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Roman Schleifer Teil 2

Im Gespräch mit...

Roman Schleifer

Teil 2

Im ersten Teil - hier nachzulesen - hat Roman mit mir vor allem über sein Schaffen in der "größten Science-Fiction-Serie der Welt", PERRY RHODAN, gesprochen. In diesem zweiten Teil des Interviews gehen wir auf seine aktuelle Near-Future E-Book Short Story-Serie Tomorrow's Reality ein. Und hier erfahrt ihr auch, was es mit diesem Metallica-Shirt auf sich hat...

Zauberspiegel: Lieber Roman Schleifer, bleiben wir noch kurz beim Schreiben an sich. Welchen Unterschied gibt es zwischen Schreiben für PERRY RHODAN und Schreiben deiner eigenen Sachen?

Roman Schleifer: (Den vordefinierten Abgabeschluss und die vorgegebene Haupthandlung.
Schreiben ist für mich vom Hobby zur zweitberuflichen Tätigkeit geworden, dh. ich habe einen Vollzeitjob in der Finanzbranche und noch wichtiger, eine Frau und Tochter. Daher schreibe ich nur nachts, konkret von 23:00 bis circa 2 Uhr nachts – und der Wecker läutet um 6 Uhr morgens.
Da es bei RHODAN naheliegenderweise einen Abgabeschluss gibt, der eingehalten werden muss, brauche ich einen entsprechenden Vorlauf für meine Manuskripte. Die meiste Freiheit gibt es da bei den STELLARIS-Kurzgeschichten, da die Handlung frei wählbar ist und Olaf derzeit einen Vorlauf von ungefähr zwei Jahren hat. Bei den Miniserien konnte ich immer bei Expo mitarbeiten und wusste daher frühzeitig über den Inhalt meiner Romane Bescheid.
Anekdote am Rande: Es gab eine Miniserie, da war ich mit meinem Band vor Band 1 fertig.
Bei meinen eigenen Geschichten habe ich diesen Zeitdruck natürlich nicht. Ich habe mehr Freiraum und kann so viel Zeit ins Plotten oder ins Recherchieren oder Überarbeiten stecken, wie ich will. Und ich kann meine Ideen auch nach meinen Vorstellungen entwickeln und umsetzen, ohne auf vermeintliche oder tatsächlich Vorlieben einer langjährigen Leserschaft schielen zu müssen. Ich entscheide also selbst über Inhalt und Handlung.

Also keiner, der dir Vorgaben macht. 

Genau. Es gibt nur einen Kritiker und der ist der Schlimmste überhaupt, nämlich ich selbst.
Um das zu präzisieren. Ich hole mir sehr wohl Feedback. Ich habe eine Gruppe von Testlesern, die mir offen und ohne Rücksicht ihre Meinung zu den Stories sagen.
»Deutschland 2063« war so ein Beispiel, das wäre ursprünglich »Deutschland 2033« gewesen. Doch die Anspielung auf 100 Jahre danach hätte nicht funktioniert, da das viel zu nah an unserer heutigen Zeit gewesen wäre. Das Wahlergebnis mit 33% für die islamische Unionspartei war zu unrealistisch. Dreißig Jahre und ein paar Fluchtbewegungen später war es wiederum realistisch, nachvollziehbar und daher vorstellbar. Zusätzlich spielt es ja in einem Jahr, in dem es einen doppelten Ramadan gibt, und damit war 2063 für das Setting prädestiniert.
Eine Rückmeldung eines Testlesers war bei der ersten Finalversion dieser Story, dass der Protagonist viel zu westliche Gedanken hatte für einen gläubigen Moslems.
Also bin ich noch einmal über die Story gegangen und habe nun die Figur glaubhafter und religiöser dargestellt. 

War diese Freiheit der Hauptgrund, etwas Eigenes zu schreiben?

Ja, das war einer der Gründe. Und ich habe mir ein Jahr Auszeit vom Schreiben genommen. Und gegen Ende dieser Auszeit hatte ich Bock, eine alte RHODAN-STELLARIS-Idee umzusetzen und eben diese eigene Kurzgeschichten-Serie zu kreieren. 

Und die Ideen für die Kurzgeschichten kamen in dieser Auszeit?  

