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Ein pflichtbewusster Analphabet - Küglers Kit Carson Biographie

Ich ziehe mit den Adlern Kit Carson – Ein amerikanischer HeldEin pflichtbewusster Analphabet
Kueglers Kit Carson Biographie

Da ist einer, der nicht zur Schule ging, der eine Sattlerlehre nicht nur abbrach, sondern gleich fort lief, um in der Wildnis zu landen und Biber zu jagen und später als Jäger einem Handelsposten namens Fort Bent zu dienen, damit die Leute dort Fleisch zwischen die Zähne bekommen.

Wie kann ein solcher Mann zum Nationalhelden werden?


Ich ziehe mit den Adlern Kit Carson – Ein amerikanischer HeldNun, er hat als sogenannter Mountain Man Kenntnisse und Fähigkeiten erworben, die wertvoll wurden, um den nordamerikanischen Kontinent als Siedlungsgebiet zu erschließen. Kit Carson und sein Wissen wurden gebraucht. So konnte einer, der weder lesen noch schreiben konnte zu einem wichtigen Mann der US-Geschichte werden. Er selbst hat allerdings wenig dazu beigetragen, seine Rolle hervorzuheben, denn ihm lag nicht unbedingt viel daran, sich selbst darzustellen. Zum einen haben Weggefährten seine Leistungen hervorgehoben (was manchmal durchaus überrascht - betrachtet man deren Egos) und zum anderen wurde Carson zum Helden von Dime Novels, wobei dort mehr eine mythische Gestalt denn der wahre Carson geschildert wurde.

Nun denn, Dietmar Kuegler begibt sich in »Ich ziehe mit den Adlern« (zur Leseprobe) auf die Spur vor Kit Carson und seiner Geschichte. Einer Geschichte, die Schlaglichter auf den Westen und seine Geschichte wirft.

Ich ziehe mit den Adlern Kit Carson – Ein amerikanischer HeldMir begegnete Carson mehrfach. Ich habe ihn zunächst kaum zur Kenntnis genommen, gehört er doch nicht zu jener Epoche, die im Western viel stärker thematisiert wurde. Das ist eben die Phase nach dem Bürgerkrieg bis etwa 1890 (und die interessierte mich). Carson starb bereits am 23. Mai 1868. Und die für mich verfügbaren Informationen waren unzureichend. So konnte ich Kit Carson gar nicht so recht entdecken.

Dann kam die Zeit, als ein wahres Carson-Bashing stattfand. Es ging darum, ihn als Indianerschlächter hinzustellen. Nun ja. Mit dieser These räumt Kuegler anhand von Belegen gründlich auf. Carson lebte in seiner Zeit als Fallensteller (eben als Mountain Man) mit den Indianern. Auch als er in Fort Bent seinen Lebensunterhalt als Jäger verdiente, lebte er bei den Cheyenne. Er war zweimal mit Indianerinnen verheiratet, adoptierte einen Indianerjungen und sorgte für dessen Bildung (Carsons eigene Kinder begriffen den Jungen als Bruder und vollwertiges Familienmitglied). Carson war Indianeragent bei den Ute und genoss einen ausgezeichneten Ruf (sowohl bei den Ute als auch den Weißen). Carson schlichtete Streitereien und kämpfte um den Frieden.

Er führte für die Armee einen Feldzug gegen die Navajo und hatte den Befehl alle Krieger zu töten. Diesen Befehl missachtete er. 23 Krieger fielen während des Feldzuges. Das ist nicht gerade viel. Bedenkt mann, dass er den Freibrief hatte großzügig zu töten, war das gar ein mageres Ergebnis. Aber Carson war auch kein richtiger Weißer, sondern führte diesen Feldzug eher wie die Indianer. Er entsprang den Mountain Men und ihrer Kultur, die auch mit den Indianern gelebt hatten und mit ihnen Leben mussten. Diese wenigen Jahre prägten diese Männer und barchten zumindest Ihnen ein anderes Verständnis der Welt. Kuegler führt gewohnt sachkundig aus. Gern vergisst man auch, dass die Kultur der amerikanischen Ureinwohner nicht ausschließlich friedlich war. Es gab nicht nur spirituell starke Pazifisten, die um Weisheit ringend in die Prärie starrten. Es gab bei vielen Völkern (oder Stämmen) durchaus ausgeprägte Kriegerkulturen. Auch die Navajo hatten ihre Krieger und waren durchaus eine Geißel für die Pueblo-Indianer und andere in ihrer Nachbarschaft. Feindseligkeiten hatten ihren Ursprung auch in den unterschiedlichen Kulturen und Werten.

