Leit(d)artikel KolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Das Lamm des Armen - Bonapartes Ehebruch

Das Lamm des Armen

Bonapartes Ehebruch

 

Ende der 1970er Jahre nahm sich Oswald Döpke ein Bühnenstück des renommierten Stefan Zweig vor und verfilmte „Das Lamm des Armen“ für das ZDF. Der Fernsehfilm, der in der Zeit nach der französischen Revolution angesiedelt ist und kein sehr schmeichelhaftes Bild von Napoleon Bonaparte zeichnet, ist nun bei „Pidax Historien-Klassiker“ erstmals auf DVD veröffentlicht worden.

Den österreichischen Schriftsteller und Pazifisten Stefan Zweig (1881-1942) kennt man heute in erster Linie wegen seiner Prosawerke, von denen „Schachnovelle“, „Brief einer Unbekannten“ oder „Ungeduld des Herzens“ auch heute noch regelmäßig gelesen und immer wieder neu adaptiert werden. Weniger umfangreich waren Zweigs Dramen, die er für Bühnenadaptionen geschrieben hatte. Eines davon ist das 1929 entstandene „Das Lamm des Armen“, in dem sich Zweig auf das gleichnamige Gleichnis aus dem Alten Testament bezieht. Darin stiehlt ein reicher Herdenbesitzer das einzige Lamm seines armen Nachbarn, weil er keines seiner eigenen Tiere schlachten möchte. Die Geschichte dient in der Bibel als Parabel für Ausbeutung, Machtmissbrauch und die Aufdeckung der eigenen Heuchelei, weil der Prophet Nathan auf diese Weise König David vor Augen führt, dass dieser mit Bathseba Ehebruch begangen und deren Mann Uria getötet hat. Bei Stefan Zweig wird die biblische Geschichte in das ausgehende 18. Jahrhundert transferiert, als der französische Konsul Napoleon Bonaparte während seines Ägyptenfeldzugs ein Auge auf die Frau eines seiner Kommandanten wirft und seine eigene Machtposition ausnutzt, um das zu bekommen, was er sich ersehnt.

Seit einigen Jahren schon dient Bürgerleutnant François Fourès (Horst Frank) in der Armee von Konsul Bonaparte (Wolf Roth), der sich gerade auf Eroberungsfeldzug in Ägypten befindet. Fourès ist es gelungen, trotz eines Verbotes seine Ehefrau Pauline (Angelika Bender) mit nach Kairo zu schmuggeln, wo sie sich gut als einzige Frau unter den Armeeangehörigen eingelebt hat. Als Bonaparte davon Kenntnis erlangt und Paulines Schönheit gewahr wird, setzt er alle Mittel und Hebel in Bewegung, um die hübsche Ehefrau zu erobern. Er schickt Fourès auf eine Mission nach Frankreich und gibt ihm keine Gelegenheit, sich von Pauline zu verabschieden. Diese umgarnt er daraufhin hemmungslos, und da auch sie sich nicht gegen die Anweisungen des Konsuls wehren kann, wird sie zu dessen Mätresse. Unerwarteterweise wird das Schiff, auf dem sich Fourès befindet, von den verfeindeten Engländern gekapert, der Gesandte des Konsuls aber als Einziger auf freien Fuß gesetzt. Als er wieder in Kairo eintrifft, muss er von Bürgeradjutant Berthier (Rolf Becker) erfahren, dass seine Ehefrau in die Privatgemächer Bonapartes umgezogen ist. Obwohl die Ranghöchsten in der Armee Fourès abermals aus dem Weg räumen können, indem sie ihn in eine entfernte Kolonie versetzen, steigt in diesem die Wut gegen diese eklatante Ungerechtigkeit und den dahinterstehenden Machtmissbrauch.

Obwohl „Das Lamm des Armen“ in den Jahren 1798/99 angesiedelt ist, erzählt der hochkarätig besetzte Fernsehfilm eine zeitlose Geschichte, mit der sich insbesondere die einfache Bevölkerungsschicht problemlos identifizieren kann. Machtmissbrauch und Ausbeutung hat es in allen Epochen der Menschheit gegeben, und Stefan Zweig ist es in seiner Bühnenvorlage sehr anschaulich gelungen, diese während der Zeit der jungen französischen Republik zu thematisieren. Aus dem hervorragenden Ensemble ragt einmal mehr Horst Frank („Timm Thaler“) hervor, der den Geprellten und vehement nach Gerechtigkeit strebenden Offizier mit vollem körperlichen Einsatz Gestalt annehmen lässt. Die Dialoge sind so scharf und treffend, die Interpretation durch bekannte und beliebte Schauspieler (u.a. wirken auch noch Günter Strack, Hans Häckermann und Günther Ungeheuer mit) dermaßen akkurat, dass man gut anderthalb Stunden gebannt den unglaublichen Vorkommnissen folgt. Dazu trägt auch Oswald Döpkes makellose Inszenierung bei, die nichts Überflüssiges enthält und stets ohne Umschweife auf den Punkt kommt. Auch heute noch ein Highlight deutscher Fernsehgeschichte! Die DVD-Erstveröffentlichung präsentiert den Film in gutem Bild (im Vollbildformat 1,33:1), das einige wenige Alterserscheinungen aufweist und ansonsten durch seine Schärfe zu gefallen weiß. Der deutsche Originalton (in Dolby Digital 2.0 Stereo) ist durchweg gut zu verstehen, auf die Beigabe von Bonusmaterial hat man verzichtet.

Der Gästezugang für Kommentare wird vorerst wieder geschlossen. Bis zu 500 Spam-Kommentare waren zuviel.

Bitte registriert Euch.

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles