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Iain M. Banks - Ein Nachruf

Iain BanksIain M. Banks
Ein Nachruf

Jung war er nicht mehr, als er seinen ersten Roman mit 30 Jahren veröffentlichte, dafür gelang es ihm, von der englischen Literaturkritik – und zwar der, die zählte – in die Kategorie »kontroverser Autor« eingestuft zu werden. »Die Wespenfabrik« (The Wasp Factory – 1984) erregte Aufsehen, begeisterte Anerkennung und böse Kritiken. The Times Literary Supplement bezeichnete den Roman als »literarisches Äquivalent brutalster Jugendkriminalität«. Und Iain M. Banks literarische Karriere war auf dem richtigen Weg.


Geboren 1954 in Dunfermline, in der Nähe von Edinburgh in Schottland, studierte Ian "Menzies" Banks Englisch und Psychologie. Nach seinem Universitätsabschluss arbeitete er in diversen Jobs, reiste viel und schrieb. "Die Wespenfabrik" war nicht sein erster Roman, aber der erste Verkauf.

Iain BanksSF-Autor war er da allerdings nicht. "Die Wespenfabrik" erzählt die Geschichte von Frank, der mit 16 bei seinem Vater lebt. Frank quält gern Tiere und spießt die Köpfe auf Pfähle, seine Totems, die ihn schützen sollen. Da bricht sein Bruder Eric aus der Nervenheilanstalt aus, und im Laufe der Handlung enthüllt Ich-Erzähler Frank, dass er bereits drei Kinder ermordet hat, darunter seinen Bruder Paul. Für die damalige Zeit waren die Beschreibungen von Gewalt und Sadismus drastisch, was allerdings nichts im Vergleich mit der völlig unerwarteten Auflösung ist. Aus der heutigen Sicht ist die Kritik nur schwer nachzuvollziehen, aber das war in England die Zeit der Video-Nasty-Hysterie. Da kam dieser Roman gerade richtig.

Dem Bizarren blieb Banks treu, sein nächster Roman "Barfuß über Glas" (Walking on Glass – 1985) verband drei scheinbar zusammenhanglose Geschichten und betrat das surreale Terrain, wie man es von Kafka, Borges oder William Burroughs kennt, genau wie "Die Brücke" (The Bridge – 1986), das der Autor als sein Lieblingsbuch bezeichnete.

Iain BanksEs folgte "Bedenke Phlebas" (Consider Phlebas – 1987). Mit dieser umfangreichen Space Opera führte er die KULTUR ein, eine pangalaktische Superzivilisation, in der Menschen, Nichtmenschen und Maschinen in einer Art hedonistischem Utopia zusammenleben. Die KULTUR-Romane gefallen nicht nur durch eine komplexe Abenteuerhandlung, sondern auch durch eine bemerkenswerte, überschäumende Phantasie, wie sie sich andere Genre-Autoren nur wünschen können. Darüber hinaus sind die Geschichten mit einem doppelbödigen, sehr englischen Humor versehen. Ein Kritiker bescheinigte Banks einmal eine grenzenlose Verspieltheit, und er hatte recht. Das gilt sowohl für seine Plots als auch für seine Figuren. Dabei sind die Romane nicht leicht zu konsumieren, die Handlung ist oft sehr verschachtelt. Von den stilistischen Experimenten ganz zu schweigen. In "Förchtbar Maschien" (Feersum Endjinn – 1993) beispielsweise schreibt der unter einer Lese-Rechtschreib-Störung leidende Erzähler teilweise in phonetischer Ausdrucksweise, was die Lektüre oft mühsam macht.