Dass von Chivington kommandierte Massaker am Sand Creek war für Carson Mord (nicht mehr und nicht weniger). Dazu beklagte sich ein Senator, dass Carson, den weißen Mann für die Konflikte mit den Indianern verantwortlich machte. Das klingt durchweg nicht nach dem Indianerfresser, den man in den vor zwei, drei Jahrzehnten aus ihm machen wollte. Es gilt diese Figur differenzierter zu erfassen.

Kit Carson war ein Kind seiner Zeit und er neigte dazu, die Kulturen der Ureinwohner als der westlichen (europäischen) Kultur unterlegen zu begreifen. Diesen (aus heutiger Sicht) Fehler, machte nicht nur Kit Carson. Im 19. Jahrhundert hatte das weltweit Folgen. Die Kolonialisierung war überall im Gange. Europa begriff sich und seine Kultur als die dazu berechtigte, der Welt den Weg zu weisen. Und die Kultur Vereinigten Staaten von Amerika war der Europäischen entsprungen.

Auch sonst erhellt Kuegler diese Figur. Er war beteiligt daran, dass Kalifornien und New Mexico an die USA fielen nimmt auch breiten Raum ein. Dabei folgte Carson seinem Freund Fremont, mit der bereits den Westen kartographiert hatte. Hier beleuchtet Kuegler auch Handlungen Carsons im Zusammenhang mit einer Hinrichtung, die sich nur damit erklären lassen, dass Carson Leuten, denen er verbunden war und zu denen er aufsah folgte. Carson selbst äußerte sich ungern zu den Vorgängen.

Dieses Buch ist eine wohl dokumentierte Biographie einer der Nationalhelden der USA. Kit Carson erschloss mit seiner Erfahrung den Westen für die Besiedlung, trug viel zur Verständigung der Völker bei (trotz des Überlegenheitsverständnis der Weißen), stand im Bürgerkrieg auf Seiten der Union.

Beinahe ein Treppenwitz der Geschichte ist die Episode wie Kit Carson zum ersten Mal seiner Popularität gewahr wurde. Er hatte versucht eine von Indianern entführte Frau zu retten, scheiterte aber. Bei der Leiche fand man eine Dime-Novel, in der Kit Carson der Held war. Natürlich musste sich Kit, als Analphabet, die Geschichte zumindest ansatzweise vorlesen lassen. Ihn befremdete das.


Ich ziehe mit den Adlern Kit Carson – Ein amerikanischer HeldAll das auf nicht einmal 180 Druckseiten. Andere hätten daraus 400 oder 500 Seiten gemacht. Aber Kuegler nimmt die Fakten und bringt auf jeder Seite massiv Informationen unter, arbeitet geschickt Zitate in seine Ausführungen ein. Er vermeidet dabei aber jedwede Abschweifung und ergeht sich nicht in überflüssige Beschreibungen, lange Wertungen und Rechtfertigungen und schenkt sich Überflüssiges und Spekulationen um der Spekulation will. Heraus kommt ein wunderbares Buch, das sich sehr schön lesen lässt (auch wenn es wegen der Vielzahl der Fakten und Infos fast schon wie eine Sahnetorte ist, sprich man kann es trotz der hervorragenden Aufbereitung nur schwer in einem Rutsch lesen und man es mehrfach wieder zur Hand nehmen muss, um es ganz zu erfassen - aber so lohnt sich dann auch eine Zweit- und Drittlektüre) und das Leben eines Mannes beleuchtet, der weitaus interessanter ist als die Überhöhungen oder die Verdammnis.

Ich kann allen Ernstes dieses Buch jedem Geschichtsinteressierten nur ans Herz legen, denn so sehr Kit Carson ein Individuum ist, so ist seine Geschichte auch exemplarisch. Spannend, lehrreich und ernstzunehmend dieser Lebensweg eines Mannes, der es geschafft vom abgebrochenen Lehrling zu einem Nationaldenkmal aufzusteigen (ohne sich ernsthaft etwas daraus zu machen, ja, er kokettierte noch nicht einmal mit seinem Ruhm). Kuegler bringt uns einen Mann näher, der viel geleistet hat, dem aber nichts davon zu Kopf gestiegen ist.
Ich ziehe mit den Adlern Kit Carson – Ein amerikanischer Held
Ich ziehe mit den Adlern
Kit Carson – Ein amerikanischer Held
Biographie
von Dietmar Kuegler
ISBN 978-3-89510-140-3
176 Seiten, 45 Abbildungen. Broschiert. 27,-- Euro
Verlag für Amerikanistik
Oevenum/Foehr
(Bestellung: amerikanistik(at)web.de)

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