Gegen Ende. Ich habe gewartet, was in dem Jahr passiert. Da ich nicht stillsitzen kann, habe ich eine Ausbildung zum Artgerecht-Coach finalisiert und mich bewusst vom Thema »Schreiben« ferngehalten. Ich habe nicht einmal ein Schreibbuch gelesen. Einzig ein Manuskript von Bestseller-Autor Andreas Gruber habe ich korrekturgelesen, aber ansonsten war ich weg von dem Thema.
Und gegen Ende meiner Schreibpause habe mich eine meiner Kurzgeschichten aus dem Magazin Exodus noch einmal überarbeitet, um sie zu verlängern und die Charaktere zu vertiefen.
Dadurch kamen dann eine ganz Reihe von neuen Ideen, und die führten zum Entschluss, eine Near Future E-Book Short Story-Serie aus der Taufe zu habe.

Der Begriff Near Future ist ebenso selbsterklärend wie E-Book und Short Story. 

Genau. (lacht) 
Ich habe bewusst an die Gegenwart angeknüpft und bin dann ein paar Jahre in die Zukunft gegangen, um mögliche Entwicklung von aktuellen Themen oder Problemen zu beleuchten. Diese Themen sind uns vertraut und betreffen die ganze Menschheit.
Auch das Format der Kurzgeschichte halte ich für zugänglicher. Im Gegensatz zu einem 700 Seiten Schmöker kann man eine Kurzgeschichte auf dem Weg zur Arbeit oder als E-Book auf dem Handy lesen. Zeit ist ein knappes Gut und ich schenke spannungsgeladene Zukunftshäppchen für die Mittagspause. 

Aktuell sind sechs Geschichten fertig?

Und alle einzeln als E-Book auf Amazon erhältlich, ja. Und natürlich habe ich noch Ideen für weitere Stories. 

Nicht nur bei »Deutschland 2063« auch bei »Das Update« oder der Short Story »Der Sündenfall« war ich beeindruckt von der Recherche, die da drinnen steckt.

Ja, das ist mir wichtig, denn ich möchte realistische, fundierte Stories veröffentlichen. Wobei ... recherchieren ist das eine, das Detailwissen dann so einzubauen, dass es nicht penetrant oberlehrerhaft daherkommt, das andere.

Da hast ja auch Schreibcamps besucht. Ewige Frage an den Künstler - was ist wichtiger, das Handwerk oder das Talent?

Das eine geht ohne das andere nicht. Aber wie in vielen Disziplinen gilt auch hier: 95% ist einfach harte Arbeit – und die kann man lernen. Man sieht das ja an den Showrunnern und Drehbuchautoren rund um den Globus. Die entwerfen Serien und Blockbuster am Reißbrett, das Gerüst ist überall identisch. 
Ausschlaggebend sind dann letztlich die verbleibenden 5% - nenn es Talent, nenn es Kreativität. Die machen den Unterschied, mit dem du dich von den anderen abhebst. Nur ganz wenige sind so genial, dass sie sich einfach hinsetzen und drauflos schreiben und Bestseller um Bestseller landen. Die brauchen keine Schreibcamps, Seminare, Bücher und dergleichen. 
Doch das sind eben nur fünf Prozent. Und ich gehöre leider nicht dazu, d.h. ich habe mir das hart über die Jahre erarbeitet. 

Wie funktioniert denn die Ideenfindung bei dir?

Also ich muss mir die Geschichte zuerst selbst erzählen. Da wälze ich sie dann gedanklich lange hin und her und variiere so lange, bis ich keine dramaturgische Steigerung mehr finde, die Spannung nicht weiter treiben kann oder mir kein zusätzlicher oder besonderer Twist mehr einfällt. Manchmal habe ich auch eine Eingebung und die Story ist in wenigen Minuten grob konzipiert, aber meist brauche ich Zeit, um die Geschichte auszubrüten. Und irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem die Story schreibbar ist.
BTW: Bestsellerautor Andreas Eschbach hat mir mal verraten, dass er manche seiner Buchideen zwanzig Jahre lang reifen lässt. 

Echt? Na, damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Aber zurück zu dir. Ich kenne jetzt deine Arbeitsweise, aber wie kommst du davor zu den Ideen?

Ach, das fliegt mir zu oder ist einfach da. Es kann ein Wort sein, ein Satz, den ich aufschnappe oder auch eine Diskussion in der Firma oder im Freundeskreis. Oder auch ein Thema, das mich seit Jahren interessiert. 

Gut, dann kommen wir jetzt zu den sechs Short Story. 

Wo magst du anfangen?

In »Wahre Freiheit« geht es um den Wissenschaftler Florian Pichler, der hat einen Quantencomputer geschaffen, und dieses Ding verändert die Menschheit und ihr Verhalten grundlegend.

Die Geschichte dreht sich weniger um den Quantencomputer als um die Frage - was würden wir Menschen machen, wenn wir morgen nicht mehr arbeiten müssten? Unsere Grundversorgung wird von Maschinen erledigt, wir haben keinen Aufwand mehr fürs tägliche Leben, wir brauchen kein Geld mehr, denn alles ist frei. Daher gibt es auch kein Elend mehr auf dem Planeten. Und wenn wir nicht mehr arbeiten müssen, haben wir sozusagen die totale Freiheit. Wir können tun, was immer wir wollen. Also so, wie wenn du den Euro-Millionen Jackpot knackst.

Da muss ich natürlich an KI denken, die zumindest in meinem Büroleben schon massiv zum Einsatz kommt, und uns so frei macht für andere Aufgaben.

Meine persönliche Theorie ist die: sofern der Mensch gar nicht mehr arbeiten muss, weil ohnehin grundversorgt, wird das erste Drittel ganz in virtuelle Welten eintauchen und in Spielen und spielähnlichen Simulationen verschwinden. Das zweite Drittel wird sich persönlichem Wachstum widmen. Sie werden Goldschmied, oder Physiker, oder Fluglehrer. Sie werden die Zeit nutzen, um Musikinstrumente zu lernen und danach trachten, neue Fähigkeiten zu erlernen. 

Das erste erinnert mich an die arkonidischen Fiktivspiele bei PERRY RHODAN, das zweite an Star Trek, wo die Menschen ja auch hauptsächlich danach streben, sich zu verwirklichen, und dabei aber die Gesellschaft voranzubringen. Doch was macht denn das letzte Drittel?

Das würde sich nach meiner Theorie dann zu Tode langweilen, und als Konsequenz auf der Suche nach Abenteuern entweder im Drogenrausch versinken, oder zu Adrenalin-Junkies verkommen. 
Und das ist das Setting meiner Geschichte. Zwanzig Jahre nach Erfindung dieses Quantencomputers lässt sich Florian Pichler, der Schöpfer des Quantencomputers, der die Menschheit von der Last der Arbeit befreit hat, von einem vorlauten Teenie-Influencer interviewen. Und das geht für den Wissenschaftler rasch in eine falsche Richtung, weil er rasch merkt, dass die Fragen und auch Vorwürfe des Interviewers gar nicht von dem Jungen kommen, sondern von seiner eigenen Erfindung, dem Quantencomputer.
Parallel dazu entwickelt sich die Story von Pichlers Sohn Jochen, der am Tag des Interviews großjährig wird. Denn der durch seine Erfindung quasi zum Übervater der Menschheit gewordene Wissenschaftler ist auch »normaler Vater«. 18 Jahre lang stand Jochen unter der Kontrolle des Vaters, und eigentlich auch unter der Kontrolle der Erfindung des Vaters, und damit soll jetzt Schluss sein. Und der Sohn nutzt seine gewonnene totale Freiheit auf eine sehr extreme Weise, gegen die selbst sein Vater hilflos ist.

Stichwort Adrenalin-Junkie - aber mehr wollen wir jetzt nicht spoilern! Was würdest du denn in so einem Szenario machen?

Gute Frage (lacht)! Ich würde ziemlich sicher nicht in digitalen Welten versumpfen, eher noch in einer Bibliothek, da ich gerne lese.

Das Nachwort zu »Wahre Freiheit« hat niemand Geringerer als Literatur- und Staatspreisträger Clemens J. Setz verfasst - wie ist dir denn das gelungen?

Das freut mich ganz besonders, dass ich diesen vielfach ausgezeichneten Schriftsteller von Hochliteratur dafür gewinnen konnte. Ich habe ihn ganz einfach gefragt, und er hat zugestimmt. Dann hat er zwei Geschichten von mir bekommen, und er hat sich eben »Wahre Freiheit« ausgesucht, das sei ein spannendes Thema, das interessiere ihn. 

Schreibst du auch bald Hochliteratur?

Oh, in seine literarischen Sphären werde ich nie vorstoßen, da bin ich schon Realist. Dementsprechend stolz bin ich daher auf sein Vorwort.
Und ich bin auch stolz darauf, dass ich all die anderen Kapazunder und berufenen Menschen angesprochen habe. Und alle haben ganz großartig reagiert, und waren gerne mit dabei, das finde ich schon sehr toll. An dieser Stelle nochmal ganz großen Dank an alle!

Die Liste ist in der Tat beeindruckend: Zwei Spiegel-Bestseller-Autoren, ein Literatur- und Staatspreisträger und der Nachfahre des Physikers Ernst Mach und ein Extremismusforscher. 

Und bei der ersten Story PERRY RHODAN-Autor Uwe Anton. 

Eine gute Wahl war auch der angesprochene Extremismusforscher Dr. Ahmad Mansour, der das Nachwort zu »Deutschland 2063« verfasst hat. Ich bin eben fertig geworden mit dieser Geschichte und muss sagen, die war für mich fast schon »too close for comfort«.

Du springst jetzt zur sechsten Geschichte in der Reihe. Das ist in der Tat ein sehr hartes Thema. Ähnliches Feedback habe ich schon von mehreren Seiten bekommen.

Was haben die gesagt?

Ein Arbeitskollege, der meine Werke als Nur-Leser liest, kommt am Morgen zu mir und sagt: »Sag mal, bist du krank?« Ich habe das nicht auf die Story bezogen, sondern auf den Job und antworte ihm: »Nein, sonst wäre ich nicht da.« Darauf er: »Ich meinte, die Story – das kannst du doch nicht schreiben!«

Okay, jetzt musst du den Inhalt anreißen. 

Also, wir schreiben das Jahre 2063. Bei der Bundestagswahl gewinnt eine ultranationale Partei 44 Prozent und die Islamische Unions Partei 33 Prozent, ergibt eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Die zwei beginnen mit Koalitionsverhandlungen und was im ersten Moment wie ein No-Go wirkt, hat bei genauerer Betrachtung viele Gemeinsamkeiten. Und beide haben ein Ziel: beide wollen ein Deutschland ohne den jeweils anderen Bevölkerungsteil. Also eine neue Trennung des Landes, in einem wird die Demokratie durch Religion, im anderen durch eine Diktatur ersetzt. Und damit findet man eine gemeinsame Basis für Koalitionsverhandlungen.

Die Handlung wird aus der Sicht des Islamistenanführers geschildert. Und ich finde, dass dir die Darstellung seiner Motivation und Gedankens sehr gut gelingt.

Auf der einen Seite erscheint er als sehr menschlich, weil er Zweifel hat, ob er das Richtige macht. Doch letztlich unterwirft er sich und unterstellt all sein Handeln seiner Religion. Und in dieser Kompromisslosigkeit ist er gar nicht mehr menschlich.

Da gibt es ja diese tragische Episode mit seiner Tochter.

Das war die eigentliche Motivation für die Story. Vor Jahren habe ich einen Artikel über Kinderehe gelesen und mich gefragt, wie man eine Zwölfjährige mit einem 36jährigen verheiraten kann. Und bei dieser Story wollte ich dem auf den Grund gehen.
Ja, und dann habe ich recherchiert und diese Story geschrieben. 

Wie ging es dir dabei als Vater? 

Nicht gut. Ich habe ein sechsjähriges Mädchen, darum war und bin ich bei dem Thema selbst betroffen, im Sinne von schockiert. Jeder Vater liebt seine Tochter, wie rechtfertigt er dann Kinderehe vor sich selbst? 
Dieses Thema hat mich seit dem Artikel verfolgt. Bei PERRY RHODAN konnte ich das nicht zum Thema machen, aber in meiner neuen Kurzgeschichtenserie wollte ich unbedingt was darüber schreiben.

Du hast dir also mit der Figur des Al-Hamadi nicht gerade leicht getan?

Das wirst du von Autoren öfter hören - da wollen wir eine bestimmte Geschichte erzählen, dann bekommt aber eine Figur plötzlich ein Eigenleben, und fängt an, dir seine eigene Geschichte zu erzählen, ob du willst oder nicht, und du kannst das dann eigentlich nur noch protokollieren und danach verfeinern.

Wie muss ich mir das genau vorstellen?

Der Vater war plötzlich so präsent und als Figur so stark, dass er seine Story erzählen wollte. Also habe ich ihm gesagt: »Deine Story gefällt mir, die können wir gern erzählen, aber meine wird auch erzählt. Punkt!«

Man merkt auch bei dieser Geschichte, dass du dir wieder viel Wissen angelesen hast.

