Tomorrow's Reality - sechs phantastische Kurzgeschichten
sechs phantastische Kurzgeschichten
von Roman Schleifer
wir schreiben das Jahr 2038 und befinden uns auf dem Mars, ein kleines Team soll den Planeten für die menschliche Besiedlung vorbereiten. da kommt die Hiobsbotschaft, dass ein Komet die Erde und auch die Mondkolonie auf lange Jahre unbewohnbar machen wird. das Ereignis ist unabwendbar, und die Crew steht vor der existenziellen Frage, wie es mit ihnen - und damit der Menschheit - weitergehen soll. dabei kommen trotz technologischem und gesellschaftlichem Fortschritt rasch wieder archaische Verhaltensweisen zum Vorschein, vor allem auf Seiten der Männchen, äh Männer. gesellschaftspolitisch kommen die Damen nach einem längeren Intermezzo am Ende erst wieder vom Regen in die Traufe.
diese erste Novelle hat also ein klassisches Katastrophenszenario als Hintergrund, und ich finde es durchaus plausibel, wie das Team mit der Situation umgeht, und wie sich die Handlung entwickelt. die beiden wesentlichen Akteure - das Team besteht aus je drei Frauen und Männer - sind gut herausgearbeitet, die Backstory der Kommandantin hilft mir dabei, ihre Motivation und ihr Handeln zu verstehen. das Ende bringt für die Haupt-Prota dann allerdings eine böse Überraschung. und für mich ebenfalls eine Überraschung, da die erste Szene letztlich nicht das war, was mich der Autor glauben machte. das hat Roman Schleifer ganz grandios hingekriegt.
in der zweiten Novelle geht es um das titelgebende, routinemäßige Update einer Software, das weltweit an die User ausgerollt werden soll. dabei entdeckt unser Held eine eigenständig handelnde KI, die sich im System eingenistet hat, und sich jetzt immer weiter ausbreitet. gemeinsam mit seiner Chefin, der Firmengründerin, versucht er das Ding zu stoppen, ob es ihm gelingt, werde ich hier nicht spoilern...
die zweite Geschichte ist ein atemloser Wettlauf Mensch gegen Maschine, unwillkürlich muss ich an die Szene im "Terminator" denken, als dort Skynet das Ruder übernimmt. das Ende ist zwar eine nette Idee, überzeugt mich aber nicht. das, was passiert, steht im Widerspruch zu der Beschreibung des Helden Dexter, und ist so eigentlich nicht möglich. aber gut, allemal spannend, trotz der vielen Fachausdrücke aus der IT-Welt.
die nächste Geschichte wird in der ersten Person erzählt, und die ist ein Mann, der verurteilte Mörder Liam. er und drei weitere Verbrecher befinden sich auf einer Station im Weltall, im rechtsfreien Raum, in dem ein chinesischer Konzern jede noch so abartige Showidee umsetzen kann. hier geht es für die vier Spieler im wahrsten Sinne um Geld oder Leben, drei brauchen das Preisgeld von vier Millionen, um die Folgen ihrer Verbrechen abzumildern, Liam für seine Rehabilitation, denn er ist unschuldig. in einer sehr perfiden Art muss bei dem Spiel jemand sterben, erst dann kommen die anderen drei frei. doch auch die Zuschauer haben ihr Wort zu sagen - mehr sei hier nicht verraten. sehr, sehr perfide. jedenfalls kommt es auch hier anders, und nicht einmal der Tod ist endgültig...
natürlich denke ich sofort an den Running Man von Stephen King (alias Richard Bachmann). das erklärt uns auch der Thriller-Autor Andreas Gruber in seinem sehr langen Nachwort, das auf dem Kindle 13% des Platzes beansprucht. die Geschichte selbst umfasst 73%, die verbliebenen 10% sind Werbung alias Vorschau und rechtliche Hinweise. ich stimme Andreas Gruber zu, wenn er Roman Schleifers Geschichte als "neue und originelle Variante" bezeichnet, "die mit einigen Überraschungen aufwartet". das Teil ist spannend geschrieben, und dem Autor gelingt ein überraschendes (und grausames) Ende.
noch ein Zitat, als Liam die Kampfarena betritt: "Mit angehaltenem Atem trat ich durch die Tür und blickte mich um. Wollt ihr mich verarschen?"
ist es der Autor, der zitiert, oder bin es wieder mal nur ich, der zu jedem Fussel eine Assoziation zaubert? Daywalker Blade kommt in die Vampirdisko und sagt "you gotta be kidding me"...
es beginnt mit einem virtuellen Kampf zwischen einem angreifenden Hacker und einem abwehrenden Security Officer. mitten im Angriff erhält der Mann der Sicherheit die Nachricht von der Polizei, dass sein Kompagnon und Freund Akeno bei einem autoerotischen Unfall gestorben sei. er spürt noch schnell den Hacker auf, ein 13jähriger Junge, mit einer ähnlichen Bio wie er selbst. Nayan, so heißt der Cyber Security dude, warnt den Knaben, er kann vor der Polizei fliehen. an den Unfall seines Freundes mag er nicht glauben, zu Recht, denn der hat es geschafft, den gemeinsamen Arbeitgeber zu hacken - die größte und ausgeklügeltste Softwarebude der Welt, von deren Programm mittlerweile fast alle Firmen und Staaten abhängig sind. Nayan und seine Freundin, praktischerweise Polizistin, gehen der Sache auf den Grund. es kommt zum knallharten Showdown zwischen dem integren Sicherheitsmann und seinem korrupten Chef, und zu einer unerwarteten Wendung am Ende. ob moralisches Handeln der Menschheit eine Verbesserung bringt - das scheint mir hier die philosophische Frage zu sein. und sie bleibt für mich unbeantwortet.
Nayan Kobayashi heißt der Cyber-Security Chief Officer, um den es hier geht, und ich denke sofort an the sexiest Volcan alive, die am gleichnamigen Test grandios scheitert, wie - fast! - alle Kadetten der Starfleet... der Autor bringt ein Zitat aus dem Cyberpunkfilm Hackers (1995), den er hier 70 Jahre alt sein lässt - wir sind also im Jahr 2065. wir kennen die Vorstellung, wie Software von innen aussehen kann, von den Tron-Filmen, der Autor macht hier eine Unterwasserwelt draus - Systeme sind Korallenriffe, Programme Haie und andere Meeresbewohner, ein Hacker tritt mit einem Schildkrötenavatar in Aktion - das finde ich mal originell! den Versuch Nayans, die Firewall der eigenen Firma zu überwinden, schildert der Autor als eine Art Raumschlacht, sehr plastisch, und sehr cool.
die Story ist für eine Kurzgeschichte ziemlich dicht gewoben, in wenigen Sätzen sagt der Autor alles, was man zum Hintergrund und den Protas wissen muss, und baut sehr rasch einen schönen Handlungsbogen mit viel Spannung auf. wie man überhaupt so viel Handlung auf so wenig Raum unterbringen kann, fasziniert mich. Fazit: ein echter Pageturner!
Nachtrag: zwei der drei Firmengründer heißen Pittl und Mach - ein Benedikt Pittl und ein Werner Mach befassen sich an der Uni Wien u.a. mit Cloud Computing und Virtual Machines - Zufall? nun, diese Notiz machte ich mir, bevor ich das Nachwort gelesen habe - von eben jenem Wissenschaftler Dr. Mach...
, die ab Juni verfügbar sein sollen - "Wahre Freiheit" und "Deutschland 2063". für mich ist es jetzt schon klar, dass ich die auch kaufen werde:
Mehr Details gibt' hier auf der Seite des Autors.






