Der Alte - neu betrachtet: Folge 16 - Der Pelikan
Der Alte - neu betrachtet: Folge 16 - Der Pelikan
Mit „Der Pelikan“ kehrte Regisseur Johannes Schaaf erstmals seit der Pilotfolge „Die Dienstreise“ wieder zu Der Alte zurück. Entstanden ist dabei eine der eigenwilligsten Episoden der frühen Reihe – eine Folge, die gleichermaßen irritiert wie fasziniert und den Zuschauer etwas ratlos, aber durchaus unterhalten zurücklässt.
Aus heutiger Sicht wirkt die Geschichte stellenweise altmodisch und skurril, gelegentlich sogar unfreiwillig komisch. Die Spannung hält sich in Grenzen, dennoch entwickelt die Episode einen gewissen Kultfaktor. Besonders interessant ist, dass Kommissar Köster von einer ungewohnt persönlichen Seite gezeigt wird und sein Vorgesetzter Millinger erstmals aktiv in die Ermittlungen eingreift.
Der Fall beginnt spektakulär: Köster rettet eine Frau nach einem Selbstmordversuch aus dem Wasser. Kurz darauf stellt sich heraus, dass in ihrer Wohnung die Leiche ihres Ehemanns liegt. Die Frau gesteht die Tat ohne Umschweife, doch Köster glaubt ihr nicht und vermutet, dass sie ihren Sohn decken möchte.
Bereits dieser Einstieg verlangt dem Zuschauer einiges an Gutwilligkeit ab. Dass ausgerechnet die Frau, die Köster zufällig vor dem Tod bewahrt, unmittelbar mit einem Mordfall in Verbindung steht, wirkt doch etwas zu dick aufgetragen. Der Zufall spielt hier eine derart große Rolle, dass die Geschichte zeitweise eher konstruiert als glaubwürdig erscheint. Dennoch besitzt die Grundidee durchaus Potenzial und hätte mit einer strafferen Dramaturgie einen sehr spannenden Kriminalfall ergeben können.
Nicht unerwähnt bleiben sollte zudem eine Szene, die aus heutiger Sicht unfreiwillig komisch wirkt: Bei der Rettung der Selbstmörderin ist recht deutlich zu erkennen, dass Siegfried Lowitz gedoubelt wird. Was 1978 vermutlich kaum jemanden störte, fällt dem heutigen Zuschauer sofort ins Auge und nimmt der dramatischen Szene etwas von ihrer Wirkung.
Verantwortlich für das Drehbuch war Rosemarie Fendel, die sich hinter dem Pseudonym Jan Gutova verbarg. Die renommierte Schauspielerin absolvierte damit nicht nur einen Gastauftritt, sondern lieferte zugleich ihr erstes und einziges Drehbuch für die Reihe.
Das Ergebnis fällt zwiespältig aus. Einerseits leidet die Geschichte unter einigen erzählerischen Schwächen, andererseits bietet sie interessante Charaktermomente. So erfährt man beispielsweise, dass Köster einen 38-jährigen Sohn hat, der in den USA lebt. Solche Einblicke in sein Privatleben waren damals selten und verleihen der Figur zusätzliche Tiefe.
Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass die Folge eines der ersten Male in Der Alte das Thema Homosexualität aufgreift. Heute mag das kaum erwähnenswert erscheinen, doch Ende der 1970er-Jahre war dies für eine populäre Krimiserie im deutschen Fernsehen durchaus ungewöhnlich. Das Thema wird zwar noch vorsichtig und stark von den damaligen gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt behandelt, zeigt aber, dass die Serie gelegentlich bereit war, gesellschaftliche Tabus aufzugreifen. Interessanterweise sollte Homosexualität auch in späteren Folgen immer wieder eine Rolle spielen und zu den Themen gehören, mit denen sich die Reihe im Laufe der Jahre wiederholt auseinandersetzte.
Die Folge bietet darüber hinaus einige bemerkenswerte Randaspekte. So kehrt Ralf Wolter als Reporter Kriegl zurück, den er bereits in der ersten Folge verkörpert hatte. Leider blieb dieser interessante Nebencharakter eine Ausnahmeerscheinung. Dabei hätte die Figur durchaus das Zeug zu einer wiederkehrenden Ergänzung des Ermittlerteams gehabt.
Für heutige Zuschauer sorgt auch Christian Berkel für einen kleinen Aha-Effekt. Der spätere Fernsehstar zeigt sich hier noch als sehr junger Darsteller mit vollem Haar und ist auf den ersten Blick kaum wiederzuerkennen.
Auch die Produktionsgeschichte ist interessant. Obwohl die Episode bereits sehr früh produziert wurde, wurde sie erst deutlich später ausgestrahlt. Dadurch entstand der kuriose Eindruck einer Rückkehr zu einer früheren Phase der Serie und es erklärt auch die späte Rückkehr des Reportes Kriegl. Denn diese Folge wurde als Folge 3 produziert.
„Der Pelikan“ gehört sicherlich nicht zu den stärksten Folgen von Der Alte. Zu konstruiert wirkt die Handlung an manchen Stellen, zu oft verlässt sich das Drehbuch auf große Zufälle. Gleichzeitig besitzt die Episode aber einen ganz eigenen Charme. Die ungewöhnliche Regiearbeit von Johannes Schaaf, die seltenen Einblicke in Kösters Privatleben, die frühe Auseinandersetzung mit Homosexualität sowie zahlreiche skurrile Momente machen die Folge zu einer bemerkenswerten Ausnahmeerscheinung innerhalb der Reihe. Als Krimi überzeugt Der Pelikan nur eingeschränkt, als kurioses und zeitgeschichtlich interessantes Dokument der frühen Alte-Jahre ist die Episode jedoch allemal sehenswert.
Darsteller: SIEGFRIED LOWITZ Erwin Köster; MICHAEL ANDE Gerd Heymann; HENNING SCHLÜTER Millinger; ROSEMARIE FENDEL Sarah; CHRISTIAN BERKEL Mano; SIEGMAR SCHNEIDER Hermann; DIETER SCHIDOR Elmar; GUSTL HALENKE Röschen; EVA-INGEBORG SCHOLZ Katrin; XENIA PÖRTNER Anna Gautier; RALF WOLTER Kriegl; ERNI SINGERL Die Huberin; WILMUT BORELL; PETER CAPELL; CHRISTIAN HABICHT; ERNST HEUBERGER; HELMUT PICK; CONRAD MATERNA; MICHAEL NOSS; CHRISTINE SAND u.v.a.
© by author 07/2026
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