Das mit dem doppelten Ramadan haben wir ja schon angesprochen. Dann habe ich zB die aktuellen Religionszugehörigkeiten in Deutschland recherchiert. Meine Prämisse, dass da eine islamische Unionspartei 33% der Wählerstimmen erreicht, ist aus heutiger Sicht völlig illusorisch, das ginge sich einfach nicht aus. Auf der anderen Seite hingegen sehen wir sehr wohl, dass eine rechte Partei deutlich über 40% erreichen kann.
Wie auch schon oben erwähnt, war Al-Hamadi in der ersten Fassung viel zu westlich eingestellt. Das habe ich stark überarbeitet, denn wir war es wichtig, dass die Figur authentisch ist, in sich schlüssig agiert, so dass Menschen, die tatsächlich so ticken, sagen würden: ja, genau, so empfinde ich das auch. Und alle anderen sollen ein Einblick in diese für sie ungewohnte Gedankenwelt erhalten. 

Das kling nach Sendungsbewusstsein.

Nein. Ich will eine Geschichte erzählen und mit dem Thema Emotionen erzeugen. Wenn die Leute so wie ich bei der Recherche zusätzliches Wissen erhalten, können sie ja damit machen, was immer sie wollen.  

Bleiben wir noch dabei, wie du das Setting realistischer hinbekommen hast. 

Ich habe dann einfach die Prämisse gesetzt, dass es zu einem enormen Anschwellen der Flüchtlingsströme gekommen ist, und dadurch der Bevölkerungsanteil in dieser Religion stark ansteigt. Kombiniert mit einer gar nicht so unwahrscheinlichen niedrigen Wahlbeteiligung von gerade mal über 50% kann es dann durchaus zu dem von mir skizzierten Szenario kommen. 
Diese Themen beschäftigen uns heute schon. Near Future muss nicht immer Science-Fiction sein, in der die Wissenschaft oder technologische Entwicklung eine große Rolle spielt. Hier geht es um gesellschaftliche Trends, also eher Social-Fiction. Und ich glaube sogar, diese Geschichte kann man auch in der Schule lesen und diskutieren. Wie soll Religion gelebt werden? Wie wehrhaft sollte die Demokratie sein?

Die Frage ist, ob Geschichten nur unterhalten sollen oder auch zum Nachdenken anregen. 

Sowohl als auch, aber auch nicht immer beides. Dennoch sollte es immer um moralische Dilemmata gehen. Wie sollte der Leser sonst mitfiebern?
Und gerade diese zwei Geschichten - Freiheit und Deutschland - sind ja sehr realistisch und leicht vorstellbar. Darum geht es in Near Future: Das Setting, die zukünftige Welt soll leicht vorstellbar sein. 
Und wenn die Menschen durch Twist oder das Ende oder das Thema manchmal auch verstört werden, habe ich meine Arbeit gut gemacht. Es darf auch gelegentlich keine leichte Kost sein.

Ohne jetzt alle Stories durchzuexerzieren - »Das Update« fängt relativ banal an, eben mit dem Update einer Software.

Nur dass sich diese Software rasch selbständig macht. Kommt dir das bekannt vor? (Lacht)
Ja, und die Geschichte hat dann noch einen wunderschönen, weil unerwarteten Twist am Ende, den ich jetzt natürlich nicht verrate.

Das Nachwort ist auch hier von einem Prominenten.

Ja, vom ebenfalls preisgekrönten SF-Autor Andreas Eschbach. 

Und einer deiner Testleser war der Spiegel-Bestseller-Autor Andreas Gruber. 

Ja, wir lesen uns gegenseitig Korrektur. Obwohl er bei »Das Update« den ganzen »Programmierkram« nicht verstanden hat, fand er die Story super spannend.
Dieser Punkt gehört auch zu den Herausforderungen als Autor. Einerseits muss ich achtgeben, dass ich in der Figur bleibe, also authentisch und für einen Programmierer völlig logisch denke und handle, aber gleichzeitig den Leser nicht verliere, der von der Materie ja nicht notwendigerweise etwas versteht.

»Das Update« war jetzt zwar nicht mein Favorit, weil ich mit dem Schluss nicht so ganz zurechtkam, aber ... ja, die Story war trotz dem Programmierkram spannend. 

