Professor Zamorra 1170 - Der Alchemist des Augenblicks
Professor Zamorra - Der Orden der Tausend
(Amulette-Zyklus, von Adrian Doyle)
Band 1170 Der Alchemist des Augenblicks
der magisch begabte Arsenius Hall kommt der Familie zu Hilfe, und kann durch seine Intervention Frau und Kind retten und die Photographie vernichten - damit leider auch den Familienvater Kent. Mutter und Tochter werden zu den Schwiegereltern geschickt, Arsenius hypnotisiert eine Ratte, die er als Wächter im Laden zurückläßt, und mit der er in gedanklicher Verbindung bleibt.
eine höhere Macht, er meint, es sei die Manifestation der Stadt London selbst, hat Hall in den Laden geführt. er ist von dieser Macht ausersehen, gegen Nachtbastarde zu kämpfen, die in der Stadt ihr dämonisches Unwesen treiben. dieses magische Bewusstsein lenkt ihn zur alten Wohnstätte des Vorbesitzers des Ladens, den Daguerreotypisten Eugene Curtdale, dort erfährt er von einer Nachbarin, dass sich Curtdale schon vor Jahren aufgehängt hätte, und das Haus seither verflucht sei, und noch zwei Familien Leid und Tod gebracht hätten. Arsenius durchsucht das Haus und findet prompt eine 50 Jahre alte Daguerreotypie, die einen völlig unveränderten Rufus Agadir zeigt.
die Ratte alarmiert Arsenius, er eilt zurück in den Laden, und wird dort vom echten Agadir gestellt. mit Hilfe eines Amuletts gewinnt Agadir rasch Oberhand über Hall und beginnt, ihn grausam zu foltern.
die Geschichte schwenkt um zu Carrie Bird. die Ziehtochter von Nicole und Zamorra hat es in die Vergangenheit verschlagen, zunächst ins 17. Jhdt, schließlich ins viktorianische London, von wo sie allerdings nicht mehr wegkommt, da ihre Gabe der Teleportation verloren gegangen ist.
Carrie fühlt sich wie magnetisch angezogen vom Laden des Photographen, dort haben sich bereits andere Einwohner, ebenfalls mehr oder weniger mystisch begabte Menschen, eingefunden. "die Stadt" hat diese Menschen hierher gebracht, sie nehmen nun den magischen Kampf mit Rufus Agadir, und er muss trotz seines Zauberamuletts fliehen, um der Vernichtung zu entgehen. "die Stadt" reaktiviert die versiegte Gabe Carries, sie teleportiert mit Arsenius in ihr Haus, der wird durch diese Teleportation wieder vollständig hergestellt. Hall, kaum wieder bei Sinnen, verabschiedet sich. Carrie geht in den Garten, dort wachsen die sogenannten Regenbogenblumen, die ein zeitloses Teleportieren zwischen den weltweiten Standorten dieser Blumen ermöglichen. Carrie spielt mit dem Gedanken, ihr wiedergewonnene Gabe einzusetzen.
☠️ Fazit ☠️
gleich mit den ersten Sätzen versetzt uns Herr Weinland in Gruselstimmung pur. wir sind im London des 19. Jhdt, der eigentlich bereits tote Vater Kent drängt seine kleine Tochter Hetty zur Flucht, solange sie noch können - was für ein Einstieg! der Autor schwenkt dann in die Perspektive der Ehefrau, und fasst zusammen, was sie in den letzten Stunden durchmachen musste - der Ehemann war nämlich zunächst verschwunden. dabei erzählt uns Herr Weinland, wie Kent Trigspear überhaupt zum Beruf des Photographen kommt, wie er den Laden vom Vorgänger Curtland übernimmt, und wie er erfolgreich in seinem Beruf aufgeht. diese Perspektive endet mit dem Moment, in dem Tochter Hetty ihrer Mutter glücklich vom Wiederauftauchen des Vaters und seiner dringenden Forderung zur Flucht erzählt. die Perspektive geht erneut in die Vergangenheit, und erzählt uns aus Sicht des Photographen, was sich tatsächlich abgespielt hat, wie er auf Rufus Agadir trifft, und wie er von dessen Photographie überfallen wird. entsetzt begreift Kent, dass er selbst zu einer lebenden Photographie geworden ist, und seine Abbildung, seine Existenz von Agadirs Abbildung immer mehr vereinnahmt wird und langsam verschwindet.
wie sich die Photographie den Photographen einverleibt, erinnert mich natürlich gleich an den Golem aus dem Vorgängerroman. noch heute mag es Völker geben, bei denen der Glaube verbreitet ist, das Knipsen würde dem Geknipsten die Seele abzwacken, mit diesem Bild spielt der Autor ganz eindeutig hier.
ein neuer Prota taucht auf, Arsenius Hall, er bringt das böse Abbild des Agadir durch Hypnose dazu, sich selbst zu vernichten. ist das noch magisch oder schon phantastisch? im Gruselroman-Forum lese ich, dass diese Figur schon im Band 905 "Die Anstalt" eine größere Rolle gespielt hat, da ging es um die Londoner Tate und ein Gefängnis, und Arsenius war u.a. hinter einem Vampir her. whatever, für mich ist die Figur völlig neu, aber sehr spannend weil vielschichtig. dass dieser Arsenius quasi im Dienst "der Stadt" steht, halte ich für eine Metapher. da geht es wahrscheinlich nicht um die Seele Londons, sondern um irgendeine höhere Macht, die versucht, Gut & Böse im Gleichgewicht zu halten. oh, wait… Schicksalswaage? whatever, wird jedenfalls in dieser Geschichte nicht aufgeklärt.
