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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: »Die Bestien aus dem Zeitgrab« Vampir-Horror-Roman Nr. 365 von Jack Read

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Die Bestien aus dem Zeitgrab«
Vampir-Horror-Roman Nr. 365 von Jack Read

Nachdem die Versuche mit dem guten, alten Silber-Grusel-Krimi leider wohl durch meine unglückselige Auswahl zu furchtbaren Ergebnissen führte – fortwährendes Kopfschütteln, ungläubige Stielaugen, Lachattacken (auch nachts), Dauer-Facepalm (hemmt übrigens die Lesefähigkeit!) - habe ich die Zauberkreisserien erstmal auf Urlaub geschickt und einen Abstecher zu Pabel gemacht.


Zu dem Zeitpunkt, als mein Testgriff Nr. 365 erschien, war das Kind aber wohl schon halb in den Brunnen gefallen, stieg doch der Preis der Hefte – bei Nr.300 noch bei DM 1,20 – schon zwei Wochen später unverhältnismäßig auf DM 1,60 und war mit Band 359 schon bei DM 1,80 angekommen. Die letzten Romane sollten schließlich DM 2,00 kosten, was damals (bei Durchschnittspreisen von 1,50) kaum auf Dauer zu halten war. Aber offenbar war die Horrorschiene bei Pabel schwerer zu bedienen und man versuchte steigende Kosten über den Preis wieder herein zu holen, was offenbar nicht gelang. Mit Band 451 war dann leider Schluß.

Mein erstes Beispiel erschien im Februar 1980 – ich hab also wieder ungefähr die gleiche Phase erwischt wie bei den bisherigen Tests – und die Romane der Spätphase gelten generell nicht mehr als so gelungen.

Aber das will ja nicht immer etwas heißen und prompt habe ich sogar eine der nicht ganz so zahlreichen Subserien erwischt, namentlich einen Roman aus der Randoph-Kendall-Subserie, die acht Romane im letzten Drittel der gesamten Serie umfasste.

Und schon die erste Seite deutete an, dass wenigstens stilistisch einiges besser werden würde...


Die Bestien aus dem ZeitgrabZum Inhalt:
Es wird mal wieder abgeholzt im brasilianischen Urwald, weil quer durch das Land eine Verbindungsstraße gebaut werden soll. Doch in den Tiefen der Wälder wartet noch so allerhand Unentdecktes und das muss auch der motorisierte Holzfäller und Waldroder Pepe Martinez erfahren, der als Vorhut des Bautrupps schon mal die größten Gewächse wegschneidet.
Pepe stößt auf eine Lichtung mit einer uralten Stufenpyramide.

Weil Gier ja schon immer gut war, sucht er den Eingang, findet ihn ungewollt und sieht sich im Inneren der Pyramide nicht nur gewaltigen Schätzen, sondern auch einer thronenden Mumie gegenüber, die ihn alsbald aussaugt und somit ihre Lebenskraft nach einem jahrtausendealten Bannfluch wieder gewinnt.

Oraxeotl, der Priester des Inneren Schwarzen Kreises von Atlantis ist wieder da.

In der Folge aktiviert er eine machtvolle schwarze Kugel und reist ab in die Vergangenheit, um eben diese entscheidend zugunsten der finsteren Mächte zu ändern.

Derweil sieht sich Chefingenieur John Lancaster vor dem Problem, dass keiner der Arbeiter im Bauprojekt seine Hände an die Pyramide legen will und ihm eine Änderung der Straßenroute anempfohlen wird. Also macht Lancaster das, was schon so oft der Trick war um abergläubige Arbeiter zum Arbeiten zu bewegen. Er verbringt mal ganz groß selbst eine Nacht auf der Pyramidenplattform.

Dumm nur, dass auch er den geheimen Eingang währenddessen aktiviert, in die Kavernen gelangt und dann auf Ausgangssuche nach der noch aktiven schwarzen Kugel greift, die ihn ebenfalls in atlantische Zeiten befördert.

Er kommt just in einer groß angelegten Opferzeremonie an, in der menschlichen Delinquenten die Herzen entfernt werden, um dämonischen Priestergeschöpfen (den Xiolonen) als Nahrung zu dienen. Obwohl auf geistiger Ebene beeinflusst und angegriffen, mischt er die opfernden Kreaturen ordentlich auf (schließlich ist er sehr groß und hellhäutig und...sie wissen schon...) und verjagt sie.

Das wiederum findet Prinzessin Rianda mehr als beeindruckend (Liebe auf den ersten Blick) und bringt ihn auf verschlungenen Pfaden und magischen Wegen nach Tollan, eine der sieben Inseln des atlantischen Imperiums, wo ihm ihr Vater Huancar (der König persönlich) während der Rekonvaleszenz erst mal die Geschichte der bösen Jungs erzählt.