In den folgenden Jahren erschienen regelmäßig neue Romane, abwechselnd SF und Mainstream, denn er hatte, was eine Seltenheit ist, auf beiden Gebieten etwas zu sagen und wollte nicht bloß anspruchslose Unterhaltung produzieren. Um zu differenzieren veröffentlichte der Autor den Mainstream unter Iain Banks, während er die SF unter Iain M. Banks publizierte. In Deutschland spielte das keine Rolle, hier erschien alles ohne das M. Auch die ersten Romane, die in England Mainstream waren, endeten hierzulande in der Heyne SF-Reihe. Wodurch sie wie üblich von der Literaturkritik nicht wahrgenommen wurden. Und so ist es nur folgerichtig, dass Banks in Deutschland immer in erster Linie als SF-Schriftsteller galt, wie die diversen Nachrufe zeigen, während er in England als Autor gesellschaftskritischer Romane betrachtet wurde, der auch Science Fiction schrieb.

Iain BanksDie meisten Schriftsteller starten eine Karriere, indem sie die gleiche Geschichte immer wieder schreiben. Aber das war nicht Banks Art. Jeder Mainstreamroman war thematisch und erzählerisch anders, und so passten seine späteren Werke beim besten Willen nicht mehr in Heynes SF-Reihe. Goldmann nahm sich seiner an und begann mit dem Thriller "Verschworen" (Complicity – 1993), aber der mäßige Erfolg führte dazu, dass insgesamt fünf Romane nicht angekauft und übersetzt wurden. Für die sich auch kein anderer Verlag fand. Allerdings sind das teilweise sehr schwierige und mit dem hiesigen Massengeschmack wenig kompatible Bücher. "A Song of Stone" (1997) ist die Geschichte eines Adligen, in dessen nie näher spezifizierter Heimat der Bürgerkrieg tobt; der Roman ist brillant erzählt aber zutiefst düster, mit seinen Themen wie Inzest, Gewalt und Krieg, den unsympathischen Figuren und dem nihilistischen und brutalen Ende ist es keine leichte Kost. "Dead Air" (2002), die Geschichte eines Radiomoderators in der Zeit des 11. Septembers, kam auch bei den britischen Lesern und der Kritik nicht gut an, man kritisierte die zahllosen politischen Tiraden des Helden über die Übel der Welt, und selbst der Autor bezeichnete den Roman selbstkritisch als "maßlos" in dieser Hinsicht.

Doch Politik war ihm wichtig. Links von der Mitte unterstützte er die schottischen Nationalisten der SNP, die sich für ein unabhängiges Schottland aussprechen. Er protestierte öffentlich gegen den Irakkrieg und bezeichnete Premierminister Tony Blair als "Kriegsverbrecher", dem er seinen zerrissenen Ausweis schickte. 2010 setzte er sich nach dem Ship-to-Gaza-Zwischenfall für die Palästinenser ein und schloss sich einem kulturellen Boykotts Israels an. Die Rechte an seinen Romanen dürfen nicht mehr nach Israel verkauft werden. In dieser Hinsicht war er nie einfach, und er scheute sich nicht, seine Meinung öffentlich zu machen, auch wenn sie unpopulär war oder Leute daran Anstoß nahmen. Andererseits mochte er seine Fans, besuchte viele Conventions und gab gern Interviews.

Treu blieb er sich in dieser Beziehung bis zum Schluss. Am 3. April diesen Jahres informierte er seine Leser auf seiner Website über seine Erkrankung. "I am officially Very Poorly", schrieb er, und man kann darin eine deutliche Anspielung auf die schrägen Raumschiffnamen, die er seinen Kultur-Schiffen zu geben pflegte, herauslesen. Nach einer Gelbsucht diagnostizierte man Gallenblasenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Er schrieb mit der bekannten Direktheit, die in diesem Fall besonders betroffen macht. "Es ist außerordentlich unwahrscheinlich, dass ich noch länger als ein Jahr zu leben habe. Mein Roman "The Quarry" wird wohl der letzte sein. Ich habe meine Partnerin Adele gefragt, ob sie mir die Ehre gibt, meine Witwe zu werden (tut mir leid, aber schwarzer Humor hilft)."

Iain M. Banks starb am 9. Juni 2013. Er wurde 59 Jahre alt.

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