Hast du denn eine Lieblingsgeschichte?

Der Twist in der ersten Geschichte, »Der letzte Tag«, hat mir sehr gut gefallen, auch die Story »60 Minuten«.

 »Der letzte Tag« ist eine richtige SF-Geschichte, wobei aber auch hier die Technologie eigentlich nur die Kulisse für gesellschaftliche Themen ist. Ausgangslage: wir sind mittlerweile auf dem Mars gelandet, es kommt aber zu einer Katastrophe, die unsere Erde wahrscheinlich zerstören oder zumindest schwer beschädigen wird. Und dann geht es um die große Frage, können die Kolonisten auf dem Mars überleben, und eventuell sogar eine neue Menschheit gründen.

Dabei verfallen vor allem die Männer zurück in archaische Verhaltensmuster. Erschreckend.

Überlegung für diese Geschichte ist das persönliche Schicksal der Kommandantin, das ich zum Ende hin wirklich auf die Spitze treibe. Da habe ich mit einem alten Trick im Storytelling gearbeitet, in die Geschichte mit dem Ende einzusteigen, und dann zurückzugehen und die Geschichte von vorne zu erzählen, bis sie dann wieder an diesem Punkt angelangt ist - und dort entweder endet, oder darüber hinaus geht.

Und für diese SciFi-Story hat dir auch wieder ein bekannter Autor das Vorwort verfasst?

Ja, Uwe Anton! Ich schätze ihn als Autor, Lektor, Korrekturleser, als Freund und als Mensch. Und ich finde es toll, dass er gleich bereit war, mir hier sozusagen die Einleitung zu machen.

Bei »Der letzte Tag« waren wirklich ein paar sehr schöne und unerwartete Twists dabei!

Freut mich, wenn mir das gelungen ist. Ich versuche, stets einen ironischen Schluss zu finden, oder die Geschichte mit einem unvorhersehbaren Dreh zu beenden. Solche Effekte zu erzielen ist gar nicht so leicht.

Ein toller Twist ist dir auch bei »Sechzig Minuten« gelungen.

Diese Geschichte geht auf eine Erzählung zurück, die ich 1999 geschrieben habe. Auch wenn die ursprüngliche Idee in der Vergangenheit schon behandelt wurde, konnte ich sie doch weiter variieren, und ihr neue Facetten abgewinnen. 
Die Grundidee: vier Personen sind in einem Raum gefangen, und sie kommen nur raus, wenn sie einen der anderen Gefangenen dazu überreden, Selbstmord zu begehen. Nur mit Worten, Argumenten, und eben innerhalb von sechzig Minuten. Das Ganze ist Teil einer Fernsehshow, und um den Druck zu erhöhen, wählt das Publikum nach einer halben Stunde einen der Teilnehmer aus, der als Erstes sterben soll. 
Auch dieses Thema ist nicht so weit hergeholt, wenn du dir ansiehst, dass die Gameshows immer extremer werden. Irgendwann wird’s dann richtig krank, damit die Zuseher überhaupt noch einschalten.

Also auch hier Gesellschaftskritik.

Eher ein Spiegel. Wobei ... drei der Teilnehmer hätten tatsächlich einen Grund, sich umzubringen, denn sie haben in unterschiedlicher Form Schuld auf sich geladen. Nur der Hauptprotagonist Liam ist unschuldig, hat aber in einem früheren Gerichtsverfahren ein falsches Geständnis abgelegt, weil er erpresst wurde, was zu seiner Verurteilung wegen Mordes geführt hat. Und damit ist er für die Zuseher auch mit Schuld behaftet, von der er sich freikaufen könnte – nach seinem Tod. 

Für die »Sechzig Minuten« konntest du den bekannten Thriller-Autor Andreas Gruber gewinnen?

Er durfte sich eine Geschichte aussuchen, und die »Sechzig Minuten« hat er als besonders spannend gefunden. Wie auch bei allen anderen war aber auch dieses Vorwort hier jetzt keine Gefälligkeitsübung, für so etwas würden sich ja auch ein Clemens Setz oder Andreas Eschbach gar nicht hergeben. Nein, das war aufrichtiges Interesse an der jeweiligen Geschichte.

In »Der Sündenfall« heißt der Protagonist Kobayashi, das löst bei mir als bekennenden Trekkie sofort Assoziationen aus!

