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Im von Nazis besetzten Frankreich - Inglourious Basterds

Inglourious BasterdsIm von Nazis besetzten Frankreich
 
Kapitel Eins – ONCE UPON A TIME…
Es gibt keinen Regisseur, der das moderne Kino so geprägt hat wie Quentin Tarantino. Wenn man nun die Filmographie dieses Regisseurs und Drehbuchschreibers in Personalunion betrachtet, sollte man sich allerdings fragen, woher dieser Einfluss rührt. Es gibt sehr radikale Filme und durchaus innovative Erzählstrukturen, die diesem Mann verdiente Achtung einbrachten.

Gerade mit seinem zweiten und dritten Film gab er dem Kino der Neunzigerjahre das, was auch das sogenannte Neue Hollywood Anfang der Siebziger als Frischzellenkur in die Kinokultur einbrachte – das geschickte Verweben von brutal geradlinigen Trivialfilmen mit der Erzählweise des kunstgeschwängerten Programmkinos.

Es gibt keine Werbekampagne, die mit „ein Film im Stil von Steven Spielberg“ wirbt oder schreibt: „Ganz in der Tradition von Titanic“. Die Verehrung dieses Mannes hat zu Auswüchsen geführt, die in keinem Bezug mehr zu seinen wirklichen Leistungen stehen, denn Tarantino hat sich so schnell selbst überholt, dass sein Ruf sich eigentlich schon in Frage stellt. Waren zu Beginn von Tarantinos Karriere seine Filme eine eigen- und bodenständige Hommage an das Kino, zitiert er seit einigen Filmen nur noch sein Faible für das Zitat an sich. Tarantino-Filme sind nicht nur grafisch explizit, sondern auch brutal in ihren Versatzstücken. Dieser Mann polarisiert, und er polarisiert bewußt. Die seit zehn Jahre in der Entstehung befindliche Geschichte des „Bären-Juden“, nimmt eine politische Komponente hinzu, die nicht unumstritten sein wird. Und das ist doch schon die halbe Miete für die allgemeine Aufmerksamkeit.
 

Kapitel Zwei – INGLOURIOUS BASTERDS

Aufgeteilt in fünf Kapitel, ist dies ein Märchen, das so banal und unerschrocken in seinem Ansinnen ist, dass es schon wieder richtig Freude macht. Ein Trupp amerikanischer und österreichischer Soldaten jüdischer Herkunft und ein deutscher Deserteur versetzen in Frankreich mit ihren Gräueltaten die deutschen Besatzer in Angst und Schrecken. Die Losung ist einfach, denn die Deutschen müssen endlich einmal genau so viel Angst vor den Juden bekommen, wie bisher umgekehrt. Wie schon des Öfteren ist sich die deutsche Synchronisation nicht zu blöd, aus der in den Dialogen allgemein gehaltenen Abwertung ‚Germans‘ einfach mal ‚Nazis‘ zu machen. Geschichtsverfälschung in einem Geschichte verfälschenden Film, das nennt man doch Ironie.

INGLOURIOUS BASTERDS ist ohne Zweifel ein Rachestück, eine Abrechnung mit dem bisher nicht Greifbaren. Aber er ist in einer weiteren Ebene doch viel mehr. Das Morden und Wüten der BASTERDS genannten Truppe nimmt einen wesentlich geringeren Teil ein, als man vermuten möchte, das Pozential an blutigen Exzessen ist deswegen keinesfalls geringer. Doch der wirkliche Schrecken formt sich aus den extrem langen Dialogpassagen, die den Judenjäger Oberst Hans Landa in den Vordergrund rücken. Landa ist es auch, der alle Handlungsstränge und Figuren zu einem grandiosen Finale zusammenführt. Da sind die BASTERDS und eine französische Kinobesitzerin. Da gibt es Joseph Goebbels Anbiederungen beim Führer und Oberst Landas eigenes, ganz persönliches Ansinnen. Und am Ende entblößt jede Figur ihren wahren Charakter, der vorher so nicht wahrnehmbar war. Der Autor wandelt dabei die vorherige Entwicklung seiner Personen zu einer neuen Ebene in der Geschichte. Ist der von Brad Pitt verschroben gespielte Aldo Raine nicht sogar der Regisseur selbst, wenn er nach dem Schnitzen eines Hakenkreuzes in die Kamera sagt: „Ich glaube, das ist mein Meisterwerk“.
 
