos: Jugendbücher
Bereits neben den Leihbüchern veröffentlichte Albrecht Peter Kann gleichfalls unter dem Pseudonym William Mark das Jugendbuch „Ritt ins Abenteuer“ (Verlag Schälter & Co.) unter den POLLUX-Büchern.

„Liebe Freunde,
sicher habt Ihr längst von dem großen Wyatt Earp gehört. Die Jungen in Amerika kennen ihn schon lange, denn er hat dort gelebt. Und vielleicht ist die Tatsache, dass er in Wirklichkeit gelebt hat, gerade das, was seine Geschichte von all den anderen Erzählungen unterscheidet, die es über den Wilden Westen gibt.
Ich war in Amerika und habe dort viele Bücher über Wyatt Earp geschrieben, die vielleicht Euer Vater liest.
Ich will Euch nun von Wyatt Earp erzählen, von dem großen Marshal, der wirklich gelebt hat, …

Ritt ins Abenteuer, Vorwort, Seite 7

1963 legte William Mark nach: Im Hans Müller Verlag erschien das großzügig von F. W. Richter-Johnsen illustrierte Jugendbuch „Mein großer Freund Wyatt Earp“. Auf ca. 100 Seiten präsentiert es nicht nur den Roman, sondern auch etwa 100 passende Zeichnungen.

Hier bereits angekündigt die Fortsetzung „Ich werde Cowboy“:

Alle Freunde Toms werden Euch wieder begegnen – natürlich auch die Menschen, die es nicht gut mit dem kleinen Conally meinen …

Im Verlag Schälter & Co schließlich erschien das Jugendbuch "Ich reite mit Wyatt Earp".

Kontinuität der Band-1-Titel:
Der Autor konnte beim Kelter-Verlag mehrere Westernserien platzieren. Auffallend: In den Titeln seiner Auftaktromane integrierte er immer den Bundesstaat, aus dem der Held stammt.

  • Wyatt Earp 1: „Er kam vom Missouri“ (zugegeben: hier ist wohl der Fluss gemeint ...)
  • Doc Holliday 1: „Er kam aus Georgia
  • Jack Farland 1 (= Kelter Western 1): „Ohioman

Erst bei seiner „Halleluja Reverend“-Serie wich der Autor von diesem Schema ab.

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