Also das ist wirklich ein reiner Zufall! Ich platziere eigentlich keine Easter Eggs, also zumindest nicht bewusst. Hätte ich diesen Zusammenhang gewusst, hätte ich einen anderen Namen gewählt. Ursprünglich hatte der sogar einen englischen Namen, da aber die Geschichte in Singapur spielt, musste natürlich ein asiatischer Name her.

Die Geschichte hat durchaus etwas von einem Film.

Auf Amazon habe ich »Der Sündenfall« einen Tech Thriller genannt, er hat ja tatsächlich Anklänge an einen Actionfilm, mit vielen Wendungen und Überraschungen, auch die Protagonisten handeln dann oft ganz anders, als man es eigentlich erwartet. 

Auch da hast du wieder geschickt ein philosophisches Thema verpackt. Wie entwickeln sich Menschen, sobald sie Erfolg haben? Was passiert mit ihrer Moral? Soll man die Hand abschneiden, die einen füttert? Alles sehr spannend. Wie überhaupt in jeder Geschichte so ein, zwei Gedanken drinnen sind, die mich länger beschäftigt haben.
Auch die Entstehung des »Sündenfalls« ist sehr spannend. Das Vorwort kommt von Mag. Mag. Dr. Werner Mach...

Werner ist ein Nachfahre von dem berühmten Mach, nach dem die Mach- Geschwindigkeit benannt wurde. Werner, den ich schon seit Jahrzehnten kenne, ist ein sehr interessanter und vor allem interessierter Mensch, der absolviert ein Studium nach dem anderen, quasi aus schierer Neugierde. Wir haben einmal über seine Dozentenarbeit geplaudert, da ging es um optimale Handlungssysteme, mit denen es für alle nur echte Win-Win-Situationen gibt. Das fand ich so spannend, dass ich gleich eine neue Story daraus machen wollte, und er hat mich dabei zu beraten. Es hat dann doch eine Weile gebraucht, bis ich den richtigen Dreh gefunden habe.

Worum geht es da?

Was würde passieren, wenn ein Unternehmen eine solche optimale Handelslösung gefunden hätte, mit der sie den ganzen Planeten befriedet? Wenn es keinen Disput mehr gäbe zwischen Staaten, Unternehmen, ja den Menschen? Oder zumindest eine Lösung, bei der jede Partei als Gewinner aussteigt? 
Was aber, wenn das ganze System letztlich nur auf Betrug aufgebaut wäre, und ich wäre im Besitz dieser Wahrheit - halte ich die Fassade aufrecht, weil ich ja die Errungenschaften dieser »optimalen Lösung« für großartig halte, nämlich Frieden für alle, oder reiße ich dem Unternehmen und seinen Betreibern die Maske vom Gesicht, und zeige der Welt, was wirklich Sache ist? 
Also das klassische moralische Dilemma.

Ganz ein anderes Thema - Musik. Wir sind ja beide Metalheads...

 ...und es geht die Fama, ich sei noch nie ohne Metallica-T-Shirt gesehen worden (lacht)

Wie wichtig ist denn Musik für dich beim Schreiben, ist das Inspiration, oder hörst du beim Schreiben Musik?

Ich habe ganz lange mit Musik geschrieben, aktuell eher ohne, mal so, mal so. BTW: Bei RHODAN habe ich es tatsächlich mal geschafft, die Titel von ein paar Metallica-Alben einzubauen, ich habe einfach ein paar Raumschiffe danach benannt, da gab es dann eine MASTER OF PUPPETS oder eine AND JUSTICE FOR ALL.

Was hat denn da der Redakteur gesagt?

Klaus hat das originell gefunden, und zugestimmt. Und ich habe auch schon mal deutscher Übersetzungen von Sätzen aus Liedtexte von Linkin Park oder Slipknot in Geschichten eingebaut, sozusagen anklingen lassen.
Das darf halt kein Selbstzweck sein, sondern es muss in der Story einen Bezug dazu geben. Aber die Musik als weiterführende Inspiration? Nein, das eigentlich nicht.

Wie geht es nach den sechs Geschichten jetzt mit TOMORROW’S REALITY weiter? Darf ich mich auf einen Horror-Schocker freuen?

Du meinst so eine Zombie-Apokalypse, das wäre tatsächlich ein klassisches Thema für eine Near Future-Serie. 

Ich hatte mal eine Carrie-Anne Moss Phase, in der Komödie »Fido« werden Zombies wie Haustiere gehalten, sie haben halt eine Manschette um den Hals, damit sie Menschen nicht angreifen ...