Derweil plant Oraxeotl Finsteres, um den Bannspruch der alten Götter zu umgehen, nämlich mit den ganzen dämonischen Hohepriestern wieder in die Zukunft zu fliehen.

Und da kommt auch endlich Subseriengarant Randolph Kendall ins Spiel, dessen Geistleib im Auftrag höherer Mächte (die WÄCHTER) durch Raum und Zeit unterwegs ist, um den Unschuldigen zu helfen und die Bösen zu vernichten. Der fährt sodann zeitweise in Lancasters Körper, ist in der Folge aber noch anderweitig tätig, etwa um einen der menschlichen Magier für den Showdown zu schulen.

Gerade weil er aber nicht ständig da ist, kann Oraxeotl die Insel Tollan auf magische Art und Weise angreifen und Rianda, Huancar und Lancaster nach Poseidonis entführen und dort festsetzen. Und seine geistig-magischen Kräfte sind übermenschlich stark...

Eindrücke:
Es ist zwar etwas ungewöhnlich, das verbindende Element Kendall überhaupt erst auf Seite 30 ins Rennen zu schicken, aber offenbar ist er ohnehin mehr ein funktionelles Element, um in verschiedensten übernatürlichen Szenarien überhaupt etwas bewirken zu können. Die Hauptfiguren des Romans sind wohl meistens gänzlich Andere, nur Kendall darf hie und da auftauchen und den Tag retten. Dafür muss er dann aber auch auf seine Erwähnung im Hauptpersonenkästchen verzichten.

Eine gewisse namentliche Nähe zu Lovecrafts Randolph Carter, der ja auch im mittels Traumreise phantastische Länder und Welten bereiste ist festzustellen und die Erwähnung der Siegel der Alten Götter und der Bannfluch von Atlantis legen nahe, dass Autor Jack Read seine Grundlagen gelesen hatte. Und dabei einigermaßen sauber entleiht, denn trotz der inhaltlichen Ähnlichkeit von Kendalls Reisefähigkeit fühlt es nicht wie ein grober Klau an, sondern relativ eigenständig.

Ach ja, der Autor: Jack Read, Autor von so um die 20 Heftromanen im „Vampir“ - in diesem Fall steckt wohl Dr.Theo Dombrowski dahinter, dessen Wiki-Eintrag zwar nur vier Zeilen lang ist, der aber offenbar vielfältig interessiert und ebenso beruflich engagiert war (Philosoph, Volkswirt, Elektrotechnik, Innenministerium BW!). Offenbar hat da so mancher vor oder neben seinem sonstigen beruflichen Werdegang literarische Meriten im Heftroman gesammelt, ehe er sich an die eigenen Bücher machte (Bankhofers C.V. Liest sich ähnlich).

Zu seinem Schreibstil kann ich immerhin sagen: eine selbstbewusste und sehr sicher formulierte Angelegenheit, die sich erfreulich leicht weglesen lässt.
Endlich mal kein eckiger, abgehackter Stil, sondern ein wohl strukturierter Schreibfluss, der eindeutig belegt, dass der Autor wusste, was er tut.
Allein, was er tut ist nicht sonderlich gruselig, sondern entstammt dann doch eher den Fantasy- und Märchenstandards, bei dem der – moderne, groß gewachsene, mittel-nord-europäische Typ – den Drachen erschlagen muss, um die Prinzessin zu retten, auch wenn das hier nur über die Abgründe der Zeit und den Preis des Todes hinweg geschieht.

Dombrowski ist ein guter Szenarist, aber er hat keine besondere Affinität zum Horror. Seine Beschreibungen der Vorzeitstädte, der Räume und Verliese, des Dschungels und der Flora wie Fauna sind sehr sicher und farbig, allein hapert es, die Bedrohung wirklich greifbar zu machen. Abgesehen von der Wiedererweckung zu Beginn, sind die dämonischen Kreaturen eher phantasiearm gezeichnet, wohl menschliche Gestalten mit abgründig rot glühenden Augen und beachtlichen Geisteskräften, mit denen sie Normalsterbliche bannen, binden und niederzwingen können. Sonst ist da leider nicht viel.

Das gilt auch für den Plot, der mehr Exposition als erzählerische Substanz besitzt.

