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... Norman Spinrad über SF, ›stählerne Träume‹ und ›kommerzielle Zensur‹

Norman Spinrad... Norman Spinrad über SF, ›stählerne Träume‹ und ›kommerzielle Zensur‹

to the English version Norman Spinrad, Jahrgang 1940, ist einer derjenigen, die die ›New Wave‹ der SF in den USA‹ begründeten und etablierten. Er gehört zu den SF-Autoren, die sich in ihren Romanen engagieren. In Deutschland erlangte er Berühmtheit mit dem Roman »The Iron Dream« (dt. »Der stählerne Traum«), der jahrelang auch entgegen eines Gerichtsentscheids auf dem »Index für jugendgefährdende Schriften« stand. Wir haben auch darüber mit ihm gesprochen...

 

Zauberspiegel: Was ist SF für Norman Spinrad? Wie er sieht er das Genre und dessen Zukunft?
Norman Spinrad: Die schnelle Antwort wäre: »SF ist alles, was als SF veröffentlicht wird«. Die ernsthafte Antwort ist, dass Fantasiy in SF als die Fiktion des Unmöglichen eingesetzt wird, und Science-Fiction (an sich) die Fiktion des Möglichen ist, wenn auch nicht unbedingt wahrscheinlich. Ich verabscheue das gesamte Konzept der Genres, und ich glaube, es ist im Aussterben begriffen, erschlagen von TV, Filmen und Videospielen. Diese vermitteln ihre formelhaften Inhalte besser, einfacher und lebendiger.

Zauberspiegel
: Was brachte Dich zur SF?
Norman Spinrad: Ich war krank und musste einige Tage von der Schule zuhause bleiben. Jemand gab mir einen Stapel von SF-Magazinen als Lesematerial.

Zauberspiegel: In Facebook hast Du ein neues Projekt angekündigt. Worum geht es da und wo wird es erscheinen?
Norman Spinrad: Es wird »Police State«  heißen. Es spielt in New Orleans in der nahen Zukunft, und es geht um eine linksgerichtete Übernahme ... durch die Polizei. Es wird zuerst in Frankreich bei Fayard veröffentlicht werden, aber da ich es noch nicht fertig geschrieben habe, gibt es noch keinen Veröffentlichungstermin. Wahrscheinlich Frühjahr 2012.

Zauberspiegel
: »The Iron Dream« (dt. »Der stählerne Traum«) und »Pictures at 11« (dt. Bilder um 11) haben Bezüge zu Deutschland bzw. zur jüngeren deutschen Geschichte. Was hat Dich dazu bewogen, diese Themen aufzugreifen?
Norman Spinrad: Ich habe die einfachen politikwissenschaftlichen oder ökonomischen Theorien darüber, wie so etwas wie das Dritte Reich ein Land wie Deutschland übernehmen konnte, nie so recht geglaubt. In einem Gespräch mit Michael Moorcock darüber, wie man formelhaft Heroic Fantasy schreiben könnte, sagte dieser zum mi so etwas wie »just pick a myth, or a historical template, and crank a lot of Freudian and phallic imagery through it« (Übersetzung: »Nimm einfach einen Mythos oder eine historische Vorlage und rühre dies mit viel Freud und phallischen Bildern gut durch«). Da hat es Klick gemacht, und ich sah die psychologische Beziehung zwischen der Nazi-Symbolik und psychosexuelle Neurose und der ›Space Opera‹ jener Zeit. Hitler war schließlich ein großer Fan von Wagner-Opern.
»Pictures at 11« (dt. »Bilder um 11«), oder jedenfalls der deutsche Aspekt, kam aus etwas, das mein Freund, der ›Ossie novelist‹ Karl-Heinz Steinmüller in Bezug auf den IRON DREAM sagte: »Warum schreibst du nicht etwas über die deutsche Wiedervereinigung.« Ich war während des Prozesses der Wiedervereinigung in Leipzig gewesen und besuchte die Karl-Marx-Universität. So kam es, dass ein unvermittelbarer Ossie mit einem Professorentitel in Geschichte zum Kommandoführer der Green Army wurde. Ich war auch in Ost-Berlin während eines Teils dieses Prozesses. Man zeigte mir damals ein Gebäude, besetzt von unterschiedlichen Gruppen. Es schien mir wie eine Anwerbestation für arbeitslose Terroristen.