Wer meine Geschichten kennt, der weiß, dass ich eher keine klassischen Pfade verfolge. Wenn schon Zombies, dann sicher nicht wie bei Walking Dead. 
Wie wäre es mit schlafenden Zombies, und du müsstest dich in einer solchen Welt sehr gelassen verhalten, denn sobald dein Puls übermäßig ansteigt, wachen sie auf und gehen auf dich los. Und wenn das passiert, wen wärst du bereit zu opfern, um selbst zu entkommen? Also wieder ein moralisches Dilemma.
Auch der aktuelle politische Komplex würde einen guten Hintergrund für eine neue Geschichte bilden, zum Beispiel ein Konflikt zwischen den USA und China. Keine militärische Auseinandersetzung, eher wirtschaftlich, was macht das mit Europa, sind wir dann endgültig abgemeldet?
Oder die aktuelle Klimaentwicklung, gerade heuer haben wir in Europa ja alle gestöhnt unter der Hitze. Für das Jahr 2041 wird prognostiziert, dass wir 75 Tage mit einer Temperatur nicht unter 26 Grad haben werden - aktuell sind das 22 Tage, und wir waren schon völlig überfordert. Was wird das mit unserem täglichen Leben machen, unserer Infrastruktur, der Wasserversorgung und Stromerzeugung? 
Der Chef vom Verbund, das ist unser Äquivalent zur deutsche RWE oder EnBW, hat in einem Interview gesagt, dass die Stromerzeugung aus Wasserkraft um ein Drittel sinken wird, weil einfach nicht mehr genug Wasser in den Flüssen da ist - und 60% unseres Stroms kommt aus Wasserkraft. Also wie gehen wir mit der Entwicklung unserer Ressourcen um?

Du hast also schon die Ideen für die nächsten drei Geschichten?

Unterschiedlich weit gediehen, ja, aber aus heutiger Sicht kann ich sagen: es wird auf jeden Fall weitergehen! Und ich rufe hiermit auch ganz ernsthaft dazu auf - schickt mir eure Ideen! Wenn euch ein bestimmtes Thema ganz besonders interessiert, schickt mir doch eine E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, vielleicht inspiriert mich das an. Ich verspreche nichts, aber ich diskutiere gerne mit euch.

Das ehrt dich, aber ganz ehrlich? Ich habe den Eindruck, du sprühst ohnehin vor Ideen, und brauchst eigentlich gar keinen zusätzlichen Input.

Doch, ich freue mich immer über Rückmeldungen, zu meinen Geschichten, meinen Ideen, wie man das weiterspinnen könnte. Überhaupt sind Kommentare und Bewertungen auf Amazon, Goodreads, Lovelybooks, Büchertreff und so weiter für mich wichtig.
Daher: Schreibt mir doch bitte, was hat euch gefallen, was nicht. Wenn ihr keine Kommentare schreiben wollt, Sterne alleine sind auch schon toll. Das ist alles unmittelbares Feedback von meinen Lesern, das ist enorm wichtig für jeden Schriftsteller, die ja wie abgekapselt in ihrer Welt sitzen und keine Ahnung haben, wie ihre Geschichten überhaupt aufgenommen werden.

Auf Amazon warst du ja vor kurzem sogar auch Bestseller!

Das Bestseller-Ranking ist ja teilweise absurd oder besser gesagt, nicht sehr aussagekräftig, und letztlich für mich als Schriftsteller kommerziell auch nicht interessant. Viel wichtiger sind da die Kundenrezensionen. Und dass meine Geschichten bald in 7 Sprachen erhältlich sind.

Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf deine neuen Geschichten. Und als alter Grusler besonders auf die Zombies!

Da bin ich gedanklich schon ziemlich weit, habe da auch schon einen schönen, oder besser bösen Twist. 

Lieber Roman, vielen Dank für deine Zeit und die interessanten Einblicke in dein Schaffen!

Sehr gerne. Und Leute, vergesst nicht: Die Zukunft ist näher als ihr denkt! Und wenn ihr Häppchen aus der Zukunft lesen wollt, dann holt euch meine Geschichten. Auf https://tomorrowsreality.carrd.co/ findet ihr Leseproben, und wie gesagt, ich freue mich immer über Rückmeldungen!



Hier könnt ihr den ersten Teil des Interviews nachlesen.

 

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