Lancaster hat zwar immer so seine Momente, wo er den dämonischen Kreaturen wirksam was vor die Omme kloppt, aber genauso oft ist er gebannt, bewusstlos, hilflos und bezwungen. Ähnlich bei der Prinzessin und dem weisen König. Oraxeotl reibt sich zwar in böser Vorfreude ständig die Hände, ändert aber mehrfach unmotiviert seine Meinung und reibt sich dann mit seinen Gästen/Gegnern auf. Der infernalische Masterplan klingt zunächst nach einer drohenden Verknotung der Zeitlinien, tritt dann aber auf der Stelle und endet schließlich in einer nicht ganz so klaren Auflösung, die noch dazu eher antiklimatisch ist.

Wie in so vielen Heftromanen dieser Zeit ist die Prämisse besser als Ausführung und Substanz für etwa einen Zweiteiler wäre vorhanden gewesen, stattdessen verzichtet der Autor auf großartigen Plotausbau und Verkomplizierungen, sondern tritt die Szenen der Hilflosigkeit, Verzweiflung und Flucht breit. Kendall ist nur eine Plot Device, ein Para-McGyver, das Übermensch gewordene Silberkreuz, der „Möglich-Macher“!

Zumindest aber der Endkampf im Tempel (der dem Finale vorgeschoben ist) hat die nötige Qualität, wobei es (mal wieder) hauptsächlich auf die Beschreibung irgendwelcher geistigen Kämpfe ankommt, die in strahlenden Aureolen von magischen Kämpfen ausgefochten werden – und hier greift dann sogar die Kraft der Liebe märchenhaft zugunsten der Prinzessin ein. Das mag etwas abgeschmackt sein, aber da packt Dombrowski die Leser wirklich mal im Genick.

Ansonsten kommt man um die Standards leider nicht herum: dick aufgetragene, und deswegen um so albernere Dämonenjüngerreden; verzerrte Fratzen; rollende Augen; übermäßige Eitelkeit bei den finsteren Mächten, gepaart mit der Vorliebe für extrem gut proportionierte, rassige Frauen, die dann natürlich ordentlich missbraucht und verbraucht werden sollen. Das ist so hölzern, wie das Gut- und Böse-Schema in reinster Schwarz-Weiß-Malerei an den erstbesten Baum getackert wurde.

Und aus dem Modell Zeitreise macht man leider nicht sonderlich viel – was man mit den Ausflügen in eine andere Epoche alles anstellen kann, das dann auch noch komplex funktioniert, hat ja für ein paar hundert Hefte die Zamorra-Reihe vorgemacht. Hier reduziert es sich im Kern auf das Märchen von dem Recken, der die liebe Prinzessin dem bösen Zauberer raubt.

Insgesamt ist Read/Dombrowski gut lesbar und macht – sogar mit allen Schwächen – Lust auf den nächsten Roman aus der Vampir-Reihe, denn Klischees mit Schwung (oder in guter Lesbarkeit) genügen mitunter durchaus. Das letzte Prickeln war hier dann aber noch nicht zu spüren...

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2016-01-05 10:24
Dombrowski gehört zu den Autoren, die mich nie packen konnten. Egal, für welche Reihen sie schrieben. Und ihm begegnete man ja überall. Einer der wenigen, die an jeden Verlag verkaufen konnten.

1980 war die Serie wie alle anderen auch. Vielleicht stilistisch etwas besser als die Konkurrenz, aber inhaltlich austauschbar mit dem soften Gespensterkrimi. Viel Fantasy mit ein paar Gruselelementen, zwischendurch mal ein paar liegengebliebene, längenkompatible Übersetzungen aus den 70ern. Wenigstens gab es ein paar nette Titelbilder.

Du meinst, den Preis im Vergleich mit den anderen Verlagen? Stimmt, Bastei usw waren preiswerter. Aber die wussten auch, wo sie sparen konnten :-)
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#2 Toni 2016-01-05 15:19
Ich kannte damals keinen, der die Vampir Romane regelmäßig an der Bude kaufte. Die waren für mich auch eher so ein Flohmarkt Ding und da waren die Preise pro Heft (zumindest 1980) ziemlich gleich (Sinclair kam langsam in den Fokus der Sammler).
Kann mir nicht vorstellen, dass die hohen Autorengehälter ,im Gegensatz zu anderen Verlagen, den Preis alleine bestimmten.
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#3 Thomas Mühlbauer 2016-01-05 21:58
Wenn ich einen Vampir-HORROR-Roman kaufe, dann erwarte ich keine Fantasy-Zyklen wie Dombrowski sie meist geliefert hat. Und war es mal Grusel war, dann war er seltsam steril und mitunter recht geschwätzig wie zum Beispiel "Die dämonische Falle" (VHR 292) . Zuletzt habe ich seine Romane nach einem Blick in den "Hauptpersonen-Kasten" und einem flüchtigen Durchblättern ungelesen ins Archiv verbannt.
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