Zauberspiegel: Wird es weitere Arbeiten mit Deutschlandbezug geben?
Norman Spinrad: Wer weiß? Ich denke selten weiter als ein Buch voraus.

Zauberspiegel: »The Iron Dream« stand in Deutschland wegen vorgeblicher »Verherrlichung nationalsozialistischen Gedankengutes« 25 Jahre auf der Liste der jugendgefährdenden Schriften. Wie geht man als Autor damit um?
Norman Spinrad: Der Heyne Verlag war in den acht Jahren des Rechtsstreits eine große Unterstützung. Und am Ende haben wir gewonnen. Und abgesehen von deutschen Gerichten wurde die Geschichte in einem ganzen Dutzend oder mehr Ländern, in denen sie erschien und rezensiert wurde, fast nie falsch verstanden.

Zauberspiegel: Hast Du die Spitzfindigkeit des deutschen Jugendschutzes verstanden, das Gesamtbuch in seine Teile zu zerlegen und das Vorwort mit der (veränderten) Hitler-Biographie und das Nachwort des (fiktiven) Historikers zu trennen und so den Mittelteil als jugendgefährdendes Stück faschistische Propaganda hinzustellen?
Norman Spinrad: Ja, wenn man es subtil nennen möchte. Ich lese fast alle Materialien zum Gerichtsverfahren (in Deutsch, das ich so gar nicht fließend verstehe), und es scheint sich alles zu dieser Aussage zu verdichten: »Wir verstehen, dass dies ein Anti-Nazi-Roman ist, aber Menschen, die dümmer sind als wir, insbesondere junge Menschen, vielleicht nicht«.
Ganz davon abgesehen war der Roman nicht als "Jugendliteratur" gedacht gewesen. Das Buch »Lord of the Swastika« (dt. »Herr des Hakenkreuzes«), der Roman, den Hitler (im Buch "Iron Dream") geschrieben hat, war in der Tat auf gewisse Art und Weise ein Stück  Nazi-Propaganda, oder eine Satire darauf. Die französische Romancier Roland Wagner schrieb ein sehr interessantes Vorwort für eine der französischen Ausgaben. Er stammte aus einem ›Pied Noir‹-Hintergrund, und als er den Roman als junger Teenager gelesen hatte, wandelte sich sein politisches Bewusstsein in eine postive antifaschistischen Richtung. Genau das ist es, was ich mit den Roman für Jugendliche erreichen wollte!

Zauberspiegel: Der Stil in »The Iron Dream« ist verdammt schlecht, ebenso wie der Stil in Hitlers in »Mein Kampf« mies ist. Wie lange hast Du seinerzeit gebraucht, so schlecht schreiben zu lernen? Und hast Du »Mein Kampf« zur Recherche und Studienzwecken in Sachen Schreinbbstil gelesen?
Norman Spinrad: Ja, es könnte sein, dass eine der letzten Personen bin, die MEIN KAMPF vollständig durchgelesen haben. Ich fand auch ein wenig bekanntes Buch, das Hitler über die Außenpolitik geschrieben hatte, und auch durchgepflügt. Aber das nützlichste Buch war »Hitlers Tischgespräche«. Über mehrere Jahren, saß Martin Bormann in einer Ecke und machte mit Kurzschrift Aufzeichnungen über alles, was Hitler während der Abendessen sagte. Hitler in seiner natürlichen Stimme.

Zauberspiegel: Du hast nicht nur in Deutschland für Aufsehen gesorgt. Auch in Großbritannien hast Du für Aufsehen bis ins Unterhaus hinein gesorgt. »Bug Jack Barron« (dt. Champion Jack Barron). Neben Sex, Drogen, Politik und Medien geht es um den Machtkampf zweier Männer. War die Welt noch nicht reif für einen solchen Roman?
Norman Spinrad: Die Welt war in der Tat bereit für einen solchen Roman. Es schuf meinen Ruf, wurde weltweit übersetzt, und es ist immer noch in gedruckter Form in verschiedenen Sprachen erhältlich. Und es half dabei Science-Fiction aus jener Art von ›Literatur für die Jugend‹-Stereotype zu holen, die eine Art kommerzielle Zensur schuf, und das nicht nur in Deutschland.