Arsenius recherchiert, und Herr Weinland zeigt seine makabre Seite. der Vorbesitzer des Ladens? hat sich aufgehängt. das junge Ehepaar, das nach ihm ins das Spukhaus einzieht? sie hat eine Fehlgeburt, hängt sich darob auf, der Ehemann kurz darauf ebenso. das Paar, das danach einzieht? er erstickt sie eines Nachts mit einem Kissen, und schneidet sich dann selbst die Kehle durch. alles der böse Einfluss der Photographie, sorry: Daguerreotypie, die Rufus Agadir zeigt. auch Arsenius - was für ein Name - spürt diesen Einfluss. Hall kann übrigens nicht nur Menschen hypnotisieren, sondern auch Ratten. praktisch, von dem Viechzeugs gibt's ja reichlich im viktorianischen London...
bei der neuerlichen Auseinandersetzung zwischen Agadir und Hall wird's wieder brutal. unserem Arsenius werden nicht nur Augen und Zunge ausgebrannt, er wird auch filetiert, er wird zum Torso mit Kopf. das wird zwar nicht detailreich geschildert, aber ausführlich genug, dass es einen schön schaudert.
und dann Carrie Bird. dea ex machina, quasi. ich kenne die Dame ja nicht, obschon uns der Autor einen (sehr) schnellen Abriss über ihre Geschichte gibt. eine Ziehtochter der Zamorras, weil sie bei einem schwarzmagischen Angriff auf London ihrer eigenen Erzeuger verlustig ging. in diesem Roman muss es ziemlich gekracht haben. jedenfalls erklärt uns der Autor (sehr) knapp, was es mit ihrer Gabe der Teleportation auf sich hat, und wie sie in der Vergangenheit gestrandet ist. und dann wird sie auch schon sprichwörtlich in den Krieg geschickt. zum Dank für ihren Einsatz bekommt Carrie von der mysteriösen "Stadt" ihre Gabe der Teleportation zurück. was geschieht mit den anderen Menschen, die im Kampf gegen Agadir gefallen sind? Kanonenfutter, schreibt der Autor selbst.
am Ende der Geschichte bin ich ein wenig erschöpft von diesem wilden Ritt. und ich halte viele unterschiedlich bunte Fäden in meiner Hand, keiner mündet in einen Knoten:
- wer ist dieser Agadir, ein Magier, ein Dämon? das wird in der Geschichte nicht klar. jedenfalls hat er ein Amulett, sehr wahrscheinlich nicht Zamorras Stern, eher eines der tausend jüngst entfleuchten.
- was hat es mit der "Stadt" und ihrem Vasallen Arsenius auf sich? und warum flieht er förmlich vor Carrie, die ihm ja nicht nur das Leben, sondern vollständige Genesung geschenkt hat - er war ja als Torso mit halb zersägtem Kopf de facto zum Sterben verurteilt?
- und was hat Carrie jetzt vor? sie scheint jedenfalls nicht besonders glücklich zu sein, im Gegenteil, sie ist wütend auf die Regenbogenblumen, weil die ihr den Dienst versagt haben - plant sie jetzt Rache
Fragen über Fragen. ich bin ja nur froh, dass ich die Hefte von diesem Zyklus nacheinander und ohne Unterbrechung lese, also nicht Monate warten muss, wie's weiter geht.
manchmal gingen dem Autoren beim Schreiben die Pferde durch, und auch das Lektorat wollte da wohl nicht päpstlicher sein als der Pontifex. hier fehlt ein Verb, da beginnt ein Satz mit "Oder Und", und sicher weiß Herr Weinland, dass Saiten zum Schwingen gebracht werden, nicht Seiten. einmal verweist er kurz auf Eng und Chang, die beiden Zwillinge aus Siam, die am Sternum zusammen gewachsen waren aber keine gemeinsamen Organe hatten, und die es mit ihren Frauen, Schwestern, auf insgesamt 21 (!) Kinder brachten. da will man dann auch keine Details wissen. jedenfalls muss Arsenius an diese siamesischen Zwillinge denken, als er der kombinierten Photographie von Agadir und Kent gegenübersteht.
das Titelbild hat Andrey Kiselev gestaltet, laut Maddraxikon ein "kasachischer Grafiker und Videograf" mit eigenem Portfolio auf Shutterstock. es zeigt meinem Empfinden nach eher einen Wissenschaftler und keinen Photographen, aber bitte.
trotz der vielen losen Fäden eine tolle Geschichte, gruselig, magisch, und es hat überhaupt nicht gestört, dass Nicci und Zammy nicht vorgekommen sind. und um Loxagons Einwand vorzubeugen - nicht nur die Geschichte war toll, auch der Aufbau war clever und spannend, und der Stil fesselnd. kriegt 5 von 6 möglichen Gruselroman-Forum Punkten.