 
Kapitel Drei – EINE DEUTSCHE NACHT IN PARIS

Ganz in der Tradition der vielen Vorbilder, die Quentin Tarantino in seinem Film zitieren will, besetzte er seine Rollen mit Schauspielern der entsprechenden Muttersprachen. Mit Michael Fassbender wird sogar ein deutschstämmiger Ire seiner Kunstfigur am nächsten besetzt. Die sonst darstellerisch eher unterforderte Diane Kruger, die sich wie alle anderen Deutschen in diesem in Englisch gedrehten Film selbst synchronisierte, beeindruckt mit einer klar akzentfreien Stimme, die in ihrem Ausdruck durchaus wohlwollende Erinnerungen an die deutschen Schauspiellegenden der Dreißigerjahre wecken. Doch ungeschlagen ist Christoph Waltz, der sich schon mit einer unverschämten Leichtigkeit über alle anderen Darsteller hinweg hebt. Sogar in seinem selbst gesprochenen Französisch und Italienisch bringt er seine fiese, unterschwellige und manipulative Art des als Gespräch getarnten Verhörs zur Vollendung. Waltz ist dieser hassenswerte Charakter, der einen kompletten Film nicht nur trägt, sondern ohne den der Film kaum funktionieren würde.

Die weiteren Darsteller erfüllen mehr oder weniger ihren Zweck. Das Drehbuch schafft es nur selten, die Figuren über ein normales Level zu heben. Vielleicht Sylvester Groth als Goebbels dürfte nach Waltz tiefer in Erinnerung bleiben. Die deutsche Synchronisation hat aus Brad Pitts schwer akzentbetonten Abziehbild eines über allem erhabenen Amerikaners eine nur bedingt ernstzunehmende Figur gemacht. Til Schweiger mit exakt der Charakterisierung zu belegen, die ihm von bösen Zungen als Mangel an Schauspieltalent nachgesagt wird, würde gut zu Tarantinos Spiel mit den Klischees passen, ist im Gesamten aber eher unglücklich gewählt.

Film im Film mit Daniel Brühl
 
Kapitel Vier – OPERATION KINO

Wie in seinen fünf vorangegangenen Filmen erschließt sich auch INGLOURIOUS BASTERDS in seiner Gesamtheit erst durch seinen pointierten Zitatenschatz. Die Geschichte um Rache, Angst und Gewalt ist in ihrem Kern eine Liebeserklärung an das Kino als solches. Tarantino beweist, dass er seine große Liebe kennt, dass er sie beherrschen kann, und dass diese große Liebe einfach zu übermächtig für ihn ist. Er überfrachtet jedes einzelne Kapitel mit Anspielungen, Querverweisen, Kopien und Zitaten. Nicht nur ist dieser Film ein sehr loses Remake eines gleichnamigen (aber richtig geschriebenen) Zweiten-Weltkrieg-Krachers der Siebzigerjahre, sondern er bedient sich reichlich aus sämtlichen ähnlich gelagerten Actionfilmen, die das Thema um diesen Weltkrieg nicht zum Drama erhoben haben.

Der Titelvorspann beginnt schon mit fünf verschiedene Schrifttypen, die seinen Vorbildern entliehen sind. Nicht zu vergessen das dem Film selbst das Siebzigerjahre-Logo von UNIVERSAL vorangestellt ist. Was der Film sich als eigenständiges Gesicht aneignen möchte, verkommt zum cineastischen Supergau. Ab der Hälfte seiner Laufzeit verschiebt sich der Fokus mehr und mehr auf das Kino als Propaganda-Instrument des Dritten Reichs. Der Showdown in einem Filmtheater schließlich impliziert die Reinigung von allem Übel, welche dieser Kunstform angetan wurde. Bis dahin ist der Bogen aber längst überspannt, weil die Inszenierung alles ins Gefecht schickt, worin man andere Filme, verschiedene Erzählformen und markante Bilder der Filmgeschichte wiedererkennen könnte.

Im Dialog wird zum Beispiel der Vergleich Goebbels mit Studiogründer Louis B. Mayer verworfen, weil der Propagandaminister eher Filmmogul David O. Selznick gleiche. Oder ein kurzer, unscheinbarer Satz über Lilian Harvey, der die Situation zwischen dem vor den Nazis geflohenen Filmstar und der damaligen deutschen Führung kommentiert. Tarantino erwartet offensichtlich, dass man sich mit seinem Film tiefgründiger auseinandersetzt, dass man ihn in seiner Gesamtheit begreift. Dadurch möchte er aber die reine Form der Unterhaltung zur bedeutungsschwangeren Kunst erheben.