Zauberspiegel: Was müsste man in unserem heutigen Medienzeitalter schreiben, um ähnlichen Aufruhr hervorzurufen oder im Unterhaus zu landen? Gibt es noch Tabus, die man brechen kann?
Norman Spinrad: Keine Tabus scheinen ungebrochen zu bleiben. »Bilder um 11« ist eine Art von modernem Jack Barron. Und, na ja, ich nehme an, bei »Greenhouse Summer«, in denen beide Systeme, Kommunismus und Kapitalismus gefallen sind und durch so etwas wie syndikalistischen Anarchismus ersetzt wurden, wäre es vermutlich auf ein Tabu hinaus gelaufen, wenn der Kommunismus das dominante ökonomische Modell desr Zukunft gewesen wäre.

Zauberspiegel: Aber mehr noch zeichnet der eigenwillige Stil »Bug Jack Barron« aus. Das Lesen ist ein Abenteuer, wenn Gedanken scheinbar ungefiltert ohne Satzzeichen dem Leser fordern. Sieht man sich zudem an, dass Du in »The Iron Dream« bewusst schlecht geschrieben hast, kommt die Frage auf: Wie schreibt eigentlich Norman Spinrad, wenns nur Spinrad ist?
Norman Spinrad: Ich denke nicht in so etwas wie Stil. Es gibt keinen ›Spinrad Stil‹. Ich glaube, dass ein literarischer Stil das einzige Mittel ist, um die Form des Bewußtseins der Charaktere zu fördern. So sollte die Prosa mit dem Bewusstsein der Figuren, dem Ambiente der Umgebung und so weiter variieren. Manchmal nenne ich es ›Method Writing‹, wie Stanislawski ›Method Acting‹. Ich versuche, in jeder Szene der Charakter zu werden, aus dessen Blickwinkel erzählt wird, wenn ich schreibe, um die Geschichte von innen zu erzählen.
 
Zauberspiegel: In Deinen Romanen und Storys beziehst Du immer Stellung, engagierst Dich für die Bürgerrechte. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden in den USA Bürgerrechte auf dem Altar der nationalen Sicherheit geopfert. Ähnliches hatten wir im Zuge von Baader-Meinhof-Gruppe aka Rote Armee Fraktion (RAF) in siebziger Jahren. Ist das ein Handlungsmuster für eine Demokratie? Geht die Freiheit immer zugunsten der nationalen Sicherheit vor die Hunde?
Wirst Du die Entwicklung in den USA in einem Roman verarbeiten und wie siehst Du die Entwicklung in den USA? Wohin geht die Reise der letzten verbliebenen Supermacht?

Norman Spinrad: Ich war mir  der Taktik der Baader-Meinhof-Gruppe, die deutsche Regierung dazu zu provozieren so repressiv zu sein, dass man gegen sie revoltierte, sehr wohl bewusst. Es hat nicht funktioniert, aber es würde mich nicht überraschen zu erfahren, dass Osama bin Laden bewusst versuchte, das Gleiche zu tun. In der Tat sagte er nach 9/11,  er werde die amerikanische Demokratie zu zerstören. In der Tat um einen ›Großen Satan‹ zu schaffen. Es gibt immer eine innere Spannung in einer Demokratie, die dazu gezwungen ist, ihre demokratischen Prinzipien gegen einen Feind von außen zu verteidigen, ohne diese selbst zu vergewaltigen. In »A World Between« geht es genau um dieses Paradoxon. Und ein Roman, es ist mir nicht gelungen ihn in den USA zu veröffentlichen, in Frankreich wurde er gerade verlegt, ist »Oussama« in Französisch - in englischer Sprache. »Osama the Gun«. Es ist eine Art Sympathieerklärung für die Teufel  des Dschihad - ja, da ist nun also ein Tabu, bei dem sich zumindest amerikanische Verlage beim bloßen Gedanken daran es zu verletzen, in die Hose machen!
 
Zauberspiegel: Ist »1984« nicht viel zu harmlos und müste durch ein »1984« des 21. Jahrhunderts ersetzt werden?
Norman Spinrad: Viele Romane in dieser Art werden geschrieben. Aber ein SF-Autor sollte nie, nie  in einer Geschichte ein bestimmtes Datum relativ naher Zukunft setzen, schon gar nicht im Titel!

Zauberspiegel: Besten Dank fürs Interview?
Norman Spinrad: Excellent thoughtful questions

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