Professor Zamorra 1184 - Zeit der Phantome
Professor Zamorra - Der Orden der Tausend
(Amulette-Zyklus, von Adrian Doyle)
1184 Zeit der Phantome
tatsächlich nisten sich im Pub des Wirten Jacob Blightser ein magiekundiger Unhold namens Algernon Crawry ein, der seine Macht aus einem Amulett wie jenes von Zamorra bezieht, und sein übler Kumpan, der Inuit-Schamane Amak. der Eskimo ist ein Kannibale, der seine Opfer nicht nur roh sondern auch lebend verspeist, was dementsprechend geräuschvoll vonstatten geht. die Wirtsleute müssen auch alsbald den grauenhaften Tod einer minderjährigen Dirne mit anhören. das erbarmungswürdige Geschrei des Mädchens ist selbst für die Kummer gewöhnte Wirtin Ella zuviel, sie versucht zu fliehen, was ihr Schicksal besiegelt - denn Algernon sieht und hört alles. Ella endet ebenfalls als Inukfutter...
in der Gegenwart spielen indes die Varnen verrückt, ob ihres Erscheinungsbildes besser bekannt als Regenbogenblumen. mensch kann sich unter deren großen Blütenkelche stellen und einen anderen Standort vorstellen, an dem sich ebensolche Blumen befinden, und schon transportieren einen diese praktischen "Pflanzen" da hin. dieses Transportnetzwerk brüllt nun bei Nicole telepathisch dergestalt brutal um Hilfe, dass sie davon in Ohnmacht fällt, und nur von Zamorras Amulett aus dieser geistigen Umklammerung befreit werden kann.
in der Vergangenheit wird das Verhältnis zwischen dem Teufel Algernon und dem Pubbesitzer Jacob aufgeklärt, letzterer steht damals in der Arktis in Diensten des Unholds. der bringt mithilfe seines Amuletts einen ganzen Inuitstamm in seine geistige Gewalt, zwingt ihn, eine Goldader vollständig abzubauen, und ermordet danach alle seine Mitglieder. Jacob muss den Abtransport des Goldes organisieren, die Ereignisse verwüsten seine Seele, Algernon lässt ihn ziehen, und impft ihm die Idee ein, doch in London einen Pub zu eröffnen - als würde er bereits für die Zukunft einen Stützpunkt planen.
in der Gegenwart will Zamorra den Vorgängen auf den Grund gehen, er will zu allen Standorten der Regenbogenblumen reisen, was ihm letztlich auch gelingt. nur bei der ersten Reise bewegt er sich nicht ohne Zeitverzögerung, sondern hat den Eindruck, in einem zähen Maelstrom stecken zu bleiben. gleichzeitig verblassen die Varnen, werden zu Phantomen, doch endlich kommt er durch und am anderen Standort an.
wieder in der Vergangenheit attackieren Madam Bird und Mister Hall die Unholde Algernon und Amak. sie haben das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, und können die beiden zumindest kurzfristig überrumpeln, wieder ist es "die Stadt", die Carrie und Arsenius nur als Gefäß, als Waffe ihrer Macht einsetzt. der Schamane kann aber Geister beschwören, die sich nun gegen diese Macht stellen, und in diesem Kampf geht der Geist von Arsenius verloren. Carrie kann den Kampf entscheiden - sie schlitzt dem Inuk die Kehle auf, und stößt dem Unhold den Dolch ins Herz. den angeschlagenen Arsenius päppelt sie zumindest physisch wieder auf, psychisch ist nicht mehr viel zu machen - der Freund wird zum Phantom.
in der Jetztzeit fangen die Varnen zu pulsieren an, bis es sie ganz zerreißt, und nur noch ihre Schatten an den Wänden bleiben. statt der Blumen liegen jetzt im Kellergewölbe des Château Montagne plötzlich zwei Menschen - Carrie Bird und Dylan, der unsterbliche Schotte. dieser Dylan geht dereinst durch die Transmitterblumen, kommt aber nie am Zielort an. derselbe Dylan wird aber auch in einer anderen Geschichte von Nici & Zammy sterbend im Vulkan Krakatau zurückgelassen. Carrie erzählt ihren Zieheltern, wie sie selbst in die Vergangenheit kommt, und was ihr dort alles widerfährt. und wie beide Dylans zu ihr kommen, erst der eine Zeitenwanderer, dann der Verletzte aus dem Vulkan, mit einem in seinem Körper eingebrannten Amulett. vor Carries Augen verschmelzen die beiden Dylans, die augenscheinlich durch die Regenbogenblumen in ihrem Garten zu ihr gekommen sind. diese Varnen haben Carrie bislang stets den Dienst versagt, jetzt scheinen sie aber wieder zu funktionieren, das nutzt Carrie aus, und lässt sich samt dem bewusstlosen Dylan in die Gegenwart zu Nicole und Zamorra katapultieren. die zweifeln anfangs natürlich noch, ob es sich bei der alten Frau wirklich um ihre Ziehtochter handeln kann. Gutmenschen, die sie nun mal aber sind, nehmen sie Carrie aber trotzdem im Schloss auf.