Der Autor und Regisseur will es als intellektuelle Form verstanden wissen, dass jedes der fünf Kapitel leicht differenziert inszeniert wurde. Er möchte auch bewusst die Straßenkulissen dem expressionistischen Kino der Zwanziger zugeordnet wissen. Und er versucht Fritz Lang stolz zu machen, wenn er das Gesicht seiner Protagonisten übermenschlich auf eine Rauchwolke projiziert. Es ist ein riesiges, verwobenes Netz von Kunst und Kultur, von Verehrung und Demut, aber auch von Arroganz und Überheblichkeit des sich übermächtig fühlenden Quentin Tarantino. Wie ist es anders zu erklären, dass Rod Taylor als großer Star und Idol vergangener Tage mit Mike Myers als Vertreter der verflachten Massenware in einer gemeinsamen Szene nicht nur räumlich weit getrennt sind, sondern auch nicht im Geringsten miteinander agieren.


Kapitel Fünf – DIE RACHE DES RIESENGESICHTS

Dass der Film nicht wirklich funktioniert, bedeutet noch lange nicht, dass er keinen Unterhaltungswert besitzt. Wo er an einigen Stellen zum Ärgernis verkommt, tut er sich in anderen Szenen als strahlendes Juwel hervor. Ob beabsichtigte Satire oder Farce, erschließt sich nicht wirklich, weil die Inszenierung nicht richtig zusammenbringt, was homogen zusammenlaufen müsste. Die Stärken liegen ganz eindeutig in den teilweise bizarren aber auch fesselnden Dialogen, die in ihrer Dauer unglaublichen Raum einnehmen, dabei jedoch extrem spannend umgesetzt und gespielt sind. Dass der Regisseur dabei auf irgendwelche visuellen Querverweise verzichtet, zeigt sein Vertrauen nicht nur in sein eigenes Buch, sondern auch in seine exzellenten Darsteller, allen voran Christoph Waltz. Die Intensität von Spiel und Text kann schließlich auch nur immer wieder von absurd anmutenden Schießereien unterbrochen werden.

Der Rhythmus von extrem langen Dialogsequenzen und handlungsorientierten Szenen ist erstaunlich gelungen und greift sehr fließend ineinander. Unstimmig bleibt der Film dann allerdings in seinen Aussagen. Das der Zweite Weltkrieg durch eine Bande marodierender Skalpjäger frühzeitig beendet wird scheint reizvoll. Das mit dem Auslöschen der Führungsspitze alles Übel mit vertilgt wird, hebt das Ganze tatsächlich ins märchenhafte, was der Film in erster Linie auch vorgibt zu sein, doch dabei vermisst man dieses Körnchen letzter Konsequenz, welches so schwer zu greifen und definieren ist. Der Regisseur Tarantino hat dieses Körnchen jedenfalls nicht heraus kitzeln können, während der Autor Tarantino sich diesem Kern annähern konnte.
 
Man mag versucht sein, Tarantinos überschwänglichen Gebrauch geliehener Ideen als eigenen Stil anzuerkennen. Je weiter sich dieser Stil fortsetzt desto schneller läuft die ohnehin uninspirierte Anhängerschaft dieses Regisseurs ins Leere, weil schon jetzt dieses Markenzeichen totgelaufen hat. Die Halbseidenheit von INGLOURIOUS BASTARDS rührt vom Versagen, auf das eigene Können vollends zu vertrauen. Quentin Tarantino als Regisseur hängt irgendwo zwischen den Kinowelten, ohne sich ein eigenes, ohne sich ein wirkliches Profil erarbeitet zu haben. Und das, während sich die Darsteller mit Texten des Autoren Tarantino zu höchster und mit Begeisterung aufgenommener Schauspielkunst aufschwingen.




Darsteller: Christoph Waltz, Brad Pitt, Melanie Laurent, Eli Roth, Daniel Brühl, Diane Kruger, Til Schweiger, Gedeon Burkhard, Michael Fassbender u.v.a.
Regie & Drehbuch: Quentin Tarantino – Kamera: Robert Richardson – Bildschnitt: Sally Menke – Music-Supervisor: Mary Ramos – Produktionsdesign: David Wasco, -  circa 153 Minuten USA / 2009
 

 

Bildquelle: Universal Pictures

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