Oh, meine Götter, Teil 9: Die Argonauten auf der männerlosen Insel

Oh, meine Götter!Teil 9:
Die Argonauten auf der männerlosen Insel

Wer trug eigentlich „Eulen nach Athen“?

Wurde Sisyphus je mit seiner Arbeit fertig? Und kam der Götterbote auch immer ausgerechnet dann, wenn der Empfänger gerade leider nicht Zuhause war?

Kleine Ausflüge in das Reich der griechischen Mythologie.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsAls die Argonauten rund um ihren Anführer Iason der Meinung sind, dass Poseidon genug geopfert wurde und alle auf der Argo, wie das prächtige Schiff nach seinem Erbauer getauft wird, ihren Platz eingenommen haben, werden die Anker gelichtet. Die Argo verlässt den Hafen von Iolkos und kann sich zunächst über recht günstige Winde freuen. Die Stimmung an Bord ist ausgelassen, doch schon am zweiten Tag wird das Schiff von einem heftigen Sturm erfasst. Die Argo wird in den Hafen von Lemnos, einer griechischen Insel, getrieben, wo Iason eigentlich gar nicht halten wollte.

Als das Schiff in den Hafen einfährt, sehen unsere Helden sich einer großen Gruppe Frauen gegenüber, allesamt bewaffnet wie Amazonen. Kein einziger Mann ist unter ihnen zu entdecken. Das ist kein Zufall, denn vor ungefähr einem Jahr haben die Frauen von Lemnos kurzerhand das ganze männliche Volk der Insel ausgerottet, weil ihre Männer ein bisschen zu viel Spaß mit den Frauen der benachbarten Insel hatten. Nur der König Thaos wurde von seiner Tochter verschont, aber auch den hat sie in einer Kiste ins Meer geworfen, sodass nun kein einziger Mann mehr auf Lemnos lebt. Gut, zumindest konsequent, mag man denken, aber nun leben die Frauen in ständiger Furcht vor einem Angriff.

Hypsipyle, die Königstochter, hat seit dem Männermorden die Herrschaft über die Insel übernommen. Als die Argonauten einen Abgesandten an Land schicken, empfängt Hypsipyle ihn und hört ihn an. Er bittet um eine kurze friedliche Rast, denn sobald der Sturm vorbei ist, will man so schnell wie möglich weiterziehen.

Die Frauen um Hypsipyle beratschlagen sich und sind sich schnell einig, dass es eine ziemlich glückliche Fügung war, die die Argo zu ihnen geführt. Inzwischen findet man das Leben ohne Männer doch ziemlich unsicher und beschwerlich, und außerdem pflanzt es sich so ganz ohne Männer auch sehr schlecht fort. Deshalb erhofft man sich von den edlen, fremden Schiffern kurz gesagt ein bisschen „manpower“. Und so lädt die Königin die Argonauten in ihre Stadt ein. Das mit den ermordeten Männern behalten die Frauen aber erstmal für sich, schließlich will man die Nachfolger nicht direkt wieder vergraulen.

Und so ziehen Iason und seine Männer in die Stadt ein und ahnen erstmal nichts von Lemnos´ Männerlosigkeit. Iason nimmt an, Hypsipyle sei ihrem Vater nach dessen Tod einfach als Erbin auf den Thron gefolgt. Den Argonauten wird ein feierlicher Empfang bereitet, und Iason wird in den Palast der Königin und dort in ihre privaten Gemächer gebracht. Hypsipyle erzählt ihm, alle Männer der Insel seien mit ihren Geliebten von den anderen Inseln weggezogen und hätten sie und die anderen Frauen der Insel einfach hilflos zurückgelassen. Sie lädt ihn ein, zu bleiben und bietet ihm sogar ihren Thron an, wenn er sich mit seinen Männern auf der Insel niederlässt.

Aber Iason hat ja einen Auftrag zu erfüllen, und so lehnt er dankend ab. Aber die Gastfreundschaft der Königin nimmt er gerne an. Er selbst bleibt in der Königsburg, und seine Männer verteilen sich in den Häusern der Stadt. Einzig Herakles hat nicht viel mit Frauen am Hut und bleibt lieber auf der Argo. In der ganzen Stadt wird zu ehren der Argonauten ein großes Fest veranstaltet, das tagelang dauert. So gut bewirten die Frauen von Lemnos die Helden, dass die Abfahrt von Tag zu Tag verschoben wird, auch als der Sturm schon lange vorbei ist. Aber irgendwann hat Herakles die Nase voll von der Warterei auf dem Schiff, kommt wütend in die Stadt und macht seinem Ärger ordentlich Luft. Er ist schließlich nicht losgefahren, um hier endlos lange auf Lemnos zu bleiben, sondern um das goldene Vlies zu holen!

Wachgerüttelt von Herakles´ Standpauke packen die Argonauten ihre Sachen zusammen und gehen zurück an Bord, um endlich weiterzufahren. Auch von allem Bitten und Flehen der Insulanerinnen lassen sie sich nun nicht mehr aufhalten, und Hypsipyle muss erkennen, dass Iason und seine Männer sie tatsächlich verlassen werden. Sie wünscht ihm alles Glück der Welt für seinen Auftrag und bietet ihm an, nach Lemnos zurückzukehren und hier König zu werden, wenn er mit seinem Vlies fertig ist. Aber eigentlich weiß sie, dass er das wohl nie tun wird.

So sticht die Argo nach einem etwas längeren Aufenthalt als ursprünglich geplant wieder in See und nimmt Kurs auf Kolchis. Wie wohl Iason sich bei Hypsipyle gefühlt hat, zeigt sich erst, als die Argonauten schon lange weg sind: die Königin ist schwanger. Wie es der Zufall will, bekommt die Königin ein männliches Zwillingspaar, und so lässt Iason doch zumindest zwei Männer auf der männerlosen Insel zurück.

Mehr dazu in:  »Sagen des klassischen Altertums« (1838-1840) von Gustav Schwab

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