der Roman endet mit der Szene, in der sich Carrie Bird nackt im Spiegel betrachtet - und offenbar wird, dass sie ein Amulett unter der Haut trägt...
Fazit
ich stehe in dieser Geschichte auf ziemlich verlorenem Posten. wobei der Vergangenheitsstrang für mich sehr gut funktioniert. Arsenius und Carrie kämpfen gegen einen neuen Unhold, den sie zunächst für den zurückgekehrten Unhold Rufus aus der Vorgeschichte halten. soweit, so spannend beschrieben.
ein Inuk mag nicht Eskimo, also (Roh)Fleischfresser genannt werden, trotz seiner tatsächlich stark fleischlastigen Ernährung, nachvollziehbar. unser guter Amak hier ist aber genau das, wobei er statt zB Robbenfleisch lieber das der Menschen genießt. "Schon der erste Biss zerrte die Unglückliche brutal aus ihrer Ohnmacht." die Grausamkeiten werden nicht, nun ja, ausgeschlachtet, sondern angedeutet, meine Fantasie windet sich dennoch mit nicht weniger großem Entsetzen darum, was da mit den Opfern abgeht.
die Bösewichte sind also echt krass böse, ich bin erleichtert, dass sie nicht davonkommen. überhaupt das Auftauchen dieser beiden Teufel in Menschengestalt, ihre Backstory, die Verbindung zum Betreiber des Pubs, alles flüssig und interessant geschrieben.
aber der Gegenwartsstrang. ok, ich hab mich mit dem Konzept der Regenbogenblumen abgefunden, auch damit, dass sie offenbar telepathisch begabte Wesen sind. ich verstehe, warum ihr Verschwinden, besser: ihr Verscheiden entsprechend dramaturgisch langsam aufgebaut und schließlich eskaliert werden muss - und fand das dennoch eher langweilig. da ticke ich sicher anders als Stammleser, die wahrscheinlich entsetzt denken "oh nein!".
die Schatten der Varnen brennen sich in die Wand, wie bei den Atombombenexplosionen in Japan 1945 bei Menschen beobachtet, die verglüht sind, und deren Schatten sichtbar blieb. Herr Weinland bringt diese Analogie nicht nur im Subtext, er erklärt sie auch im Detail, und nimmt ihr damit den ganzen Charme. ich hätte das Bild auch so verstanden.
endgültig verliert mich der Autor aber beim Wiederauftauchen von Carrie bei Zamorras. nicht dieses Vorkommnis stört mich, dass die ehemalige Ziehtochter, die als junges Mädchen "verloren ging" und als alte Frau wieder da ist - nein, das ist thematisch interessant, und gibt viel schönen Stoff für psychologische Verwicklungen, kurz: eine spannende Geschichte - wie geht's da weiter? nein, es geht um den mysteriösen Dylan. zack!, wieder eine Figur aus der Vergangenheit, die ich nicht kenne. jetzt habe ich doch gerade erst Carrie akzeptiert, und schon kriege ich die durchaus abgedrehte Backstory eines neuen Protas im Schnelldurchlauf serviert - Hilfe!
das Ende ein schöner Cliffhanger - Carrie hat nen Schäferhund, ach nein, ein Amulett im runzligen Bauch! was heißt das jetzt - ist sie auf die andere Seite gewechselt, indem sie Algernons Amulett an sich genommen hat? wie gesagt, klasser Cliffhanger.
in Summe war ich gegen Ende aber mehr verwirrt als begeistert, und auch wenn ich jetzt wissen will, wie's weiter geht, bin ich einfach nicht zufrieden. daher nur 3 von 6 möglichen Gruselroman-Forum Punkten.
und das Tibi? eine Uhr vor einem Schlosseingang? ein typisches aktuelles Zamorra-Cover halt...